Stadtsau versus Landei

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EINFLUSS VON LEBENSRÄUMEN
Schwarzwild gibt es überall – auf dem Land und in der Stadt. Ob sich die unterschiedlichen Habitate im Verhalten der Stücke widerspiegeln, war bisher aber noch unerforscht. Ein Team von Wildbiologen untersuchte das nun in Polen. Dr. Leif Sönnichsen und Dr. Tomasz Podgórski stellen die Ergebnisse vor.

Die Vielfalt und Anzahl von Wild in Städten hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. Dabei unterscheiden sich deren Lebensbedingungen, insbesondere in großen Städten, sehr von denen in natürlicher Umgebung. Dennoch haben es viele Arten erfolgreich geschafft sich anzupassen, sodass sie in den Städten überleben, genügend Nahrung finden und sich fortpflanzen können. Dass dies vor allem dem Schwarzwild nur zu gut gelingt, haben zahlreiche verhaltensökologische Studien bereits gezeigt. Allerdings existierten bis jetzt keine Arbeiten, die das Raumnutzungsverhalten sowie die Aktivität von „Stadt-“ und „Landsauen“, also Stücken in natürlichen und nahezu ungestörten Regionen, vergleichen.

Die Hauptaktivität der Stadtsauen lag deutlich in der Nacht – vermutlich eine
Strategie, um Begegnungen mit Menschen zu vermeiden.

Um das zu untersuchen, haben Wildbiologen des Mammal Research Institute, Polish Academy of Sciences (PAS) und des Institute for Nature Protection insgesamt 35 Stück Schwarzwild aus unterschiedlichen Rotten und Altersgruppen in 2 verschiedenen Untersuchungsgebieten gefangen und mit Very-High-Frequency-Sendern versehen. Als Studiengebiete dienten der Urwald im ostpolnischen Białowieżanund die Stadt Krakau.

Ein Großteil des Untersuchungsgebietes im Urwald von Białowieża lag im Nationalpark, in dem keine Jagd stattfindet und Störungen durch den Menschen auf ein Minimum reduziert sind. Wölfe jedoch kommen im gesamten östlichen Bereich vor und sind für etwa 20 Prozent (%) der natürlichen Mortalität bei dem dort vorkommenden Schwarzwild verantwortlich. Das Untersuchungsgebiet bestand hauptsächlich aus Wald und zu einem geringen Teil aus Offenland, wie Wiesen oder Flussniederungen. Von Bedeutung ist, dass das Schwarzwild dort keinerlei Zugang zu landwirtschaftlichen Flächen hatte und daher stark von der Eichelmast abhängig ist. Die Winter bieten mit Temperaturen mit bis zu – 40 °C und etwa 105 Tagen mit geschlossener Schneedecke harte Lebensbedingungen. Entsprechend sind Mastjahre ein wichtiger Faktor, der die Schwankungen in der Schwarzwilddichte entscheidend beeinflussen kann (Jędrzejewska & Jędrzejewski 1998). Trotzdem ist das Schwarzwild mit etwa 2,35 Stück pro Quadratkilometer (km²) nach dem Rotwild die häufigste Schalenwildart im Urwald von Białowieża.

Die Situation in Krakau, mit 750 000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Polens, unterscheidet sich grundlegend von den beschriebenen natürlichen Gegebenheiten im Osten des Landes. In Krakau kommt Schwarzwild hauptsächlich in der Stadtperipherie vor, die durch eine Vielzahl von unterschiedlichen Habitaten geprägt ist. Das dortige Studienareal im westlichen Teil der Stadt betrug circa 40 km² und bestand zu 18 % aus Wald, 43 % aus Offenland, wie Wiesen, Gärten und landwirtschaftlichen Nutzflächen. Die restliche Fläche war Stadtgebiet, welches durch Wohnsiedlungen, Lagerhäuser und Industriegebiete geprägt war. Mit 0,15 Stück pro km² war die Sauendichte vergleichsweise gering.

Etwa die Hälfte der dortigen Population wurde jährlich gestreckt. Verglichen mit Ostpolen sind die Winter weniger extrem. Positionen und Aktivität der besenderten Stücke wurden zwei bis vier Mal pro Woche sowohl tags als auch nachts aufgenommen. Zusätzlich sind Positions- und Aktivitätsbestimmungen in regelmäßigen Abständen kontinuierlich für 24 Stunden durchgeführt worden. Durchschnittlich sind die Stücke für zehn

Mithilfe von Netz- (siehe Bild) und großen Kastenfallen wurden die Sauen gefangen und anschließend besendert.

