Stahl-Arbeiter

1866


Messermacher Daniel Jeremiah Boll:
Neue Superstähle, Griffe aus Kraton und Kydex-Messerscheiden erobern mehr und mehr den Markt. In der Werkstatt von Messermacher Daniel Jeremiah Boll sucht man solche Werkstoffe vergebens. Seine Jagdnicker scheinen aus einer anderen Zeit zu stammen.

 

Von Julia Numßen

Daniel Jeremiah Boll hat Hände, um die ihn jede Hausfrau beneiden würde. Er hält den Messer-Rohling in der bloßen, rechten Hand und zieht die Klinge langsam über das zischende Band des Schleifgerätes. Die Funken sprühen, der Messerstahl wird immer heißer, leitet die Hitze direkt weiter in Bolls Handfläche. „Bis zu siebzig, achtzig Grad muss ich aushalten, wenn’s darüber geht, fängt der Rohling an, richtig auf der Haut zu brennen. Dann muss ich kurz aufhören. Eine gute Kontrolle übrigens, weil die Klinge sonst schnell zu heiß wird und sich verformen würde.“ Der Mann bräuchte keine Topflappen, um glühend heiße Schüsseln aus dem Backofen zu nehmen. Seine Haut an den Handinnenflächen scheint sich jeden Tag zu erneuern.

„Im Lauf der Jahre gewöhnt man sich daran“, sagt Boll. Er hat spät mit seiner Messerlehre angefangen. „Ich hab’ 16 Jahre als Berufsmusiker in ’ner Band gespielt, Funk und Rock, am Schlagzeug. Dann hab’ ich auf einem Hof im Schwarzwald gelebt, aber irgendwann hatte ich genug von meinem Eremiten-Dasein.“ Für Messer hat sich Boll schon von Kindesbeinen an interessiert, und schließlich begann er mit 34 Jahren bei Wolf Borger eine Messerlehre. Nach einem Jahr wechselte er zu Stefan Trittler und nach weiteren zwei Jahren war er gelernter Messerschmied. Boll hat sich dann in Solingen selbstständig gemacht und schmiedet in einem alten Brauerei-Pumpenhaus alles – vom Taschenmesser bis zum Kurzschwert.

Der Rohling wird abgeschreckt

„Beim Jagdnicker hat sich die Klingenform über Jahrhunderte bewährt, warum sollte ich sie also ändern?“ Die Messer werden aus niedrig legiertem Wolfram-Stahl (Werkstoffnummer 1.2516, 1.2519, 1.2550) geschmiedet. Der ist besonders abriebfest und schneidkantenstabil, dafür leider rostanfällig. Aber wenn man jeden Tag mit Bolls Jagdnicker arbeitet und die Klinge ab und zu einölt, gibt’s keine Probleme mit dem Rost. Legt man das Messer allerdings für längere Zeit beiseite, sollte man es außerhalb der Lederscheide aufbewahren, weil deren Gerbstoffe sonst den Stahl angreifen. Boll: „Ein feiner Fraßvorgang, der mit der Zeit die Klinge stumpf macht.“ Den hochwertigen Industriestahl für seine Messer kauft er bei einem kleinen Stahlhändler in Solingen. „Das Kilo Stahl kostet etwa sieben Euro.“

15 bis 50 Stunden arbeitet Boll an einem Nicker, je nachdem, wie er mit dem Klingenschliff zufrieden ist und wie aufwändig der Griff gestaltet wird. Zuerst muss der Rohling aus der Stahlplatte geschnitten werden. „Messer-Schablone rauf und drumherum sägen, fertig.“ Dafür nimmt er eine alte Handbügelsäge. Mit einem feinen Bohrer, der aussieht wie ein riesiges Mikroskop, werden drei Löcher für die Griffschalen gebohrt – die werden aber erst zum Schluss aufgesetzt, wenn der Schliff fertig ist.

Boll greift zu einer langen, schwarzen Zange, packt damit den Rohling und öffnet den Deckel des Härteofens. Es wird heiß, rote Glut leuchtet in sein Gesicht, schnell steckt er den Rohling hinein und schließt den Deckel. 820 Grad ist der Ofen heiß.

„Hier bleibt das Messer fünf Minuten drin.“ Danach wird es wieder per Zange aus der Glut herausgeholt und in einen schmalen, hohen Eisenbehälter gehalten. Der Rohling wird abgeschreckt, wie ein Frühstücks-Ei. Es zischt und dampft und riecht nach verbranntem Öl. „Ein Wasserbad wäre nach dieser Hitze zu scharf für den glühenden Stahl, er würde reißen. Ich nehme normales Sonnenblumenöl, das tut dem Stahl nichts. Und die Dämpfe sind nicht krebserregend.“

