Schwarzwildbewirtschaftung in der Agrarlandschaft

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Strecke rauf, Schaden runter
Seit 2008 untersucht der Deutsche Jagdschutzverband (DJV), wie Wildschäden minimiert und der Schwarzwildbestand nachhaltig gesenkt werden können. CHRISTIAN SCHÄTZE sah sich eins der sechs Modellreviere einmal genauer an.

Schwarzwildbewirtschaftung

Die Landwirtschaft hat sich in den vergangenen Jahren auch in Niedersachsen stark verändert und dadurch für große Probleme bei der Schwarzwildbejagung gesorgt. Vor allem
dem Anbau der Energiepflanze Mais ist es „zu verdanken“, dass sowohl der Schwarzwildbestand als auch die Wildschäden weiter steigen. Eine Verbesserung der Situation ist in Anbetracht der Förderung „nachwachsender Rohstoffe“ und der wie Pilze aus
dem Boden sprießenden Biogasanlagen nicht in Sicht. In den südlich von Lüneburg
gelegenen Testrevieren Allenbostel und Tellmer (Kreis Uelzen) ist das nicht anders. Neben Kartoffeln, Roggen und Gerste wird auch hier reichlich Mais für zwei Anlagen mit 200 beziehungsweise 500 Kilowatt angebaut. Die Schlaggrößen sind in den Modellrevieren
mit fünf bis zehn Hektar zwar vergleichsweise gering, betragen in der Summe dennoch 400 Hektar. Viele Flächen berühren den Süsing, ein Gebiet, das von ausgedehnten Nadel- und Buchenwäldern und einem hohen Schwarzwildbestand gekennzeichnet ist. Die Reviere gehören zum 55 000 Hektar großen Hochwildring Süsing, in dem im vergangenen Jagdjahr 2 500 Stück Schwarzwild zur Strecke kamen. Das entspricht einem Durchschnitt von 4,5 Sauen pro 100 Hektar Jagdfläche und verdeutlicht, wie hoch der Druck auf die landwirtschaftlichen Kulturen ist. Am größten sind Wildschäden bekanntermaßen auf Äckern, die an Waldgebiete angrenzen oder von ihnen umschlossen werden. Auch Conrad Schulte, seines Zeichens Landwirt, Mitbetreiber einer Biogasanlage und Pächter des
Reviers Allenbostel bewirtschaftet so ein Feld. Der Maisschlag ist gut 5,5 Hektar groß und völlig von Wald umschlossen. Die Einstände sind nah und das Fraßangebot verlockend.
„Ohne Elektrozaun geht hier gar nichts“, sagt Schulte und zeigt auf das verblendete Weidegerät. Dabei handelt es sich um ein „hotShock A 50“ mit einer maximalen Zaunspannung von 12 000 Volt und einer Impulsenergie von drei Joule. Ursprünglich wurde es für die Schaf- und Geflügelhaltung entwickelt, leistet aber auch bei der Wildabwehr gute Dienste. Geerdet wird das Gerät durch zwei Metallstäbe, die 50  Zentimeter tief in den Boden eingeschlagen wurden. Zweimal wöchentlich kontrolliert
Schulte die Elektrolitze und sieht nach, ob Äste oder umgekippte Maispflanzen den Stromfluss behindern. Unkraut hält er mit Herbiziden in Schach. Die Kontrollgänge
nutzt der ehemalige Hegeringleiter zum Abfährten, denn hin und wieder kommt es vor, dass trotz intakter Anlage Schwarzwild den Zaun durchbricht. Vor allem Frischlinge und Überläufer seien diesbezüglich recht „wesensfest“. Während die einjährigen Stücke meistens länger im Schlag bleiben, folgen die Frischlinge recht schnell der draußen gebliebenen Bache und stellen keine allzu große Gefahr für den Maisschlag dar.
Doch keine Regel ohne Ausnahme: Einige Bachen scheinen das Spiel zu kennen und rauschen einfach durch die Litze, ein paar Quieker, und die Rotte ist im Feld. Verantwortlich macht der Landwirt dafür die Taktung der Weidezaungeräte. Denn 1,5 bis 2 Sekunden zwischen den einzelnen Stromschlägen sind eine lange Zeit. Inzwischen gibt es jedoch Geräte, die einen zusätzlichen Impuls aussenden sobald die Litze berührt wird.

