Artenschutz mit der Flinte

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Derzeit blasen mal wieder Kritiker der Rabenvogelbejagung im Internet zum Sturm. Sie fordern ein Verbot der Jagd auf die Singvögel. Warum diese jedoch richtig und wichtig ist,
erklärt Andreas David.

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Foto: Manfred Danegger


Seit einigen Monaten kocht er wieder hoch: der alte Zwist über die Bejagung von Aaskrähen. Stein des Anstoßes waren vor allem erfolgreiche, revierübergreifende Krähenjagd-Wochenenden mit hohen Strecken im Münsterland und Westerwald. Die kritisierenden Gruppen brauchen an dieser Stelle nicht weiter vorgestellt zu werden. Immerhin sind im Unterschied zu den Diskussionen in den 1970er und 1980er Jahren jene „Paradiesökologen“ verstummt, die damals pauschal behaupteten, dass die Beute den Räuber kontrolliere und nicht umgekehrt“.
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Die Rabenkrähe ist eine Unterart der Aaskrähen, die westlich der Elbe beheimatet ist. Sie sieht aus wie ein kleiner Kolkrabe, jedoch ohne Kehlbart, mit weniger massivem Schnabel und einem geraden Stoß. Foto: Dieter Hopf
Darüber hinaus hat sich leider kaum etwas geändert. Noch immer stehen die unbeirrbaren Gegner der Prädatorenbejagung fest geschlossen. Sie ignorieren schlichtweg wissenschaftliche Fakten, berufen sich dagegen auf fragwürdige Gutachten sowie Einzelfälle und verlieren dabei das „große Ganze“ aus den Augen. Das erhärtet den Verdacht, dass es Teilen dieser Fraktion nicht allein um ein Verbot der Prädatorenbejagung geht, sondern um ein ideologisch motiviertes Verbot der Jagd an sich – von der Notwendigkeit der Schalenwildbejagung einmal abgesehen.
Noch immer verneinen sie die mehrfach belegte Tatsache, dass auch Rabenvögel in hohen Besatzdichten den Reproduktionserfolg und damit die Populationen potenzieller Beutetiere herabsetzen können. Gemeinsam mit anderen häufigen Beutegreifern können sie gar zum regionalen Erlöschen einiger Arten  beitragen.
Die gebetsmühlenartig wiederholte Kernthese, dass der Rückgang zahlreicher Arten allein in einem Schwund an notwendigen Lebensräumen zu suchen sei, ist längst widerlegt. Trotzdem wurde sie von ihren „Schöpfern“ zum Dogma erhoben. Abgesehen davon ändert dies nichts daran, dass der großräumige Rückbau mitteleuropäischer Kulturlandschaften zugunsten der Artenvielfalt ein Traum bleiben wird. Eine Stellschraube, an der wir im Hier und Jetzt drehen können, ist jedoch die Reduktion und Kontrolle diverser Beutegreifer – zum Beispiel der Aaskrähe und Elster.

 


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Die Rabenkrähe im Flug. Foto: Michael Breuer
Hinzu kommt: Die Zeiten der vermeintlichen Blüte verschiedener Bodenbrüter sowie jene höchster Niederwildbesätze waren – abgesehen von besser geeigneten Lebensräumen – auch Zeiten nahezu beutegreiferfreier Landschaften. Es ist bekannt, dass diese Tatsache nicht in das Weltbild zahlreicher Artenschützer passt. Trotzdem sollten solche Fakten zumindest zur Kenntnis genommen werden!
Abgesehen vom Anteil pflanzlicher Nahrung haben Aaskrähen, Elstern und Eichelhäher – wie alle opportunistischen Beutegreifer – die Wahl zwischen seltenen, aber meist größeren und kleinen, aber sehr zahlreichen Nahrungsorganismen, wie beispielsweise Insekten. Ihre Verfügbarkeit ist jedoch erheblichen Schwankungen unterworfen. Um die Auswirkungen der Prädation für die Beutetiere zu erfassen, bedarf es daher intensiver Forschung. Letzteres lassen die von den Gegnern der Rabenvogelbejagung stets zitierten Publikationen und Gutachten (zum Beispiel RAHMANN et al. 1988, EPPLE 1997, MARTENS & HELB 1998, MÄCK & JÜRGENS 1999) aber vermissen. Zudem besteht bei diesen Beiträgen ein Mangel in der Literaturauswertung – insbesondere die Ergebnisse und die daraus resultierenden Schlussfolgerungen sowie Diskussion von Forschungsprojekten in anderen europäischen Ländern oder den USA betreffend.

