„Murkerich“ im Steigflug?

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Waldschnepfenbesätze auf dem Prüfstand:
Die Frühjahrsjagd auf die balzenden Schnepfenhähne wurde vor dem Hintergrund der vermeintlichen Seltenheit der Art als Brutvogel in Deutschland verboten. Halbwegs zutreffende Zahlen fehlen jedoch bis heute. Daran müssen wir arbeiten. Und im Herbst? Steigende Streckenzahlen bei einer in Deutschland mehr als extensiven herbstlichen Bejagung lassen ganz sicher nicht auf international sinkende Populationszahlen, geschweige denn auf eine Bedrohung schließen.

 

Von Prof. Dr. Dr. hc mult. Paul Müller

Seit 1997 steigen die Jahresstrecken für die Waldschnepfe in Deutschland und den nordwestlichen Bundesländern. Aber was sagen schon 8 578 Schnepfen im
Jagdjahr 2000/2001 oder die Zunahme von 33 Prozent auf 12 801 im Jahr 2001/2002 für Deutschland, wenn sie bei uns nur vom 16. Oktober bis 15. Januar bejagt werden dürfen? Was bedeutet diese Zahl für die Waldschnepfen-Populationen, wenn in Europa jährlich drei bis vier Millionen erlegt werden? Die Antwort ist denkbar einfach: Nichts!

Das Dauerthema

Aber gerade deshalb hat das Thema einen hohen „Unterhaltungswert“ – zumindest in Deutschland. Denn bei uns wird von Puristen auch über „Nichts“ heftig gestritten, und wenn hinzu kommt, dass wir nur lokal zuverlässige Daten über Populationsdichten von „Murkerich“, wie er von Hermann Löns liebevoll genannt wurde, verfügen, dann wird der Streit zum Dauerthema.

„Murkerich“ ist eine Liebeserklärung von Löns an die Waldschnepfe, keineswegs literarisch, aber inhaltlich vergleichbar mit Kriegs Plädoyer gegen die Frühjahrsjagd auf die Waldschnepfe. Hätten beide Autoren unsere heutigen Kenntnisse über die Populationsbiologie der Art gehabt, hätten sie sicherlich anders darüber geurteilt. Löns hätte nicht „Pfützing“, die Auserkorene von Murkerich im Frühjahr „beschossen“, sondern irgendeinen der jugendlichen Streithähne, mit denen sich Murkerich in Wahrheit Verfolgungsjagden lieferte, und Krieg hätte sich sicher von den Zahlen überzeugen lassen, die belegen, dass bei der Frühjahrsjagd überwiegend – etwa 80 Prozent – Männchen erlegt werden. Aber die Frühjahrsjagd wurde von St. Bürokratius verboten, und damit erlosch auch, zumindest in manchen deutschen Landen, das Interesse mehr über die lokalen Brutpopulationen der Waldschnepfe in unseren Wäldern zu erfahren. So wie es heute besonders in Frankreich der Fall ist.

Geblieben ist der bei Löns eingefangene Zauber des nahenden Frühlings um Reminiscere; aber das sorgfältige Erfassen und Dokumentieren, die emotionale jagdliche Bindung ging verloren oder hat sich verlagert in Länder außerhalb des „alten Europas“, wo die Frühjahrsjagd noch möglich ist.

Voraussetzung ist die genaue Kenntnis über die Populationsdichte

Die Entwicklung der Jagdstrecken ist heute entscheidend abhängig vom witterungsbeeinflussten herbstlichen Zuggeschehen und erlaubt mehr Rückschlüsse auf die regional herrschende Jagdpolitik als auf die Populationsdichte oder die absolute Zahl der Schnepfen.

Eine nachhaltige jagdliche Nutzung aber setzt genaue Kenntnisse über die Populationsdichten der genutzten Art voraus. Nicht nur die im seit dem 1. März 2002 gültigen neuen Bundesnaturschutzgesetz rechtlich verankerte Umweltbeobachtung – auf die seit Jahrzehnten vom Sachverständigenrat für Umweltfragen gedrängt wurde – sondern auch EG-Richtlinien (u. a. FFH) und Biokonventionen drängen auf eine solide Datengrundlage für Schutz, Nutzung und ein „nachhaltiges Umweltmanagement“ (Müller et al. 2002).