Nach dem Boll`schen Klingentest geht`s ans Finish

Nach dem Abschrecken ist der Stahl noch spröde und hart, würde bei einer Belastung zerbrechen wie Glas. Das so genannte Anlassen soll ihn jetzt elastisch machen. Boll geht zum Backofen – „Der reicht völlig“, sagt er –, stellt ihn auf 200 Grad. Klappe auf, Messer aufs Rost, Klappe zu. Dreimal 45 Minuten muss der Stahl im Ofen bleiben. In den Pausen dazwischen wird er im Wasserbad abgeschreckt. Der Messermacher: „Der Stahl ist jetzt lange nicht mehr so heiß. Und der Schock bringt in diesem Falle die Elastizität, die für die Schneidkantenstabilität entscheidend ist. Außerdem wird durchs Abschrecken die Anlass-Sprödigkeit verhindert, das heißt, dass der Stahl nicht mehr weiterarbeitet.“ Hat das Messer die drei Sauna-Gänge im Küchenherd gemeistert, ist die Klinge reif zum Schleifen. Boll schaltet den Bandschleifer an, nimmt den Rohling in die bloße Hand und schon tanzt die Klinge funkensprühend übers Band.

Ab und zu taucht er den heiß gelaufenen Rohling in Wasser ein, damit er kühl bleibt, denn sonst würde der Stahl ausglühen und seine Härte verlieren. Dann laufen die Stähle braun und bläulich an – und den Rohling kann man wegwerfen. Für den Grob- und Feinschliff braucht er mindestens eineinhalb Stunden. Boll: „Die Klinge soll so präzise wie möglich sein.“

Erst wenn er mit seiner Arbeit zufrieden ist, wird die Klinge auf ihre Schärfe getestet. Ein Sisal-Hanf-Seil wird einhundertmal von oben nach unten zerschnitten. Danach wird die Klinge mit einem Hammerschlag in eine zehn Millimeter starke Kupferstange getrieben. „Das ähnelt ungefähr dem Schloss-Widerstand eines Wildschweins“, sagt Boll. Bei diesem Härtetest darf sie sich nicht umlegen oder ausbrechen. Hat der Nicker den Boll’schen Klingentest schadlos überstanden, geht’s ans Finish. „Bis jetzt ist das Messer ja immer quer zur Klinge geschliffen worden. Jetzt bekommt es seinen Längsschliff. Das ebnet die Klinge, macht die Oberfläche sauber und sieht einfach besser aus.“ Erst danach setzt Boll die Griffschalen auf.

Holzgriffschalen findet er nicht optimal. „Das Holz ist am stabilsten, wenn man es am Baum lässt. Ich verwende Material, das schon unsere Vorfahren bevorzugt verarbeitet haben: Hirschhorn, Zähne oder andere starke Knochen.“ Zum Beispiel Giraffenknochen vom Oberschenkel oder Schienbein, die sehr fettig und elastisch sind, weil viel Knochenmark drin steckt. Elefanten-Elfenbein sieht zwar hübsch aus, reißt aber zu leicht, ähnlich wie Keilerwaffen. „Mammut ist robuster, es ist ja zwischen 10 000 und 30 000 Jahre alt und lag ewig im Eis. An das Material kommt man leicht ran, inzwischen handelt fast jeder zweite Russe damit.“

Sehr gute Qualität bei der Seekuh-Griffschale

Boll zeigt auf ein braunes rundes Stück, das aussieht wie versteinertes Holz. „Das ist ein Knochen von einer Stellerschen Seekuh. Diese Art wurde um 1730 in der Beringsee entdeckt. Dreißig Jahre später war sie bereits ausgerottet – die Seefahrer haben sie aufgegessen.“ Wie bei allen Meeressäugern sind die Knochen innen nicht hohl, sondern voll. Sehr gute Qualität, die nur noch begrenzt lieferbar ist. Ein Nicker mit Seekuh-Griffschalen hat dann auch seinen Preis, er kostet ab 450 Euro aufwärts.

Eine Parierstange gibt es bei dem Bollschen Jagdnicker übrigens nicht. Stattdessen schleift er in das Griffmaterial Fingermulden, die dafür sorgen, dass das Messer gut in der Hand liegt. „Wenn man konzentriert arbeitet, braucht man keinen Handschutz“, sagt er.

Die Messerscheide näht er aus Rindsleder. Sie wird so angefertigt, wie sie die nordamerikanischen Indianer getragen haben. Man steckt sie in die Innenseite des Gürtels und zieht den Riemen, der auf der Außenseite der Scheide befestigt ist, um den Gürtel herum. „Nicht zu verlieren.“ Das wäre auch ärgerlich, schließlich kostet der günstigste Jagdnicker mit Hirschhorngriffen 300 Euro. „Sechs bis zehn Sauen kann man locker mit dem Messer aufbrechen, bis es geschärft werden muss.“

Aber oft tut man sich schwer mit dem Kauf eines neuen Messers. „Das bringt auf der Jagd kein Glück“, heißt es. Doch bei Bolls Messern ist ja eigentlich nichts richtig neu – da wird Diana bestimmt ein Auge zudrücken.

Jagdmesser aus CK 60-Stahl mit Titanbacken. Der Griff besteht aus fossilem Bisonknochen

 

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