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Pflegender Verbiss: Rotwild erwünscht

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Auf einer internationalen Fachtagung mutierte das Rotwild vom einst verschmähten „großen braunen Rindenfresser“ zum Naturschutzfaktor, zum Landschaftspfleger.

 

Rotwild kann Maßnahmen für den Naturschutz – zum Beispiel das Offenhalten von Freiflächen im Wald – unterstützen

von Dr. Harald Kilias

Der tiefgreifende Strukturwandel in der Landwirtschaft und die damit verbundenen Veränderungen in der Landschaft bereiten für Naturschutz und Jagd gleichermaßen Probleme. Einerseits werden viele Flächen noch weiter intensiviert, anderenorts fallen große Flächen aus der Nutzung.

Erhaltenswerte Flächen geschaffen durch Menschenhand

Hier zeigt sich das große Naturschutz-Dilemma: Die Mehrzahl besonders erhaltenswerter Flächen in Mitteleuropa ist auf Tätigkeiten des Menschen zurückzuführen.

Und für viele Flächen gilt, dass gerade nicht die nachhaltige, sondern die intensive Nutzung mit stetigem Entzug von Nährstoffen zu ihrem Artenreichtum geführt hat. Extensiv genutztes Grünland ist für den Erhalt der Vielfalt von Tieren und Pflanzen und somit auch für unser Wild als Lebensraum von hoher Bedeutung.

Neue Konzepte

Langfristig sind jedoch für den Erhalt von großflächigem Extensivgrünland neue Konzepte notwendig, weil weder die Landwirtschaft noch traditionelle Landschaftspflegemaßnahmen dies sicherstellen können.

Vor diesem Hintergrund hatte Bernd Gerken (FH Höxter, FB Tierökologie) zu einer internationalen Tagung „Natur- und Kulturlandschaft: Neue Modelle zu Maßnahmen der Landschaftsentwicklung mit großen Pflanzenfressern und praktische Erfahrungen bei der Umsetzung“ nach Brakel in Westfalen geladen.

Dort referierten Mitte April fast 50 Experten aus den Bereichen Landschaftspflege, Naturschutz sowie Forst und Jagd, die sich mehrheitlich mit dem Einsatz von Wisenten, primitiven Rinderrassen und Pferden beschäftigten.

Sechs Referate und drei Poster hatten das Rotwild zum Thema.
Rysczard Graczyk aus Posen (Polen) berichtete, dass polnische Konikpferde in Hinterpommern dichte Reitgras-Bestände im Unterwuchs nutzen, was zu einer Zunahme von Preißel- und Heidelbeeren führte.

Obwohl die Herde ohne Zäunung frei lebt, gab es keine Konflikte mit der Landwirtschaft. Auch negative Einflüsse auf das Schalenwild wurden nicht beobachtet. Möglicherweise deutet sich hier ein Weg an, die Reitgrasbestände auf den Waldschadensflächen im Fichtel- und Erzgebirge zurückzudrängen, die vom Rotwild nicht beäst werden.

Erfreulicher Stimmungswandel

Eine wesentliche Erkenntnis der Tagung war der erfreuliche Stimmungswandel im Bezug auf das heimische Schalenwild.

Vor allem Rotwild wurde als sinnvolle Ergänzung für Landschaftspflegekonzepte in Waldgebieten angesehen. Reiner Cornelius (Institut für Zoo- und Wildtierforschung Berlin) stellte die Koevolution, die parallele Entwicklung von Rind und Rothirsch mit ihren Nahrungspflanzen vor und forderte, dass naturnahe Pflanzenfressersysteme neben Rindern auch Rotwild umfassen sollten, weil es durch Gehölzverbiss die Rinder beim Offenhalten von Lichtungen unterstützt.

Wolfgang Völkl (Uni Bayreuth) und der als Referent geladene Verfasser stellten die Möglichkeiten, Probleme und Perspektiven von Rotwild in der Landschaftspflege vor. Wir betonten das Potential, das Rotwild für die Offenhaltung von Freiflächen vor allem im Wald besitzt.

Selbstverständlich wird durch die Äsungstätigkeit auch die Vegetation im Wald mit beeinflusst, was letztlich aber einen natürlichen Prozess spiegelt. Beim Einsatz von Rindern und Pferden im Rahmen von Naturschutzmaßnahmen wird dies akzeptiert und oft sogar ausdrücklich gewünscht – z. B. in der Diskussion um die Waldweide -, während der gleiche Effekt beim Rotwild meist negativ beurteilt wird.

