Von Hirschen und Heringen

1934
Wenn Vivaldi in Schweden gelebt hätte, wären seine „Vier Jahreszeiten“ wohl nie entstanden – denn bekanntlich gibt es im Lande Carl Gustavs nur zwei Jahreszeiten: „vor“ und „während“ der Elchjagd. Arndt Bünting war „während“ dabei

Stakkatohaft klingt der Fährtenlaut der braunen Wachtelhündin „Stinta“ durch die eiskalte Morgenluft. Genau so schnell, wie der Laut auf mich zukommt, steigt mein Adrenalinspiegel in ungeahnte Höhen. Trotz der Minusgrade am frühen Morgen wird mir siedendheiß, und ich fasse zitternd meine Büchse fester. Den Laut der Hündin kann ich nicht genau einschätzen – jagt sie an Reh, Fuchs oder hoffentlich Elch? Bevor ich irgendetwas sehen kann, biegt das Geläut plötzlich 50 Meter vor mir ab und verliert sich in der Weite der schwedischen Wälder. Einen Elch jagte die Hündin jedenfalls nicht. Den hätte ich auf die kurze Distanz wohl sehen müssen. Ich atme auf, mein Nebennierenmark registriert die Entwarnung und der wieder sinkende Adrenalinpegel erlaubt mir, eine Tasse heißen Tee aus der Thermoskanne einzugießen – ohne ihn zu verschütten.

„Stinta“ gehört Per Lundgren, dem Pächter eines 1 000 Hektar großen Revieres in Östergötland, östlich des Vättern-Sees. Dem drahtigen Schweden sieht man es an, dass er früher Elche auf „Indianerart“ gejagt hat. „Das war im Norrland“, sagt er auf Deutsch mit seinem harten schwedischen Akzent. In den riesigen Revieren des Nordens wurden die Elche bei einer Neuen ausgefährtet und auf Skiern mehrere Tage verfolgt, bis einer nicht mehr konnte – der Elch oder der Jäger. Heute findet die Elchjagd in Schweden vorwiegend als Drückjagd mit Stöberhun- den, als Jagd mit dem Elchhund oder vom Ansitz aus statt. Rund 300 000 Schweden frönen ihrer Leidenschaft, darunter König Carl XVI. Gustav und sein Sohn Philip. Jedes Jahr kommen mehrere tausend ausländische Jagdgäste dazu.

Die Elchjagd geht in den nördlichen Provinzen im September auf und wird dann während der Brunft unterbrochen. In den südlichen Provinzen müssen die Jäger sich bis zur zweiten Oktoberwoche gedulden. Dann mischt sich unter das bunte Häufchen „normaler“ Skandinavien-Urlauber auf den Fähren Richtung Helsingborg, Trelleborg

oder Göteborg eine ganz besondere Species Mensch: Jäger, in Loden gekleidet aus Deutschland, und aus aller Herren Länder. Durch die grüne Brille betrachtet eine klare Dreiklassengesellschaft: Klasse III reist zum ersten Mal Richtung Schweden, träumt von großen Schauflern und fiebert der Elchjagd förmlich entgegen. Klasse II ist etwas entspannter und hofft immer noch, dass sie nach vielen vergeblichen Anläufen diesmal vielleicht einen Elch erbeuten wird – oder zumindest Anblick hat. Und dann wäre da noch Klasse I, die kleinste Gruppe, die sich durch ihre besondere Gelassenheit an Bord auszeichnet. Sie besteht aus den Jägern, die schon mehr oder weniger ausgiebig Waidmannsheil auf den schwedischen „König der Wälder“ hatten. Während sich grellbunte Mode und grüner Loden an Bord noch die Waage halten, ändert sich das schlagartig, sobald man das schwedische Festland betritt und durch die unendlich erscheinenden Wälder fährt: Neben dem gelben Herbstlaub der Birken und dem satten Grün von Fichte, Kiefer und Jagdbekleidung ist „Hunters orange“ – Signalfarbe – tonangebend. Fährt man auf einer x-beliebigen Landstraße durch ein Waldgebiet, weist nicht nur die bei Touristen als Mitbringsel besonders beliebte gelb-rote Beschilderung auf seine riesigen Bewohner hin. Nein, man kann sicher sein, an fast jeder Wegekreuzung Grüppchen mit Funkgeräten, Signalwesten, Waffen und Hunden zu treffen, die den Elchen nachstellen.

