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Sommerkeiler: Schiessen oder schonen?

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Mitunter tauchen sie auch bei bestem Licht unvermittelt auf – Sommerkeiler. Selbst dann aber ist Vorsicht geboten!

 

Eine stärkere Sau im wogenden sommerlichen Halmenmeer – Keiler oder Bache

von Dr. Kurt Menzel

Bei den Erlegungsgeschichten von starken Keilern handelt es sich fast immer um herbst- und winterliche Drückjagderlebnisse oder um Ansitzjagden bei Mondschein und/oder Schnee.

Den reifen Keiler auf die Sommerschwarte zu legen, ist dagegen kaum verbreitet und viele Jäger haben dabei möglicherweise die gleichen Vorbehalte wie andere, die mit dem Abschuss eines Rehbockes so lange warten, bis er richtig „rot“, also durchgehaart ist.

Jagdzeiten

Bei der Jagd auf ausgewachsene Sauen im Sommer sind zunächst die Jagd- und Schonzeiten zu beachten, die leider in den einzelnen Bundesländern nicht einheitlich sind.

Die Bundesverordnung sieht den Aufgang der Jagd auf Bachen und Keiler zwar am 16. Juni vor, doch kann man z. B. im Saarland erst ab 1. Juli, in Schleswig-Holstein ab 16. Juli, in Niedersachsen und NRW ab 1. August und in Brandenburg und Sachsen gar erst ab 16. August Keiler bejagen. Es ist bemerkenswert, welche Kleinstaaterei wir uns auf jagdlichem Gebiet in der gewiss nicht großen Bundesrepublik leisten.

Das Lüneburger Modell

Als vor gut zwanzig Jahren die Schwarzwildbestände und -strecken noch längst nicht die heutige Höhe erreicht hatten und die Schweinepest eine allenfalls untergeordnete Rolle spielte, entstand im Regierungsbezirk Lüneburg das sogenannte Lüneburger Modell.

Eine Bejagungsrichtlinie mit dem Ziel, gesunde, der Landeskultur angepasste Schwarzwildbestände mit einer ausgewogenen Alters- und Sozialstruktur zu schaffen.

Ein wesentliches Anliegen dieser Richtlinie – die die Jägerschaften freiwillig umsetzten – war es, in den Populationen der Sauen eine ausreichende Zahl älterer Keiler und Bachen im Alter von fünf Jahren und älter heranzuziehen und nachhaltig nutzen zu können.

Durch die Anfangserfolge des Modells wurde es bundesweit anerkannt und kam in seiner Originalversion oder in abgewandelter Form auch außerhalb der Grenzen Niedersachsens zur Anwendung.

Der Keilerabschuss war nach dem Lüneburger Modell wie folgt geregelt: Reife Keiler wurden innerhalb der Hegegemeinschaften zahlenmäßig begrenzt freigegeben.

Als reif gelten Keiler, die mindestens fünf Jahre alt sind oder 100 Kilogramm und mehr (aufgebrochen) wiegen. Diese durften aber in Abweichung von den gesetzlichen Jagd- und Schonzeiten erst ab 1. September bejagt werden, so dass im Grunde ein Abschuss von Sommerkeilern – sieht man von der kurzen Zeit in den ersten Septemberwochen ab – nicht vorgesehen war.

Mit der Schonung älterer Stücke in dieser Zeit sollte eine wildbiologisch sinnvolle Altersstruktur erreicht und insbesondere der Abschuss führender Bachen verhindert werden.

Diese „Vorsichtsmaßnahme“ zum Schutz führender Bachen kam nicht von ungefähr: Immer wieder wurden und werden stärkere Bachen „als Keiler“ geschossen, deren Frischlinge z. B. im hohen Getreide „übersehen“ werden – fahrlässig, wie wir einmal unterstellen wollen.

Pinsel und Schwarte

Denn so einfach – wie mancher glaubt – sind auch im Sommer Keiler von Bachen wirklich nicht zu unterscheiden.

Bei mittelalten Stücken sind beide Geschlechter am schwersten anzusprechen und es bedarf langjähriger Erfahrung bei der Bejagung des Schwarzwildes, um die richtige Entscheidung zu treffen.

Es sei daran erinnert, dass trotz aller Liberalisierung oder Aufhebung von Hege- und Bejagungsrichtlinien von den Schwarzwildjägern nach wie vor ein hohes Maß an Können und Verantwortungsbewusstsein gefordert werden muss.

Doch nun zur Ansprache von Keilern und Bachen, die in der Regel über die Körperform und -größe, den Pinsel beziehungsweise das Gesäuge („die Striche“), die nur selten deutlich sichtbaren Waffen und schließlich über die Schwarte erfolgen wird.

