Wer oder was reguliert Gamsbestände?

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Anders als normalerweise Rot- und Rehwild werden Gamsbestände im Hochgebirge noch immer auch „natürlich“ reguliert. Eine Tatsache, die bedeutenden Einfluss auf die jagdliche Planung hat.

 

Dieser Gams wurde sicher nicht vom Steinadler geschlagen. Er wurde ein Opfer von Eis und Schnee. In harten Hochgebirgs-Wintern fällt ein Großteil der Kitze und Jährlinge sowie etliche Gamsböcke der Kälte zum Opfer

Von Dr. Christine Miller

Eine Gamspopulation umfasst Geißen, Jährlinge und Kitze in ein bis mehreren Scharwildrudeln sowie die dazugehörigen Junggesellentrupps und einzelgängerische Böcke – auch wenn ihre Sommereinstände z. T. weit voneinander entfernt liegen. Die Zahl der Tiere nimmt durch die Geburt von Kitzen und durch das Einwandern von Gemsen aus anderen Beständen zu.

Ihre Zahl nimmt ab, indem Tiere sterben oder abwandern. Was zunächst etwas banal klingt, ist der Schlüssel zum Verständnis des Auf und Ab von Populationen. Wir wissen aus Erfahrung, dass Gamsbestände nicht in den Himmel wachsen. Ihre Entwicklung wird von verschiedenen Faktoren geregelt.

Raubwild hat in den angestammten Einständen nie eine nennenswerte Rolle bei der Dichteregulation gespielt. Auch die wenigen Kitze, die der Steinadler schlägt, spielen im Gesamtgeschehen keine große Rolle. Die Wintersterblichkeit und Abwanderung sind die entscheidenden Posten auf der „Minusseite“. In normalen Wintern kann etwa die Hälfte der Kitze und ein erheblicher Anteil der Jährlinge eingehen.

In günstigen Jahren tendieren die Verluste gen Null. Unter strengen Winterbedingungen dagegen können die beiden jüngsten Altersklassen fast völlig ausfallen. Auch die Sterblichkeit unter den Böcken ist relativ groß. Gerade bei einem langen und heftigen Brunftverlauf werden etliche Gamsböcke zu sehr geschwächt, als dass sie den Gebirgswinter bis zum Frühjahr überleben könnten.

Die geringste Sterblichkeit haben erwachsene Geißen. Selbst in Lawinen findet man mehr Jungtiere und Böcke als Geißen, obwohl das Geschlechterverhältnis in natürlich regulierten Gamsbeständen deutlich zugunsten des weiblichen Teilbestandes verschoben ist.

Eine Geiß kann etwa 20 Jahre alt werden. Ihr erstes Kitz wird sie normalerweise im Alter von drei bis vier Jahren setzen. Ihr letztes Kitz führt sie – sofern sie bis dahin überlebt – vielleicht mit etwa 15 Jahren. Da Zwillingsgeburten extrem selten sind und die meisten Geißen in jedem Jahr beschlagen werden, können sie im Laufe ihres Lebens zehn bis zwölf Kitze zur Welt bringen. Etwa die Hälfte davon sind Geißkitze.

Unter günstigen Bedingungen kann eine Population in jedem Jahr um etwa 20 Prozent anwachsen. Diese Rate steigt, je früher die Geißen beschlagen werden. Sie sinkt, je länger und öfter sie gelt bleiben. In vielen Beständen ist dies die am deutlichsten spürbare Veränderung, mit der ein Rudel auf die Kapazität seines Lebensraumes „aktiv“ reagiert.

Der bestimmende Faktor für die Zahl der Kitze im Frühjahr ist die Zahl der Geißen in guter Kondition. Die Zahl der Böcke spielt in der Populationsdynamik nur eine untergeordnete Rolle. Wenn die Winterverluste den jährlichen Zuwachs nicht bremsen und die Lebensraumkapazität ausgeschöpft ist, wandern junge Böcke und junge Geißen ab. Sie stehen möglicherweise in tieferen Lagen oder „verschwinden“ über Kare und Bergrücken in andere Regionen.