Kommt man an einem Rastplatz vorbei, trifft der Reisende ziemlich sicher auf Jäger, die gemütlich am Feuer sitzen, Würstchen grillen und Hering in seiner schönsten Form genießen – „Surströmming“, die schwedische Variante von „Hering in der Dose“. Hierzu wird der fangfrische Fisch unter Luftabschluss fermentiert. Das Ganze ist auch unter dem Namen „Faulfisch“ bekannt, wird mit viel Zwiebeln und Pellkartoffeln gegessen, riecht ungefähr wie ein sehr alter Tilsiter, gehört aber für viele Schweden zur Elchjagd wie der Stern auf den Mercedes.

Riesig: Die Schalen eines Elchhirsches (u.). Typisch: Jagdgast und „Cykelstyre med broms“ – dem berühmten Fahrradlenker, wie manche jungen Hirsche wegen ihrer Geweihform genannt werden (r.)

Erfunden wurde diese ungewöhnliche Konservierungsform angeblich im Dreißigjährigen Krieg, als man nicht genügend Salz zur Verfügung hatte und der Hering als Marschverpflegung diente. Wie erzählt wird, konnten die Soldaten von Schweden- König Gustav II. Adolf, die Surströmming gegessen hatten, ihre Feinde unter Wallenstein und Tilly allein durch ihren Mundgeruch in die Flucht treiben. Kleiner Tipp: Öffnen sie eine Surströmming-Dose niemals in geschlossenen Räumen und nur mit abgewandtem Gesicht!

Elchjagd ist Gemeinschaftsjagd – wie sollte es auch anders sein. Spätestens wenn ein Hirsch mit 250 Kilogramm auf der Strecke liegt, weiß jeder Schütze helfende Hände zu schätzen. Der Wahrheitsgehalt des geflügelten Spruchs „When the moose drops, the fun stops“ (Wenn der Elch gefallen ist, hört der Spaß auf) wird einem dann schlagartig bewusst. Zwar gehen auch die traditionsbewussten Schweden immer mehr dazu über, Elche mit Forstschleppern oder „Quads“ zu bergen, aber wo es zu steil oder zu moorig ist, ist nach wie vor Handarbeit gefragt. Und selbst mit zehn oder mehr Jägern „im Geschirr“ ist es eine wahre Freude, einen 2,50 Meter langen, zwei Meter hohen und 250 Kilo schweren Elch sozusagen in stabiler Seitenlage über einen Kahlschlag zu ziehen. Hüfthohe Stubben, knietiefe Moorlöcher und kürbisgroße Granitbrocken sorgen dabei für entsprechende Abwechslung. Irgendwie gehört das aber zur Elchjagd dazu, und wenn man schon einmal einen der nordischen Hirsche erlegt, nimmt man diese Strapazen gern in Kauf.

Alle an einem Strang: Das Bergen eines Elches auf einem Kahlschlag ist richtig Arbeit

Einen Elch, und vor allem einen Schaufler zu schießen, ist allerdings nicht ganz so einfach. Die meisten Jäger brauchen dazu mehrere Anläufe. Mittlerweile drängen viele der größeren Waldbesitzer auf höhere Abschusszahlen, und die Bestände in einigen Landesteilen sind nicht mehr so, wie sie einmal waren. Trotzdem geht der Jagdverband in ganz Schweden von 300 000 bis 400 000 Stücken aus, von denen jährlich zur Zeit rund 100 000 erlegt

