Blattjagd-Dusel

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Die Redaktion fiebert jedes Jahr dem 25. Juli entgegen. Dann gehen die mehrjährigen Böcke auf. Doch die Herren, die sich im Mai noch freizügig zeigten, sind dann meist unsichtbar. Heiko Hornung

Die Bockjagd stand im 120. Jubiläumsjahr der WILD UND HUND unter einem eigenen Stern. Einige der begehrten älteren Gehörnten verlosten wir unter unseren Lesern, und die sollten natürlich als erste zu Schuss gebracht werden. Zwei brave Böcke kamen zur Strecke und damit begann auch für mich die Suche nach einem passenden Mehrjährigen. Diese wurde durch bis tief in die Nacht brummende Erntemaschinen, Traktoren und Feriengäste nicht leichter.

Karte

Zudem schien der Wind aus Süden seine wahre Freude daran zu haben, hin und her zu schlagen, um einem die Sitzerei zu vergrätzen. Auf das Blatten sprang bis zum 4. August nur die Jugend, die mit großen Lichtern auf den Schirm starrte und nichts daraus zu befürchten hatte. Zwei Tage später saß ich an einem Weizenschlag am Waldrand an. Auf meine Sehnsuchtstöne hin trat eine Geiß mit einem starken Kitz aus. Sie sicherten zunächst aufmerksam, nahmen dann aber von meiner Musik keine sonderliche Notiz mehr. Bald ästen sie neben meinem Sitz. Als es dunkel wurde, packte ich meine Siebensachen und wollte die beiden Stücke schon anreden, damit sie mich klar als Menschen identifizieren und sich trollen sollten. Ein Griff zum Glas und noch ein letzter Rundumblick. Im Schatten des Waldrandes meinte ich eine Bewegung ausgemacht zu haben. Dort drin drückte sich Wild herum, und kaum war das Büchsenlicht am schwinden, trat es aus. Der kräftigen Statur nach musste es ein Bock sein. Aber was für einer? Das Doppelglas zeigt starke Stangen, und der Puls begann sich zu erhöhen, zumal der Teufel mir direkt zustand, als hätte er sich die Stelle, an der vor rund 20 Minuten die letzte Arie ertönte, genau gemerkt. Verflucht, da war sie, die Versuchung: „Der ist bestimmt alt, warum sonst so vorsichtig?“ Herrgott, jetzt war er nur noch 30 Meter im Weizen entfernt. Deutlich hob sich das Gehörn vor dem hellen Hintergrund ab. Ich nahm die Büchse. Für einen Schuss reichte das Licht noch, aber nicht zum Ansprechen. Jetzt hatte der Galan die beiden Stücke ausgemacht, die ganz nah bei mir ästen, packte die Geiß auf und ab ging die Jagd. Hätte ich schießen sollen? Etwas aufgewühlt schlich ich mich nach Hause.

Bock

Der nächste freie Tag gehörte der Familie und einem Ausflug, aber gedanklich war ich ganz im Revier. Am Nachmittag ging ein heftiges Gewitter nieder, und als ich am Abend die Haustüre aufschloss, glühte noch einmal die Sonne auf. Ich nahm meinen Schwager Matthias, der mit seiner Familie zu Besuch weilte, in Haft und begründete so noch eine Revierfahrt, die ich dem interessierten Verwandten zuteil werden lassen müsste.

Meine Frau hob nur die Augenbrauen und im Nu waren Schwager, Fernglas, Prischstock, Büchse und Hund im Auto. Ich hatte einen Plan: Wenn es im Wald tropft und draußen hell wird, dann will auch mal der ältere Herr schnell hinaus. Auf der von mir geliebten Geiersberg-Wiese, die herrlich still von drei Seiten Wald umfasst wird, hatten sich im Frühjahr gleich zwei interessante Böcke sehen lassen. Der eine ließ sich mit dem Fotoapparat festhalten, der andere, stärkere, sorgte über ein Wildkamerabild für Aufsehen. Der Wind am Geiersberg passte. Normalerweise erreicht man die Ansitze an der Wiese gedeckt durch den Wald. Doch ich befürchtete, dass in Waldrand nähe schon Wild wegen des eben abgeflauten Regens bummeln könnte, setzte alles auf eine Karte und ging die Kanzel direkt über die Wiese an. Ohne das vernehmlich etwas abgesprungen war, erreichten meine Begleiter und ich den Ansitz. Den Hund an der Leiter auf den Wetterfleck abgelegt, schoben wir uns schwitzend oben ein. Keine fünf Minuten später fielen an der Reviergrenze zwei Schüsse. „Da sind heute noch andere draußen“, flüsterte ich grinsend dem Schwager zu und betrachtete weiter das Farbenspiel der goldenen Abendsonne mit den grauen Regenwolkenfetzen auf dem blauen Abendhimmel

Ein aufgeregter Stoß in die Seite lenkte den Blick zu meinem Jagdgefährten: „Dort, ein Reh.“ Richtig, ich hatte das Stück, das zügig mit tiefem Windfang in die halbhohe Wiese ausgetreten war, gar nicht bemerkt. Das Glas begann wenige Momente später heftig zu wackeln, als das Stück aufwarf. Was für ein Bock! Er war stark im Wildbret, trug ein knuffiges Sechser-Gehörn, mit großen, schräg am Haupt stehenden Rosen und grauem Gesicht. Ich hangelte nach der Büchse in der Kanzelecke.

Aufnahme Wildkamera
Fotos: Peter Schmitt

In diesem Moment stieß der Gehörnte auf die Spur, die wir vor einer Viertelstunde hinterlassen hatten und prallte zurück. Doch noch bevor er sich wieder in den Einstand absetzen konnte, riss ihn die Kugel von den Läufen. Ungläubig blickte ich mit heftig gehendem Atem hinüber und umarmte freudig den Begleiter. „Geht das immer so schnell?“, fragte der noch ganz benommen. „Nur wenn Hubertus gnädig ist“, lachte ich.

Aus dem Testrevier – Blattjagd mit der Redaktion

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