Lockjagd mit Taubenkarussell

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„Ich bin ein Taubenjunkie“ – ein Verrückter, so beschreibt Gerhard Hans sich selbst. Mit Attrappen, Karussell und Geduld zieht der Spezialist ins Feld und macht gewaltig Strecke. WILD UND HUND packte Tarnklamotten, Kamera und Flinte ein, fuhr hin zum Experten und sah ihm über die Schulter.

 

Volltreffer: Das Taubenkarussell zieht die Geringelten magisch an

von Julia Meyer-Loos

Der rote Blitz riss mich zurück in die Wirklichkeit. Ich zählte gerade in Gedanken die Tauben zusammen, die ich heute geschossen hatte, da erwischte mich die Radaranlage auf der gut ausgebauten Landstraße. Ein Blick auf den Tacho genügte, mir wurde ganz mulmig – viel zu schnell! Dabei hatte der Tag ganz gut angefangen.

Vormittags um elf sitze ich mit Gerhard Hans im engen Tarnzelt im hessischen Kohlgrund am Feldrand. 20 Meter vor uns auf der bearbeiteten Stoppel: das Taubenkarussell.

„Ein echter Kracher“, wie der große Blonde verspricht. Na, mal sehen, denke ich. „Die Maschine kommt aus England“, redet er weiter. „Die Profi-Taubenjäger waren so begeistert von dem Pigeon-Magnet, dass ich mir das Teil sofort von der Insel hab‘ schicken lassen.“ Er rückelt an seiner Flinte. „Alles was mit Taubenjagd zu tun hat, muss ich haben.“ Völlig klar: ein Verrückter.

Wir hocken nebeneinander geduckt in der Deckung, er auf einem harten, großen Plastikeimer, ich auf seinem Ansitzrucksack. Der 34-Jährige zündet sich eine Zigarette an. Aber außer Krähen und Bussarden ist nicht viel los in der Luft.

„Heute ist kein klassischer Taubentag“, er guckt zum milchigen Himmel, „zu wenig Wind, zu schwül“, er zieht am Filter, „wenn wir heute 20 Tauben nach Hause bringen, sind wir gut.“

Wie ein Rasensprenger

Die Maschine, von einem Elektro-Motor angetrieben, dreht sich wie ein Rasensprenger. Auf den Enden, die wie riesige Fühler eines Insekts aussehen, sind echte Tauben aufgesteckt – aus der Tiefkühltruhe, aufgetaut.

Hans stapelt tief: „Ist ja auch kein klassisches Taubenrevier hier. Und zu wenig Jäger, die die Tauben auf Trab halten.“ Ich lege griffbereit die Nikon auf die Knie und starre in den leeren Himmel. „Aber am Niederrhein, da ist im August der Teufel los, da schieß‘ ich #80 Tauben am Tag.“ Ich wäre froh, wenn heute wenigstens eine käme.

Der Zigarettenqualm hüllt uns in eine Wolke – von wegen Krachermaschine, denke ich. Plötzlich greift Hans zu seiner Flinte, ich reiße die Augen auf, tatsächlich eine Taube, die sich wie vom Magneten angezogen Richtung Taubenkarussell hinunterschwingt.

Hans backt ruhig an, ich zieh‘ die Kamera hoch, mitschwingen, Schuss, klick – die Taube fällt auf den Boden wie ein Stein. „Haben Sie’s, haben Sie’s?“, fragt er aufgeregt. „Weiß nich“, sage ich, „da müssen schon noch ein paar mehr kommen.“

Es kamen keine mehr. „Schon möglich, dass sie sich woanders die Kröpfe füllen.“ Ich nicke, will aber nicht drängeln. Schließlich steht der Taubenexperte auf: „Wir suchen uns ein anderes Feld. Wo keine Tauben sind, kann auch die Maschine keine herzaubern.“

Karussell eingepackt, Locktauben eingesammelt, Geringelte eingesackt, zehn Minuten später sitzen wir in seinem Geländewagen und kurven durch die hügelige Landschaft. „Beobachten ist alles.“ Ich beiße in meinen Apfel und sehe auf die Uhr. In zwei Stunden nur eine Taube und drei Bilder geschossen. Zu wenig, denke ich.

