Birsch auf den balzenden Trapphahn

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110 Jahre WILD UND HUND:
Die Großtrappe gehört heute zu den gefährdetsten Arten in Deutschland. Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es noch möglich, in Brandenburg auf die Balzjagd zu gehen. Ein Zeitzeuge berichtet in der WILD UND HUND-Ausgabe vom Mai 1914.

 

„… das nicht gerade bezaubernde Kostüm, eher geeignet, kleine Kinder graulich, als Trappen vertraut zu machen …“

Mein lieber Jagdfreund R., der neben der Niederjagd von Baitz (Belzig) letzthin mehrere tausend Morgen benachbarte Wiesen hinzugepachtet hatte, um dem Genusse einer alljährlich leidlich besetzten Birkhahnbalz zu huldigen, lud mich Mitte März auf Trappen ein, die auf den weitausgedehnten, teils sumpfigen Wiesen, die, ganz eben und meilenweit übersichtlich, nicht die geringste Deckung bieten, in diesem Frühjahr in größeren Flügen aufgetreten waren.

An einem sonnenklaren und sehr warmen Vormittag…

Da mir von frühreren Versuchen her bekannt war, dass dieser prächtige, äußerst scheue Vogel den Jäger selten näher als bis auf 150 bis 200 Meter herankommen lässt, es sei denn, er ließe sich von dem mit Dung beladenen oder mit Zweigen von Laub- oder Nadelholz verblendeten Wagen, auf dem der Jäger sich versteckt hält, anfahren, so wollte ich dieses Mal den Versuch mit dem auch an dieser Stelle gepriesenen Weiberrock unternehmen. Wie das Bild zeigt, war diese etwas unbequeme und nicht gerade bezaubernde Kostümierung scheinbar eher geeignet, kleine Kinder graulich, als Trappen vertraut zu machen. Und doch glückte der Spaß besser, als ich gedacht hatte.

An einem sonnenklaren und bereits sehr warmen Vormittag stolperte ich etwa eine Stunde lang, den gemächlichen Schritt einer älteren Dame markierend, quer über die Wiesen, nicht ohne hier und da in der Nähe des Dorfes von den arbeitenden Landleuten mit teils erstaunten, teils launigen Zurufen bedacht zu werden. Bald konnte ich auf etwa 1 000 Meter mit meinem getreuen „Busch-Glas“ einen Flug von zwölf bis 15 Trappen sichten, die nach allen vier Richtungen der Windrose Pos-ten, zumeist anscheinend ältere Hähne, weit vorgeschoben hatten. Langsam weiterhumpelnd und mich wiederholt bückend, als suchte ich Kiebitzeier, Disteln oder ähnliche wohlschmeckende Naturalien, bemerkte ich schon auf 500 Meter Entfernung, wie die Posten unruhig wurden, mit lang ausgestrecktem Halse nach mir herübersicherten, und wie sich diese Unruhe auch den übrigen Trappen, die bis dahin scheinbar ruhig geäst hatten, mitteilte. Als ich im Zickzackkurs bis auf etwa 300 Meter herangekommen war, konnte ich deutlich erkennen, wie alle Blicke auf mich gerichtet waren.

Bis auf 175 Meter musste ich noch heran, da mein Zielfernrohr auf diese Entfernung eingeschossen ist, also mein Drilling die Kugel (9,3 mm Bleigeschoss) dann noch sicher antragen konnte. Die Unruhe unter den Trappen nahm bei meinem Näherkommen sichtlich zu, und die Posten zogen sich langsam, unverwandt sichernd, auf das Gras zurück. Endlich glaubte ich die ersehnte Minute gekommen und die Entfernung auf 175 Meter verringert zu haben, kniete nieder, zog langsam den Drilling unter der Schürze hervor und ging in den Anschlag. Gerade als ich den Zielstachel auf den mir zunächst stehenden Hahn eingestellt hatte, fing die erste Trappe an zu laufen und stieg nach einigen Schritten auf. Ehe der angezielte Hahn diesem Beispiel folgen konnte, krachte mein Schuss, und mitten durch die Brust getroffen legte er sich mit einigen mächtigen Flügelschlägen auf die Seite. Die anderen strichen mit weitausholenden Schwingen schwerfällig von dannen.

Ein prächtiger Anblick

Als ich freudig hinzueilte, hatte ich einen prächtigen, etwa acht Jahre alten Hahn mit langem grauen Bart, der aufgebrochen 25 Pfund wog, vor mir liegen.

