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Der Zwölfer vom Pfannkopf

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Rufjagd auf den Berghirsch:
In großen und tiefen Sprüngen plätschert und rauscht der Wildbach durch den Pfanngraben der Valepp zu. Der trägt seinen Namen zu Recht, denn tiefe, meistens kreisrunde Gumpen reihen sich in ihm aneinander. In dieser wildromantischen Gegend zog alle Jahre am Morgen nach einer durchbrunfteten Nacht ein starkstangiger älterer Zwölfer seine Fährte.

 

Von Konrad Esterl

Der Hirsch zog meist mit einem mehrköpfigen Kahlwildrudel dem schützenden Einstand am Pfannkopf zu, einem mit Felsbändern durchzogenen Waldrücken. Auf einem in diesen Bergwald hineinragenden Plateau hatte ich vor mehreren Jahren schon eine Kanzel gebaut. Wenn das Brunftrudel vom Hirsch angetrieben den Wechsel hielt, dann musste es in die verantwortbare Reichweite eines dennoch weiten Büchsenschusses kommen. Am Abend war das Rudel mit dem Hirsch selten zu erwarten. Vom Forstamt war mir ein Jagdgast auf einen starken Hirsch zugewiesen worden und nach dem obligatorischen Probeschuss, der Gast schoss eine ausgezeichnete Kugel, pirschten wir auf den sehr unsteten und äußerst mürrischen Zwölfer. Manchmal zog der Hirsch auch über den gegenüber liegenden Waldgraben den Wurzenköpfen zu.

Kampf der Giganten

Ein Traummorgen kündigte sich über der Rotwand und dem Kirchstein an, als wir uns sehr vorsichtig dem Brunftplatz näherten. Unterhalb einer großen Wettertanne, die schon Anton Freiherr von Perfall beschrieben hatte, schrien sich pausenlos zwei Hirsche an. An seiner rasselnden Tiefstimme glaubte ich den alten Zwölfer vom Pfannkopf zu erkennen. Kampfruf auf Kampfruf warfen sich die zwei Kontrahenten an den Kopf. Mit trockenem und offenem Mund, auf den Bergstock gestützt, lauschten wir dem Rufduell der Hirsche, das sich keine 150 Meter neben und oberhalb von uns abspielte. Eifrig versuchten wir die langsam eintretende Morgendämmerung zu durchleuchten. Meine BGS- Hündin, die auf vielen Nachsuchen so bewährte Hella, saß zitternd an mich gelehnt auf meinen genagelten Bergschuhen.

Im nächsten Moment krachte es oberhalb von uns. Unter Stöhnen und Ächzen fuhren sich die zwei Kontrahenten in die Parade. Wir konnten den Kampf der Giganten nur akustisch wahrnehmen. Steine polterten den Almhang herunter, Äste krachten. Am Horizont sahen wir, wie das Kahlwild unstet und auch unsicher auf seinen Herrscher wartete. Endlich konnte ich unter der alten Wettertanne ganz kurz, mehr einem Wischer gleich, zwei Rotwildspiegel ausmachen, die sich hin und her schoben. Immer wieder hörte man das Zusammenfahren der Geweihe. Auf einmal trat tiefe Ruhe ein, nur das Rauschen des nahen Almhüttenbrunnens unterbrach das geisterhafte Schweigen. Im nächsten Moment stürmte mit knackenden Läufen ein Hirsch keine 20 Meter neben uns am Grabenrand über den Almboden, ehe die Jungfichtenkulisse hinter dem untergetauchten Hirschspiegel zusammenschlug. Nun ertönte von der Wettertanne her der rauhe Ruf des Siegers. Geistesgegenwärtig riss ich meine Tritonmuschel aus dem Rucksack und schleuderte dem davonziehenden Althirsch den Kampfruf nach. Nun trat ein, was sowohl mein Gast, als auch ich nicht für möglich gehalten hatten. Der davonziehende Platzhirsch drehte und zog uns, immer wieder verdeckt, entgegen.