Er stoppt das Auto. „Da hinten auf dem Stoppelfeld hocken sie, ein ganzer Schwarm.“ Ich gucke durchs Glas. Gerhard Hans ist euphorisch: „Da ist Bewegung drin, die einen streichen ab, die anderen kommen. Genau das richtige Plätzchen.“

Hoffentlich – und schon rattern wir über das Feld, die Geringelten streichen ab und verschwinden hinter dem Hügel. Wir bauen die Maschine und Locktauben auf, also die „Dekoration“, wie Hans dazu sagt. Tarnnetz am Knick aufgespannt – zehn Minuten später sind wir fertig, inklusive rotierendem Karussell. „Ich fahr‘ schnell das Auto weg“, ruft mir der Taubenbesessene zu und braust davon.

Plötzlich über mir: Tauben

Ich mach’s mir zwischen den Tarnwänden gemütlich, krame nach Filmen, kontrolliere die Kamera – und plötzlich über mir: Tauben, überall Tauben! Fünf, sechs und mehr. Zauberei! Wo bleibt Hans? Der biegt gerade um die Hecke, hechtet auf seinen Eimer und greift nach seiner Flinte. Die Tauben schwirren immer noch durch die Luft.

„Schießen,“ sag‘ ich mit der Kamera vor dem Gesicht, „möglichst über der Maschine.“

Es knallt zweimal, eine fällt herunter. „Und möglichst mit den Läufen der Flinte in den Fotoausschnitt halten.“ Er verdreht etwas genervt die Augen, visiert eine an die Maschine eintrudelnde Taube an und lässt fliegen. Perfekt, denke ich: Flinte, Taube, Maschine – vorbei gehen die Schrote, die Geringelte streicht ab, ohne eine Feder zu lassen!

„Das gibt’s doch nicht“, fluche ich. Aber da kommt schon die Nächste angesegelt. Hans stopft Patronen nach, ich einen neuen Film. Noch einmal das gleiche Spiel. Ausschnitt suchen, scharf stellen, Schuss, Treffer! Ich klopfe ihm auf die Schulter: „Waidmannsheil, jetzt hat’s gepasst, das war genau das Bild!“

Er strahlt mich an. „Wenn’s so den ganzen Tag läuft, dann ist es super.“
Er greift wieder nach seinen Zigaretten, ich gucke aufs Feld, auf die Dekoration, die jetzt ein bisschen in Unordnung geraten ist. „Macht nichts“, sagt der 34-Jährige, „die Tauben sind so auf die Maschine fixiert, dass selbst die Geschossenen, die jetzt auf dem Rücken liegen, nicht weiter stören.“

Das Karussell dreht geräuschlos seine Runden. Überhaupt, die Maschine. „Wieso fahren die Tauben so darauf ab?“, will ich wissen. Genüsslich zieht der Taubenmann an der Marlboro. „Wahrscheinlich lösen die aufgesteckten Tauben einen Schlüsselreiz bei den anderen aus. Die sehen aus der Luft die weißen Bänder auf den Schwingen, werden neugierig und kommen angesegelt.“

Er ist sichtlich entspannt. „Früher hab‘ ich nur mit statischen Boden-Attrappen gejagt“, er lehnt sich ein wenig zurück, „aber ich hab‘ das Gefühl, dass die Tauben die Maschine und die Bewegung aus der Entfernung einfach besser sehen.“

Gesellige Tiere

Und weil sie „gesellige Vögel“ sind, zieht sie das Karussell magisch an. Das glaube ich mittlerweile auch, denn wieder schwirren Tauben durch die Luft. Der Spezialist schießt in aller Ruhe eine Dublette, und ich beschließe, dass ich jetzt genug fotografiert habe. Ab mit der Kamera in den Rucksack.

Ich mache meine Flinte fertig, will 2,7- Millimeter-Schrot laden. „Hier, Sie können ein paar von meinen haben; 2,4 Millimeter, die hauen hin.“ Ich gucke mir die blauen Patronen genauer an. „Meine Mitjäger wollen auch immer wissen, ob ich spezielle Munition verschieße“, feixt er, „aber ich nehm‘ immer die Billigsten.“

Und die Flinte? „Hab‘ ich eigentlich für meine Frau gekauft; und fragen Sie mich nicht nach Bohrung, Choke oder so – keine Ahnung. Hauptsache, das Ding schießt!“ Gerhard Hans wird mir immer sympathischer. „Und bei 800 Tauben pro Jahr lohnt es sich schon, auf den Pfennig zu schauen, denn nicht jeder Schuss ist ein Treffer.“ Und das von einem Mann!

