Knochenkult

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Knochenkult

BRAUCHTUM
Länger, schwerer, stärker – über viele Jahrzehnte war das die Hauptsache, wenn es um die Stirnzier der Cerviden ging. Das war allerdings nicht immer so. Prof. Dr. Johannes Dieberger beleuchtet die interessante Geschichte der Jagdtrophäe.

Die Griechen verstanden in der Antike unter „tropaion“ ein Siegeszeichen, das aus Schiffsteilen und Waffen der besiegten Feinde errichtet wurde. Mitunter waren es auch
erlesene Beutestücke, die man den Göttern opferte. Das Wort Trophäe im Zusammenhang
mit dem Waidwerk ist erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bekannt. In der Jagdliteratur fand ich diesen Begriff erstmals 1878 in der Monographie „Edelwild“: Dombrowski meinte, dass der Edelhirsch schon in den Werken der Klassiker „die edelste Trophäe des Waidwerks bildete“. Das Siegeszeichen war hier der ganze Hirsch, nicht nur das Geweih! Und in seinem umfangreichen Tagebuch bezeichnete Thronfolger Franz Ferdinand einen Tiger, den er 1893 in Indien erlegte, als Trophäe. Fritz Skowronnek stellte in seinem Buch „Die Jagd“ von 1901 fest, dass „Geweihe und Gehörne als ehrenvolle
Jagdtrophäen das Jägerheim schmücken“. Hier wurde der Begriff erstmals nach unserem heutigen Verständnis verwendet. Aber 1910, anlässlich der Internationalen Jagdausstellung
in Wien, waren jagdliche Trophäen in der Literatur schon ein gängiger Begriff. Vom Mittelalter bis zum Barock war es Brauch, bei der Parforcejagd den rechten Vorderlauf
des Hirsches dem Jagdherrn als Erinnerungsstück zu übergeben, zu Ende des Barocks wurden alle vier Läufe den vornehmen Jagdgästen überreicht.

Im Barock hatten die adeligen Jagdherren besonders starke oder kuriose Gehörne und Geweihe gesammelt, wobei es völlig gleichgültig war, wer diese Stücke erlegt hatte. Sonstige Geweihe wurden zur Dekoration an die Wände der Schlösser gehängt.
Perückenböcke, anders gefärbte oder gefleckte Wildtiere, die man noch nicht präparieren konnte, hat man in Form von Gemälden und Stichen aufbewahrt. Weniger dekorative Geweihe wurden zu Lüstern, Möbeln und anderen Gebrauchsgegenständen verarbeitet. Im 19. Jahrhundert sammelten viele Liebhaber, die keine Jäger waren, Geweihe und Gehörne.

Nach der Revolution von 1848 konnten auch Bauern und Bürgerliche zu Jagdherrn werden. Für die Adeligen war das Waidwerk weiterhin ein kultivierter Zeitvertreib, vorwiegend ein gesellschaftliches Ereignis. Die Bürger hatten Freude an der Jagd, sie schätzten auch einen entsprechenden Ertrag an Wildbret. Auch die Bauern jagten „für den Suppentopf“, das Interesse galt aber auch der Reduktion des Wildes, bevor dieses die landwirtschaftlichen Kulturen schädigte. Ganz anders waren die Vorlieben der vermögenden
Bürger, der großen Handelsherren, der Industriellen und der Bankiers. Diese neureichen Jagdherren wollten mit der Gesellschaftsschicht der Adeligen gleichziehen. Sie wohnten in Mini-Schlössern, in Villen mit Zinnen und Türmchen, hatten Hauspersonal und ein Jagdrevier. Adelige erkannte man an ihrem klingenden Namen, die vermögenden Jagdherren wollten nun mit Geweihen, Gehörnen, präparierten Wildtieren und jagdlichen Gemälden ihre Würde und Größe erkennbar machen. Erste Schaustellungen von Siegeszeichen dieser Waidmänner soll es ab 1850 gegeben haben. 1880 und 1882 fanden in Graz sogenannte Geweihkonkurrenzausstellungen statt. Es folgten ähnliche Veranstaltungen 1886 in Hartberg, 1887 in Leoben und 1890 wieder in Graz. Dabei wurden die besten Geweihe prämiert. 1880 kam in Budapest erstmals eine Bewertungsformel zum Einsatz. 1888 erfolgten neuerlich Vermessungen. Graf Meran erarbeitete eine Formel
für Schönheitszuschläge, die man ab 1894 verwendete. Etwa gleichzeitig entwickelte die englische Firma Rowland Ward Geweihformeln, um den Handelswert von Geweihen
objektiv zu erfassen. Die hochadeligen Jäger in Österreich hatten an solchen Bewertungen vorerst kaum Interesse, sie schätzten eher große Strecken. Das sieht man auch an den relativ bescheidenen Trophäen von Kaiser Franz Joseph, die 1910 bei der Internationalen
Jagdausstellung in Wien zu sehen waren. Der Kaiser und sein Thronfolger lehnten die Bewertung ihrer Trophäen zeitlebens ab. Dagegen hatte der Geldadel großes Interesse an der Bewertung seiner „Siegeszeichen“. Daher begann dieser gegen Ende des 19. Jahrhunderts, kapitales Wild zu produzieren.
Man hatte gelernt, dass mit Investitionen und neuen Techniken die Wirtschaft und der Gewinn gesteigert werden konnten. Warum sollte das nicht auch beim Wild funktionieren? Die Gier nach starken Trophäen und die Trophäenbewertung waren also Auswüchse der bürgerlichen Jagdkultur. Die Folge dieser Entwicklung waren nun besondere Hegebemühungen. Von Wildökologie, Physiologie und Genetik verstanden die Jagdherren damals genauso wenig wie die Fachbuchautoren und sonstige Spezialisten. Daher orientierte man sich an landwirtschaftlichen Methoden: Fütterung des Wildes, „Blutauffrischungen“ und Exotenansiedlungen, Bekämpfung statt Bejagung des Raubwildes, Wahlabschuss vor Zahlabschuss. Nun entfernte sich die Jagd von der aneignenden Nutzung in Richtung Produktion und Domestikation von Wild.