Michael Petrak, Leiter der Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadensverhütung in Bonn, stellte das Nahrungs- und Feindverhalten in den Mittelpunkt seines Referates. So kann die Beäsung von Waldbäumen in Abhängigkeit von Störungen um den Faktor 3 schwanken.

Er forderte, dass Entwicklungskonzepte für Schutzgebiete nicht nur Teillebensräume berücksichtigen, sondern das gesamte Umfeld in die Planungen einbezogen wird. Beweidungskonzepte müssen die Ansprüche des Schalenwildes beinhalten, so dass keine Verdrängungseffekte in den Wald stattfinden.

Lebensräume verbessern

Alle Referenten betonten, dass die Lebensräume in vielen Rotwildgebieten unter Berücksichtigung der Wildökologie wesentlich verbessert werden müssten. Zur Äsung sollten wieder verstärkt Waldwiesen und andere offene Flächen zur Verfügung stehen, die den eigentlichen Ansprüchen des Rotwildes als ursprünglichem Bewohner halboffener Landschaften entsprechen.

In diesen Gebieten müssen Störungen soweit wie möglich reduziert werden, was gemeinsame Anstrengungen von Jagd, Fremdenverkehr und Naturschutz erfordert. Nur durch großräumige Lebensraumberuhigung sind weitgehend störungsfreie Äsungsmöglichkeiten auf Freiflächen zu erreichen; Schälschäden könnten reduziert und die Forst-Wild-Problematik entschärft werden.

Ein weiteres wichtiges Ziel ist, saisonale Wanderungen des Rotwildes (wieder) zu ermöglichen, was auch den genetischen Austausch zwischen den Populationen fördern würde, wie Sven Herzog aus Tharandt erläuterte.

Ein Wintereinstand in den Auen, wie er der Ökologie des Rotwildes entsprechen würde, könnte aus der Sicht der Landschaftspflege die Möglichkeit bieten, dass die Äsungstätigkeit im Winter und Frühjahr in den dortigen Feuchtwiesen die Sukzession bremsen könnte.

Aus ökonomischer Sicht ergäbe sich der Vorteil, dass sich das Rotwild während der kritischen Zeit für Schälschäden auf wesentlich mehr Fläche verteilen könnte und vor allem wirtschaftlich wenig bedeutende Auengehölze (Weiden, Pappeln) beäsen würde.

Hierfür würden sich Gebiete anbieten, in denen große Naturschutzgebiete bzw. Naturschutzvorrangflächen in Auen an Rotwildvorkommen grenzen. Wolfgang Völkl und der Verfasser stellten ein Großnaturschutzprojekt im Bereich der Waldnaabaue (Tirschenreuth/Bayern) vor, das für das Rotwild aus dem Fichtelgebirge und aus dem Steinwald als Wintereinstand geeignet wäre.

Gesellschaftlicher Konsens

Alle Referenten betonten allerdings, dass als Grundlage für die Wiederzulassung saisonaler Wanderungen ein gesellschaftlicher Konsens notwendig sei. Unsere Gesellschaft müsse sich das Rotwild ebenso leisten können wie wir dies für die Elefanten und anderes Großwild von afrikanischen Staaten fordern. Und hierfür müssten erst die entsprechenden jagdpolitischen Voraussetzungen geschaffen werden.

So plädierten alle Vortragenden für störungsarme Jagdstrategien. Uwe Wegener (Nationalpark Hochharz) z. B. für die schrittweise Ablösung der Ansitzjagd zugunsten einer kurzen, aber effektiven Stöberjagd.

Dieser einseitigen Bevorzugung widersprach der Verfasser, der am Beispiel zweier Forstämter im Fichtelgebirge aufzeigte, dass mit effektiv betriebener Ansitzjagd genauso erfolgreich gejagt werden konnte wie bei häufigen Stöberjagden. Einig waren sich alle Referenten darin, dass auch Jagdruhezonen notwendig sind, um dem Rotwild wieder seine natürliche Tagesaktivität zu ermöglichen.

Die Tagung in Brakel war eine gelungene Veranstaltung mit einem regen Austausch zwischen Vertretern von Landschaftspflege, Naturschutz, Forst und Jagd. Sie hat aufgezeigt, dass gemeinsame Zielsetzungen und Diskussionen notwendig sind, um zu Lösungen zu kommen, in deren Mittelpunkt nicht die Interessen einzelner Verbände oder ihrer Mitglieder, sondern die Lebensraumansprüche unserer Wildtiere stehen.

 

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