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In Stimmung bringen

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„Blatten ist keine Kunst“, sagt der WILD UND HUND-Blattjagd-Experte Klaus Demmel. Allerdings muss man einige Regeln beachten und sich in das Rehwild hineinversetzen. Er sagt uns, auf welchen Fiepton welcher Bock springt und mit welchen Tricks man ihn dann zur Strecke bringt.

 

Klaus Demmel hat über 200 Böcke herangeblattet: „Man darf sich aber nicht nur auf den Blatter verlassen, man muss sich auch ins Rehwild hineindenken“

von Julia Numßen

Ende Juli: Es ist heiß. Die Luft ist stickig. Kein Halm, kein Blatt bewegt sich, es ist windstill. Ich pirsche durch verbranntes gelbes Gras, das mir bis zum Bauchnabel geht. Ich weiß, er ist hier. Hier in dem kleinen Wäldchen an der Wiese hat er seinen Einstand – der Schwede, wie er von mir und den anderen WILD UND HUND-Redakteuren genannt wird. Mindestens fünf Jahre ist er alt, ein Mordsbock, starkes Sechser-Gehörn, das zwei Handbreit über die Lauscher ragt, hoch geperlt, stark vereckt – jeder kennt ihn, doch keiner konnte den misstrauischen Alten bisher strecken.

Anfang Mai, als ich gar nicht damit rechnete, sah ich ihn, pirschte ihn an – und schoss vorbei. Nicht zu fassen, einfach vorbei. Ich hätte mich ins Gras setzen und heulen können. Seitdem war er untergetaucht. Wie vom Erdboden verschluckt.

Ich bleibe kurz stehen, leuchte mit dem Glas noch einmal die Wiese und den Waldrand ab. Dann baume ich auf unsere kleine „Mobile-Einsatzleiter“ auf, die extra für mich am Waldrand aufgestellt wurde. Und jetzt? Blatten? Vor ein paar Tagen war ich bei dem Blatter-Experten Klaus Demmel, habe ihn Löcher in den Bauch gefragt. Was würde er jetzt an meiner Stelle tun?

$(kursiv:Demmel: Blattjagd ist Geduldsjagd. Viele Jäger bleiben gerade mal zehn Minuten auf ihrem Stand, ahmen – ohne irgendein
Konzept – irgendwelche Laute nach und ziehen dann, wenn nichts passiert ist, weiter zum nächsten Platz. Aber
40 Minuten bis eine Stunde muss man schon ausharren.)

WuH: Und was machen Sie in dieser Zeit?

$(kursiv:Demmel: Ich versuche mich, in das Rehwild hineinzuversetzen. Ich muss natürlich wissen, auf welchen Bock ich eigentlich jagen will. Ich muss meine Pappenheimer also schon kennen und wissen, wo sie stehen. Deshalb ist das Bestätigen im März ganz wichtig – die älteren Böcke verfegen dann bereits, während die Jährlinge noch im Bast sind. Die Böcke, die erst Ende April, Anfang Mai verfegen, sind hundertprozentig die Jungen, die ich, weil ich sie ja kenne, in der Blattzeit schone. Häufig genug werden ja leider die starken jungen Böcke in der Brunft erlegt – weil eben alles verdammt schnell gehen muss.)

WuH: Gut. Nehmen wir mal an, wir wissen genau, wo ein alter Bock steht. Wie bekommt man ihn vor den Blattstand?

$(kursiv:Demmel: Ich muss ihm ein Vorspiel bieten, das ihn neugierig macht, muss ihn in Stimmung bringen. Dabei interessieren den alten Bock Schmalreh oder Ricke meist nicht so stark. Spürt er aber, dass ein anderer Bock „seine“ Mädels aufmischt, gibt’s kein Halten mehr. Einen Konkurrenten darf und wird er in seinem Territorium nicht dulden. Aber dafür muss ich dem Alten das entsprechende Szenario vortäuschen.)

WuH: Und wie sieht das aus?

