Wo einst die Stahlbarone jagten…

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…soll es wild zugegangen sein.
Die Üfter Mark im nördlichen Ruhrgebiet gehörte lange Zeit der Mannesmann AG und zuletzt der Vodafone. Kaum wurde das 1500 Hektar große Waldgebiet vom Kommunalverband Ruhrgebiet (KVR) übernommen, lebten die alten Gerüchte vom „Rotwildbordell“ und neue Gerüchte um eine radikale Bestandsreduktion auf. Dass es in Wirklichkeit ganz anders aussieht, hat Frank Martini herausgefunden.

 

Tagaktiv: Punkt 17 Uhr stand dieses Rudel Rotwild bei Frank Martinis Besuch in der Üfter Mark auf der Streuobstwiese hinter dem Forsthaus

Mannesmann-Zoo“ war der wohl böseste Begriff, der für die Eigenjagd Üfter Mark je in die Welt gesetzt wurde. Es kursierten Gerüchte, dort würden mit dem Konzern-Etat im Rücken Hirsch und Sau auf Rindergröße gemästet. In Zusammenhang mit dem Verkauf des Revieres an den Kommunalverband Ruhrgebiet (KVR) machten Meldungen von zehnfach überhöhten Beständen die Runde, und Schlagzeilen wie „Weniger Wild vorm Ruhrgebiet“ oder „Hirsche im Fadenkreuz“ zierten die Lokalpresse.

Grund genug, sich vor Ort einmal umzusehen. Also verabredete ich mich mit Gerd Klesen, Oberforstrat beim KVR, zu einem Besuch bei Christoph Beemelmans im Forsthaus in der Üfter Mark (siehe auch Interview auf Seite 46). Beemelmans, so Klesen, sei in Fragen des Waldbaus wie der Wildbewirtschaftung der Experte, weswegen man ihn beim Kauf des Areals von Mannesmann-Nachfolger Vodafone gleich mit übernommen habe – gemeinsam mit seinen zwei Forstwirten. Christoph Beemelmans kennt das Revier bereits aus seiner Zeit als Forstpraktikant vor fast 20 Jahren – später schrieb er dort seine Diplomarbeit über den „Umbau mittelalter Kiefernbestände in verschiedenartige und verschiedenaltrige Mischbestände“. 1994 wurde er dann als verantwortlicher Revierförster von der Mannesmann AG angestellt. Einen Einklang zwischen einem guten Wild- und Waldbestand zu schaffen, war seither seine nicht leichte Aufgabe.

Prinzipiell soll sich an diesem Verständnis auch nichts ändern, denn Beemelmans’ neuer Dienstherr plant, dort mit Unterstützung des Landes einen Natur-Erlebnispark einzurichten, in dem Besucher neben Rot- auch Schwarzwild bei Tage beobachten können. Dazu soll das Gebiet mit einem neuen Wegenetz für Reiter und Spaziergänger versehen werden, das deutlich weitmaschiger ist als das gegenwärtige System von Wegen, Pfaden und Schneisen. Wo jetzt noch im Abstand von etwa 300 Metern Möglichkeiten bestehen, das Gebiet zu durchstreifen, soll es in Zukunft nur noch maximal alle 1000 bis 1200 Meter einen Weg geben – zu groß wäre sonst die Unruhe, der das tagaktive Rot- und Schwarzwild ausgesetzt bliebe.

Das Einhalten der Vorgabe des Landschaftsschutzes, auf den Wegen zu bleiben, will der KVR durch entsprechende Maßnahmen sicherstellen. So sollen ähnlich der bisherigen Verblendung der Wegränder mit Resten aus Einschlägen diese Dämme durch Überwuchern mit Brombeere und anderen geeigneten Arten auf den neuen und teils verbreiterten Wegen ausgebaut werden. Die Dämme sollen dabei weiter von Wegrändern in den Bestand verlagert werden und durch natürliche Überwucherung nicht nur Wanderer und freilaufende Hunde daran hindern, in die Einstände und Rückzugsgebiete des Wildes vorzudringen, sondern auch die Brandgefahr der bisherigen Totholzdämme beseitigen.

Den genetischen Austausch ermöglichen!

