Rank und schlank

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Erfahrungen mit der 6x70R

Sie ist dünn wie ein Bleistift, speziell als Einstecklauf-Kaliber konzipiert und für den Einsatz auf Rehwild gedacht: die 6x70R. Was die Patrone in der Praxis kann, erläutert Peter Keller.

 

Überzeugte in der Praxis: die 6x70R, hier in beiden Laborierungen, von Norma und Romey (Kettner-Preise pro Packung: 41,41 beziehungsweise 36,30 Euro). Daneben die erste Versuchspatrone mit einem GTE-Teilmantelgeschoss

Krieghoff versetzte vor zwei Jahren anlässlich der IWA das Fachpublikum in Erstaunen, als die Ulmer ihre neuste Patronen-Kreation vorstellten: Die 6x70R macht von ihrem Erscheinungsbild her nicht gerade den Eindruck einer modernen Konstruktion. Im Zeitalter der Super- und Ultramagnums sowie Hyper-Präzisionspatronen mit 30-Grad-Schulter gleicht sie eher einem Relikt aus den Anfängen der Metall-Patronenzeit. Spöttische Bemerkungen wie „Bleistift mit Pulverladung“ oder „heiß gebadete Nitro-Express“ ließen auch nicht lange auf sich warten. Doch auf den zweiten Blick stellte sich der Aha-Effekt ein, denn es gibt genug Argumente für die neue Patrone.

Produktion des vierfachen Gasdrucks

Vom Grundgedanken her war die 6x70R in erster Linie für den Einsatz aus Einsteckläufen gedacht. Genau dafür ist sie prädestiniert und lässt im Vergleich so manche moderne Patrone ganz schön alt aussehen. Als es Mode wurde, in Drillingen Einsteckläufe in rehwildtauglichen Kalibern einzubauen, warnte Krieghoff als einer der ersten vor den verhältnismäßig hohen Gasdrücken zum Beispiel einer 5,6x50R Magnum aber auch der allseits beliebten .222 Remington.

Besonders bei Drillingen im 12er Schrotkaliber – unter Umständen sogar noch mit Leichtmetall-Basküle – belastet hoher Gasdruck den Verschluss stärker als es bei Waffen mit kleinerem Schrotkaliber der Fall ist. Warum? Je größer das Schrotkaliber, um so mehr wandern die Zentren der beiden nebeneinander liegenden Schrotläufe nach außen, also immer weiter weg von dem stabilsten Punkt des Systems, nämlich dessen Mitte. Das Verdrehmoment, das vereinfacht gesagt aus dem Druck beim Schuss entsteht, verstärkt sich logischerweise, je weiter es vom Mittelpunkt „angreift“. Hier haben Kombinierte bei kleinerem Schrotkaliber Vorteile: Die Basküle ist schmaler, die Schrotläufe liegen näher am Systemzentrum, dadurch verringert sich die Belastung.

Ein kleinerer Bodendurchmesser der Patrone wirkt sich zudem auch zu Gunsten einer geringeren Systembelastung aus. Das Argument, die Schrotpatrone ist ja mindestens doppelt so dick wie die .222 Remington, zählt hier nicht, denn selbst die kleinste in Deutschland zugelassene Rehwildpatrone produziert etwa den vierfachen Gasdruck (3200 bar) einer normalen 12er-Schrotpatrone. Für die neue 6x70R wurde der Gasdruck auf 2600 bar festgelegt, immerhin 200 bar unter dem der .22 Hornet.

Norma Patronen ließen keine Wünsche offen

Für die Entwicklung der Patrone holte sich Krieghoff den Munitions-Spezialisten Wolfgang Romey mit ins Boot. Die alte „Bleistiftpatrone“ 6,5x70R schien für das Vorhaben, eine relativ gasdruckschwache, aber dennoch leistungsfähige Rehwildpatrone zu entwerfen, die ideale Basishülse.

Wegen der etwas höheren Geschossgewichte und der damit höheren Energiereserven gegenüber den .22er Patronen, fiel die Wahl auf das Kaliber .243 – sprich 6,17 Millimeter. Allerdings war es nicht damit getan, den Hülsenmund auf den neuen Geschossdurchmesser einzuziehen. Die Hürden bis zur Zulassung durch die Ständige Internationale Kommission für die Prüfung von Handfeuerwaffen (CIP) erforderten einiges an Versuchen mit diversen Zündhütchen, Pulversorten und Geschossen. Wolfgang Romey wählte anstatt des großen Büchsenzünders der Mutterhülse ein kleines Magnum-Zündhütchen, um die lange, dünne Pulversäule zuverlässig und gleichmäßig zu zünden.

