Unglaublich abnorm

3406
Geweihentwicklung bei einem Rothirsch

Geweihentwicklung bei einem Rothirsch

Hornung 1999 fand Reiner Steffen im Forstort Ritzerau der Hansestadt Lübeck die frisch abgeworfene rechte Stange eines mittelalten Hirsches, die für Aufsehen sorgte. Tierarzt Dr. Hans Welcker berichtet.

Ein abnormer Hirsch war zu dem Zeitpunkt und in dem Revier, das als Exklave im Herzogtum Lauenburg liegt, an sich nichts besonderes. Aber hier war sofort zu erkennen, dass sich die Stange nur etwa zur Hälfte im normalen Demarkationsbereich des Rosenstockes gelöst hatte. Der Rest der Demarkation verlief in Richtung der anderen Stange leicht schräg nach unten in die äußere Schicht des Schädelknochens hinein. An der Stange befand sich somit ein Stück Schädelknochen – sie sah nicht wie abgeworfen, sondern wie am Schädel abgebrochen aus. Dagegen sprach, dass die „Bruch fläche“ gerade nur so schweißig war, wie das Petschaft einer normal frisch abgeworfenen Stange. Im Schnee fanden sich nur wenige Schweiß-Spritzer – wie eben auch nach einem normalen Abwurf. Reiner Steffen folgte der Fährte und fand nach mühsamer Suche die linke Stange. Auch sie erschien mit einem – allerdings etwas kleineren – Stück Schädelknochen „abgebrochen“ zu sein, ohne zu schweißen.

Es passierte kurz vor dem Fegen

Bei genauer Betrachtung zeigte sich, dass an der rechten Stange der geperlte Kranz der Rose zwischen den Stangen auf etwa vier Zentimeter Länge fehlte. Der darunter liegende Stangen-Knochen war – wie das Stück Schädelknochen – auch nach oben etwa vier Zentimeter blank. Diese eindeutige Verletzung hatte sich der Hirsch vermutlich kurz vor dem Fegen zugezogen. Durch die Verletzung zwischen den Stangen sind am Schädelknochen unter und neben beiden Stangen so genannte Haarbrüche (Fissuren) in der äußeren Schicht des Schädelknochens entstanden. In diesen Fissuren hat sich beim Fegen eine neue Demarkations-Schicht neben und unter der normalen gebildet und zu einem regulären, allerdings großflächigeren Abwerfen geführt. Warum hat sich diese Demarkations-Schicht in den Haarbrüchen, also an falscher Stelle, gebildet?

Unter normalen Umständen heilt ein Bruch über Kallusbildung ab Hier aber stirbt der Geweihknochen darüber sowieso ab und wird – im Normalfall nur im Rosenstock – als totes Gewebe abgestoßen. Dieser Hirsch hat nun die durch den Bruch nicht mehr normal durchbluteten Teile des Schädelknochens dem absterbenden Geweih als „Fremdkörper“ zugeordnet. Abweichend von der genetische Vorgabe wurde die Demarkation (statt Kallusbildung) nach unten verlagert, um die später toten Knochenteile komplett abzustoßen – eine biologisch logische Vereinfachung! Ein Auto-Unfall scheidet auf Grund der Verletzung zwischen den Stangen aus. Ein Brunftkampf wegen der zeitlich gut zuzuordnenden Bastverletzung ebenfalls. Vielleicht war es ein herabstürzender Ast, der von oben in das Geweih schlug und es „leicht“ auseinander gebrochen hat. Wir warteten gespannt auf das Erscheinen des Hirsches im nächsten Jahr.

Er wurde aber nicht be obachtet. Bei einer Ansitz-Drückjagd im Herbst 2001 entdeckte Mitjäger Carsten Klempau in einer Brombeer-Fläche dann ein komplettes, an der Basis vollständig zusammengewachsenes Geweih – den Abwurf aus dem Jahr 2000 unseres „Patienten“! Die Erklärung ist relativ einfach: Die großen, fast oder ganz aneinander stoßenden Wundflächen des ersten Abwerfens konnten nicht – wie normale Demarkationen – schnell genug mit Bast überzogen werden, so dass äußere Reize wie Regen, Kälte, kleine, aus den Bäumen gewaschene Fremdkörper zu einem Entzündungsprozess und damit zur Knochenneubildungen (Kallus) führten, die beide Seiten nun miteinander verbanden.

Zum Schluss verlief alles normal

Nachdem der Bast die Fläche überzogen hatte, lief alles ganz (erstaunlich) normal. Die Gene in den Bast-Zellen gaben wie immer ihre Impulse ab und formten ein Geweih, das den genetischen Vorgaben seines Trägers „fast“ entsprach. Dieses „fast“ beinhaltet eine dritte, für den Rotwildspezialisten sicher sehr auffällige Überraschung: Die völlig verschwundene, ursprünglich besonders markante, lange Eissprosse der linken Stange, auf die auch nicht der kleinste Ansatz mehr hindeutet und für deren Verschwinden es keine Erklärung gibt.

ANZEIGEAboangebot