Der Biberjäger

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Jagd im Naturschutz:
Der Biber hat in Bayern einen beispiellosen Siegeszug angetreten. Über 6 000 Exemplare tummeln sich in den Fließgewässern des Freistaates, nicht immer zur Freude der Bauern, weil Bokerts Sippe inzwischen mächtige Schäden an Kulturen, Flächen und Gewässern verursacht.

 

Biberjäger Gerhard Schwab mit einem seiner „Lieblinge“. Er plädiert für ein Bibermanagement vom Biotop bis zur Pfanne

Bauer O. ist sauer. In der Nacht ist sein Fischteich, direkt hinter dem Haus ausgelaufen. In einer kleinen braunen Pfütze tummeln sich die Reste seines Fischbesatzes. Ein Biber hat ein Loch in den Damm zum nahen Mühlbach gegraben, der etwas tiefer liegt. Auch der Mühlbach, mit dem O. eine kleine Turbine zur Stromerzeugung antreibt, hat gelegentlich ein Leck, oder Äste geraten in die Turbine, dann muss er abschalten. Außerdem hat der Biber im Obstgarten der O’s 20 Apfelbäume gefällt. Teilweise wird der Landwirt entschädigt. Aber die Arbeit war umsonst. Ein Fall wie viele hundert andere in Bayern.
Wenn der Biber zum Problembiber wird, schlägt die Stunde von Gerhard Schwab, einem von zwei bayerischen Bibermanagern. Sie sind derzeit die einzigen, die im Freistaat Biber fangen und auch erlegen dürfen.

Lebensraumgestaltung ganz nach den Bedürfnissen des Bibers

Der 42-jährige Schwab studierte Wildbiologe in Regensburg und Amerika. In seiner Diplomarbeit beschäftigte er sich mit Rehen. In der Forschung mit Auerhühnern und ihren Lebensraumansprüchen. Seit 1979 hat er einen Jagdschein. „Ich bin über das Fischen und Jagen zum Naturschutz gekommen“, bekennt der Biologe. Aus seiner Passion macht der vollbärtige Naturschützer mit dem grau melierten, längeren Haaren keinen Hehl, wenn auch nichts in seiner gemütlichen Behausung auf einen Jäger schließen lässt. Lediglich ein Fischreiher-Präparat steht auf der Fensterbank neben dem schweren Esstisch mit der Holzeckbank in der urigen, holzvertäfelten Wohnküche. Schwabs Name bezeichnet auch seine Herkunf. Er wurde in Dillingen in Schwaben geboren. Der gemütvoll weiche Dialekt schwingt heute noch in der Sprache des Wildbiologen mit und unterstreicht die ganze Person. Heute wohnt er im niederbayerischen Hundldorf an der Donau, das genauso beschaulich ist, wie es klingt, und betreut von dort aus die Biberprobleme Südbayerns, während sein Kollege Markus Schmidbauer im Norden wirkt. 25 Prozent des Biberberater-Gehaltes zahlt der Bund Naturschutz (BN), 75 Prozent stammen aus dem Naturschutzfond, der sich aus den Erlösen der Glücksspirale speist und über den das Umweltministerium verfügt.

Anfang der 90er Jahre nahm Schwab seine Tätigkeit als Wildbiologe für die Biber auf, als immer deutlicher wurde, dass zwar der Biber mit der vom Menschen veränderten Landschaft hervorragend zurecht kam, der Mensch aber nicht mit den Aktivitäten des Bibers in der jetzt von beiden genutzten Landschaft. Denn Meister Bokert gestaltet sich seinen Lebensraum nach seinen Bedürfnissen. „Dabei ging man irrtümlich davon aus, dass der Biber Auwälder benötige. Was für ein Trugschluss“, sagt Wildbiologe Schwab. Gerade in den engen Kanälen, Rinnsalen und Bächen habe der Biber gelernt, Dämme zu bauen, Rückhaltebecken zu bilden, Fließgeschwindigkeiten zu verringern und Wasserpegel zu heben. Nur so kann er optimal, nämlich schwimmend, seine Nahrungsquellen erreichen, und sein Baumaterial für Burg und Damm leichter herbeischaffen, weiß Schwab. In den Bauaktivitäten Bokerts sehen Naturschützer damit einen wichtigen Beitrag zum natürlichen Hochwasserschutz.