Betrachten wir zunächst das Haarkleid der Sauen. Es besteht aus dem Deckhaar, den sogenannten Borsten, und dem Wollhaar, das deutlich kürzer, weicher und zwischen den Borsten wächst.

Die Winterschwarte des reifen Keilers hat in der Regel längere Borsten als die der Bachen und gilt als begehrte Trophäe. Das mag auch mit ein Grund dafür sein, dass der Sommerkeiler wesentlich weniger Aufmerksamkeit erfährt als das Hauptschwein im Herbst und Winter.

Der Anblick der Schwarzkittel unterscheidet sich im Sommer und Winter deutlich voneinander. Wenn die Winterborsten und das Wollhaar ausgefallen sind, ist es mit der Pracht der zottigen Umhüllung zunächst vorbei.

Aus „den Poren“ des abgestoßenen Winterpelzes erscheinen aber schon nach relativ kurzer Zeit wieder die sich an den Spitzen teilenden und dort recht hell gefärbten neuen Borsten. Zwischen den Borsten schimmert zunächst noch die relativ helle Haut hindurch. Das gibt dem Schwarzwild in dieser Zeit häufig ein helles, oft silbergraues Aussehen.

Der Wildbiologe Professor Lutz Briedermann (†) aus Eberswalde hat sich von 1975 bis 1977 näher mit dem Haarwechsel der Sauen befasst und ist dabei zu interessanten Ergebnissen gekommen.

Bei Überläufern setzt der Haarwechsel im Mai ein und ist bei Überläuferkeilern im Juli, bei Überläuferbachen aber erst im August abgeschlossen.

Spätestens im November tragen beide Geschlechter wieder die „gewohnte“ Winterschwarte. Auch ältere Keiler können schon im April mit dem Haarwechsel beginnen und im Juli damit fertig sein.

Später Haarwechsel bei den Bachen

Bachen hingegen tragen im Mai, oft noch im Juni die Winterborsten, tauschen also etwa vier Wochen später als die Keiler ihren Wintermantel gegen das kurze Sommerkleid.

Sicher eine Folge der Trag- und Aufzuchtszeit, die die Energiebilanz der Mutterbachen stark belastet. Diese Energie fehlt dann zunächst zum Haarwechsel.

Mithin kann im Frühsommer eine ausgewachsene, grobe Bache mit noch vollständiger Winterschwarte uriger und „keilerartiger“ aussehen als ein Keiler in der frühen Sommerschwarte. Hinzu kommt, dass die Keiler zu Beginn des Sommers häufig ihren Verlust an Körpermasse durch die Rausch- und Winterzeit noch nicht vollständig kompensiert haben und sich mittelalte Keiler im Gewicht von gleichaltrigen Bachen kaum unterscheiden.

Was man beim Sommerkeiler – auch beim Überläuferkeiler – recht gut erkennen kann, ist der Pinsel.

Wenn im Bereich des Gebrechs die langen Winterborsten ausfallen, lassen sich auch die Waffen besser erkennen. Man darf eben nur nicht – was übrigens auch schon vorgekommen ist – das Gesäuge bzw. einen Strich der Bache mit dem Pinsel verwechseln.

Dies kann insbesondere dann eintreten, wenn eine Bache nur einen Frischling führt und nur ein Strich ausgebildet ist. Man darf auch nicht übersehen, dass mit den Sommerborsten das in der Winterschwarte mehr stumpf wirkende Haupt des Keilers wieder länger und den Bachen ähnlicher wirkt und die Schwerpunktverlagerung nach vorn und der hohe Widerrist nicht mehr so klar hervortreten, da die langen Kammborsten fehlen.

Auch der Pürzel wirkt beim alten Keiler nicht mehr so lang und buschig, da die Quaste erst wieder wachsen muss. Der Keiler erscheint im Sommerhaar länger und schlanker als im Winter.

Insgesamt lässt sich das Schwarzwild im Sommer leichter ansprechen und beobachten, da die Sauen durch die kurzen Nächten ihre Aktivitäten auch in Zeiten verlagern müssen, in denen noch gute Lichtverhältnisse herrschen.

Abweichungen von der Regel

Eines macht bei Wildschweinen – egal ob Sommer oder Winter – ohne Zweifel jedwede Ansprache nach Alter und Geschlecht sehr schwierig: die Vielfalt seiner Erscheinungsform. Mag es noch so viel „sichere“ Ansprechmerkmale geben und Statistiken über Gewichte, Körpergröße, Haarwechsel, Farbe, Rauschzeit und Frischtermine geführt werden.

Bei den Sauen sind Abweichungen von „der Regel“ häufiger als bei allen anderen heimischen Schalenwildarten.

