Die Rehe vom Rosenkogel

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Rehwild

WILDTIERFORSCHUNG

Die österreichische Jagdzeitschrift „Der Anblick“ gab vor sechs Jahren ein Forschungsprojekt über Rehwild in Auftrag. Mittlerweile liegt der Abschlussbericht vor. Exklusiv für Deutschland fasst diesen Dirk Waltmann für die WILD UND HUND Leser in zwei Teilen zusammen.

Zum Verhalten von Rehwild findet man in Jagdzeitschriften und in der Rehwildliteratur wenig, und noch ärmer wird die Ausbeute, wenn es um das weibliche Wild geht. Grund genug für die das Projekt betreuenden Wildbiologen Dr. Hubert Zeiler und Dr. Dr. Veronika Grünschachner-Berger, den Fokus besonders auf das weibliche Rehwild zu legen. Erst im weiteren Verlauf wurden auch Rehböcke mit einbezogen. Die Forschungsreviere stellte Franz Meran in seiner Forstverwaltung Stainz (Steiernmark) zur Verfügung. Dort zeichnete Oberförster Helmut Fladenhofer – passionierter Jäger sowie Wildtierfotograf – für das Projekt verantwortlich. Er und die Wildbiologen hefteten sich mit zahlreichen fleißigen Helfern an die Fährten der „Rehe vom Rosenkogel“.

Rehe sind schwer zu beobachten. Doch dank neuester, sehr genauer Telemetrie-Technologie lassen sich die Ergebnisse gut in Wort und Bild darstellen sowie die Aktivitätsdaten der Reh speichern. Abgesehen von deren Fang in Holz-Kastenfallen sind in der Folge keine weiteren Störungen nötig. Zur Gewöhnung waren die Fallen bereits im August in der Nähe von Fütterungen aufgestellt worden. Gut einen Monat später startete der Fang. Um die Raumnutzung des Rehwildes zu erklären, wurde das Untersuchungsgebiet nach Bestandseinheiten kartiert.

Vom 14. September 2007 bis 26. März 2010 wurden insgesamt 44 Rehe (acht Bockkitze, sieben Rickenkitze, fünf Jährlinge, zehn Ricken und 14 mehrjährige Böcke) in drei Saisonen gefangen und markiert. Gefangen wurde nur in kürzeren Perioden im Winterhalbjahr. Von Januar 2008 bis Januar 2009 waren im Durchschnitt in jedem Monat 25 Rehe markiert (von 22 bis 32 Stück.).

Rehe unterscheiden sich im Verhalten und in der Lebensraumnutzung. Daher stellen Dr. Hubert Zeiler und Dr. Dr. Veronika Grünschachner-Berger in dieser Zusammenfassung beispielhaft sechs Rehe vor. Diese Darstellung wird von den Wildbiologen bewusst im Gegensatz zu statistischen Auswertungen und Durchschnittswerten gewählt. Allgemeingültige Erkenntnisse und Grundsätze sind eine wichtige Basis, will man eine Wildart verstehen, so die Wildbiologen. Wildtiere seien aber immer auch Individuen mit all ihren Eigenheiten.

Die „Grüne Prallgeiß“ (Nr. 4346) wurde am 14. September 2007 mit Sender und Ohrmarke markiert. Teleme trie-Daten zeigten, dass sie einen sehr deckungsreichen Revierteil mit noch ausreichend Äsung bewohnte, der kaum zu bejagen ist. Sie nutzte das kleinste Streifgebiet aller „erforschten“ Ricken. Mithilfe der Telemetrie ließ sich aber recht genau festhalten, wo sie ihren Einstand hatte. In Anblick kam sie nach dem Fang aber nicht mehr – obwohl das Revier intensiv jagdlich und forstlich von erfahrenem Personal genutzt wird. Unerwartet fiel der Sender aus, und damit gab es keine Kon trolle mehr. Am 21. Dezember 2010 wurde diese Ricke erlegt. Die Erkenntnis: Rehe sind Weltmeister im Versteckenspielen. Ein Rehbestand lässt sich nicht vollständig erfassen. In unterwuchsreichen Wäldern mit viel Verjüngung ist über die Ansitzjagd ausschließlich keine Bestandsreduktion zu erzielen. Aber ist eine solche immer notwendig? Im nahezu nicht zu bejagenden Streifgebiet der „Grünen Prallgeiß“ verjüngte sich die Weißtanne am besten im gesamten Untersuchungsgebiet! Kleinklima und Verjüngungsdynamik waren ausschlaggebend dafür. Die Rehe konnten dort dem Aufwuchs der Tanne nichts entgegensetzen. Unweit davon, bei anderen Standortverhältnissen, hat die Tanne wenig Chancen, dem Äser entkommen. Am 4. Oktober 2007 befand sich die „Rote Triesbauer“ (Nr. 4354/4355) in einer Fangbox. Sie ließ sich am häufigsten beobachten. Am 23. September 2008 gelang es sogar, sie erneut zu fangen und den Sender zu wechseln. Im Sommer 2009 wurde sie verendet in einem Nachbarrevier gefunden. Todesursache: Paratuberkulose.