Sympathie für den braunen Nager

Den Biber interessieren menschliche Dämme überhaupt nicht. Wenn es ihm nützt, flutet er gerne auch mal Maiskulturen an Bachläufen und fällt das Nutzholz ohne Ansehen seines Wertes bis zu 20 Meter links und rechts seiner Wasseradern. Weil sich die Klagen Mitte der 90er Jahre häuften, sah sich der Naturschutz gezwungen, beratend und ausgleichend für den Biber einzustehen. Schließlich war es auch der BN, der ab den 60er Jahren mit Auswilderungsaktionen dem Biber in Bayern wieder eine Heimat verschaffte und sich im selben Atemzug dafür einsetzte, dass der Biber dem Jagdrecht entnommen und unter das Naturschutzrecht gestellt wurde. Ein Engagement, das einige Funktionäre im Landesjagdverband dem BN noch heute übel nehmen und jetzt schadenfroh kolportieren, dass der BN die Suppe, die er sich da eingebrockt habe, gefälligst auch selbst wieder auslöffeln müsse. Denn keiner fühlte sich für den Biber zunächst so richtig zuständig, sobald es um Ausgleichszahlungen ging. Der amtliche Naturschutz verwies auf fehlende Mittel; die örtlichen Jäger darauf, dass der Biber nicht im Jagdrecht stehe und damit auch nicht wildschadenspflichtig sein könne. Also musste der BN Geld für „seinen“ Biber beschaffen. Anfänglich gab es für Schäden noch einen Biberfond, in den Umweltministerium und BN gemeinsam zahlten. Doch das Biberprogramm läuft nicht mehr. Jetzt stellt der BN 30 000 Euro zur Verfügung, damit Bauern wenigstens eine geringe Entschädigung erhalten können.

Viel zu wenig, schimpft der Bayerische Bauernverband (BBV). Es würden bei weitem nicht alle Biberschäden geregelt, schreibt die Umweltreferentin des BBV, Daniela Schmidkonz. Viele Landwirte blieben auf ihren Schäden sitzen und müssten mit hohem Arbeitsaufwand Biberschäden aus eigener Tasche ausgleichen, berichtet die Bauernverbandszentrale von frustrierten Landwirten.

Die Verhandlungen am Schadensort führt der Biberberater. Teilweise ein hartes Brot, wie Gerhard Schwab zu berichten weiß, wenn es darum geht, den aufgebrachten Bauern zu beruhigen. Bagatellschäden unter 100 Euro werden nicht bezahlt. „Manchmal versuchen einige Landwirte auch, dem Biber etwas unterzuschieben, was er gar nicht gewesen ist“, erzählt der Wildlife-Manager Schwab und schmunzelt über die gelegentliche Bauernschläue.

Das Umweltministerium sieht die BN-Initiative zur Biberentschädigung mit gemischten Gefühlen. Die Behörde befürchtet, dass Landnutzer bei allen unter Naturschutz stehenden Tieren mit Schadenersatz-Forderungen an das Ministerium herantreten könnten, schließlich gibt es neben dem Biber in Bayern noch ein weiteres Problemkind, den Kormoran. Letztendlich ist es immer der Staat, der mit Steuergeldern Naturschutz finanzieren soll. Geschickt bietet der Naturschützer Schwab den Bauern, beispielsweise bei einem Vortrag in Ganacker bei Landau an der Isar an, sie bei Forderungen an die Politik nach mehr Entschädigung zu unterstützen. Dabei vergisst mancher Landwirt glatt, dass es Naturschützer waren, die ihm den Biber wieder gebracht haben.

Schwab versteht es, seine Sympathie für den braunen Nager zu vermitteln und hat ein Gespür dafür, wann der Bogen überspannt ist, und nur noch das Wegfangen des eifrigen „Wasser-Zimmermanns“ die Gemüter beruhigen kann. Zunächst versuchen die Biberberater, über vorbeugende Maßnahmen oder über Sicherungen weitere Schäden zu verhindern. Beispielsweise erhalten wertvolle Nutzhölzer Drahthosen oder Dämme werden vergittert. Auch das Einreißen eines Dammes wird gelegentlich empfohlen (Genehmigungen dazu muss das Landratsamt erteilen!), oder es werden Dränagen eingebaut. Oft lässt sich Bokert davon allerdings nicht beeindrucken. „Wenn absehbar ist, dass die Schäden in die Tausende gehen, bleibt uns nichts anderes übrig, als den Biber zu fangen“, erklärt der Biberberater.

Anfänglich hatten die Bibermanager noch eifrig Abnehmer für ganze Biberfamilien im Ausland. Ganze bayerische Biberkolonien wurden in Ungarn, Kroatien und Rumänien begründet. Das Umweltministerium frohlockte: „Der Biber ist Bayerns Exportschlager“. 450 Biber wurden innerhalb der letzten sieben Jahre in Gruppen zwischen 30 und 40 Stück außer Landes geschafft. Doch die Anfragen nehmen langsam ab. „Wir planen in nächster Zeit noch Exporte nach Spanien, Serbien und Ungarn, dann ist Schluss“, sagt Schwab, der die „Häftlinge“ in einer Auffangstation in Kleinhohenried bei Ingolstadt sammelt und reisefertig für ihre neue Heimat macht. 26 Biber hat Schwab im vergangenen Jahr erlegt, was rein rechtlich bereits einen ungeheuren Aufwand darstellt.