Der Hirsch ist gefehlt

Weit und breit hatten wir nicht die geringste Chance einer Deckung, wir mussten uns auf meiner Lodenkotze niederlassen. Der Hirsch zog uns brummend und trenzend entgegen. Unter dem kleinen Wasserfall, der in einer schmalen Rinne durch den Almhang eilte, konnte ich endlich des Hirsches ansichtig werden. Es war noch sehr weit, und es war der alte Zwölfer. Mit heraushängendem Lecker und seiner typischen schiefen Haupthaltung, die ich schon mehrmals bei ihm erblicken konnte, wartete der Althirsch auf seinen Gegner.

In größter Eile errichteten wir aus unseren Rucksäcken eine Schussauflage, derweil ich immer wieder einen abgrundtiefen Brummler von mir gab. Mein ständiges Mahnen und der tiefe Brummler ließen den Hirsch verhoffen. Endlich brachte mein Jagdgast seine Kipplaufbüchse in Anschlag, und im nächsten Augenblick brach donnernd der Schuss. Neben und unterhalb des Hirschen spritzte das Erdreich auf. Der Hirsch war gefehlt. Nach kurzer Zeit trollte er über den Almboden, ehe auch hier der Spiegel des Hirsches im Sesselgraben untertauchte. Mehrmals, auf allen Vieren, untersuchte ich den vermeindlichen Anschuss. Die sehr erfahrene Hella, oft der Retter nach schlechten Schüssen, gab mir bald zu verstehen: Der Hirsch ist gefehlt. Missmutig trottete mein Jagdgast, ich hatte ihn an der Almhütte abgelegt, neben mir her dem Talgrund zu. Es ließ mir einfach keine Ruhe, der Gast behauptete stur und felsenfest, gut abgekommen zu sein. Im Schusshüttl, das ich eigens zum Ein- und Probeschießen für uns, das Personal, und auch die Gäste erbaut hatte, stellten wir fest: Die Waffe schoss 40 Zentimeter tief und gewaltig rechts. Der Gast hatte mir in der Annahme dass nicht viel passiert sei, verschwiegen, dass ihm beim Aussteigen aus dem Geländewagen die Waffe umgefallen war.

Junghirsche schoben sich über den Almboden

Am nächsten Morgen waren wir wieder zeitig unterwegs zum Pfanngraben. Sehr verhalten und bedächtig nahmen wir den steinigen Aufstieg unter die Bergschuhe. Neben uns rauschte der Wildbach im Pfanngraben der Valepp zu. Das ständige Rauschen des Wassers übertönte fast das Hirschkonzert, das sich auf der Oberen und der Unteren Petzinger Alm abspielte. Als wir vorsichtig aus dem tiefen Pfanngraben herauspirschten, waren die Almböden erfüllt vom Orgeln und Trenzen der Hirsche. Oberhalb von uns, am Waldgraben schrien sich pausenlos zwei Kontrahenten nicht gerade Freundlichkeiten an den Kopf. An der Hüttenrückseite der Petzinger Alm hatte ich mir mit Erlaubnis vom Wastl, dem dortigen Senn, eine bescheidene Ansitzmöglichkeit geschaffen. Vor uns im Hüttenanger schoben sich mehr spielerisch als ernst gemeint zwei Junghirsche über den Almboden. Einer der Jünglinge stellte seine schon recht ordentliche Halskrause dabei wie ein Student auf, der das erste Mal eine Fliege trägt. Am Steilhang unterhalb der großen Wettertanne ästen mehrere Stuck mit ihrem Nachwuchs.

