Sinn oder Unsinn?

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Rehwildfütterungen im Winter:
Notzeit kann man nicht pauschal an einer geschlossenen Schneedecke festmachen. In welchen Regionen Rehwild wann Not leidet, ist mehr als eine Frage der Witterung. Unterschiedliches Äsungsverhalten und Ernteschock sind nur zwei Schlagworte in diesem Zusammenhang.

 

Fett- und Eiweißdepots reichen beim Rehwild nur wenige Wochen. Oft beginnt die richtige Notzeit erst im März bei der Nahrungsumstellung

Von Dr. Harald Kilias

Im Streit um die Notwendigkeit der Wildfütterung kulminiert die Heuchelei!“ (Hespeler1990). Kaum ein Thema wird unter Jägern so emotional und hitzig diskutiert wie die Frage der Winterfütterung. Laut Bundesjagdgesetz beinhaltet der Jagdschutz auch den Schutz des Wildes vor Futternot. Die Länder haben ausnahmslos die Fütterung des Wildes in Notzeiten zur Pflicht gemacht. Man wundert sich, wie das Wild in jenen noch gar nicht so fernen Zeiten zurecht gekommen war, als es völlig ohne die Futtergabe der Menschen die Winter überstehen mußte. Ist diese Art der Hege immer und überall notwendig? Und ist sie noch zeitgemäß?

In der Natur überleben

Wildtiere haben gelernt, in der Natur zu überleben und brauchen daher grundsätzlich auch kein Futter vom Menschen, im Gegensatz zu Haustieren. An den winterlichen Nahrungsengpass sind sie hervorragend angepaßt. Dieser wirkt als wichtiger Auslesefaktor in einer Population. Individuen mit einer schlechten Kondition gehen an Krankheiten zugrunde, werden von Räubern erbeutet oder verhungern und dienen dann als Aas anderen Tieren zur Nahrung. Das Einzeltier spielt in der Natur nur eine nachgeordnete Rolle. Wichtig sind das Überleben der Population und der mit dieser weitergegebenen Gene. Der Tod von einzelnen Individuen kann für die Population sogar von Vorteil sein. Wird die Nahrung knapp, haben die Individuen mit geringerer „Fitness“ nur noch geringe Überlebenschancen (Schwächeparasiten, Beutegreifer, Krankheiten, Hungertod). Die vorhandene Nahrung kann dann von den Überlebenden besser genutzt werden. Die Dichte einer Wildtierpopulation ist also in erster Linie abhängig von der Nahrungskapazität ihres Lebensraumes.

An den Nahrungsmangel angepaßt

An den winterlichen Nahrungsmangel haben sich unsere wiederkäuenden Schalenwildarten seit Millionen Jahren sehr wohl angepaßt. Als Pflanzenfresser müssen sie in der Lage sein, die vegetationsarme Zeit zu überstehen: Alle Hirschartigen haben ihre Physiologie im Winter darauf abgestimmt, dass sie wenig oder keine Nahrung zu sich nehmen bei deutlich verringerter Bewegungsaktivität.

Fischer (1992) hat an im Gehege gehaltenen Damhirschen gezeigt, dass diese in den Monaten November bis März selbst bei optimaler Fütterung weder zu- noch abnehmen. Entscheidend für die Fitness der Damhirsche ist, mit welcher Kondition sie in den Winter gehen, und hier liegt der Knackpunkt bei der ganzen Fütterungsdiskussion.

In den folgenden Ausführungen will ich mich ganz auf das Rehwild beschränken. Ein großer Fehler in der Diskussion um die Winterfütterung ist ja gerade das Vermengen von Ansprüchen unterschiedlicher Tierarten wie Reh und Rothirsch. Beide haben aber eine unterschiedliche Physiologie und sind daher bei der Frage nach der Notwendigkeit und der Zusammensetzung von Winterfütterung unterschiedlich zu behandeln.

