Wann, wo, welche Stücke

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Schwarzwildjagd

Gerade die jagdlose Zeit im Frühjahr muss der Saujäger nutzen, um später Wiesenschäden im Griff zu halten, sagt Dr. Bartel Klein. Der Experte verrät, wie er dabei vorgeht.

Die Frühjahrsmonate werden in Bezug auf die Schwarzwildjagd vielerorts unterschätzt. Zum einen kann zu dieser Zeit die Grundlage, um Schäden zu verringern, für das komplette Jagdjahr geschaffen werden. Zum anderen ist sie ideal, um abgeschlagene, umherziehende Frischlinge beziehungsweise Überläufer zu erlegen. Denn zum Winterende und Frühlingsanfang sondern sich beschlagene Bachen zum Frischen ab. Die vorjährigen Frischlinge oder angehenden Überläufer sind dann führungslos. Da unerfahren, legen sie die von der Bache erlernte Vorsicht und auch ihre Unstetigkeit ab.
Sie bummeln, gerne bereits bei Büchsenlicht, in ihrem bisherigen Streifgebiet und darüber hinaus herum. An Fraß- und Kirrplätzen stellen sie sich zeitiger und auch beständiger ein als in den Monaten zuvor. Liegen Kirrplätze nahe am Tageseinstand der Sauen, werden diese am Morgen gerne vorm Einschieben in die Deckung aufgesucht.
Aufgrund mangelnder Erfahrung verknüpfen junge Sauen einen Schuss, Kirrgut und frische Menschenwittrung nicht so schnell miteinander. Liegt ein beschossener Artgenosse im Knall, geschieht es immer wieder, dass die anderen Stücke nach geraumer Zeit sogar wiederkommen. Letzteres bietet bei etwas Geduld und Schießfertigkeit die Chance, ein zweites Stück zu erlegen.

Spätestens ab der Feldbestellung ändert sich das Verhalten des Schwarzwildes. Anfangs wechselt es täglich am Abend, überwiegend im letzten Büchsenlicht oder in der Dunkelheit, in die Felder aus und am Morgen wieder zurück. Der aufmerksame Jäger nutzt dann den Frühansitz am Rückwechsel. Bei Tageslicht und damit guten Ansprechmöglichkeiten bestehen beste Chancen auf Jagderfolg. Das zunehmend frühere Licht am Morgen erlaubt – anders als beim Abendansitz –, dass die wieder verstärkt in die Feldflur auswechselnden Sauen sauber angesprochen und erlegt werden können.
Sobald das Schwarzwild in den Feldern ausreichend Deckung findet, bezieht es auch dort seinen Tageseinstand. Dazu bieten besonders hochgewachsene Rapsfelder ideale Möglichkeiten. Spät frischende Bachen stecken gerne dort und richten sich mit abgebissenen Rapsstängeln einen Wurfkessel her. Zu dieser Zeit heißt es, die Gewohnheiten des Schwarzwildes durch Abfährten und Suchen der Fraßplätze auszumachen. Leicht transportable Ansitzleitern oder mobile Kanzeln werden an geeigneten Plätzen im Feld und unweit von Wechseln aufgestellt. Von dort bieten sich gute Möglichkeiten, mit dem einen oder anderen Abschuss die Sauen aus schadgefährdeten Flächen zu vergrämen.

Spätestens vor der Maisaussaat sollte die Saujagd im Wald eingestellt werden. So wird das verstärkte Bedürfnis der Schwarzkittel reduziert, auf die Flur auszuwechseln. Denn sie stellen sich dort ein, wo sie die geringste Gefahr vermuten – also dort, wo es am wenigsten knallt. Auf Wiesen und in der Feldflur wird die Jagd hingegen intensiviert. Das hat eine effektive Vergrämungswirkung zur Folge. Haben Sauen in der neu entstandenen beziehungsweise zunehmenden Deckung im Feld erst einmal Einzug gehalten, gestaltet sich die Jagd dort mit der Zeit immer problematischer. Daher ist es wichtig, bereits im April und Mai, also bevor die Felder optimale Einstände bieten, Sauen in diesen Bereichen intensiv zu bejagen. Dort hat auch der Abschuss eines kleinen Frischlings – und mag dessen wirtschaftlicher Wert noch so gering sein – den Nutzen, größeren Feldschäden vorzubeugen. Aber nicht nur das „Wie“ und „Wo“ ist bei der Saujagd maßgebend dafür, wie sich die Schadsituation im Revier darstellt. Das „Was“ ist entscheidend, um den Bestand und damit auch die Schäden zu reduzieren.
Die Zunahme des Schwarzwildes hat zwischenzeitlich in fast allen Bundesländern zu dem ungeschriebenen Gesetz geführt, Bachen ab dem Zeitpunkt straffrei erlegen zu können, sobald deren Frischlinge ihre Streifen verloren haben. Und genau hier besteht zumindest in Revieren mit einer entsprechenden Schadsituation dringender Handlungsbedarf. Für den Großteil der Jäger ist es aber immer noch ehrrührig, ein Muttertier vor