$(kursiv:Demmel: Ich ahme ein Schmalreh nach, das sich nach einem Verehrer sehnt. Nach dem Motto: „Hier bin ich.“ Ich variiere die Fieptöne ein bisschen – die Fieptöne vom Schmalreh sind übrigens tief. Monotones Fiepen nach der Uhr gibt’s nicht – darauf fällt der Junge, aber nicht der Alte rein. )

Ich sitze seit fünf Minuten. Die Spätnachmittagssonne brennt, ich krempel die Ärmel meines Hemdes herunter. Meine Uhr verschwindet unter dem grünen Stoff – Reflektion vermeiden. Mein Stutzen liegt durchgeladen und gesichert auf meinen Knien, das variable Zielfernrohr steht auf dreifach. Wahrscheinlich wird der Schwede aus dem Nichts auftauchen.

Den Gesichts-Mückenschleier lasse ich in der Hosentasche – dafür ist es viel zu heiß. Stattdessen ziehe ich meine Hutkrempe tiefer ins Gesicht und wage es jetzt, ja, ich greife zum Blatter und ahme das Fiepen eines Schmalrehs nach. Tief angesetzt, kurzer Ton, Pause, nochmal, wieder Pause, dieses Mal ein bisschen länger, und noch einmal kurz Fiepen. Und noch einmal. Etwas verhalten soll es klingen, schließlich will das Schmalreh ja erst auf sich aufmerksam machen. Nach rund zwei bis drei Minuten fiepe ich wieder eine Serie, dabei drehe ich meinen Oberkörper in alle Richtungen.

Über 700 Meter weit kann der Bock mich hören, allerdings nur wenn ich wirklich in der Pampa sitze, keine Autos brummen und es windstill ist. Der Schweiß läuft mir den Nacken hinunter, kein Bock in Sicht. Dann wieder eine kurze Serie – genug gefiept. Das sollte reichen, für’s erste jedenfalls.

$(kursiv:Demmel: Wenn der Alte munter ist, kann er schon zwei Minuten später zustehen. Wenn es aber heiß ist, er also faul und träge ist, wird er sich denken: „Lass gut sein. Das Schmalreh läuft mir nicht weg, und die Rivalen hab’ ich alle verjagt.“)

WuH: Und dann?

$(kursiv:Demmel: Ich warte ein paar Minuten, und wenn sich nichts rührt, fiepe ich wieder, dieses Mal etwas lauter, also energischer. Außerdem mische ich jetzt zwei Töne: Zum kurzen tiefen Schmalreh-Fiepton kommt der Pia-Laut hinzu. Dieser Laut ist etwas lang gezogen, hat die gleiche tiefe Tonlage wie der Schmalreh-Fiep, fällt aber nach hinten ab.)

Das habe ich zu Hause kräftig geübt. Lippen ein wenig schmal gemacht, den Ton tief ansetzen und dann ganz schnell den Mund öffnen. Und schon hat man das Tongefälle. Ganz einfach. Soll ich jetzt schon? Nein, ich warte noch. Ich schaue mich um. Klaus Demmel hat gesagt, dass es dem Bock nichts ausmacht, ob er vom Boden oder vom Hochsitz angeblattet wird. Wichtig ist aber, dass man mit dem Konzert aufhört, sobald man den Bock in Anblick bekommt. Denn sonst wird er natürlich misstrauisch, wenn das Schmalreh von hoher Warte aus weiter ihr Liebeslied fiept.

Doch oft, so Demmel, und das ist der häufigste Fehler, werden Serien einfach weitergeblattet: lange Töne, kurze Töne, Pia-Laut – und warum? Die Schützen wollen „korrigieren“, heißt: Der Bock kommt meist spitz auf den Blattstand zu, und dann ist ein Küchenschuss eben nicht mehr drin. Jetzt wird wieder zum Blatter gegriffen und gefiept, in der Hoffnung, dass der Alte sich breit stellt. Das Ende vom Lied: Der Bock eräugt das „falsche“ Schmalreh oder bekommt eine Bewegung mit und springt ab. Breit stehen – das muss dem Blatt-Jäger klar sein – wird ein angeblatteter Bock so gut wie nie. Entweder schießt man also auf den Stich, oder leicht schräg, oder man muss auf den Träger zielen. Und man muss sich verdammt schnell entscheiden, ob der Bock passt. Und dabei täuscht der erste Eindruck selten.