Im Gegenzug dafür sollen Beobachtungskanzeln an geeigneten Stellen eingerichtet werden, von denen aus Naherholungssuchende Rot- und Schwarzwild bei Äsung und Brunft erleben können – sogar mit dem Angebot gezielter Führungen. Zentrale Sammelparkplätze sollen ebenfalls dazu beitragen, den Besucherdruck im Busch zu steuern. Außerdem soll das von den beiden stark befahrenen Bundesstraßen 58 und 224 eingefasste und von der Autobahn 31 in zwei Teile getrennte Revier vernetzt werden. Denn die Autobahn, die das Revier in einen 1200 Hektar großen Teil im Westen und einen 300 Hektar großen im Osten zerschneidet, trennt es damit auch von den anderen bedeutenden Rotwildvorkommen der Region in der Herrlichkeit Lembeck und der Hohen Mark ab. Eine Grünbrücke soll hier mittelfristig für eine Vernetzung sorgen und so auch einen genetischen Austausch der Rotwildvorkommen ermöglichen.

Die Gerüchteküche brodelt

Rund zehn Millionen Euro stehen inklusive des geheimgehaltenen Übernahmepreises in den nächsten fünf Jahren insgesamt dafür zur Verfügung. Dass in diesem Zuge die vorhandenen Wildbestände auch reduziert werden müssen, ist unstrittig. Mögliche Ziele spalten hier die Geister allerdings in zwei Lager, wie wir sie überall bei der Frage tragbarer Rotwilddichten kennen –, und das macht den Vorgang auch über die Grenzen der Region hinaus so interessant.

Der Revierförster empfängt Gerd Klesen und mich vor dem Forsthaus. Dahinter liegt eine Streuobstwiese, die bis zum etwa 300 Meter entfernten Waldrand reicht. Selbst hier, so hatte ich gehört, soll das Rotwild tagsüber stehen. Schon beim Vorgespräch lösen sich die mitgebrachten Klischees über die Verhältnisse im „Mannesmann-Wald“ auf. Nicht, dass das Anwesen mit seinen Gemeinschaftsräumen von Pappe wäre, aber die Gerüchteküche ließ dort doch einen deutlich anderen Rahmen für die Jagden der angeblich stets so hochkarätigen Gäste erwarten. Und auch einen Förster, der unter Androhung von Stockhieben neugierige Fremdlinge aus „seinem“ Wald vertreibt, habe ich mir anders vorgestellt. Stattdessen empfängt mich ein freundlicher und ruhiger Mittdreißiger, der seinem Unmut zwar deutlich Luft zu machen verstand, dies aber stets mit fundierten Zahlen zu untermauern wusste: „Also entschuldigen Sie, aber was bisher so in der Presse stand, da sträubt sich mir echt das Nackenfell! Wissen Sie eigentlich, was hier seither los ist? Mich rufen die Leute schon besorgt an und fragen, ob hier denn jetzt wirklich der Wildbestand bis auf Rudimente zusammengeschossen werden soll“, poltert Christoph Beemelmans los und legt noch einen drauf: „Dass irgendein Prolet mal ,Mannesmann-Zoo’ auf ein Schild an der B 224 geschmiert hat, reicht offenbar schon, um von zehnfach überhöhtem Wildbestand zu sprechen! Wie soll denn so was gehen?“

Doping für die Tiere?

„Durch säckeweise Kraftfutter vielleicht?“, gieße ich schnell Öl ins Feuer. „Ja ja, den Quatsch um die angebliche Fütterungspraxis hier kenne ich! Das wird von Leuten in die Welt gesetzt, die nicht mal wissen, dass eiweißreiches Futter Verbiss und Schäle eher noch verschärfen. Seit ich dieses Revier kenne, hat es hier nicht einen einzigen Zentnersack Kraftfutter gegeben. Wo unsere Äsungsflächen nicht über die gesamte Notzeit reichten, haben wir hier und da Futterrüben im Revier verteilt, aber das hatte in der Spitze vielleicht einen Umfang von 20 000 Mark im Jahr!“

Gerd Klesen verweist dazu auf ein Gespräch, das er bereits zwei Jahre zuvor anlässlich eines Vortrags von Dr. Michael Petrak zur damals neuen Fütterungsverordnung führte: „Ich hab damals Dr. Petrak nach seiner Kenntnis der Gerüchte um die Fütterungspraxis bei Mannesmann gefragt – er kannte sie, sagte mir aber, man habe bei daraufhin durchgeführten stichprobenartigen Kontrollen keine Hinweise auf deren Wahrheitsgehalt gefunden.“

Die Rotwildbewirtschaftung der Üfter Mark war, wie mir später vor Ort erläutert wird, vor allem mit klassischen Mitteln betrieben worden – auf 1500 Hektar etwa 120 Morgen meist großer gezäunter Wildäcker, unter anderem mit Rüben, Kartoffeln und Mais. Wenn die meist den Äckern vorgelagerten Wildwiesen abgeäst waren, wurden die Äcker im Herbst geöffnet.