Um festzustellen, ob sich trotz Elektrozaun Schwarzwild im Mais befindet, wurde innerhalb des Feldes ein drei Meter breiter Ringweg freigelassen – die so genannte Abspürbahn. Dadurch geht zwar Anbaufläche verloren, doch bei stark gefährdeten Flächen rechnet sich
die Sache trotzdem. „Wie soll man sonst mitbekommen, ob sich nicht doch eine Rotte eingeschoben hat?“, fragt Schulte. Erst kürzlich sei er beim Abfährten der Spürbahn auf zwei frische Überläuferfährten gestoßen. Daraufhin habe er den Mais umschlagen und kurz darauf die beiden Schwarzkittel erlegt. Das klappe natürlich nicht immer so gut, betont der
Waidmann, doch ohne Spürbahn noch viel seltener. Für alle Fälle steht eine leichte Leiter in der Nähe, die schnell umgestellt werden kann, wenn Wild im Schlag steckt. Der Strom wird dabei vor dem Ansitz abgestellt, damit nach einem Abschuss der Rest der Rotte  ungehindert den Schlag verlassen kann. Ein paar hundert Meter weiter wurde an der Feld-Wald-Kante ein Elektrozaun gezogen, Verstänkerungsmittel und Menschenhaar ausgebracht. „Solche Vergrämungsmaßnahmen lösen das Wildschadensproblem allerdings nicht wirklich“, weiß Projektleiter Leppmann vom Deutschen Jagdschutzverband. „Sie verlagern es nur!“ Große Hoffnung setzen die Verantwortlichen daher in neue ackerbauliche Methoden, beispielsweise in Bejagungsschneisen. „Die schmälern zwar die Ernte und bedeuten zusätzliche Arbeit“, sagt DJV-Geschäftsführer Leppmann. „Doch sie sind neben Maisdrücken und Erntejagd oft die einzige Möglichkeit, in den Feldern Strecke zu machen.“
Damit die finanziellen Verluste nicht zu umgestellt werden kann, wenn Wild im Schlag steckt. Der Strom wird dabei vor dem Ansitz abgestellt, damit nach einem Abschuss der Rest der Rotte ungehindert den Schlag verlassen kann. Ein paar hundert Meter weiter wurde an der Feld-Wald-Kante ein Elektrozaun gezogen, Verstänkerungsmittel und
Menschenhaar ausgebracht. „Solche Vergrämungsmaßnahmen lösen das  Wildschadensproblem allerdings nicht wirklich“, weiß Projektleiter Leppmann vom
Deutschen Jagdschutzverband. „Sie verlagern es nur!“ Große Hoffnung setzen die Verantwortlichen daher in neue ackerbauliche Methoden, beispielsweise in Bejagungsschneisen. „Die schmälern zwar die Ernte und bedeuten zusätzliche Arbeit“, sagt
DJV-Geschäftsführer Leppmann. „Doch sie sind neben Maisdrücken und Erntejagd oft die einzige Möglichkeit, in den Feldern Strecke zu machen.“ Damit die finanziellen Verluste nicht zu.

Mit Revierleiter Claus-Wilhelm Wolle wurde ein Partner gefunden, der das Projekt so gut es geht unterstützt. Um die Rotten im Wald zu halten, wurden dutzende Wildwiesen und -äcker mit Klee und Klee-Gras-Mischungen bestellt. Inzwischen sind die Schwarzkittel sogar
tag aktiv und können beim „Äsen“ beobachtet werden. Auch wenn die größte Ablenkfläche im Forst zwölf Hektar misst, sind es gerade die kleinen, oft nur einen halben Hektar großen „Handtücher“, die die Sauen im Wald halten. Projektleiter Leppmann weiß, dass die
Verhältnisse im niedersächsischen Versuchsgebiet nicht ohne weiteres auf andere Reviere in Deutschland übertragbar sind. Doch machen die ersten Ergebnisse Hoffnung, dass sich in Sachen Schwarzwildbejagung in der Agrarlandschaft in Zukunft einiges ändern könnte. Vor
allem beim Miteinander von Jägern, Landwirten und der Forstpartie gibt es regional noch zu große Differenzen. Wenn diese überwunden werden und sich die neuen Bejagungs- und Ackerbaumethoden durchsetzen, könnte es in Sachen „Wildschadensverhütung“ in
Deutschland schon bald viel freundlicher aussehen.

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