Schneeschuhe und Schalen

1846
Tourismus und Wild

EINFLUSS VON FREIZEITDRUCK

Der Sport in den Bergen boomt. Oft hat das Wild das Nachsehen. Wie genau sich das auswirkt und welche Maßnahmen helfen, wurde im Projekt „Tourismus und Wild“ der Universität Bern erforscht. Am Beispiel des Gamswildes geht Prof. Dr. Paul Ingold auf die wichtigsten Erkenntnisse ein.

Schneeschuhwandern, Tourenskifahren, Freeriden, Wandern, Mountainbiken, Pilzesuchen, Klettern, Canyoning, Fliegen mit Hängegleitern und Segelflugzeugen – von all diesen menschlichen Freizeitaktivitäten kann das Gamswild das ganze Jahr über betroffen sein. Grundsätzlich gilt: Nähern sich Bergsportler einer Gämse, wird sie plötzlich aufwerfen und bei weiterer Annäherung flüchten und damit ausweichen. Die Distanz zwischen ihr und Mensch im Augenblick der Erstreaktion bezeichnen wir als Reaktionsdistanz, jene bei Fluchtbeginn als Fluchtdistanz. Das ist ein Maß für die Empfindlichkeit gegenüber Freizeitaktivitäten beziehungsweise für deren Wirkung.

Wie reagiert das Wild bei Störungen?

Der Charakter der Freizeitaktivitäten, das Verhalten des Wildes, deren Lebensraum sowie jahreszeitliche Unterschiede beeinflussen die Reaktion. Besonders wichtig ist es zu wissen, wie sich die einzelnen Aktivitäten auswirken, da bei diesem Aspekt Schutzmaßnahmen ansetzen müssen. Gegenüber Aktivitäten im Gelände reagieren Gämsen deutlich empfindlicher als bei solchen auf Straßen, Wegen, Routen oder Loipen.

Je länger Flugbetrieb auf der Allmenalp (Kandersteg) herrschte, desto länger hielten sich die Gämsen im Bergwald auf. Entsprechend weniger konnten sie die attraktive offene Almfläche nutzen.

So waren in einem Experiment die Fluchtdistanzen bei einer Person, die sich dem Wild im offenen Gelände näherte, wesentlich größer als am selben Ort bei einer Person auf dem Wanderweg (Mittel der Fluchtdistanz: 170 Meter (m) gegenüber 103 m; Zeller 1991). Ein weiterer Befund ist: Aktivitäten oberhalb des Gamswildes beeinflussen es stärker als solche unterhalb von ihm. Das gilt auch für Luftfahrzeuge. Am Augstmatthorn im Berner Oberland mit seinen offenen Grashängen lagen die Fluchtdistanzen beim Überflug eines Gleitschirms im Mittel (Median) bei fast 600 m, bei einem Passierflug deutlich unter 300 m(Schnidrig-Petrig & ingold 2001). Was oberhalb der Tiere geschieht, ist für diese offenbar besonders bedrohlich. Zudem fanden wir heraus, dass Gämsen oft sehr empfindlich auf Hunde reagieren, selbst wenn diese angeleint sind. Nicht selten jagt ein frei laufender Hund dem Wild nach. Solch negative Erfahrungen wirken sich auf das künftige Verhalten aus. Auch auf laute Stimmen oder gar Lärm (Rufen, Johlen) reagieren Gämsen meist sehr empfindlich mit großen Fluchtdistanzen.

Können sich die Gämsen an die Aktivitäten gewöhnen?

Gewöhnen bedeutet Abnahme der Reaktion gegenüber bestimmten Objekten aufgrund von Erfahrung. Das setzt voraus, dass jene Objekte regelmäßig auftreten, zum Beispiel auf einem Weg. Wenn im erwähnten Experiment der Median der Fluchtdistanz gegenüber einer Person auf dem Wanderweg 103 m betrug, am selben Ort gegenüber einer Person im Gelände 170 m, so haben sich die Gämsen offensichtlich teils an Menschen auf dem Weg gewöhnt. Freizeitaktivitäten treten aber räumlich und zeitlich oft unregelmäßigund in unterschiedlicher Art und Weise auf. Das sind schlechte Bedingungen für Gewöhnung. Im Gegenteil: Das Wild kann sogar scheuer werden.

Unter welchen Bedingungen verliert Gamswild Lebensraum?

Als weitere Folgen kommen infrage: Die Überlebensfähigkeit und der Fortpflanzungserfolg verringern sich, und Lebensraum geht verloren – mit möglichen negativen Auswirkungen auf den Bestand in einem Gebiet. Wir beschränken uns hier auf den Aspekt des Lebensraumverlusts.

Beidseits von Infrastruktur, wie Wege und Routen, gibt es eine Zone, die Gämsen bei Betrieb nicht nutzen können. Das ist in der Regel kein Problem. Bei einem dichten Netz solcher Infrastruktur können die Räume dazwischen jedoch zu klein sein, als dass sich das Wild darin aufhalten könnte. Das bedeutet einen vorübergehenden oder auch andauernden Verlust an Lebensraum. Am Männlichen bei Wengen nutzten weibliche Gämsen ein bestimmtes Gebiet nur im Winter, wenn die Wanderwege gesperrt waren. Im Sommer, wenn sie begangen wurden, hielten sich die Geißen in benachbarten Abschnitten auf. Wegen des dichten Wegenetzes wären sie nirgends unbehelligt geblieben und mieden daher das Gebiet. Die weniger scheuen Böcke hingegen nutzten es das ganze Jahr.