Dieses Reh zeigte sich vergleichsweise vertraut. Seine Fluchtdistanzen und die Fluchtbereitschaft waren gering. Herrscht hoher Jagddruck, werden solche vertrauten Stücke häufig zuerst erlegt. Übrig bleiben Rehe, die höhere Fluchtbereitschaft und mehr Nachtaktivität zeigen. Mit einem Satz: Genau jene, die insgesamt empfindlicher auf Störungen reagieren! In der Nacht vom 1. auf den 2. August 2008 wanderte sie über 3,7 Kilometer direkt und ohne Zwischenstopp von ihrem Streifgebiet am „Rosenkogel“ nach Nordwesten zum „Stainzwald“. Dort hielt sie sich rund 24 Stunden auf engstem Raum auf und war viel in Bewegung. In der Nacht vom 2. auf den 3. August kehrte sie direkt in ihr Streifgebiet zurück. Es war nicht die einzige Ricke, die während der Brunft für kurze Zeit weit aus ihrem Streifgebiet auswanderte. Die Entfernung, welche die „Rote Triesbauer“ und auch noch eine zweite Ricke vom Mühlstein dabei zurückgelegt haben, liegt deutlich über jenen Strecken, die aus anderen Studien bekannt sind.

Die Erkenntnis: Manche Ricken suchen während der Brunft offenbar zielgerichtet einen Bock auf. Sein Territorium kann auch weit entfernt vom Streifgebiet der Ricke liegen. Ricken sind monoöstrisch, das heißt, es gibt nur einen Eisprung. Der Beschlag muss innerhalb von 24 bis 36 Stunden erfolgen. Es ist nicht erwiesen, wonach die Ricken „ihren“ Bock wählen, und wie sie ihn finden. Die Ergebnisse dieses Forschungsprojekts untermauern aber recht eindeutig: Bei Rehen, ebenso wie bei vielen anderen Wildtieren, wählen die weiblichen Stücke den Partner. Das wirft ein neues Licht auf das Sozialsystem und die Revierverteidigung bei Rehböcken.

Die „Weiße Stainzer Wieselgeiß“ (Nr. 4348) wurde am 20. September 2007 zum ersten Mal gefangen. Insgesamt gelang das dreimal, wobei sogleich die Batterie ihres Senders gewechselt wurde. Am 3. Juni 2009 wurde diese Ricke verludert gefunden. Sie gehörte nicht zu den besonders erfolgreichen – wenn man Erfolg in Nachkommen misst. Auch der Revierteil, den die Ricke bewohnte, war nicht von hoher Qualität. Im März 2008 wanderte sie mehrmals über weite Strecken aus ihrem Streifgebiet ab (bis über zwölf km). Sie kehrte danach aber immer wieder in ihr Heimatgebiet zurück. Auffällig war, dass diese Ricke in der gesamten Beobachtungszeit kein Kitz führte. Dennoch gehörte sie zu jenen, die in der Brunft kurzfristig gezielt abgewandert waren. Anfang Juni 2008 war sie auch hochbeschlagen. Man kann also davon ausgehen, dass sie gesetzt hatte, aber ihren Nachwuchs nicht durchgebracht hat. Immer wieder zeigt sich, dass es sehr deutliche Unterschiede beim Zuwachserfolg verschiedener Ricken gibt – sowohl auf die Stärke der Kitze als auch auf deren Fortkommen oder Überleben bezogen. Es
gibt demnach unter gleichen Bedingungen deutliche Abweichungen beim Aufzuchterfolg verschiedener Ricken Man bezeichnet dies als „Familienoder Gruppeneffekt“, das heißt: Manche Ricken bringen ihren Nachwuchs unter günstigen und ungünstigen Bedingungen gut über die Runden, andere hingegen nicht.

Fazit: Die „Weiße Stainzer Wieselgeiß“ weist auf die Rolle der Rehmütter hin. Verfassung der Ricken und Wilddichte beeinflussen in Abhängigkeit vom Lebensraum Entwicklung und Körpergewicht der Kitze. Mit einem Satz: Der Schlüssel liegt letztendlich bei den Ricken!