 


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Die Nebelkrähe ist nordöstlich der Elbe verbreitet. Charakteristisch für diese Baumbrüterart ist ihr graues Bauch- und Rückengefieder. Foto: Sven-Erik Arndt
Es ist wenig zielführend, die Ergebnisse besagter Projekte darzustellen, ohne über den Tellerrand zu schauen. So beschreiben zum Beispiel der Naturschutzbund Deutschland (NABU), der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sowie der Ökologische Jagdverband Rheinland-Pfalz mit Unterstützung der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Westerwald in einer gemeinsamen Stellungnahme vom 30. Oktober 2011, dass sich „Rabenkrähen und Elstern zu 83 bis 91 Prozent von Insekten und anderen Arthropoden (Gliederfüßer, Anm. d. Red.) ernähren. Jungvögel und Eier finden sich in den Statistiken nur zu 0,1 bis 0,2 Prozent, andere Wirbeltiere, wie Wühlmäuse, zu 0,5 Prozent. Eine Beeinträchtigung von Niederwild konnte nirgends festgestellt und nachgewiesen werden. (…) Auch wurde nach Abschüssen keine Zunahme anderer Singvögel, also keine Erhöhung der Artenvielfalt festgestellt. (…) Nur eine Abkehr von der intensiven und industrialisierten Landwirtschaft und ein Verzicht auf Herbizide führe zu einer höheren Artenvielfalt in der Kulturlandschaft.“

 


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Die Nebelkrähe im Flug. Foto: Willi Rolfes
Außer den Zitaten der oben genannten Arbeiten wird erneut kein Wort darüber verloren, wo und wann diese Daten erhoben wurden. Ebenso fehlt jeglicher Hinweis darauf, dass aufgenommene Eier – mit Ausnahme der Schalenreste – schnell verdaut werden und sich im Magen kaum nachweisen lassen. Wer aber schon mehrfach von Krähen und Elstern geplünderte Gelege gesehen und analysiert hat, weiß, dass der Inhalt der Eier, kaum aber deren Schale aufgenommen wird.
Ebenso ist interessant zu erfahren, was beispielsweise Aaskrähen in einem bestimmten Gebiet fressen. Allerdings geben solche Ergebnisse lediglich einen groben Überblick über das dort verfügbare Nahrungsspektrum und lassen viele Fragen offen.
Ein Beispiel: Ein Forscherteam findet in sämtlichen Proben keine Überreste von Kiebitz-Jungvögeln oder Eiern. Was sagt das aus? Zunächst einmal gar nichts. Als Antwortmöglichkeiten kommen infrage:
  • Die jeweiligen Beutegreifer haben weder Jungvögel noch Eier des Kiebitzes gefressen oder verfüttert.
  • Die Zahl der Stichproben war nicht ausreichend.
  • Die Forscher konnten die Überreste durch methodische Probleme nicht nachweisen.
  • Kiebitze kommen im Untersuchungsgebiet als Brutvögel nicht vor.
  • Die Proben wurden außerhalb der Brut- und Aufzuchtzeit der Kiebitze genommen. Die Vögel waren auf dem Zug oder im Winterquartier.

 


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Die Saatkrähe brütet in Kolonien und bilden zur Zugzeit Schwärme. Altvögeln eigen ist der graue Grind am Schnabelgrund. Foto: Mathias Schäf
Das Einzige, was wir sagen können, ist, was die Krähen im Gebiet X im Zeitraum Y gefressen haben oder nicht. Interessant in Bezug auf Räuber-Beute-Beziehungen wird es aber erst dann, wenn die Dynamik der Beutepopulationen und die Auswirkungen der Prädation auf das Brut- oder
Gesamtvorkommen definierter Arten untersucht werden. Es ist nebensächlich, ob ein Krähenpaar ein, zwei oder vielleicht fünf Gelege des Steinschmätzers auf einer definierten Fläche plündert.
Entscheidend ist die Beantwortung der Fragen, ob die Schmätzerpopulation durch diese Verluste absinkt, ob sie die Ausfälle kompensieren kann und
auf etwa gleicher Höhe stabil bleibt oder trotz der Prädation vielleicht gar ansteigt. Daran gekoppelt können Prognosen dahingehend abgegeben werden, wie sich ein weiterer Anstieg der jeweiligen Beutegreiferbestände auf die Population des Bodenbrüters auswirken könnte. Auf solche Fragen gehen die oben zitierten Arbeiten aber gar nicht erst ein. Zum besseren Verständnis von den Wechselwirkungen in Räuber-Beute-Beziehungen tragen sie also nicht bei.