Schon vor der Wende zum 20. Jahrhundert begann der englische Privatier Walter Winans in seinem großflächigen Surrenden Park, Rotwild mit Wapiti, Altai und Hangul zu kreuzen, um Hirsche mit kapitalen Geweihen nach seiner Vorstellung zu produzieren. Auch Ivan Draskovich setzte vor dem Zweiten Weltkrieg auf die Einkreuzung von Fremdblut. Beide Züchter erreichten beachtliche Trophäen, aber in späteren Generationen waren die Geweihe oft geringer als die der Stammeltern. Der Chemiker Franz Vogt führte in den 1930er-Jahren in einem Gatter nahe der böhmisch-sächsischen Grenze Fütterungsversuche mit Rotwild nach wissenschaftlichen Methoden durch. Er erreichte kapitale Geweihe und konnte damit nachweisen, dass eine Auslese durch Wahlabschüsse unnötig ist. Diese Ergebnisse wurden von den meisten Jägern falsch interpretiert, denn sie setzten auf Fütterungen anstelle eines angepassten, geringeren Wildbestandes.
Bis zum Ende des österreichischen Kaiserreiches gingen Wildstücke, die im k. & k. Lainzer Tiergarten bei Wien erlegt wurden, meist mitsamt den Gehörnen und Geweihen an den Wildbrethandel. Wenn deutsche Jagdgäste des Kaisers oder des Thronfolgers aber Trophäen ihrer Beutetiere mitnahmen, machte sich das Jagdpersonal darüber lustig. Die erste Geweihausstellung in Berlin fand auf Initiative des Deutschen Kaisers Wilhelm II. erst 1895 statt. 1910 wandte man in Wien erstmals die Nadler-Formel zur Geweihbewertung an. Im Dritten Reich wurden Trophäenschauen und Wildhege gesetzlich verankert. Reichsjägermeister Göring ging mit schlechtem Beispiel voran, denn er nutzte ständig seine Machtposition, um möglichst viele kapitale Hirsche zu erlegen. Anlässlich einer Pelztier- und Jagdausstellung entwickelte man 1937 die sogenannte Prager Formel. Bei der II. Internationalen Jagdausstellung im selben Jahr in Berlin wurden circa 10 000 Trophäen
nach dieser Formel bewertet.

Im November 1938 brachte das Amt des Reichsjägermeisters eine Deutsche Einheitsformel
für Jagdtrophäen heraus, die für das ganze Reich verbindlich war. Die Jäger waren damit nicht zufrieden, daher wurde diese nur bei Pflichttrophäenschauen angewandt. 1941 kam noch die Biegerformel für Rehwild dazu. Nach dem Krieg gab es große Trophäenausstellungen 1949 in Graz, 1951 in Hannover und 1954 in Düsseldorf. Schließlich
kamen die Formeln des CIC, anhand derer auch noch heute Trophäen ausgepunktet werden. Dazu wurde 1971 in Budapest eine ständige Kommission eingerichtet, die in begründeten Fällen die Bewertungsformeln jederzeit abändern kann.

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