Ein Totfang des Bibers ist zu gefährlich

Zunächst braucht es eine artenschutzrechtliche Erlaubnis für die Tötung eines nach wie vor streng geschützten Tieres. Die erteilt nach eingängiger Beratung die zuständige Regierung. Dann benötigt der Biberjäger eine waffenrechtliche Erlaubnis, weil er das Tier nicht im Rahmen der Jagdausübung tötet. Und zu guter Letzt noch eine Schießerlaubnis des Landkreises, ähnlich wie bei Gattertieren, die meist nur auf ein bestimmtes Grundstück beschränkt ist. Dies wiederrum bedeutet, dass er fast alle Biber zunächst mit der Falle zu sich nach Hause fahren muss, um sie dort im Garten zu erlegen. „Könnte man das ganze direkt am Fangort machen, würde das die Arbeit wesentlich erleichtern“, meint Schwab.

Einfacher wäre es überhaupt, ihn wieder dem Jagdrecht zu unterstellen, fordert der Bauernverband. Doch da winkt der Naturschutz ab. Noch vor einigen Jahren sammelten die BN-Kreisgruppen in Bayern kräftig Unterschriften gegen die Wiederaufnahme des Bibers ins Jagdrecht. Dabei bildeten der BN auf einer Brochüre einen Biber im Fadenkreuz ab. „Unseriös“, schimpften damals die Jäger.

„Mit der allgemeinen Jagd lösen wir kein einziges Biberproblem“, sagt der biberjagende Naturschützer Schwab. Wenn der Biber heute dem Jagdrecht unterstellt würde und eine begrenzte Jagdzeit bekäme, würde er dort gejagt, wo man seiner leicht habhaft würde und nicht da, wo er Schäden verursache, meint der Naturschützer. Nach wie vor hält Schwab die gezielte Entnahme für den richtigen Weg. Obwohl viele BN-Mitglieder mit der Erlegung Bokerts inzwischen kein Problem mehr haben, ist man in der Öffentlichkeit mit dem Thema Biberjagd vorsichtig. Jahrelang war der Biber die heilige Kuh des Naturschutzes. Ein zu starker Kurswechsel muss auch der Öffentlichkeit und der Tierschutzfraktion unter den Naturschützern schonend beigebracht werden.

Der 42-jährige ist viel zu pragmatisch, um nicht zu sehen, dass der Aufwand zum bayernweiten Biberfang auf Dauer nicht von zwei „Hanseln“ alleine geleistet werden kann. Rund 60 Biberfallen hat Schwab alleine im Einsatz. 25 der speziellen Kas-tenfallen sollen noch dazu kommen.

Zwei Mal am Tag werden die großen Kas-tenfallen kontrolliert. Geködert werden die Biber mit Äpfeln, Maiskolben, Zuckerrübenstückchen oder auch ein bisschen Bibergeil, dem salicylhaltigen Drüsensekret, mit dem Biber ihre Reviere markieren. „Mit Früchten haben wir bessere Erfahrungen gemacht“, meint der Biberfänger Schwab und gesteht, dass man in Sachen Biberjagd viel wieder lernen musste. Wissen um die Biberjagd ist rar und stammt meistens aus dem 18. Jahrhundert, dessen effektive Biberfang-Methoden heute nicht mehr anwendbar sind. „Der Totfang ist zu gefährlich“, sagt der Jäger Schwab. Eine in Kanada verwendete Conibear-Falle würde zwar einen rund 30 Kilogramm schweren Biber sicher fangen, allerdings würde sie auch einen Hund in der selben Gewichtsklasse sofort töten und einem Kind glatt den Arm brechen. Deshalb scheidet für Schwab der Einsatz von Eisen aus. Sicherste Fangstellen sind die Ein- und Ausstiege, sowie die Pässe über Dämme, die deutlich zu sehen sind. Ein Zwangspass lässt sich prima mit Kaninchendraht anlegen, rät der Fallensteller, der sich zur Vorbereitung auf die Biberjagd auch schon mal ein norwegisches Biberjagdbuch übersetzen ließ.