 


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Die Saatkrähe im Flug. Foto: Mathias Schäf
Immer wieder schließen die „Jünger der reinen Lehre“ von geringen Anteilen einer Beutetierart im Gesamtnahrungsspektrum vorschnell auch auf
ebenso geringe Auswirkungen. Dabei wird übersehen, dass der jeweilige Anteil einer Spezies am Beutespektrum keinesfalls dem der Beute an der Beutetier-population entspricht. Ein noch so geringer Anteil am Gesamt-nahrungsspektrum kann folglich für sehr seltene Arten verheerende Folgen haben. Je nach Status und Fortpflanzungsstrategie der Beutetiere sowie möglicher Lebensraumveränderungen können nur umfangreiche Studien derart diffizile Zusammenhänge entwirren.
Während der Zugriff durch Prädatoren für seltene oder bedrohte Arten, wie beispielsweise Brachvogel oder Birkwild, finale Folgen haben kann, ist das für häufige und kleinere Arten mit hohem Reproduktionspotenzial oft unproblematisch. Ausschluss-Versuche zeigen das besonders deutlich.

 


Dabei wird die Entwicklung zuvor festgelegter Arten gleichzeitig auf zwei Flächen vergleichbarer Lebensraumqualität untersucht. Auf der einen Fläche werden intensive Anstrengungen unternommen, die Populationen diverser Beutegreifer abzusenken (Kontrollfläche), auf der anderen wird diesbezüglich alles „sich selbst überlassen“ (Nullfläche).
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Die Dohle unterliegt dem Naturschutzrecht. Sie zeichnet sich durch einen grauen Kopfschal, kurzen Schnabel und hellgraue Augen aus. Der Höhlen- und Nischenbrüter wirkt im Sonnenlicht oft gräulich. Foto: Mathias Schäf

Das sicher bekannteste Experiment wurde von der englischen Wildforschungsorganisation „Game Conservancy“ von 1984 bis 1990 in der offenen Feldlandschaft der Salisbury Plains durchgeführt (TAPPER et al. 1989, 1990, 1991). Die Biologen wollten dem Einfluss opportunistischer Beutegreifer auf die Besätze des Rebhuhns und des Feldhasen auf den Grund gehen. Auf zwei etwa 500 Hektar großen Versuchsflächen – Collingbourne und Milston – wurde der Ist-Zustand der Populationen bewertet. Die ortsübliche Wildbewirtschaftung wurde nicht verändert. In den folgenden drei Jahren wurde die Bejagung der Rabenvögel sowie des Haarraubwildes während der Brut- und Aufzuchtzeit in Collingbourne als Kontrollfläche intensiviert. Milston diente als Nullfläche. Der Kürze halber wird nur auf die Entwicklung des Rebhuhnbesatzes eingegangen:

 


  • Die Brutpaardichte hatte sich auf der Kontrollfläche fast verdoppelt. Auf der Nullfläche war sie auf weniger als die Hälfte gesunken.
  • Der Rebhuhnbesatz im Herbst war auf der Kontrollfläche auf das Vierfache angewachsen. Auf der Nullfläche war er auf weniger als die Hälfte gesunken.
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Die Dohle im Flug. Foto: Mathias Schäf
Um die Biotopqualität als Ursache auszuschließen, wurden die Funktionen der Testgebiete in den nächsten drei Jahren getauscht. Milston wurde zur Kontroll-, Collingbourne zur Nullfläche. Die Ergebnisse waren denen der ersten Versuchsphase mit umgekehrten Vorzeichen vergleichbar. Ein weiteres Projekt wurde auf dem mittelenglischen Loddington Estate (Leicestershire) und Umgebung durchgeführt. Das 330 Hektar große Loddington Estate diente als Kontrollfläche. Als Nullflächen wurden zwei Areale mit ähnlicher Lebensraumstruktur ausgewählt. Zusätzlich dienten vier Erhebungsgebiete des „Common Birds Census“, einem Projekt der Britischen Gesellschaft für Ornithologie, in den Jahren von 1962 bis 2000, als Vergleichsflächen.
Das Projekt begann 1992 mit einer Bestandsaufnahme der Rabenvögel sowie der kleineren Singvögel. In den fünf darauffolgenden Jahren wurden sämtliche Brutpaare von Krähen und Elstern in der Hauptbrutzeit der anderen Singvögel von April bis Juli in Loddington erlegt (STOATE & THOMSON 2000, STOATE 2001, KALCHREUTER 2001). Ebenso wurden der Bruterfolg und die Brutdichten der Singvögel auf der Kontrollfläche und den Vergleichsflächen untersucht. Bei sechs Arten (Amsel, Singdrossel, Bluthänfling, Goldammer, Dorngrasmücke und Heckenbraunelle) reichte die Datenmenge aus, um statistische Analysen durchzuführen:

