Rätselhafte Zahlen

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Wenn im April das frische Grün das Rehwild wieder aus dem Wald lockt, dann packt die Redaktion Gläser und Stifte, um Notizen über den Bestand zu machen. Doch dieses Mal war
alles etwas anders.
Heiko Hornung

stück rehwild
Foto: Richard Günzel

Es schien alles perfekt. Kurz vor Ostern kletterte das Thermometer auf über 20 Grad. Der Frühling explodierte förmlich. Sonniges, ruhiges Wetter und ein leichter Ostwind versprachen beste Bedingungen für unsere alljährliche Rehwildzählung. Seit Jahren besetzen wir dazu an einem Abend und einem Morgen die aussichtsreichsten Plätze im Revier und notieren dort den Anblick. Uns ist vollkommen klar, dass sich Rehe nur schwer zählen lassen. Dennoch liefern diese Ansitze in der Summe interessante Einblicke, beispielsweise über den Zustand der Jährlinge, oder die Bestätigung manch eines interessanten mehrjährigen Bockes, der sich in den Folgemonaten wieder rar macht.
Auch nutzen wir die Zahl des tatsächlich beobachteten Rehwildes, um einen Anhaltspunkt für den Abschussplan zu haben. Bislang sind wir damit gut gefahren. Im Schnitt zählten wir in den vergangenen zehn Jahren zwischen 70 und 80 Stück Rehwild. Ein Abschuss zwischen 40 und 50 Stück Rehwild war nachhaltig möglich. Die durchschnittlichen Jährlingsgewichte als Gradmesser für eine angemessene Bestandshöhe sind mit 13,5 Kilogramm im vergangenen Jahr gut. Wir waren guter Dinge, als wir mit 13 Kolleginnen und Kollegen loszogen, rieben uns aber am Ende der beiden Zählansitze verwundert die Augen: Trotz bester Bedingungen hatten wir nur 50 Stück in Anblick. über 54 Prozent waren Böcke. Nur einmal hatten wir in den vergangenen zehn Jahren ein schlechteres Ergebnis: 2014 mit nur 47 Stück. Doch damals war es kalt, regnerisch, und es pfiff ein kalter Wind aus Norden. Diesmal hatten wir bestes Wetter. Bei einem Frühstück nach dem Morgenansitz spekulierten wir über mögliche Ursachen. Für die einen war es der österliche Vollmond, der die Aktivität des Wildes in die Nacht verlagert habe. In der Tat traten etwas mehr als 30 Prozent der Sichtungen so spät aus, dass sie zwar noch als Rehe angesprochen, aber nicht mehr genau klassifiziert werden konnten.
Für einige andere stand fest, dass starke Veränderungen im Revier das Wild unstet gemacht haben. Zum einen hatten wir im Winter und in den vergangenen Wochen große Unruhe in den Einständen, weil überall eifrig und eilig Käferholz aufgearbeitet wurde. Zum anderen wurden sehr viele Waldränder zurückgenommen und beschnitten. Diese plötzliche Offenheit gefällt dem Schlüpfertyp Reh nicht. Zudem hatten wir einige große Wiesen, auf denen Schwarzwildschäden repariert worden waren und auf denen die Sauen danach sofort wieder brechen wollten, vorübergehend verstänkert, was dem Rehwild ebenfalls in den Windfang gestiegen sein dürfte.

Foto: Arndt Bünting
Foto: Peter Schmitt

Rar war auch der Anblick von Damwild. Nur zwei Spießer bummelten durchs Revier. Zweimal kruscherten beim Morgenansitz Sauen im Unterholz, ohne sich zu zeigen. Sie bleiben bei uns der unberechenbare Faktor. Und obwohl wir mit Falle und Flinte hart hinter dem Raubwild her sind, kamen drei Füchse und ein Marder vor. Erfreulich war die Zahl von 28 Hasen. Zusammen mit den Ergebnissen unserer Schweinwerfertaxation bestätigte sich,
dass es mit Lampe leicht aufwärts geht. Einige Zähler hatten auch die vorkommenden Vögel kartiert. 26 verschiedene Arten wurden notiert, darunter Raritäten, wie Kernbeißer oder Heckenbraunelle. An einigen Stellen puizten die Schnepfen an den Waldrändern und weckten Erinnerungen daran, wie vielfältig das Waidwerk einmal war, als der Jäger mit dem Vorstehhund an der Seite auf dem abendlichen Anstand noch dem Vogel mit dem langen Gesicht entgegenfieberte und dabei in vollen Zügen den Frühling einsog. Auch wenn die Frühjahrsschnepfe nicht mehr jagdbar ist, leuchteten die Augen der Kollegen, als sie von ihren Beobachtungen erzählten. Man sah deutlich, dass der Aufgang der Bockjagd nicht mehr fern ist.

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