70 bis 80 Biber sollen in der nächsten Saison gefangen werden

Die eingesetzten Biberkastenfallen sind deswegen auch Spezialanfertigungen und 60 x 60 x 80 Zentimeter groß. Natürlich könnte der Biber auch mit der Schusswaffe erlegt werden, doch das ist zeitlich sehr aufwändig. Zum einen ist der Biber nachtaktiv, er wittert und vernimmt sehr gut, was stundelanges, bewegungsloses Verharren am Wasser bedeutet. Zudem sei er sehr schusshart, meint der Jäger Schwab. Erlegen lässt er sich gefahrlos nur an Land. Ein Schuss aufs Wasser ist schwierig. Meistens schaut, wie bei einem U-Boot, nur der Kopf aus dem Wasser. Eine Kugel prallt auf der Wasseroberfläche leicht ab, und bei einem Schrotschuss kommt nicht genügend an, um das rund 30 Kilogramm schwere Tier sicher zu erlegen. Eine Nachsuche auf einen kranken Biber ist so gut wie sinnlos, sagt Schwab. Er selbst verwendet einen Repetierer mit dem Kaliber 7,62×39. Von allen Jagdarten hat sich die Fangjagd als die effektivste Methode herauskristallisiert. Die Fangsaison beginnt im Oktober und endet im Februar. Danach haben die Biber Schonzeit, weil sie meistens auch schon Junge in der Biberburg haben. Außerdem lassen sich Männchen und Weibchen, auch in der Falle, nicht unterscheiden. Es sei denn, die Biberin zeigt einige Striche.

Die Falle muss so aufgestellt werden, dass sie nicht wackelt oder beim Betreten metallische Geräusche von sich gibt. „Das mag der Biber nicht“, meint der Biberjäger aus Hundldorf. Außerdem müssen die Fallen, wenn sie fängisch stehen, morgens und abends kontrolliert werden. Eine sehr zeitaufwändige Sache, wenn man die Anfahrtszeiten noch mitberechnen muss.

Bei der Fallenkontrolle wird er schon heute von örtlichen Jägern oder einem der 200 Biberbeauftragten unterstützt. Das Netz von Biberbeauftragten wurde von den Unteren Naturschutzbehörden der Landkreise eingerichtet. Unter den örtlichen Biberberatern sind Landwirte, Jäger, Förster, Angler und Naturschützer, die in einem Seminar der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege geschult wurden.

70 bis 80 Biber sollen in der nächsten Saison gefangen werden. Bei der derzeitigen Entwicklung schätzt Schwab, dass sehr schnell die Hunderter-Grenze in Bayern erreicht sein wird. „Von zwei Mann ist das nicht mehr zu leisten“, meint Gerhard Schwab. „Am ehesten geeignet wären zur Unterstützung natürlich die Jäger, weil sie nicht nur Wissen um die Fangjagd haben, sondern auch im Umgang mit gefangenen Tieren und einer Schusswaffe ausgebildet sind“, sagt der Biberjäger.

Im Landesjagdverband ist man zurückhaltend mit den Forderungen nach einer Biberjagd. Zu sehr sitzt dem Verband die Angst im Genick, dass öffentlich die Jäger als „Bibermörder“ beschimpft werden könnten. Auch die Aufnahme des Bibers ins Jagdrecht wäre eine eventuell unbequeme Sache, könnten Jagdgenossen so doch auf die Idee kommen, sich Biberschäden von ihren Jagdpächtern per Vertrag bezahlen zu lassen.

Dem Bayerischen Umweltministerium schwebt eher eine Ausweitung des Naturschutzrechtes in Sachen Biber vor, wie Ministeriumssprecher Eichhorn verlauten ließ. Verhandelt wird der künftige Umgang mit Castor fiber derzeit in einer Arbeitsgruppe im Umweltministerium, an der BN, Jagdverband, Bauernverband und die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald be-teiligt sind.

Vom Biotop bis zur Pfanne

Neue Regelungen hält auch Gerhard Schwab für unausweichlich. Die derzeitige Genehmigungspraxis für den Biberfang ist zu kompliziert und besitzt viele rechtliche Grauzonen. Vor allem stinkt dem vollbärtigen Naturschützer, der in seiner Freizeit auch gerne kocht und genießt, dass der Biber zwar verwertet, aber nicht vermarktet werden darf. Für Tiere unter Artenschutz soll es keinen Markt geben. Doch bei den künftig anfallenden Biberstrecken, Schwab rechnet in einigen Jahren mit einem Gesamtbesatz zwischen 20 000 und 30 000 Biber allein in Bayern, könnte Wildbret, Zähne, Balg und das Bibergeil wiederum Geld einbringen, das in den Biberschutz fließen könnte. Sein Credo lautet: „Für mich umfasst Bibermanagement alles – vom Biotop bis zur Pfanne.“

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