 


  • Der Bruterfolg ging bei allen Arten zurück, je größer die Brutpaardichte der Krähen war. Das wurde auch – mit Ausnahme der Dorngrasmücke – in Bezug auf die Elstern beobachtet.
  • Bei allen Arten war Prädation der Hauptgrund für einen niedrigen oder fehlenden Bruterfolg – fast ausschließlich durch Rabenvögel!
  • Die Brutpopulationen von fünf der sechs Arten nahmen in Loddington während des Versuchs zu, auf den Nullflächen nicht. Alle Arten zeigten in Loddington höhere Brutpaardichten als auf den Vergleichsflächen.
  • Am deutlichsten wuchsen auf den Kontrollflächen die Bruterfolge jener Arten, die auf den Nullflächen die höchsten Prädationsverluste erlitten.
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Der Kolkrabe, der größte einheimischer Rabenvogel, trägt einen extrem massigen Schnabel und einen Kehlbart. Zwar unterliegt er dem Jagdrecht, genießt jedoch ganzjährige Schonzeit.
In Loddington wurden im Jahr 1992 nur 170 Jungvögel von elf ausgewählten Singvogelarten flügge. Schon im ersten Jahr der „Rabenvogelkontrolle“, also ein Jahr später, waren es bereits 270. Die Zahl der Schafstelzen-Brutpaare stieg innerhalb von drei Jahren kontinuierlich von drei auf elf, jene der Singdrossel innerhalb von fünf Jahren von 14 auf 48.
Bemerkenswert ist, dass die Dichten seltener Problemarten mit landesweit niedrigen Populationsdichten und negativen Trends am deutlichsten anstiegen. Unproblematische, häufige Arten zeigten dagegen einen nur geringfügigen positiven Trend oder stagnierten.
Dies widerspricht den Aussagen deutscher „Orni- Ideologen“, dass Rabenvögel nur die Gelege sehr häufiger Vogelarten plündern würden und keine bedrohte Vogelart durch Rabenvögel gefährdet sei (zum Beispiel CONRAD & MEBS 1986, EPPLE & KROYMANN 1987 zitiert in KALCHREUTER 2001).

 


Ebenso wird von Autoren der „paradies- ökologischen“ Szene behauptet, dass sich Rabenvögel durch Nestraub – Krähen plündern Krähen- und  Elsterngelege, Elstern plündern Elstern- und Krähengelege – selbst regulieren. Ein negativer Einfluss auf andere Arten wird jedoch vehement verneint (beispielsweise EPPLE 1997, MÄCK et al. 1999). Erstaunlicherweise tragen zum Nestraub der Rabenvögel untereinander auch die unverpaarten und nichtterritorialen Nichtbrüter beider Arten bei (unter anderem CHARLES 1972, BÖHMER 1976). Einen erkennbaren Vorteil hinsichtlich des eigenen Fortpflanzungserfolges haben sie durch diesen Infantizid (Töten der Nachkommen) nicht. Es gehört einfach zu ihrem artspezifischen Repertoire der Nahrungssuche.