Das Rehwild ist hervorragend an die unterschiedlichen Jahreszeiten angepasst. Im Winter beugt das dichte Winterhaar einem Wärmeverlust vor. Die Bewegungsaktivität ist im Winter verringert – vorausgesetzt, dass es nicht gestört wird. Ebenso ist der Stoffwechsel vermindert. Die kräftezehrenden Rangkämpfe der Böcke finden im Frühjahr statt, wenn ausreichend Äsung zur Verfügung steht. Die Eiruhe ist ebenfalls eine hervorragende Anpassung an die kalte Jahreszeit, durch welche Energie eingespart wird. Zudem werden im Herbst Fettpolster als Reserven angelegt, falls ausreichend Äsung vorhanden ist. Die Fett- und Eiweißdepots zu Beginn des Winters können aber den Grundumsatz nur etwa drei Wochen decken.

Bevorzugte Pflanzenarten

Laut Bundesjagdgesetz ist der Wildbestand den landeskulturellen Verhältnis-sen anzupassen. Dies bedeutet ganz einfach, dass sich die Größe einer Population der Tragfähigkeit des Lebensraumes (=Biotopkapazität) anzupassen hat. Die Biotopkapazität wird begrenzt durch einen jahreszeitlich bedingten Flaschenhals. In der Feldflur sind dies die „Ernteschocks“ von Mai bis Oktober, wenn die zunehmend größer werdenden Schläge mit großen Maschinen schnell abgeerntet werden und dadurch innerhalb von Stunden die Nahrungsbiotope und Einstände unseres Wildes verschwinden. An diese Mangelsitua-tionen ist der Wildbestand anzupassen, nicht an das Maximalangebot im Frühjahr/Sommer.

Das Rehwild muss sich innerhalb von wenigen Tagen seine Nahrung anderswo suchen und dies ist in der Regel im Wald. Nun hat plötzlich der Wald eine höhere Wilddichte zu verkraften und dies äußert sich in verstärktem Verbiß an Forstpflanzen und der Krautflora. Rehe sind auf leicht verdauliche Kohlenhydrate (vor allem Zucker) angewiesen. Rehe nutzen in ihrem Lebensraum über 80 Prozent der vorhandenen Pflanzen. Einzelne Pflanzenarten werden jedoch bevorzugt. So ernährten sich im westlichen Frankreich untersuchte Rehe im Winter fast zur Hälfte von Efeu. Da Rehe nur für einen begrenzten Zeitraum Fettreserven nutzen können, sind sie auf Möglichkeiten zur Äsungsaufnahme angewiesen.

Gedanken machen!

Rehe im Winter mit stark eiweißhaltigem Kraftfutter zu füttern, ist nicht tier-schutzgerecht! Rehe können hohe Eiweißgehalte nicht verwerten. Um Stoffwechselstörungen zu vermeiden, benötigen sie bei eiweißhaltiger Diät Stoffe, welche Eiweiße binden. Das sind zum Beispiel Gerbstoffe (Tannine), die zum Beispiel in Nadelbäumen vorkommen. Jeder mag sich seine Gedanken dazu machen.

Ernsthafte Schwierigkeiten

Es bleibt festzuhalten: Knospen und Blätter sind die normale Äsung der „Konzentratselektierer“ (engl. browser wörtlich „Knospenfresser“), wie Reh und Elch. Sie verbeißen nicht aus Mangel oder Langweile, sie nehmen ihre normale Äsung auf!

In Naturräumen mit ausgeglichenen Wald-/ Feld-Anteilen ist der Wildbestand relativ einfach an den jahreszeitlichen Nahrungsengpass anzupassen, ohne dass die Bestände völlig ausdünnen. In ausgesprochen waldarmen Gegenden, wie in Unterfranken oder Niederbayern, mit zum Teil weniger als 10 Prozent Wald, würde dies aber bedeuten, dass dort fast kein Rehwild vorhanden sein dürfte.