der Rotte zu strecken. Diese Einstellung wird besonders bei herbstlichen Drückjagden
deutlich. Nach wie vor beschleicht heute noch viele Jäger ein ungutes Gefühl, wenn sie – zumindest in Gesellschaft oder als Gast – eine Bache erlegt haben. In der heutigen Zeit, in der die unaufhörlich zunehmenden und sich ausbreitenden Schwarzwildbestände Probleme
und Sorgen bereiten, ist ein Umdenken erforderlich. Bei anderen Schalenwildarten bejagen wir doch auch die Zuwachsträger. Beim Schwarzwild sind es nun mal die vielen jungen wie alten Bachen, die zu hohen Zuwachsraten, Wilddichten und Schäden führen. Auch die konservative Jägerschaft muss die Gründe verinnerlichen, warum in Regionen mit hohem Wildschadenaufkommen Bachen vor ihren durchgefärbten Frischlingen erlegt werden dürfen: Sie entwickeln sich ab diesem Zeitpunkt auch ohne Führung artgemäß körperlich
gut weiter. Sie kennen durch die Führung ihrer Bache sämtliche Nahrungsquellen und finden dank ihres ausgezeichneten Geruchssinnes schnell und ohne Probleme neue Fraßplätze. Die milden Winter, das reiche wie vielfältige Nahrungspotenzial und massig Einstände optimieren zudem ungemein deren Durchkommen. Die „Fresssucht“ der Frischlinge, ihre Unerfahrenheit und Bequemlichkeit verführt sie oft, solange an bestimmten Stellen Futter vorhanden ist oder geboten wird, diese Orte regelmäßig aufzusuchen. Das macht es relativ einfach, solche Frischlinge zu erbeuten.

Diese Tatsachen zu vermitteln, ist notwendig, um die Grundeinstellung vieler Jäger „Führung bedeutet Schonung“ beim Schwarzwild differenzierter zu sehen. Denn diese Ansicht ist mit daran schuld, dass relativ wenig Bachen geschossen werden. Nun bedeutet die Möglichkeit, straffrei Bachen vor Frischlingen ohne Streifen schießen zu können, noch lange nicht, dies tun zu müssen. Es liegt immer im Ermessen des Einzelnen, was er für
richtig hält und was nicht. Wer aber den Abschuss von Bachen in Erwägung zieht, sollte das an einem Kirroder attraktiven, natürlichen Fraßplatz machen. Wurde dieser von der Rotte zuvor wiederholt angenommen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Frischlinge
wiederkommen, nachdem die Bache erlegt wurde. Dann heißt es aber auch fleißig zu sein und möglichst alle Kujels zu erlegen. Kommt man dem nicht nach, stellen sich die Frischlinge womöglich bald in Getreide- oder Maisfeldern ein. Dort leben sie wie im Schlaraffenland, bleiben oft wochenlang und können in dieser Zeit erheblichen Schaden anrichten.

Bei allen zuvor gemachten Aussagen empfehle ich, in der Hauptvegetations und Reifezeit der Feldfrüchte bei führenden Bachen mit streifenlosen Frischlingen, das Muttertier nicht vor dem Abschluss der Erntemaßnahmen in der Flur zu erlegen. Solange besonders schadensgefährdete Felder nicht geerntet sind, tritt die beste Vergrämungswirkung ein, wenn aus einer intakten Rotte ein Frischling entnommen wird. Wird er in unmittelbarer Nähe zur Bache erlegt, führt das in der Regel zu einem wochenlangen Fernbleiben dieser
Rotte im Umfeld des Abschussortes. So werden Wildschäden am wirksamsten eingegrenzt.
Der gezielte Abschuss reifer Bachen sollte grundsätzlich das letzte Mittel sein, um die Schwarzwildbestände abzusenken. Des Öfteren wird solchen Selektionsabschüssen
entgegengehalten, dass das Erlegen einer Bache dazu führt, dass deren im Wildbret stärkeren Frischlinge daraufhin sehr frühzeitig pubertieren würden. Sie würden als Frischlinge rauschig und von ihren männlichen Geschwistern oder anderen Keilern beschlagen. In der Folge stiegen die Zuwachsraten an und das Altersgefüge geriete aus den Fugen. Das ist auch so! Dennoch: Wer aus diesem Grund nicht in Betracht zieht, Bachen zu schießen, verkennt, dass heutzutage bei den guten Fraßverhältnissen auch in einer intakten Rotte meist schon die weiblichen Frischlinge beschlagen werden. Mehr Bachen zu erlegen, ist daher in Schadensgebieten nicht nur unbedenklich, sondern auch notwendig.

