Hirsch statt Fuchs

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Eigentlich sollte der letzte Dezemberschnee genutzt werden, um Reineke nachzustellen. Doch es kam deutlich dicker. Peter Schmitt

Die linke Stange zeigt keine Schaufel und endet als spitzer Dolch. Fotos: Peter Schmitt

Bereits die erste Nachthälfte hatte ich mir um die Ohren geschlagen. Ein Schneesturm mit waagerecht wehenden Flocken war keine optimale Voraussetzung gewesen. Aber der zunehmende Mond und die Ankündigung, dass die weiße Pracht wahrscheinlich schon am kommenden Tag wieder verschwunden sein würde, hatten mich ins Revier gezogen.

Da die Region, in der das Testrevier liegt, in den vergangenen Monaten von der Staupe gebeutelt wurde, war klar, dass das Unterfangen Fuchsjagd diesen Winter kein leichtes werden würde. Mehrere Rotröcke waren eingegangen gefunden worden. Eine weitaus größerer Zahl dürfte unentdeckt irgendwo verludert sein. Somit war der Ansitz erfolglos geblieben. Lediglich Rehe hatten sich gezeigt.

Noch während der Heimfahrt war der Entschluss gereift, auch die frühen Morgenstunden für die Fuchsjagd zu nutzen. Schließlich war Wochenende. In den wenigen Stunden zwischen den Ansitzen hatte sich der Niederschlag zu strömendem Regen gewandelt. Aber zumindest auf den Wiesen lag noch eine dichte Schneedecke. Ich entschloss mich also für das Grünland am Geiersberg. Von drei Seiten von Wald

umgeben, ist es immer für einen Fuchs gut. Zudem war es an diesem Morgen eine der wenigen Optionen bei der über Nacht gewechselten Windrichtung.

Eigentlich wollte ich bei diesem Wetter auf eine geschlossene Kanzel. Doch auf der Fahrt dorthin sah ich auf dem Schnee neben dem Weg schemenhaft ein Rudel Damwild. Ich hätte die Wiese in einer Spitzkehre umfahren müssen und das Wild sicherlich vergrämt. So fuhr ich einfach weiter, umschlug den Revierteil und setzte mich einige Zeit später notgedrungen auf die offene Leiter an der Geiersbergwiese.

Bereits nach einer Dreiviertelstunde war ich ziemlich durchnässt. Obwohl die beste Zeit noch vor mir lag, sah ich mich schon zurück im warmen Bett. Ein letztes Abglasen. Da

zeigten sich am gegenüberliegenden Waldrand plötzlich erst vier, dann schließlich sechs dunkle Punkte, die gemächlich auf die Wiese zogen. Es war das Damwildrudel.

Sechs Hirsche ästen dort deutlich außer Schussentfernung. Das Licht lies nur sehr grobes Ansprechen zu. Zwei schwache Schmalspießer erkannte ich aufgrund der vermeintlich fehlenden Stirnzier und ihres geringen Gebäudes. Auch zwei körperlich sehr starke Schaufler waren dabei. Aber mit diesen und einem weiteren Hirsch, der sich später als Abschussknieper herausstellen sollte, beschäftigte ich mich bei diesen Sichtverhältnissen nicht genauer. Denn der Sechste im Bunde fiel ins Auge. Spitz von vorn sah ich, dass dessen Stangen unterschiedlich lang waren.

Das Rudel bewegte sich über eine Stunde kaum und äste das freigeschlagene, spärliche Grün. Mittlerweile waren die Geweihmerkmale besser zu erkennen. Ich war mir nun sicher, dass ich einen passenden IIb-Hirsch mit linksseitig fehlender Schaufelbildung vor hatte.

Gerade, als der Entschluss fiel, den Abschusskandidaten zu erlegen, sobald der Trupp näherkommen würde, warfen die Hirsche auf und sicherten unruhig hin und her. Nach und nach setzten sie sich in Bewegung und trollten sich. „Das wars“, dachte ich, als der Leithirsch die Richtung änderte und in den Wald keine 50 Meter unter mir einziehen wollte.

Kurz verringerten die wie an einer Perlenkette anwechselnden Stücke ihr Tempo vor der Wiesen-Wald-Kante. Ich verfolgte den IIb mit dem Absehen und drücke ab. Mein erster mehrjähriger Damhirsch brach im Feuer zusammen.

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