Am nächsten Tage wollte ich das Experiment vormittags wiederholen, jedoch waren die Trappen so scheu geworden, dass ich trotz aller List und Tücke nie näher als bis auf 300 oder 400 Meter herankam.

Am Nachmittag des zweiten Tages setzte ich mich in einen weit draußen aufgestellten Birkhahnschirm, um die Hähne zu verhören. Nach einer Stunde hatte ich etwa 800 bis 900 Meter vor mir einen Flug von 15 bis 20 Trappen gesichtet, von denen abseits ein Hahn balzte. Ein prächtiger Anblick. Die mächtigen Schwingen bis auf die Erde, in ständig zitternder Bewegung hängen lassend, lief er aufgeregt hin und her und drehte sich wie im Kreise. Hier und da sonderte sich ein Hahn von dem Haupttrupp ab, und zu meiner größten Freude bemerkte ich, dass einer dieser Hähne äsend sich allmählich meinem Schirm näherte. Nach langer, banger Stunde war er meinem Schirm bis auf etwa 90 Meter nahe gekommen und wollte, fortgesetzt nach allen Seiten sorgfältig und lange sichernd, rechts an mir vorbeiziehen, als ich ihm die Kugel antrug.

Die Kugel verfehlte ihr Ziel

Und nun geschah etwas mir zunächst ganz Unerklärliches. Eine Wolke kleiner Federn stiebte empor, der Hahn stürzte, die Flügel ausbreitend, nieder, erhob sich aber sofort wieder und rannte im Geschwindschritt davon. Eine auf etwa 200 Meter nachgesandte Kugel verfehlte ihr Ziel. Mit dem Glase verfolgte ich den wiederholt zurückäugenden Hahn auf mehr als 2 000 Meter, bis ich ihn aus dem Gesichtskreise verlor. Dem Beschießer T., einem alten, oft erprobten, als Stöberer und Schweißhund unfehlbar bewährten Dorfbewohner, berichtete ich mein Erlebnis mit allen Einzelheiten und versprach ihm einen „richtiggehenden“ Taler, wenn er mir den Hahn brächte. Denn nach meinem sicheren Abkommen zu urteilen, musste die Kugel sitzen, zumal der Hahn, wenn unverletzt, abgestrichen wäre. Und richtig – am nächsten Tage brachte er den Hahn und berichtete folgendes: Er sei in der beschriebenen Gegend auf einen Flug von 15 bis 20 Trappen gestoßen, die ihn auffallend nahe herankommen ließen. Beim Abstreichen sei einer von den Hähnen sitzen geblieben und beim Hinzukommen in mäßigem Tempo davongerannt, so dass er ihm nach 50 Metern Galopp dicht aufgekommen war. Jetzt hätte der Hahn sich in ein niederes Gestrüpp gedrückt und wäre, als er auf zehn Meter an ihn heran war, fauchend auf ihn losgefahren. Ein Schlag mit dem Knüppel hätte ihn dann zu Strecke gebracht.

Eine der interessantesten Jagden

Und wo saß der Schuss? Die Kugel war etwas schräg von links vorn, dicht über dem Brustbein, durch den Halsansatz hinein und auf der anderen Seite durch den obersten Teil des linken Flügelknochens herausgegangen. Der Einschuss war nur wenige Zentimeter, der Ausschuss faustgroß. Mit dieser schweren Verletzung war der Hahn also noch mehrere Kilometer weit gelaufen, ohne zu verenden. Der Hahn war sehr stark angeschwollen, und es sah aus, als wenn der Hahn einen Kropf gehabt hätte. Dem Ansinnen meines Jagdfreundes R., doch einmal den Trappenbraten zu versuchen, kam ich nicht nach, da mir von anderer Seite davon abgeraten wurde. Ich wäre aber immerhin begierig zu erfahren, ob das Wildbret dieses äußerst feisten Wildes genießbar ist. Ebenso wenig wusste ich mit dem prächtigen Federkleide etwas anzufangen und wäre dankbar, wenn mir jemand diese beiden Fragen gelegentlich beantworten könnte.

Auf jeden Fall ist die Jagd auf Trappen, wenn sie durch Anbirschen auf freiem Gelände geschieht, eine der interessantesten. Sie erfordert aber neben gesunden Pedalen und Ausdauer vor allem eine ziemliche Sicherheit im Kugelschuss.

Trappenbalz bei Belzig in Brandenburg Anfang des 20. Jahrhunderts

 

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