Schmalspießer oder schmale Lippen

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Foto: Claas Nowak

ROT- UND DAMWILD
Die Jagd auf Schmalspießer im Mai ist eine sensible Angelegenheit. Peter Schmitt zeigt, welche Tücken beim Ansprechen lauern und auf was Sie bei der Jagd achten sollten. Peter Schmitt

Mai-Hirsche: Die drei älteren links sind leicht an den breiten Rosenstöcken oder geschobenen Augsprossen zu erkennen. Der blanke Spießer rechts ist vom zweiten Kopf, nur der Hirsch rechts im Hintergrund ist ein passender Schmalspießer. Foto: Frank Eckler

Schmalspießer im Mai von älteren Artgenossen zu unterscheiden, ist eigentlich nicht schwer – wenn man einen gewaltigen Haken kennt. Hirsche ab dem dritten Kopf wirken massiger, großrahmiger und haben entweder eine klar zu erkennende, dunkle „Platte“ auf den vergleichsweise breiten Rosenstöcken oder schon mit dem Schieben der Stangen  begonnen. Der Ansatz der Augsprossen ist dann leicht zu erkennen. In dieser  Wachstumsphase können die Wulste eigentlich nicht mit denen von Schmalspießern verwechselt werden, die keine Augsprossen schieben. Aber: Im Mai gibt es zwei  Altersklassen von Spießern – den Schmalspießer und den Spießer vom zweiten Kopf, der seit dem ersten April kein Schmalsstück mehr ist. Der Zweite-Kopf-Spießer ist im Mai immer blank. Er trägt noch die Stangen des Vorjahres, die er meist erst im Juni abwirft. Der Schmalspießer hingegen fing bereits als Hirschkalb Ende Februar oder März mit dem Schieben der Spieße an. Diese sind im Mai allerdings immer noch im Bast, werden in der Regel ab Juni gefegt. Merke: Dort, wo Damschmalspießer eine Mai-Jagdzeit haben, ist nur der im Bast jagdbar. Der blanke ist zu dieser Jahreszeit tabu!

Ein schwacher Abschuss-Spießer – aber nicht im Mai. Es handelt sich um einen Zweiten-Kopf-Hirsch mit der Stirnzier des Vorjahres.
Der passt: Schmalspießer im Mai sind im Bast, haben lange, dünne Rosenstöcke, einen jugendlichen Körperbau und keinen Ansatz zu Augsprossen.

Die Bastspieße des Rotschmalspießers können je nach Veranlagung der Stücke im späten Frühjahr unterschiedlich ausgebildet sein. Schwächere Individuen, die mit dem Schieben noch nicht begonnen haben, zeigen nur die Rosenstöcke, die mit Decke überwachsen
sind. Stärkere Exemplare können schon ein paar Zentimeter der eigentlichen Stangen geschoben haben. Die sind mit hellen, im Vergleich zu den Rosenstöcken langen Haaren bewachsen, am Ende stets abgerundet und erscheinen kugelförmig. Wie beim Damwild ist die Verwechslungsgefahr mit dem Zweiten-Kopf- Hirsch am größten. Jedoch lässt sich
dieser beim Rotwild im Mai nur durch genaues Beobachten, Übung und Erfahrung
vom Schmalspießer unterscheiden. Denn sein körperliches Erscheinungsbild kann dem eines starken Schmalstückes sehr ähnlich sein. Zudem hat er seine Vorjahresspieße
schon abgeworfen, beginnt aber erst Ende Mai oder im Juni mit dem Schieben der neuen Stangen. In der Zwischenzeit erscheinen die behaarten Rosenstöcke wie Spieße. Das einzige Unterscheidungsmerkmal: Die Rosenstöcke sind flach, während die des Schmalspießers oder dessen Baststängchen immer abgerundet sind. Am besten lassen sich die flachen an der Oberseite unbehaarten Rosenstöcke des Zweiten-Kopf-Hirsches beim Äsen, also bei der Draufsicht, erkennen. Ein Spektiv leistet dabei gute Dienste.

In Hegeringen, in denen eine Selektion der Schmalspießer über die Stangenhöhe reglementiert wird, ist der Abschuss im Mai nicht wirklich zielführend – in Bezug auf dieses Abschusskriterium. Das Stangenwachstum ist dann noch lange nicht abgeschlossen, und die Höhe beziehungsweise die Ausformung (Hochgabler beim Rotwild) noch nicht einschätzbar. Da Landesgesetzgebung durch Hegering-Freigaben nicht eingeschränkt werden darf, hilft hier nur eine Absprache aller Beteiligten bezüglich eines Verzichts der Schmalspießerbejagung im Mai. Oder es sollte sich generell an anderen Kriterien, wie Körperstärke und Verfassung der Stücke, orientiert werden.

Wer den Finger krumm macht, muss wissen, auf welches Stück er schießt – egal bei welcher Wildart und zu welcher Jahreszeit. Jedoch ist eingenaues Ansprechen und eine sauber angetragene Kugel nicht alles. Gerade bei der Jagd auf Schmalstücke von Rot- und Damwild im Frühsommer muss vor jedem Schuss bedacht werden, ob die Situation dafür auch wirklich geeignet ist.
. Der Äsungs- und Ruhebedarf tragender oder führender Alttiere vor dem Setzen ist beträchtlich. Schließlich äst das zukünftige Elterntier „für zwei“ und muss die Äsungsdefizite des vergangenen Winters ausgleichen. Um deren Verhalten und die Entwicklung der Kälber nicht negativ zu beeinflussen, sollte im Mai hauptsächlich in der Peripherie der Kernzonen und an Schäl- oder Verbissschwerpunkten auf Schmalstücke gejagt werden. Abschüsse im Bereich bekannter Kälberstuben sowie Ruhe- und Äsungsbereichen sollten zwingend vermieden werden – egal, wie hoch der Abschussplan ist.
. Der Schuss auf Schmalstücke in Rudeln muss unterbleiben, um das Wild nicht frühzeitig im Jagdjahr mit der Gefahr Mensch in Verbindung zu bringen, unnötige Schäl- und Verbissschäden zu vermeiden und um für die spätere Jagdzeit vertrauteres und bei Büchsenlicht austretende Stücke zu „erziehen“ – besonders, wenn tragende oder führende Alttiere darunter sind. Wirklich Sinn ergibt der Schuss nur auf einzeln ziehende Schmalspießer oder -tiere, die dann besonders sorgfältig angesprochen werden müssen. Einzige Ausnahme: stark verbiss- oder schälgefährdete Bereiche wie Anpflanzungen, von denen das Wild durch negative Erfahrung dauerhaft ferngehalten werden soll.

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