Das Problem ist also, dass heutzutage auf Grund der Landbewirtschaftung in dem Zeitraum Mangel herrscht, in welchem die Hirschartigen normalerweise in einer natürlichen Landschaft eine Mastsituation vorfinden und sich den überlebensnotwendigen Feist anfressen können. Dieser deutlich vor dem Winterbeginn liegende Zeitraum ist also heutzutage die Notzeit. Eine zweite Notzeit tritt auf, wenn am Ende des Winters ab Mitte/Ende März eine Stoffwechselumstellung auf Sommerbedingungen erfolgt. Damit einher geht eine vermehrte Bewegungsaktivität und die inzwischen aufgezehrten Feistdepots müssen wieder aufgefüllt werden. Diese Entwicklung ist nicht umkehrbar. Bei einem erneuten Wintereinbruch, der in unseren Breiten durchaus möglich ist, gerät das Wild dann in ernsthafte Schwierigkeiten.

Ignoranz auf Seiten des Gesetzes

Im Gesetz ist der Begriff der Notzeit nicht durch die biologischen Fakten, sondern durch unser menschliches Empfinden formuliert: „Zeiten, in denen dem Wild infolge der Witterung (zum Beispiel anhaltende hohe Schneelage, längere Frostperiode) oder infolge von Naturkatastrophen (zum Beispiel Überschwemmungen oder Waldbränden) die ansonsten ausreichend vorhandene natürliche Äsung fehlt“ (v. Pückler 1991). Die Tatsache, dass die Hirschartigen bei winterlichen Verhältnissen kaum Nahrungsbedürfnisse haben, wird also von gesetzgeberischer Seite völlig ignoriert. Dagegen dürften die wenigsten Verfechter einer intensiven Wildfütterung daran denken, dass sie bei hoher und lang anhaltender Schneelage auch eine Fütterungsverpflichtung für andere, dem Jagdrecht unterliegende Tierarten haben, zum Beispiel für den Mäusebussard.

„Tierschutz“ oder „Trophäenzucht“.

Somit ist das, was viele Jäger machen, eigentlich unnötig, nämlich bei hohen Schneelagen und bei tiefen Temperaturen regelmäßig mit ausgetüftelten Futtermischungen zu füttern. Die Behauptung, das Wild brauche es, weil die Tröge nach wenigen Tagen leer sind, geht ins Leere. Die Rehe fressen das vorgelegte Futter zwar, können es aber wegen ihrer Stoffwechselumstellung gar nicht verwerten. Wenn man uns ein Schälchen mit Salzmandeln hinstellt, langen die meisten von uns auch zu, obwohl wir eigentlich keinen Hunger haben. Allerdings verwerten wir diese zusätzliche Nahrung sehr viel besser als die Rehe, was mancher „Rettungsring“ beweist.

Aber zurück zur eigentlichen Frage. Die Notzeit für unser Rehwild liegt eindeutig in den Zeiträumen, wenn die Felder schlagartig abgeerntet werden und plötzlich keine Äsung mehr zu finden ist, gleichzeitig aber Reserven für die winterliche Ruhephase angelegt werden müssen. In dieser Phase muß das Wild ausreichend Äsung zur Verfügung haben. Hier liegt die Verpflichtung für uns Jäger, zusammen mit den Grundbesitzern für ganzjährige Nahrungsbiotope zu sorgen.

Gamswild im Karwendel oder Wetterstein hat mit Sicherheit härtere Winter zu überstehen als das Rehwild auf der Frankenalb oder im norddeutschen Tiefland. Dennoch wird es nicht gefüttert. Die Winterverluste werden hingenommen (den Steinadler freut’s). Die Reproduktionsrate ist wesentlich geringer als beim Rehwild. Glauben die eifrigen Verfechter einer unkritischen Winterfütterung wirklich, Rehwild müsse jämmerlich verhungern, wenn es nicht vom Jäger gefüttert würde?