Das 5,8 Gramm (90 Grains) schwere Nosler-Ballistic-Tip-Geschoss erwies sich als sehr präzise und bringt bei einer Mündungsgeschwindigkeit von 750 Metern pro Sekunde eine Mündungsenergie um 1650 Joule. Die von dem schwedischen Traditionsunternehmen Norma gefertigten Patronen ließen in punkto Präzision keine Wünsche offen. Als zweite Laborierung sind zurzeit von Romey Patronen mit einem 5,5-g-Sierra-Gameking-Hohlspitz-Geschoss auf dem Markt.

Sowohl aus dem 60 Zentimeter langen Einstecklauf einer Ultra-Bockbüchsflinte als auch aus dem 55 Zentimeter DrillingEinstecklauf waren Fünf-Schuss-Gruppen um die 20 Millimeter auf die 100 Meter Distanz kein Problem.

Krieghoff legte bei der Entwicklung der Neuen großen Wert auf geringe Wildbret-Entwertung beim Rehwild beziehungsweise Balgschonung bei Raubwild. Bei Füchsen, die keinen Knochentreffer aufwiesen, marschierte das Nosler-Ballistic-Tip fast wie eine Vollmantelpatrone durch. Erst bei Knochentreffern kam es zu größerer Balgentwertung.

Ein auf Schrotschuss-Entfernung beschossenes Schmalreh blieb mit perfektem Schuss im Feuer. Am aufgebrochen 14-Kilo-Stück zeigte sich beim Aus-der-Decke-schlagen auf der Ausschussseite ein etwa drei Zentimeter großes Loch und minimale Hämatombildung – so stellt man sich die Wirkung einer idealen Rehwildpatrone vor.

Rehwildtaugliche Patrone auf den Markt gebracht

Häufig blieb beschossenes Rehwild am Anschuss, und es war keine nennenswerte Wildbret-Entwertung zu verzeichnen: Ein beispielsweise auf knapp 100 Meter beschossener Bock zeichnete nicht, drehte sich um 180 Grad, strebte zügig dem Wald zu und brach nach etwa 40 Metern Fluchtstrecke zusammen. Auch hier zeigten sich trotz beidseitigem Rippentreffer so gut wie keine Hämatome und ein lediglich doppelt kalibergroßes Ausschussloch. Ein weiteres Stück wurde halbspitz von vorn getroffen, wobei das Geschoss einschussseitig auf die Blattschaufel traf. Ein mehr als handtellergroßer Bluterguss, Geschoss-Splitter in Träger und Rücken und ein faustgroßer Ausschuss waren hier das Ergebnis.

Von fünf auf Ansitzdrückjagden mit dem Einstecklauf des Drillings zur Strecke gekommenen Rehen zeigten zwei deutliche Hämatombildungen und große Ausschusslöcher, obwohl beide sauber getroffen wurden. Die anderen wiesen bei nahezu identischen Treffersitzen erstaunlicherweise kaum Hämatome und nur kleine Ausschusslöcher auf.

Mit der neuen Romey-Laborierung mit dem 5,5-Gramm-Hohlspitz-Geschoss kam es zu keiner Wildbretentwertung durch Hämatombildung. Die damit erlegten Füchse machten zwar keinen Schritt mehr, die Bälge zeigten aber deutlich größere Ausschusslöcher als mit dem Ballistic-Tip-Geschoss.

Geschossen wurde im Revier mit beiden Laborierungen zwischen knapp 40 und maximal 120 Metern. Der Haltepunkt wurde dabei zumindest nicht bewusst verändert. Eingeschossen waren die Waffen mit einem leichten Hochschuss von drei bis vier Zentimetern auf 100 Meter. Während des ganzjährigen Testzeitraumes traten keine waffen- beziehungsweise munitionsseitigen Störungen auf, die Verschlüsse ließen sich leicht öffnen und die abgeschossenen Hülsen „fielen“ aus dem Patronen-Lager.

Pulver und Blei hat Krieghoff mit der 6x70R zwar nicht neu erfunden, aber eine absolut rehwildtaugliche, besonders für Einsteckläufe geeignete Patrone auf den Markt gebracht. Verschiedene Jagdwaffenhersteller bieten schon Kipplaufbüchsen oder sogar Kombinierte mit der 6x70R im Kugellauf an. Die Patrone wird sicher ihren Weg machen.

 

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