Wenn sich Gämsen im Offenen oberhalb des Gebirgswaldes aufhalten, flüchten sie beim Auftauchen eines Hängegleiters vielfach in den Wald. Auf der Allmenalp blieben sie dort, so lange Betrieb herrschte, oft fast den ganzen Tag. Sie nutzten in der Folge die attraktiven Weiden weit weniger. Dabei hatte nach dem Beginn des Flugbetriebes ein wesentlicher Teil der Gämsen das Gebiet offenbar bereits ganz verlassen. Ähnliches stellten wir auch in anderen Gebieten fest (ingold 2005). Gesagt sei aber auch: Es gibt durchaus Bedingungen, unter denen Gämsen mit Flugbetrieb zurechtkommen.

Wie unterscheidet sich das Einflusspotenzial der verschiedenen Aktivitäten?

 

Es gibt einen grundlegenden Unterschied hinsichtlich der Freizeitaktivitäten im Gelände im Vergleich zu jenen, die „kanalisiert“ auftreten. Abseits kann jede Person, jedes Fahrzeug eine Wirkung haben. Demgegenüber kann sich das Wild bei „kanalisiertem“ Betrieb in Freiräume verziehen und bleibt weitgehend unbehelligt. Der Lebensraumverlust durch wenige Menschen oder Fahrzeuge im oder über dem Gelände (Luftfahrzeuge oder Sportarten abseits von Pisten, Loipen,

Auf der Lombachalp im Berner Oberland sensibilisiert ein Ranger die Bergsportler durch Führungen für die Belange des Wildes.

Wegen) kann damit ein Vielfaches des Verlustes durch intensiven, aber „kanalisierten“ Betrieb ausmachen. Bei Letzterem ist die Dichte des Infrastrukturnetzes entscheidend. Eine große Dichte kann einen ähnlich starken Einfluss wie Abseitsbetrieb haben.

Welche Maßnahmen könnten das Wild schützen?

Schutzmaßnahmen sollen dem Wild ermöglichen, ihren bevorzugten Lebensraum möglichst unbehelligt zu nutzen. Wichtige Maßnahmen können sein:
• Wildruhezonen schaffen, also Gebiete, die ganzjährig oder zeitlich limitiert nicht begangen, befahren oder überflogen werden dürfen
• durch das Verlegen oder Aufheben eines Weges, einer Route oder Loipe, genügend große, ruhige Räume schaffen
• Lenken des Betriebes durch Anbieten von „wildtiergerecht“ angelegten Wegen, markierten Routen oder Loipen (zum Beispiel unter statt oberhalb eines guten Einstandsgebietes) sowie von Infrastruktur wie etwa Rastplätzen an Orten, die aus Sicht des Wildes unbedenklich sind
• Regeln propagieren oder entsprechende Gebote erlassen, wie etwa: Wege und Routen einhalten, Hunde an der Leine führen, keinen Lärm machen.

An berechenbare Objekte, wie Seilbahnen oder Menschen auf einem Winterwanderweg, können sich Gämsen weitgehend gewöhnen. Verlassen aber etwa Skitourengeher zur Abfahrt markierte Routen, beginnen die Probleme: Das Wild wird verdrängt.

Schutzbeispiele in der Schweiz zeigen die möglichen Erfolge: Die Luftfahrt ist in der Schweiz Sache des Bundes. Ausgehend von den Erkenntnissen aus unserem Forschungsprojekt ist der Schutz des Wildes in der Verordnung über die Infrastruktur der Luftfahrt in einem speziellen Artikel unter „Berücksichtigung des Naturschutzes“ geregelt. Das Hauptgewicht liegt auf freiwilligen Vereinbarungen mit Luftfahrtorganisationen. Schutz vor Aktivitäten am Boden: Viele Bergkantone und -gemeinden haben zeitlich befristete (etwa im Winter) Wildruhezonen eingerichtet.

In Gebieten, die für das Wild besonders wertvoll sind, kann ein umfassendes Schutzkonzept nötig sein. Auf der Lombachalp gibt es ein breit angelegtes Informations- und Lenkungskonzept, das als wesentliches Element große Wildruhezonen beinhaltet, wobei Wege und Routen vom 1. Dezember bis 7. August (das heißt, bis die jungen Raufußhühner gut fliegen können) nicht verlassen werden dürfen. Weiter enthält es markierte Schneeschuhrouten und Winterwanderwege. Ein Ranger informiert, kontrolliert und bietet Führungen an. Der Boom der Freizeitaktivitäten hält unvermindert an. Immer mehr Aktivitäten werden abseits von Wegen, Routen und Pisten ausgeübt. Die stark anwachsende Zahl von Menschen, welche sich in der Natur betätigen, und die zunehmende touristische Infrastruktur nehmen immer mehr Lebensraum in Beschlag. Die Konflikte mit Gämsen und anderen Arten werden noch zunehmen, wenn nicht verstärkt Rücksicht genommen wird. Es könnte ein Maß erreicht werden, bei dem Wildtiere Teile ihres bisherigen Lebensraums verlassen. Verhindern, dass dies geschieht, wird ein Schlüssel zur Erhaltung der Bestände sein. Alle, die sich in der freien Natur bewegen, sind aufgefordert, ihren Beitrag durch eine entsprechende Rücksichtnahme zu leisten.

ANZEIGEAboangebot