Stille Post

Zugefüttert wurde nur, wenn dies nicht bis über die kritischen Monate Februar und März reichte. Und das war vor allem in den letzen Jahren der Fall. „1999 haben wir der Mannesmann dringend eine Erhöhung des Abschusses nahegelegt – zuvor hatten wir brav im Geschlechterverhältnis 1:1 die Abschusspläne erfüllt – aber damit waren genug Zuwachsträger für einen anwachsenden Bestand verblieben“, erläutert Beemelmans. „Ein Jahr später, also 2000, hatten wir hier den letzten Mannesmann-Gast, die Situation hat sich also vor allem am Schluss verschärft. Aber Sie werden ja gleich im Revier sehen, dass Sie weder zuhauf Fütterungseinrichtungen, noch Waldschäden sehen, die auf eine langjährige Überhege schließen lassen“, fährt der Förster fort und ergänzt: „Denken Sie auch an das Prinzip der stillen Post. Wenn hier ein Radfahrer mal zehn Stück Wild stehen sieht, sind das eine Stunde später am Tresen schon 25. Und nach einer weiteren Stunde, 28 Bekannten und fünf Bierchen werden aus einem Dutzend dann schnell drei Dutzend. Solche Stückzahlen passen in Hochrechnung aber einfach nicht zu den vorhandenen Schäden!“ Das passte zusammen mit dem, was ich vom Reviernachbarn zu hören bekam.

Schäden auf Nachbarflächen hatte auch Christoph Möllmann. Der Bauer und Pächter einer 570-Hektar Genossenschaftsjagd hat mit sieben Kilometern die längste Grenze zum Revier Üfter Mark. Sein Revier Altschermbeck/Üfte besteht dabei nur zu einem Drittel aus Wald, die restlichen an das frühere Mannesmann-Revier grenzenden Teile waren vor allem ackerbaulich genutzt. „Etwas Schäden von Sau und Hirsch haben wir hier immer gehabt, aber das konnte ich durch das Wildbret kompensieren. Erst seit etwa 98/99 haben sich die Rotwildschäden bei mir zunächst verdoppelt, dann verdreifacht“, so der Landwirt. Deswegen ist er, wie die übrigen Grenzreviere auch, in die „bestandserhaltende Bejagung“, mit der in den nächsten fünf Jahren der Wildbestand gesenkt werden soll, einbezogen. Ganze 19 Stück Rotwild weist der Abschussplan derzeit für sein Revier aus – davor waren es einige wenige.

Um die Situation vorübergehend zu entlasten, hat der KVR bereits fünf Ablenkungsfütterungen beantragt. „Beim Abschuss muss jetzt was passieren“, ist deshalb auch sein Interesse, „aber wenn die auf ‘nen Bestand von fünf bis sechs Stück je 100 Hektar runtergehen würden, wäre mir als Landwirt schon genug geholfen und als Jäger würde ich mich freuen.“

Aggressive Bengels

Um höchstens zwei Drittel will der KVR den Rotwildbestand in den kommenden fünf Jahren senken. Dann wolle man weitersehen, wie sich die Situation entwickelt. „Wenn ich von einem erlebbaren Wildbestand spreche, meine ich das auch“, so Beemelmans, „wenn ich jetzt aber einen tagaktiven Rotwildbestand auf zwei Stück je 100 Hektar zusammenschieße, wie soll ich denn da das Ziel erreichen, der Öffentlichkeit das Beobachten von Sau und Hirsch bei Tage zu ermöglichen?“

Nun will ich es aber wissen und bitte zum Aufbruch. Kaum stehen wir wieder vor dem Haus, schaue ich abwechselnd ungläubig auf meine Uhr und die Streuobstwiese. Fast auf der Mitte zwischen Waldrand und Forsthaus erkenne ich Wildschemen durch den Einzelschutz der Obstbäume. „Hier lang, immer im Schatten, das halten die noch aus“, dirigiert mich der Forstmann. Jetzt stehe ich auf etwa 170 Meter frei vor einem Rudel Rotwild – um 17 Uhr, bei vollem Licht. Bestimmt ein Dutzend Stücke steht dort dicht an dicht. Sie sichern in alle Richtungen, aber sie springen nicht ab.