Monate, mindestens jedoch für drei Monate, beobachtet worden. Die Veränderungen im Klima, der Vegetation und im biologischen Zyklus des Schwarzwildes wurden bei der Auswertung der Positionsdaten für die einzelnen Jahreszeiten berücksichtigt. Der Vergleich der beiden Lebensräume brachte sehr interessante Ergebnisse hervor. So waren die jährlichen Einzugsgebiete der besenderten Stücke in Krakau weniger als halb so groß (Mittelwert 1 Hektar (ha)) als im Urwald von Białowieża (2,2 ha). Allerdings gab es kaum Unterschiede in der Größe der täglich genutzten Fläche, die an beiden Orten etwa 1 ha betragen haben. Das bedeutet, dass das Schwarzwild im Nationalpark nur 45 % der Fläche des jährlichen Einzugsgebietes in 24 Stunden genutzt hat, in Krakau aber 90 %. Interessant ist auch der Vergleich der zurückgelegten Entfernungen der einzelnen besenderten Stücke. Während sie im Urwald von Białowieża durchschnittlich 6,8 Kilometer (km) am Tag gezogen sind, waren die Entfernungen in Krakau mit 12,9 km fast doppelt so weit. Überläufer legten übrigens 65 % weitere Entfernungen zurück als adulte Sauen.

Im Herbst waren die Urwald-Sauen deutlich länger auf den Läufen als die Stadt-Sauen. Die Schwarzkittel in Białowieża mussten die Eichenmast nutzen, um Winterreserven zu bilden.

Eine Erklärung für diese Unterschiede ist unter anderem die Nahrungsverfügbarkeit in den zwei ungleichen Habitaten. Als opportunistischer Allesfresser profitiert Schwarzwild von der Vielfalt verfügbarer Nahrungsressourcen in Städten (etwa Müllhalden, Obstgärten und Parks, aber auch Ackerfrüchte), die zudem zeitlich relativ konstant verfügbar sind. Entsprechend lassen sich die kleineren Einzugsgebiete in Krakau im Vergleich zu Białowieża erklären. Im Gegensatz variiert unter natürlichen Bedingungen im Urwald das Nahrungsangebot sowohl zeitlich als auch räumlich. Entsprechend passen die Stücke den sich ändernden Gegebenheiten an. So lassen sich die größeren Einzugsgebiete im Jahresverlauf erklären.

Ein weiterer Schwerpunkt der Studie lag auf den Aktivitätsmustern, die maßgeblich durch die Jahreszeiten und deren unterschiedliche Bedingungen in Krakau und im Urwald beeinflusst worden sind. In beiden Gegenden lag die durchschnittliche Aktivitätsdauer bei rund elf Stunden pro Tag. Ein großer Unterschied ergab sich jedoch im Herbst, in dem sie im Urwald von Białowieża um fast sechs Stunden pro Tag länger war als in der Stadt. Eine Erklärung ist die Verfügbarkeit von Eicheln als Hauptnahrungsquelle zu dieser Zeit. Diese muss genutzt werden, um benötigte Fettreserven für den Winter aufzubauen. Die gleichbleibende Aktivität in Krakau während aller Jahreszeiten deutet erneut auf konstant verfügbare Nahrung hin. Zwar war die tägliche Aktivitätsdauer in beiden Gebieten bis auf den Herbst vergleichbar, jedoch gab es große Unterschiede in der zeitlichen Verteilung der Phasen. In Krakau lag die Hauptaktivität der Stücke in den Dämmerungs- und
Nachtstunden, während tagsüber relativ lange Ruhezeiten zu beobachten waren. Auf diese Weise sind Begegnungen mit Menschen auf ein Minimum reduziert worden.

Das Studiengebiet Białowieża ist ohne Einfluss der Landwirtschaft. Harte Winter tragen daher stark zur Bestandsregulierung bei.

Im Gegensatz dazu waren Aktivitätsund Ruhephasen der besenderten Schwarzkittel im Urwald von Białowieża gleichmäßig über den Tag verteilt. Ein weiterer Unterschied ist der, dass die Aktivität in der Stadt eng mit dem Zurücklegen von Entfernungen verknüpft war. Das bedeutet, dass die einzelnen Stücke in der Stadt mehrere verschiedene Nahrungsquellen aufgesucht haben. Bei ihnen hielten die Sauen sich dann aber nur relativ kurz auf, bevor sie sich in die Tageseinstände eingeschoben haben. Im Umkehrschluss heißt das, dass Schwarzwild im Urwald länger unter den Mastbäumen gefressen hat, ohne sich von diesen allzu weit zu entfernen. Fazit: In der Stadt haben Schwarzkittel kleinere Einzugsgebiete genutzt, täglich größere Entfernungen zurückgelegt und waren deutlich nachtaktiver. Interessanterweise waren die tägliche Aktivitätsdauer sowie die Tageseinzugsgebiete in beiden

Habitaten vergleichbar, obwohl die Bedingungen sehr verschieden waren. Das Raumnutzungsverhalten und die Aktivität des Schwarzwildes in der Stadt wurden klar durch Menschen beeinflusst. Im Urwald hingegen haben die saisonalen Veränderungen im Nahrungsangebot sowie abiotische Faktoren das Verhalten der Schwarzkittel bestimmt.