Also gut, blaue Patronen ab in die Läufe, und schon kommt Bewegung in den Himmel. „Taube von rechts“, zischt er. Leichte Beute, denke ich. Anbacken, mitziehen, überholen, Schuss. Vorbei. Zweiter Schuss, vorbei. Ich habe keine Zeit für Entschuldigungen, lade schnell nach, denn die Nächste kommt von der Seite im Tiefflug angerauscht. Mitschwingen, Feuer, die Taube klatscht auf den Boden. „Waidmannsheil!“

Es geht auch ohne Tarnfarbe im Gesicht

Der Taubenspezi klettert aus dem grünen Loch, kümmert sich um die geschossenen Tauben, richtet Schwingen und Köpfe aus, sammelt einige Plastikattrappen wieder ein und kommt zurück. Kaum neben mir, geht’s wieder los. Geringelte von allen Seiten!

Wir schießen aus allen Rohren. „Und die sehen uns wirklich nicht?“, frage ich in einer „Tauben-Pause“ den blonden Hans, der die klassische Jagdmontur, also Bundeswehr-Hose, kariertes Hemd, grüne Weste und Schlapphut, trägt. Der zuckt nur mit den Achseln. „Wichtig ist, dass Rückwand und Seitenwände vom Tarnnetz hoch abschließen.“ Die Vorderwand haben wir fürs bessere Fotografieren auf halber Höhe hängen. „Die Tauben sehen nur ein dunkles Loch.“ Aha.

Wieder schwirren einige durch die Luft, Schrote fliegen, Schwingen klatschen, ein Waidmannsheil folgt dem nächsten.

Die „Dekoration“

Und die Dekoration? Steckt ein Geheimnis dahinter? „Überhaupt nicht – um das Karussell herum drapiere ich U-förmig meine Attrappen. Die offene Stelle sollte möglichst in den Wind zeigen.“ Das ist alles? „Taubenjagd ist einfach, wenn man’s richtig macht“, sagt er. „Und man muss sich dafür nicht in Tarnklamotten zwängen und Farbe ins Gesicht schmieren.“

Keine Frage – wir haben’s richtig gemacht, auch wenn es nur „ein halbherziger Taubenjagdtag“ war, wie Hans sagt. 20 Geringelte sammeln wir am Ende vom Stoppelfeld – „das schießen viele Jäger noch nicht einmal an drei Tagen“. Wir stapfen mit Maschine, Tauben, Tarnzelt, Kamera und Flinten über die Stoppeln zum Auto. „Ohne Taubenkarussell“, da ist der Hesse sich sicher, „hätten wir wohl nicht einmal die Hälfte bekommen!“

Er war doch ein bisschen nervös

Und das alles, obwohl ich mit Kamera neben ihm saß und ihm dauernd meine Fotoanweisungen zugeraunt habe. „Vielleicht hätte ich noch ein paar mehr vom Himmel gepflückt“, sagt der Taubenmann schmunzelnd, und ich weiß genau, was jetzt kommt, „aber immer Ihr: ,Mehr nach rechts, mehr nach links‘ – das hat mich doch ein bisschen nervös gemacht.“ Wir lachen beide, laden unsere sieben Sachen in den Pickup und ab geht’s nach Kohlgrund.

Es ist inzwischen sechs Uhr abends, und ich fahre zurück Richtung Rheinland-Pfalz. Es fängt an zu regnen, die Scheibenwischer laufen auf Hochtouren. Mann, hatten wir ein Glück mit dem Wetter! Und überhaupt – ein klasse Jagd- und Fototag. Mir gehen die Tauben nicht mehr aus dem Kopf, bis, ja, bis es blitzt auf der ausgebauten Landstraße.

Ich drossel‘ mein Tempo und rechne mir nicht mehr die erlegten Tauben zusammen, sondern die Punkte, die ich wohl in Flensburg kassiere.

 

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