So gibt es Keiler mit bachenähnlichem, langem Haupt und Bachen, die vom Kopf her wie Keiler aussehen. Überläufer können schwarz, z. T. aber auch noch braun gefärbt sein. Es gibt silbergraue und tief schwarze Bachen wie Keiler. Wer viel Gelegenheit hat, tagaktives Schwarzwild zu beobachten, wird rasch zu der Einsicht kommen, dass es keine Regel ohne (etliche) Ausnahmen gibt.

Wie viele Keiler habe ich in und nach der Rauschzeit schon erlegt, die zwar alt, oft uralt waren, aber nicht mehr als 70 bis 80 Kilogramm wogen? Und ein Herbstkeiler, der von mir vor dem Schuss auf etwa 100 Kilogramm geschätzt worden war, wobei sich das Gewicht dann auf der Wildwaage auch tatsächlich bestätigte, war einwandfrei (Zahnbild!) ein ungewöhnlich schwerer Überläufer.

Schiessen oder schonen?

Nun aber zur entscheidenden Frage: Sollen wir im Rahmen der unterschiedlichen gesetzlichen Möglichkeiten bewusst und gezielt Sommerkeiler strecken, sie tunlichst schonen oder nur bei einer günstigen Gelegenheit dem einen oder anderen silbergrauen Bassen die Kugel antragen?

Meine Antwort wird wie bei jedem gewieften Examenskandidaten mit den Worten „Es kommt darauf an“ beginnen. Unter idealen Bedingungen, einem Schwarzwildbestand mit einem ausgewogenen Verhältnis von jungen und alten Keilern, wird es nichts ausmachen, im August einen reifen Keiler zu erlegen.

Dies kann an der Kirrung erfolgen, wo man tunlichst nicht auf das erstbeste Stück Schwarzwild schießt, sondern wartet, bis der bestätigte Keiler erscheint.

Auch Flächen mit besonders attrakivem Fraß, beispielsweise Haferschläge kurz vor der Reife, können von einem Sommerkeiler regelmäßig aufgesucht werden. Ferner wird man es dort, wo Sauen übermäßig zu Schaden gehen, keinem Jäger verübeln können, wenn er neben Frischlingen und schwachen Überläufern auch einmal einem silbergrauen Bassen die Kugel anträgt.

In Schwarzwildbeständen aber, in denen reife Keiler Mangelware sind, die Alterspyramide und das Geschlechterverhältnis weit vom Soll abweichen – was leider in vielen Gegenden der Fall ist – verschlechtern wir die Situation durch den Sommerabschuss nur noch weiter.

Im Zweifel immer für „den Angeklagten“

Erlegt man reife Keiler vor der Rauschzeit (November/Dezember), können sie nicht mehr an der Fortpflanzung teilnehmen.

Fast bin ich geneigt, einen alten Vers aus dem Bereich der Auerwildjagd zu zitieren und auf das Schwarzwild zu übertragen: „Wer den Hahn schießt vor St. Georgen, muss das Treten der Hennen selbst besorgen…“

Nun ist das nicht wörtlich zu nehmen, aber alte Keiler sind eine biologische Notwendigkeit – wie alte Hirsche. Auch wenn junge Keiler, selbst Frischlingskeiler, schon aktiv an der Rauschzeit teilnehmen können, ist es in jedem Fall günstiger, wenn eine ausreichende Zahl reifer Keiler dafür sorgt, dass die jüngeren zurückgedrängt und in ihrer körperlichen Entwicklung durch die energiezehrende Rausche nicht gebremst werden. Starke Keiler werden allein wegen ihrer Körpergröße rauschige Frischlingsbachen kaum beschlagen (können).

Fehlen sie, können sie weder Überläufer- noch Frischlingskeiler davon abhalten, mit den kindlichen Bachen Nachwuchs zu zeugen. Ob und in welchem Maße sich Frischlingsbachen an der Rauschzeit beteiligen ist bekanntlich auch vom Anteil alter Bachen im Bestand abhängig, doch soll es in diesem Beitrag ja um Sommerkeiler gehen.

Die negativen Auswirkungen eines gestörten Altersklassenaufbaus sind hinlänglich bekannt. Der Anspruch und Auftrag, für einen gesunden, widerstandsfähigen Wildbestand mit artgemäßen Sozialstrukturen zu sorgen, lässt sich allerdings nicht mit einem zügel- und wahllosen Abschuss erfüllen.

Noch eines sollten wir beim Abschuss von Keilern bedenken: In schweinepestgefährdeten Bereichen muss nach wissenschaftlichen Erkenntnissen der Abschuss noch mehr als sonst in die Frischlingsklasse verlagert werden. Die jüngsten Sauen sind am stärksten für die Virusinfektion empfänglich und tragen maßgeblich zu ihrer Verbreitung bei. Bezüglich der Keiler in Schweinepestgebieten kann also ruhig häufiger „im Zweifel für den Angeklagten“ gelten.

 

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