werden. Bejagt werden die Elchbestände in manchen Landesteilen Schwedens nicht nur von zweibeinigen Jägern, sondern auch von dem dort geschützten „varg“, dem Wolf. Im Värmland scheint das ein Problem zu sein, vor allem für die vierläufigen Jagdhelfer. Zwar spricht der Jagdverband davon, dass 2003 in ganz Schweden „nur“ acht Hunde gerissen und zehn verletzt wurden, allein im Värmland aber wurde für 2004 unter vorgehaltener Hand schon von 40 gerissenen Hunden gesprochen. Und nichts lässt die schwedische Jägerseele mehr kochen, als getötete Hunde. Gerade Drever (schwedische Dachsbracken) und Elchhunde fallen auf der Jagd ihren Urahnen zum Opfer. Ein Hundeführer aus dem Värmland berichtete, dass er 15 Mal in die Luft schießen musste, bevor Wölfe von seinem stellenden Elchhund abließen. Etwa 150 Grauhunde sollen im norwegisch-schwedischen Grenzgebiet ihre Spuren ziehen, wobei die Regierung den Bestand auf etwa 200 Tiere anwachsen lassen will.

Bei einem Forschungsprojekt in einem Gebiet östlich von Römskog (Värmland) wurden neun Wölfe mit Sendern versehen, um ihre Wanderbewegungen zu verfolgen. Durchschnittlich alle 1,7 Tage rissen sie einen Elch. In einer dreiwöchigen Überwachungsperiode im Juni/Juli im letzten Sommer waren es drei erwachsene Elche und zwölf Kälber sowie anderes Wild

(Reh, Dachs etc.), in einer vierwöchigen Überwachungsperiode im August zwei erwachsene Elche, acht Kälber, zwei Dachse sowie einen Biber. Dass der Wolf in Schweden auf dem Vormarsch ist, zeigte sich auch im relativ dichtbesiedelten Östergötland: Bei einem Abendansitz hörten zwei Freunde ein seltsames Heulen, dass sie sich nicht erklären konnten. Erst als beim anschließenden Treffen Per Lundgren erzählte, dass wenige Tage zuvor fünf Kilometer entfernt zwei Wölfe gesichtet wurden, konnte man sich das Heulen erklären. Und als am nächsten Tag ein Hubschrauber über dem Revier kreiste, meinte Per, dass der wohl „nach den Wölfen guckt“. Die Anwesenheit Isegrims machte klar, warum während einer Elchjagdwoche in Pers Revier keine Elchtiere mit Kälbern vorkamen: Die hatten es wohl vorgezogen, ihre Einstände für einige Zeit in sicherere Gefilde zu verlegen.

Da ich zu den Klasse-II-Elchjägern gehöre, hoffe ich am vierten Jagdtag trotzdem noch auf Anblick. Nachdem das Treiben schon 20 Minuten gedauert hat, nehme ich aus dem Augenwinkel vor mir im dichten Fichtenbestand einen grauen Schatten wahr. Natürlich denke ich zuerst an „varg“, aber er entpuppt sich zwischen dichtstehenden Bäumen plötzlich als Elch.

Schemenhaft schwebt der König der Wälder in seinem seltsam anmutenden lautlosen Passgang an mir vorüber, und ich erkenne, dass es ein „Tjur“ – ein Hirsch – und kein weibliches Stück ist. Sein Hauptschmuck weist ihn als „cykelstyre med broms“ – Fahrradlenker mit Bremse – aus, wie die jungen Hirsche mit dem gegabelten Stangen scherzhaft bezeichnet werden. Als er auf 30 Meter neben mir in einem lückigen Birkenhorst verhofft und ich alle Zeit der Welt habe, ihn zu erlegen, muss ich schweren Herzens den Finger gerade lassen. Nur drei Hirsche und Tiere waren frei, und die lagen gleich am ersten Tag auf der Strecke. Elchjagd ist halt Gemeinschaftsjagd. Und jetzt fragen Sie sich sicher noch, warum es nur „vor“ und „während“ der Elchjagd und nicht auch ein „danach“ gibt? Ganz klar: Nach der Elchjagd ist halt vor der Elchjagd.
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