Bei selektiven Abschüssen sollten aus einer Rotte idealerweise weibliche Frischlinge
und nicht führende Überläuferbachen erlegt werden. Sie sind die Zuwachsträger von morgen und lassen sich gut ansprechen. Weibliche Überläufer und Frischlinge stehen meist friedlich im Fraß mit anderen Altersgenossen zusammen. Der fehlende Pinsel unterscheidet die Überläuferbache deutlich vom Keiler. Weibliche Frischlinge sind im Regelfall etwas geringer als ihre männlichen Geschwister. Frischlingskeiler hingegen sind bei der Futteraufnahme mehr von Neid geprägt. Sie kann man an ihrem Raufverhalten am
Futterplatz erkennen. Häufig haben sie dabei die Rückenborsten aufgestellt. Sie beißen
schon im frühen Alter ihre weiblichen Geschwister vom Fraß ab, was bei begrenzt
ausgebrachten Futtergaben – also an Kirrplätzen – gut zu beobachten ist. Ein zweitrangiger
Abschuss männlicher Frischlinge ist überhaupt kein Problem, weil sie im folgenden Jahr als herumziehende Überläuferkeiler relativ leicht zu erbeuten sind. Leitbachen sind oft so erfahren, dass sie etablierte Kirrplätze nicht mehr anwechseln. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass es dort in aller Regel knallt. Das Annehmen eines Kirrplatzes erfolgt,
wenn überhaupt, dann erst nach Mitternacht. Wer dieses Verhalten in seinem Revier beobachtet, sollte den Abschuss der einen oder anderen erfahrenen Sau – insofern deren Frischlinge durchgefärbt sind – in Erwägung ziehen. Der Abschuss einer Leitbache kann auch dann geboten sein, wenn die Rottengrößen und Schäden anwachsen. Denn der Verlust einer älteren Bache verringert den Erfahrungsschatz der Rotte erheblich und kann zudem zu einer Aufspaltung des Verbands führen. So lässt sich wesentlich leichter Strecke auf die anderen Stücke machen. Überall dort, wo Wildschäden als tragbar angesehen werden, sollte auf den Abschuss stärkerer Bachen oder Leitbachen verzichtet werden. Dort gilt das Ziel, mit der Bejagung eine gute Altersstruktur mit einem hohen Anteil an reifen Stücken zu schaffen.

Verantwortung übernehmen
Wir Jäger sind in der Pflicht, für eine tragbare Schwarzwildpopulation zu sorgen. Über das „Wie“ entscheidet jeder Jäger selbst. Wegen des revierübergreifenden Streifverhaltens und
Schadenpotenzials des Schwarzwildes geht unsere Verantwortung über die Grenzen des eigenen Reviers hinaus. Zusammengefasst haben wir in Problemgebieten deshalb
die Aufgabe:
– die Schwarzwild-Strecke generell zu steigern, auch um dadurch den Abschussanteil potentieller Zuwachsträger zu erhöhen.
– bei einer Wahlmöglichkeit bevorzugt Überläuferbachen und weibliche Frischlinge zu strecken.
– insbesondere nach Abschluss der Erntemaßnahmen im Feld zahlenmäßig mehr  (Bei-)Bachen zu erlegen.
– bei Drückjagden zumindest bis Mitte Januar keine Abschussbeschränkungen gegenüber Bachen auszusprechen.
– den individuellen Abschuss von Leitbachen nicht auszuschließen.
– in Schadensgebieten kein Nachhaltigkeitsdenken hinsichtlich des Vorkommens und der Strecke von Schwarzwild zu hegen. Ein vorübergehend geringer örtlicher Bestand darf nicht dazu verleiten, die Jagd zu extensivieren.

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