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Kolkrabe im Flug. Foto: Stefan Tewinkel
Rabenvögel suchen in der Brut- und Aufzuchtphase gezielt nach Gelegen anderer Vögel. Dabei nutzen sie ihre Fähigkeit, Suchbilder zu entwickeln (CROZE 1970). Sie suchen bevorzugt in Biotopstrukturen, in denen sie bereits erfolgreich waren. Diese Suchbilder werden im Langzeitgedächtnis  abgespeichert und durch neue „Aufnahmen“ ergänzt (GLUTZ & BAUER 1993). Ebenso erkennen Rabenvögel den Zusammenhang zwischen fütternden Altvögeln und Nahrung in Form von Eiern oder Jungvögeln. Sie suchen gezielt dort, wo sie die an- und abfliegenden Altvögel beobachtet haben. GUTHÖRL (2001) bemerkt dazu: „Ob es sich um eine häufige oder seltene Brutvogelart handelt, erkennen sie nicht.“
Zahlreiche Untersuchungen und Beobachtungen belegen diese Erkenntnisse. Der englische Ornithologe BOATMAN (1996, zitiert in KALCHREUTER 2001) beobachtete im Rahmen des Loddington-Projektes, wie eine einzige Elster eine Hecke revidierte und innerhalb von zwei Tagen acht der zehn Nester des Bluthänflings plünderte.
BAINES (1990) untersuchte im Nordosten Englands die Auswirkungen der Prädation sowie landwirtschaftlicher Praktiken auf den Bruterfolg des Kiebitzes auf Wiesen. In den Meliorationswiesen fielen 22 Prozent der Kiebitzgelege der Landwirtschaft und 76 Prozent Beutegreifern zum Opfer – ausschließlich Rabenkrähen und Lachmöwen.

 


Die Liste derartiger Ergebnisse ließe sich beliebig erweitern. Doch werden sie von den Gegnern der Rabenvogelbejagung ignoriert. Bestätigt werden sie dagegen von jedem, der einmal die frühmorgendliche Kontrolle von Gärten in Dörfern und Kleinstädten durch Krähen und Elstern beobachtet hat. Dort tendiert der Bruterfolg von Freibrütern seit geraumer Zeit gen Null.
Dabei auf den oft zitierten evolutiven Wettlauf zu setzen – Beutetiere passen sich den Strategien ihrer Fressfeinde an – ist angesichts der Intelligenz der Corviden und ihrer erreichten Dichten naiv. Nicht unerwähnt bleiben darf, dass bei dieser Problematik das riesige Heer von freilaufenden Hauskatzen die Situation noch verschärft (DAVID 2007).
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Die Rabenkrähe profitiert als opportunistischer Beutegreifer von fressbaren, menschlichen Hinterlassenschaften.
Der Druck durch opportunistische Beutegreifer in der mitteleuropäischen Kulturlandschaft ist zu einem begrenzenden Faktor zahlreicher Wildtierarten
und damit der Artenvielfalt geworden. In vielen Fällen ließe die Qualität der Lebensräume allein (Nahrung, Deckung, Brut- und Aufzuchtplätze) deutlich höhere Bestände von gefährdeten Arten zu. Doch derzeit werden sie durch Prädatoren unterhalb des von der Biotopkapazität möglichen Niveaus gehalten. Dies gilt besonders für Singvögel, Limikolen oder Raufußhühner.
Bedingt durch unsere Lebens- und Wirtschaftsformen wird das große Nahrungsangebot die Populationen von Aaskrähe, Elster und Eichelhäher sowie weiterer anpassungsfähiger Nahrungsgeneralisten weiter ansteigen lassen. Der von ihnen ausgehende Druck wird zahlreiche Arten weiter dezimieren und lokale Restvorkommen bedrohter Arten auslöschen.
Die Kontrolle opportunistischer Beutegreifer, die zu den Gewinnern in der Kulturlandschaft zählen, ist eine unabdingbare Maßnahme, um den Verlierern zu helfen. Dabei muss sich die Jägerschaft der Reduzierung und Kontrolle von Aaskrähe und Elster sowie des Fuchses als dauerhafte Aufgaben an nehmen, vor allem in Bereichen mit Restvorkommen seltener Arten. Mit einer einmaligen „Offensive“ oder einem kurzen Strohfeuer ist es nicht getan. Seitens politischer Entscheidungsträger gilt es, erneut über effiziente und tierschutzgerechte, mittlerweile aber verpönte Methoden der Kontrollen nachzudenken (Nordischer Krähenfang, Aushorsten und so weiter).
Die Gegner der Rabenvogelbejagung sollten bedenken, dass weder Rabenkrähen noch Elstern auch nur in einem der Fallbeispiele dauerhaft und auf großer Fläche zurückgingen. Ihre Populationsreserven fangen die Verluste zur Hauptbrutzeit locker auf. Keine Art soll ausgerottet, Problemarten sollen lediglich kontrolliert werden (GUTHÖRL 2001). Forderungen, die Räuber-Beute- Beziehungen auch in Kulturlandschaften sich selbst zu überlassen, hätten fatale Folgen. Wir sitzen alle hinsichtlich der Wiederherstellung oder Bewahrung einer möglichst hohen Biodiversität in einem Boot – aber leider rudern wir in unterschiedliche Richtungen.

 

 

 

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