Ich konnte das Spektiv drehen wie ich wollte, den beim Rudel ununterbrochen schreienden Hirsch konnte ich einfach noch nicht ansprechen. „Herrgott lass endlich Morgen werden“, waren meine Gedanken, als der Hirsch sein Rudel zu Holze trieb. Die Stimme, einem abgrundtiefen Rasseln gleich, könnte zwar passen, aber so lange ich mir nicht sicher war, den Gesuchten vor uns zu haben, blieb die Kugel im Lauf. Beim Eintreffen der Morgenröte, die sich über dem Rotwandstock zeigte, waren die Almböden ausgestorben leer. Im rechten Graben trenzte in kürzeren Intervallen ständig der tiefe Bass des vermuteten Zwölfers. Da der Gast nach der Frühpirsch abreisen musste, eine dringende Geschäftsreise ins Ausland ließ sich nicht mehr verschieben, blieb uns keine andere Wahl, als den Hirsch anzugehen. Alles Überflüssige ließ mein Gast im Bodensitzerl an der Almhütte liegen. Die blinkenden Uhren verschwanden in den Hosensäcken. In der linken Hand den Bergstock, in der rechten die Tritonmuschel, zogen wir trenzend dem vermuteten Althirsch entgegen.

Ein wütend dreinblickendes Haupt

Mehrmals prüfte ich mit getrockneten Bovisten, die ich auf den Almböden immer wieder fand und die in meinen sämtlichen Jagdjoppen zu finden waren, den Wind, der noch stetig bergab zog. Meine BGS-Hündin nahm ich noch an den Riemen, vorher hatte ich meinen „Kavalier“ eindringlich ermahnt, nur dann zu schießen, wenn ich die Erlaubnis gegeben hatte. Laut und herausfordernd rumorte ich in die über uns befindliche Dickung, die mehrmals von stubengroßen Freiflächen und kleineren Gräben unterbrochen war. Nachdem ich den Platzhirsch nochmals herausgefordert hatte, bekam ich mürrisch Antwort.

Beim nächsten Kampfruf, den ich dem Althirsch entgegenschleuderte, bekam ich schon gereizter Antwort. Langsam gewannen wir an Höhe. Da, unmittelbar vor uns, flüchteten die am Morgen geschauten Junghirsche aus den Jungfichten und verschwanden mit aufgestellten Wedeln im nächsten Graben. Geistesgegenwärtig donnerte ich den flüchtenden Junghirschen den Kampfruf nach. Im nächsten Augenblick war auch oberhalb von uns der Teufel los. Richtig laut aufbrüllend warf uns der Hirsch die Kampfansage entgegen. Immer wieder prüfte ich den Wind, denn die hinter uns sich befindende Angerleiten war schon in erstes Morgenlicht getaucht. Steif und stetig strich der Bergwind zu Tal. Nun zog auch ich alle Register meiner Hirschruf-Arien. Kampfruf auf Kampfruf donnerten durch den Waldgraben. Immer wieder schlug ich mit dem Bergstock in die Jungfichten. Nach dem erneuten Kampfruf des Hirsches griff ich in die nächste Trickkiste. Auf das nasale Mahnen des Alttieres und den anschließenden Sprengruf knirschte oberhalb von uns der Kies am Grabenrand. Am und hinter dem Stamm eines Bergahorns brachte ich den Gast in Schussposition. Am Dickungsrand oberhalb von uns wackelten die Jungfichten.

Zuerst erschien ein Geweih, dann ein wütend dreinblickendes Haupt, er war es. Langsam schob sich der massige Wildkörper aus der Dickung in den freien Graben. Kaum hatte ich leise „schießen“ gezischt, da hob es den Hirsch von einer sauberen Kugel getroffen vorne hoch, und beim Flüchten sah ich bereits Schweiß am Äser austreten. Der schwere und massige Wildkörper wankte dem Almboden zu und verschwand. Neben mir saß leichenblass, keiner Worte fähig, mein Gast. Meine Hella zitterte mit ihm um die Wette. Nach der obligatorischen Pfeifenlänge untersuchte ich den Anschuss. Hell leuchtete mir Lungenschweiß entgegen. Ich konnte meine Hündin nicht mehr halten. Unter einer einzelnen Altfichte fand Hella den längst verendeten Zwölfer, den sie nun lauthals tot verbellte. Die schönste Musik, die jedem Hirsch-Jager durch Mark und Bein geht.

Der alte Zwölfer vom Pfannkopf und die Bayerische Gebirgsscheißhündin Hella

 

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