Ich greife zum Blatter, beginne zu Fiepen und setze den Pia-Laut dazu. Eine Serie von vier bis sechs Tönen, die ich nach zwei bis fünf Minuten wiederhole. Und nach drei Minuten noch einmal.

$(kursiv:Demmel: Das Schmalreh macht jetzt stärker auf sich aufmerksam, ist fordernder. Nach ein paar Minuten – wenn der Alte immer noch nicht erschienen ist – die Serie noch einmal etwas lauter blatten, einen Tick aggressiver. Das zeigt, dass sich jetzt ein Bock eingefunden hat, der das Schmalreh schon stark bedrängt.)

WuH: Sie spielen dem Alten also vor, dass sich ein Nebenbuhler anschickt, „sein“ Schmalreh in Beschlag zu nehmen?

$(kursiv:Demmel: Richtig. Jetzt muss der „Alte“ zustehen. Denn er ist derjenige, der sich fortpflanzen will. Und er wird es in den wenigsten Fällen dulden, dass sich ein Nebenbuhler in sein Territorium drängt. Vom ersten Fiep bis zu diesem Konzert vergehen zwischen 25 bis 40 Minuten. Und dann springen die reifen Böcke.)

WuH: Und wenn nicht?

$(kursiv:Demmel: Man muss dem Bock schon ein bisschen Zeit geben, sich einzufinden. Falls er aber trotz des Konzertes nach zwanzig Minuten immer noch nicht kommt, kann man davon ausgehen, dass er fest bei seiner Ricke steht. Dann den hohen Kitzfiep nachahmen, mal leise, mal hektisch, mal lang, mal kurz, zwischendurch ein- bis zweimal atmen. Die Ricke mit dem Bock im Gefolge wird schon auf der Bildfläche erscheinen.)

WuH: Und es ist egal, ob ich vorher dem Bock einen vermeintlichen Konkurrenten vorgespielt habe, der ihm sein Schmalreh wegnimmt?

$(kursiv:Demmel: Ja, denn den Bock schien es nicht sonderlich zu interessieren.)

WuH: Was mache ich, wenn der Bock erscheint, aber nicht verhofft, sondern immer weiter auf mich zu zieht?

$(kursiv:Demmel: Den Blatter in den Mund, mit der Büchse in Anschlag gehen und ein-, zwei- mal ganz kurz tief fiepen. Dann verhofft er, und Sie haben genug Zeit, fliegen zu lassen. Bloß jetzt kein Konzert.)

WuH: Und nicht anpfeifen?

$(kursiv:Demmel: Rehwild ist lernfähig. Haben Sie den Bock schon einmal angepfiffen und dann vorbei geschossen oder sein Misstrauen erregt, wird er beim nächsten Anpfiff abspringen. Außerdem verharren die Böcke nach dem Pfeifen extrem kurz. Die zwei Fieptöne machen ihn aber neugierig, lassen ihn länger stehen bleiben, und Sie haben mehr Zeit, ihm die Kugel anzutragen. Aber die Waffe müssen Sie schon im Anschlag haben, sonst würde er die Bewegung spitz kriegen, und weg ist er.)

WuH: Zum Blattstand: Bevorzugen Sie Hoch- oder Erdsitz?

$(kursiv:Demmel: Ganz klar, den Hochsitz. Sie haben von dort einen besseren Überblick, können von der hohen Warte besser hören und sehen. Taucht der Bock plötzlich in Ihrem Rücken auf, wo Sie ihn also nicht vermutet haben, und wo er Wind bekommen könnte, haben Sie auf dem Hochsitz die besseren Karten: Sie sitzen über ihm, und Ihre Wittrung wird über ihn hinwegziehen. Beim Erdsitz sind Sie verraten und verkauft. Da haben Sie keine Chance. Außerdem haben Sie beim Hochsitz immer Kugelfang.)

WuH: Nun kann man ja nicht überall einen Hochsitz oder eine Leiter hinstellen.