Die „Weiße Stainzer Wieselgeiß“ (Nr. 4348) wurde am 20. September 2007 zum ersten Mal gefangen. Insgesamt gelang das dreimal, wobei sogleich die Batterie ihres Senders gewechselt wurde. Am 3. Juni 2009 wurde diese Ricke verludert gefunden. Sie gehörte nicht zu den besonders erfolgreichen – wenn man Erfolg in Nachkommen misst. Auch der Revierteil, den die Ricke bewohnte, war nicht von hoher Qualität. Im März 2008 wanderte sie mehrmals über weite Strecken aus ihrem Streifgebiet ab (bis über zwölf km). Sie kehrte danach aber immer wieder in ihr Heimatgebiet zurück. Auffällig war, dass diese Ricke in der gesamten Beobachtungszeit kein Kitz führte. Dennoch gehörte sie zu jenen, die in der Brunft kurzfristig gezielt abgewandert waren. Anfang Juni 2008 war sie auch hochbeschlagen. Man kann also davon ausgehen, dass sie gesetzt hatte, aber ihren Nachwuchs nicht durchgebracht hat. Immer wieder zeigt sich, dass es sehr deutliche Unterschiede beim Zuwachserfolg verschiedener Ricken gibt – sowohl auf die Stärke der Kitze als auch auf deren Fortkommen oder Überleben bezogen. Es
gibt demnach unter gleichen Bedingungen deutliche Abweichungen beim Aufzuchterfolg verschiedener Ricken Man bezeichnet dies als „Familienoder Gruppeneffekt“, das heißt: Manche Ricken bringen ihren Nachwuchs unter günstigen und ungünstigen Bedingungen gut über die Runden, andere hingegen nicht.

Fazit: Die „Weiße Stainzer Wieselgeiß“ weist auf die Rolle der Rehmütter hin. Verfassung der Ricken und Wilddichte beeinflussen in Abhängigkeit vom Lebensraum Entwicklung und Körpergewicht der Kitze. Mit einem Satz: Der Schlüssel liegt letztendlich bei den Ricken!

Der „Rote Mühlsteinbock“ (Nr. 5940) wurde am 29. Oktober 2008 als Mehrjähriger markiert. Er zeigte auf, wie starr territoriale Rehböcke an ihrem Revier festhalten und welche Rolle auffällige Ränder für die Abgrenzung eines Territoriums spielen. Über zwei Jahre hat er sich nie aus seinem Revier bewegt. Im Untersuchungszeitraum war sein Streifgebiet im Durchschnitt nur 14,57 Hektar groß. Die geringste Fläche beanspruchte der Rehbock im Februar 2010 mit nur 6,49 Hektar, die größte im März und August 2009 mit 21 Hektar.

Von Dezember bis Februar nutzte der „Rote Mühlsteinbock“ zwei Jahre hintereinander im Durchschnitt ein Kerngebiet von nur einem Hektar. Man bedenke: Ein Waldstück von 100 x 100 Metern. Angemerkt sei, dass es mitten im Territorium des Bockes eine Rehfütterung gab. So konnte er im Winter dort bleiben. Anhand der Luftaufnahme lässt sich erkennen, dass Forstwege und Bestandsränder – also optisch auffällige Randlinien – dem „Roten Mühlsteinbock“ als Grenzen dienten. Je deutlicher diese zu erkennen sind, desto strenger werden sie eingehalten. Bleiben diese Randlinien erhalten, verändern sich die Reviergrenzen von einem Jahr aufs andere kaum. Übrigens deckte sich das Revier des „Mühlsteinbockes“ teilweise mit jenem der zuvor erwähnten „Grünen Prallgeiß“.

Die „Rote Triesbauergeiß“ wurde am häufigsten beobachtet.