Gamsbestände können daher über lange Zeit sehr stabil sein. Wir finden sie dann entweder in Gebieten mit strengen Wintern und hohen Fallwildzahlen oder sie sind beständige Quellen abwandernder Gemsen.

Die Jagd auf Geißen entscheidet

Doch welche Rolle spielt die Jagd in der Entwicklung von Gamsbeständen? Auch hier kommt es auf das Wen, Wann und Wo an. Es werden grundsätzlich zwei „Sorten“ Wild erlegt: Die, die ohnehin im Laufe des Jahres sterben würden, und solche, die ohne die Jagd überleben würden. Diesen Einfluss der Jagd auf eine Population bezeichnet man als „kompensatorische“ bzw. „additive“ (zusätzliche) Sterblichkeit.

Grob eingeteilt bedeutet das für den Gamsbestand, dass die Jagd auf Kitze, Jährlinge und auf Böcke eher „kompensatorisch“ ist. Die Gefahr, dass diese Sozialklassen den Winter nicht überleben, ist im Hochgebirge relativ hoch. Einen Anstieg der Gesamtsterblichkeit bewirkt man dagegen am deutlichsten mit der Jagd auf Geißen. Bejagt man vornehmlich ältere Tiere, kann man einerseits die Population verjüngen. Andererseits erreicht man eventuell aber auch unerwünschte Effekte.

Ein starker Überhang an jungen, aber erwachsenen weiblichen Gams in einem äsungsreichen Einstand können das Wachstum einer Population beschleunigen. Eine intensive Bejagung an den Verbreitungsgrenzen, z. B. in Waldeinständen in tieferen Berglagen, schöpft dagegen oft nur den „Überlauf“ einer Population ab. Solche Einstände können jedes Jahr erneut von abwandernden Tieren aus den optimalen Einständen um und über der Waldgrenze aufgefüllt werden.

Für die Entwicklung eines Gamsbestandes ist es also ganz entscheidend, wie hoch die Zahl junger bis mittelalter und konditionsstarker Geißen ist. Sie sind der Motor der Population. Wer in diese Sozialklasse eingreift, kann die Bestandsentwicklung spürbar beeinflussen. Strenge, schneereiche Winter und eine starke Bejagung der Geißen als potentielle Zuwachsträger nehmen nachhaltig Einfluss auf die Populationsdichte.

In den französischen Alpen zeigte eine Langzeitstudie, welche Zeiträume Gemsen benötigen, um starke Verluste und gezielte jagdliche Eingriffe wieder auszugleichen. Im Jahre 1977 wurde die Population um das Bauges-Massiv von der Gamsblindheit heimgesucht. Bei einem geschätzten Sommerbestand von etwa 1000 Stück erlagen mindestens 59 Tiere der Krankheit. Zusätzlich zum „regulären“ Abschuss von 16 Tieren wurden noch weitere 96 Gams erlegt.

In den darauffolgenden Jahren wurde der Bestand fortlaufend beobachtet, teilweise markiert und jeweils im November gezählt. Die Ergebnisse waren verblüffend. Nach dem starken Eingriff von 1977 sank die Zahl der Gams um 37 Prozent! Nach der Brunft wurden nur noch etwa 580 Stück gezählt.

In den folgenden Jahren bestimmten die Wissenschaftler die Zuwachsraten der Population. Es dauerte über sechs Jahre bis der Zuwachs wieder anstieg und fast zehn Jahre bis die ursprünglichen Bestandszahlen wieder erreicht waren.

Warum hatte diese Population solche Schwierigkeiten, einen einmaligen massiven Verlust wieder auszugleichen? Anders als bei einer hohen Wintersterblichkeit, von der Geißen eher gering betroffen sind, ging der Eingriff vor allem zu Lasten dieser Gruppe. Erst als die Zahl fortpflanzungsfähiger Geißen wieder stieg, konnte der Bestand mit der entsprechenden Geschwindigkeit wieder anwachsen.

 

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