$(kursiv:Demmel: Richtig. Wenn es nicht anders geht, muss man auf dem Boden bleiben. Ich versuche dann natürliche Plätze zu besetzen, also an Holzpoltern oder Reisighaufen. Ganz wichtig: So wenig Haut wie möglich zeigen. Ich habe immer einen Mückenschleier fürs Gesicht dabei – für die Jagd von der Erde aus extrem wichtig. Und Handschuhe nicht vergessen. Helle Hände oder blitzende Ringe verscheuchen jeden Bock.)

WuH: Welchen Einfluss auf die Rehwild-Brunft hat das Wetter?

$(kursiv:Demmel: Bei Hitzeperioden und Vollmondphasen verlegt sich der größte Teil der Rehwild-Hochzeit in die Nacht beziehungsweise in den Morgen.)

WuH: Was hat der Vollmond damit zu tun?

$(kursiv:Demmel: Rehwild braucht Sicht. Und wenn es nachts hell ist, treibt der Bock die Ricke eben auch in dieser Zeit. Deshalb fange ich auch im Feld oder im Wald an, mit dem ersten Büchsenlicht zu blatten. Wenn ich bis zehn Uhr nichts vor die Büchse bekommen habe, fahre ich nach Hause zum Frühstück. Optimal ist es, wenn es geregnet hat. Dann hat es sich ein wenig abgekühlt, und das Rehwild ist wieder auf den Läufen. Es zieht aus dem Wald heraus, weil es die von den Ästen herunterfallenden Tropfen nicht mag, sich nicht mehr sicher fühlt. )

WuH: Wenn man einen jungen Abschuss-Bock heranblatten will – muss man dem ein anderes Lied als dem Alten vorspielen?

$(kursiv:Demmel: Ja. Der junge Bock will sich natürlich auch fortpflanzen, das aber möglichst ohne vom Alten Prügel zu beziehen. Dem Jungen kommt natürlich ein allein stehendes Schmalreh gerade recht. Und das spiele ich ihm vor, mache also den kurzen, tiefen Schmalreh-Fiep nach.)

Ich will den Schweden, den Alten, das Phantom. Also lege ich noch eine laute, aufdringliche Serie an Schmalreh-Fiep und Pia-Lauten nach. Zwischendurch kommt mir ein schiefer Ton raus, doch der Blatter-Experte sagt, das sei nicht schlimm. Ich blinzele Richtung Waldrand. Wo bleibt er denn? Hat ihn vielleicht der Nachbar gestreckt? Oder wurde er von einem Auto überfahren?

Böcke sind nicht umsonst so alt geworden, sagt Demmel. Sie sind misstrauisch und besonders vorsichtig, wechseln zu Unzeiten aus dem Wald in Felder und auf Wiesen. Klarer Fall: Der Schwede ist ein Schlitzohr. Wenn man so einen Alten dann auch noch vorbeischießt – das merkt der sich natürlich und wird noch viel heimlicher.

Halt – da war doch eine Bewegung, oder? Ich greife zum Fernglas, hektisch schwinge ich auf den gelben Gras-Dschungel. Da, Gehörnspitzen. Mein Puls rast.

Ein Bock! Rund 70 Schritt von mir entfernt. Hoch auf, stark vereckt, dicke Stangen, ja – der Schwede! Er zieht auf mich zu, kommt schnell näher. Jetzt ist er auf rund 50 Meter herangekommen, seine rote Decke fällt in dem gelben Gras kaum auf.

Blatter in den Mund! Ich greife zum Gewehr. Stutzen auf die Brüstung auflegen. Anbacken, entsichern. Spitz kommt er weiter auf mich zu. Immer näher. Nur noch 20 Meter! Gleich steht er unter der Leiter. Mein Herz trommelt. Ich konzentriere mich auf den Bock, wandere mit dem Absehen auf den Stich – einstechen! Ich fiepe zweimal, ganz kurz: Der Schwede verhofft, äugt nach oben. Jetzt!

Der Blatter-Experte spielt dem Bock auf dem Blatter eine Situation vor, die ihn so neugierig oder wütend macht, dass er zusteht

 

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