Der „Gelbgrüne Wanderbock“ (Nr. 4347) stellte sich als Ausnahmereh dar. Er wurde am 14. Oktober 2009 besendert.Ohne Einsatz der Telemetrie hätte man die Bewegungen dieses Bockes niemals verfolgen können. Am 28. Januar 2010 beobachtete das Forscherteam dessen ersten weiteren Ausflug: Luftlinie 4,75 Kilometer vom Fütterungsstandort entfernt. Bereits zwei Tage später war der „Wanderbock“ wieder daheim. Richtig auf „Tour“ ging er am 19. März. Das ist die Zeit, in der Böcke Reviere besetzen und diese verteidigen. War also auch der „Wanderbock“ auf der Suche nach einem eigenen Territorium? Rechnet man die gesamte Strecke zusammen, die er vom 19. bis 31. März „erwandert“ hat, dann sind das rund 60 Kilometer Luftlinie. Im Mai kehrte der „Wanderbock“ dann unerwartet in seinen Wintereinstand am „Rosenkogel“ zurück. Er blieb bis Juli dort. Im Juli bewohnte er einen sehr schmalen und etwas weniger als 300 Meter langen Wald- oder Heckenstreifen zwischen zwei Wiesen. Der Bock bewegte sich dort nicht viel weiter als 25 Meter in eine der angrenzenden Wiesen. 50 x 300 Meter ergibt eine Fläche von 1,5 Hektar – mit wenigen Ausreißern blieb er über drei Wochen dort. Der „Gelbgrüne Wanderbock“ ist ein Beispiel dafür, dass Rehe auch weit über ein eng begrenztes Streifgebiet hinaus Gebietskenntnis erwerben können. Seine Routenwahl zeigt, dass er auch längere Strecken wiederholt zurücklegt. Dies spricht dafür, dass sich dieses Stück Wege gemerkt und diese wieder genutzt hat. Vieles weist darauf hin, dass der Rehbock ein geeignetes freies Territorium gesucht hat.
Offenbar konnte er sich aber nirgends durchsetzen. Dabei muss es keineswegs immer gleich zu Auseinandersetzungen kommen. Gerade im März/ April markieren territoriale Böcke ihr Revier sehr intensiv mittels Duftmarken. Jedes Reh, das die üblichen Wechsel und Wege benutzt, wird informiert – ob hier „besetzt ist“ oder nicht. Auffällig ist ferner, dass dieses Reh auf seiner Wanderschaft immer wieder gezielt Wald-Lichtungen aufgesucht hat – ein typisches Verhalten für die Wildart.

Der „Grüne Prallbock“ (Nr. 5939) wurde am 16. November 2007 als Jährling beim Mühlstein gefangen und mit der Ohrmarke Nr. IV versehen. In dieser Projektphase wurden noch keine Böcke telemetriert. Vorteil: Mit dem neuerlichen Fang und der Lauschermarke ließ sich das Alter dieses Bockes eindeutig bestimmen. Am 2. Dezember 2008 wurde er wieder gefangen, und diesmal bekam er einen Halsbandsender. Als Zweijähriger war er gut veranlagt. Über den schneereichen Winter 2008/09 schob er ein starkes Gehörn. Älter als vier Jahre wurde er nicht.

Viel Naturverjüngung, dazwischen noch ausreichend Bodenäsung – wie der Lebensraum der „Prallgeiß“ – erschwert Beobachtung und Bejagung enorm.

Gut veranlagte Rehböcke schieben mit drei Jahren erstmals ein relativ starkes Gehörn. In einem Reviersystem, das auf die Trophäenjagd ausgerichtet ist, überleben viele dieser Rehböcke das dritte oder vierte Jahr nicht. Damit halten starke Rehböcke oft nicht länger als ein oder zwei Jahre ein Territorium. Solche werden häufig gewechselt, der Altersdurchschnitt der Böcke ist gering. Folglich geht damit über die Rehwildjagd ein eher stabiles Territorialsystem in einen schnellen Revierwechsel mit hohem Umtrieb über. Mittlerweile erbringt die Wildbiologie auch immer mehr Nachweise, dass selektive Trophäenjagd auf männliche Stücke, die sich rasch und gut entwickeln, Einflüsse auf den gesamten Gen-Pool eines Bestands haben kann. Immer geringere Durchschnittsgewichte beim Reh könnten neben hohem Konkurrenzdruck und einer Winterfütterung, die auch den schwächsten Rehen über die Runden hilft, mit ein Grund dafür sein. Sicher ist, dass wir über den schnellen Umtrieb bei den Rehböcken das Sozialsystem des Rehwildes beeinflussen. Daraus lässt sich schließen: Ist ein Rehbock erwachsen und hält ein eigenes Revier, hat er gute Chancen alt zu werden – und für längere Zeit Revierbesitzer zu bleiben. Längere Zeit heißt: für etwa vier bis fünf Jahre. Sein Revier wird er kaum noch verlieren, da Revierbesitzer im Gegensatz zu Herausforderern schon psychisch im Vorteil sind. Voraussetzung dafür: Ein erwachsener Rehbock, der ein Territorium hält, muss fit sein! Wonach Ricken genau wählen, weiß die Wissenschaft bislang nicht – die Fitness eines langjährigen Revierhalters wäre ein mögliches Kriterium. Das Reviersystem der Böcke gewährleistet daneben aber auch, dass das Treiben zur Brunftzeit weitgehend ungestört ablaufen kann. Schließlich wurden die Verhältnisse unter den Revierbesitzern lange vorher geregelt. Ricken haben schließlich nur wenig Zeit, denn sie sind nur einmal ein- bis eineinhalb Tage empfangsbereit.

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