Bei der Fahrt durchs Revier sehe ich noch zweimal Rotwild – ausgerechnet, als Beemelmans mich auf Schäden aufmerksam machen will. „Sehen Sie da drüben den Stamm, wo jetzt die beiden Alttiere dahinter durchziehen? Das ist so ein seltener Fall von Schäle, und auch schon ein paar Jahre alt. Gravierender sind Schäden durch mittelalte Hirsche: Wenn der Alte vor der Brunft in seinem Rudel steht und von den jungen Bengels drumherum keinen ranlässt, kriegen die schon mal die Wut. Da hauen sie dann schon mal ‘ne Douglasie mitsamt Einzelschutz kurz und klein.“

Stolz auf den Altersaufbau

Aber sonst gibt es in dem überwiegend von Kiefern geprägten Wald keine Schäden. Dafür kommen wir kurze Zeit später an den Resten einer völlig verfallenen Raufe vorbei. Und an einer Menge Spaziergänger. Bei zweien bleibt der Förster stehen. Nach freundlicher Begrüßung erlebe ich hautnah, was Beemelmans zuvor beschrieben hatte: „Sagen Sie mal, wir gehen doch mit unseren Kindern immer in den ,Schweinewald’, kriegen wir denn da in Zukunft noch Wild zu sehen?“, erkundigen sich die Leute. „Glauben Sie nicht alles, was in der Zeitung steht“, beruhigt der Förster.

Dabei ist das Schwarzwild langfristig eigentlich das größere Problem. „Rotwild hat einen Zuwachs von 35 Prozent im Jahr, Schweine liegen da deutlich drüber“, so Beemelmans knapp. „Sie werden es gleich auf dem Rückweg sehen“, ergänzt Gerd Klesen: „Die Bankette sind an der 224 teilweise auf mehreren Kilometern umbrochen. Da bummeln schon in der Dämmerung die Rotten am Waldrand rum, und kaum ist die Sonne weg, wühlen sie durch die Grasnarbe am Straßenrand.“

Ein Grund für den KVR, von großen Reduktions-Drückjagden abzusehen: „Stellen Sie sich mal vor, was hier passiert, wenn wir Rot- und Schwarzwild auf die Straßen treiben“, so die Verantwortlichen unisono. Außerdem könne man auf den Altersaufbau beim Rotwild stolz sein: Die „Mannesmann-Hirsche“ seien auf den örtlichen Trophäenschauen immer die ältesten, und daran soll sich auch nichts ändern. Drückjagden wären da einfach kontraproduktiv.

Bei den Sauen hat man deswegen sofort angefangen. Mit geführten Einzelansitzen werden derzeit von revierlosen Jägern für 80 Euro pro Abschuss die Frischlinge dezimiert. „Das wollen wir mit Aufgang der Jagd dann auch auf alle anderen Stücke ausdehnen“, sagt Klesen. Bei kapitalen Keilern werden die Preise zwischen 500 und 750 Euro liegen, Knopfböcke und Spießer werden 40 bis 75 Euro kosten, ein braver Bock 250 Euro. Auf Rotspießer wird für 150 Euro geführt, auf Kälber geht’s für die Hälfte, Alttiere sollen 125 Euro kosten. Bis zum ungeraden Achter werden 500 Euro verlangt, stärkere Hirsche bis zur Ernteklasse werden mit 40 beziehungsweise 50 Euro-Cent je Gramm schließlich nach Geweihgewicht berechnet. Für den Abschuss des Rotwildes gilt bei allen Stücken der körperliche Nachweis einschließlich der Präparation sämtlicher Unterkiefer.

Anlass zum Aufatmen

„Damit schaffen wir auch in den umliegenden Revieren eine Basis für ein begleitendes Biomonitoring durch die Landesanstalt für Ökologie, Bodenordnung und Forsten“, so Klesen. Durch deren Mitwirkung und die Zusammenarbeit mit den umliegenden Hegegemeinschaften und der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Rotwild soll nicht nur präzises Datenmaterial über die Entwicklung im Altersaufbau möglich werden, sondern auch sichergestellt sein, dass die bisher guten Sozialstrukturen erhalten bleiben.

Eine rigorose Reduktion des derzeitigen Bestands werde es jedenfalls nicht geben: „Das ist aus waldökologischer Sicht nicht nötig“, sind sich Klesen und Beemelmans einig, „und würde aus wildbiologischer Sicht unseren Zielen völlig entgegenstehen.“ Und die sind schließlich mit allen beteiligten Experten und Interessengruppen bis hinauf zur Landeregierung und ihren Fachanstalten abgestimmt. Für die Freunde des Rotwilds kann das nur Anlass zum Aufatmen sein.

Fütterung ade: Diese verfallene Raufe steht sinnbildlich für die Absage des Revierpersonals an Kraftfuttergaben

 

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