Ich glaube der Grund für die Anteilnahme am Rehwild liegt woanders: Es ist immer noch verbreitet, in der Rehwildfütterung eine Möglichkeit zu sehen, starke Trophäen heranzuzüchten. Manche vehementen Verteidiger einer intensiven Fütterung sagen „Tierschutz“ und meinen „Trophäenzucht“. Wenn in einer Mittelgebirgslage auf rund 500 Hektar 1,5 Tonnen Hafer von Dezember bis März verfüttert werden, weil der Revierpächter „gerne starke Trophäen schießt“, dann hat dies mit dem Sichern des Überlebens oder mit Tierschutzgedanken gar nichts zu tun.

Mittel- und langfristiges Ziel kann also nur sein, den herbstlichen Nahrungsengpass durch ganzjährige Nahrungsbiotope zu auszugleichen. Ich rede bewußt nicht von „Wildäckern“. Die sind auch wichtig, aber nicht die einzige Lösung. Am besten sollte eine natürliche Herbstmast ein reiches Angebot an Wildfrüchten (Eicheln, Bucheckern, Kastanien, Beeren und anderes Wildobst) liefern. Dieses Angebot wird von vielen Säugern und Vögeln genutzt, um sich die nötigen Feistreserven für den Winter oder den Zug in die Winterquartiere anzufressen. Ganzjährige Nahrungsbiotope sollten also auch Flächen umfassen, auf denen Wildobst, Beerensträucher und anderes mehr wachsen. Dies können zum Beispiel entsprechend gestaltete Waldränder oder Heckenstreifen sein. Die Zeiten sind günstig wie nie, solche Flächen zu bekommen, denn es werden mehr und mehr Schläge aus der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung herausgenommen.

Auf den Standpunkt kommt es an

Solche Verhältnisse sind aber in vielen Revieren, gerade in waldarmen Regionen, noch nicht vorhanden. In diesen Fällen bietet sich eine artgerechte Fütterung als Simulation der natürlichen Herbstmast dar. Rehwild benötigt wegen seines besonderen Verdauungsapparates kräuterrreiches Heu (Grummet), um ausreichend Nährstoffe zu erhalten. Als Saftfutter können Runkelrüben, zusätzlich Obst oder Apfeltrester oder Ähnliches zugefüttert werden.

Es sollte aber allen Beteiligten klar sein, dass dies nur eine Krücke ist und kein Dauerzustand sein kann! Aber man möge bedenken: Es geht auch hier nicht um eine Maßnahme, welche das Überleben sichert, sondern um eine Maßnahme, das Wild ganzjährig zu bewirtschaften. Und diese Nutzung natürlicher Ressourcen ist auch ein legitimes Recht der Grundbesitzer.

Darüber hinaus ist es wichtig, den Abschuss rechtzeitig zu tätigen. Der Herbstverbiss schlägt zu Buche! Die Stücke, die frühzeitig erlegt werden, können nicht mehr verbeißen. Die Drückjagd im Januar löst das Problem nicht, im Gegenteil: durch den erheblichen Energieaufwand bei der Flucht vor Hunden und Treibern wird bei den nicht erlegten Stücken die Nahrungsaufnahme forciert. Jene Stücke, welche erst im Januar erlegt werden, hatten viele Monate Zeit zu verbeißen.

Wenn wir die Bewirtschaftung unseres Wildes an diesen natürlichen Prozessen orientieren, kommen wir der ökosystemgerechten Jagd wieder ein Stück näher. Ob ich die Herbstmast für unser Wild mit Hilfe geeigneter Fütterungskonzepte oder ob ich den starken Weidedruck, der Halbtrockenrasen freihält, mit der Motorsense simuliere, ist gleich natürlich oder gleich naturfern. Es kommt nur auf den Standpunkt an.

Es kommt nicht nur auf den geeigneten Standort einer Fütterung an. Viel wichtiger ist das richtige Futter zur richtigen Zeit