Keine Spezialisten mehr in Deutschland

Auf EG-Ebene gehören insbesondere die Richtlinie über die Erhaltung der wildlebenden Vogelarten („Vogel“-Richtlinie) und die Richtlinie zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen („Fauna-Flora-Habitat“-Richtlinie) dazu.

Auch internationale Vereinbarungen erfordern die Kenntnis von Populationsdynamik und -trends. Besonders sind hier zu erwähnen:

– Das Übereinkommen zur Erhaltung der wandernden wildlebenden Tierarten (Bonner Konvention).

– Das Abkommen zum Schutz wandernder Wasservögel des afrikanisch-eurasischen Raumes (AEWA-Abkommen).

– Das Übereinkommen über Feuchtgebiete, insbesondere als Lebensraum für Wasser- und Watvögel, von internationaler Bedeutung (Ramsar-Übereinkommen).

Auf nationaler und internationaler Ebene gibt es zahlreiche, meist von ehrenamtlichen Mitarbeitern getragene Bemühungen zu flächendeckenden Informationen auch über Populationsentwicklungen insbesondere bei den Vogelarten zu gelangen. Während wir bei manchen Tiergruppen vor der Situation stehen, dass es für sie zwischenzeitlich überhaupt keine Spezialisten mehr in Deutschland gibt, gehen die Auffassungen über Bestandszahlen, gerade auch der scheinbar am besten bekannten Vogelarten, zum Teil über mehrere hundert Prozent auseinander.

„Wildtier-Informationssystem der Länder Deutschlands“ (WILD

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Natürlich sind Bestandsschätzungen von Tierpopulationen in einer dynamischen Umwelt ein Problem. Dieses aber muss zwingend gelöst werden, wenn „Rote Listen“ und/oder „Nachhaltige Nutzungsstrategien“ Realitätsnähe besitzen sollen. Das ist auch den Verantwortlichen im Bundesamt für Naturschutz bekannt. Es fördert verschiedene Projekte und koordiniert zum Teil für den Naturschutz zwingend notwendige Tier- und Pflanzenarten-Monitoring-Programme. Allerdings tut sich das Amt schwer mit der kontinuierlichen Erfassung von Grundlagendaten zur Populationsentwicklung der einzelnen Arten in unserem Land.

Umfrageergebnisse sind immer von der Qualität der Beobachter vor Ort abhängig. Deshalb ist es verständlich, dass an der Frage der Reproduzierbarkeit der raum-zeitlich variablen Populationstrends in den Ländern Europas intensiv gearbeitet wird. Beim neuen deutschen Brutvogelatlas (ADEBAR = Atlas Deutscher Brutvogel-Arten; Bauer & Nottmeyer-Linden 2000) geht das Ziel deutlich über eine raumzeitliche Populationszählung beziehungsweise -schätzung hinaus. Der Atlas möchte auch die Gründe für Populationstrends sichtbar machen und muss deshalb einen Flächenbezug auch mit modernen geographischen Informationssystemen herstellen.

Doch werden in Deutschland nicht nur die Brutvögel erfasst. Von besonderer Bedeutung sind auch Kartierungsprogramme für wandernde Vogelarten in Deutschland und Europa (Werner & Bauer 2000). Sowohl die Ramsar-Konvention (1971), die EG-Vogelschutzrichtlinie (1979), die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (1992), die Bonner-Konvention (1979) als auch das Abkommen zur Erhaltung der afrikanisch-eurasischen Wasservogelarten (1995) machen ein reproduzierbares Monitoring der wandernden Arten zwingend erforderlich.

Betrachtet man aber die wichtigsten Aktivitäten zum Monitoring von Tier- und Pflanzenarten genauer, wird deutlich, dass es bisher nur in wenigen Fällen (höhere Pflanzen, Vogelarten) zu einer soliden flächendeckenden Erfassung der Arten kam. Deshalb ist das vom Deutschen Jagdschutzverband 2000 initiierte und finanziell getragene Projekt für ein flächendeckendes „Wildtier-Informationssystem der Länder Deutschlands“ (WILD) nicht nur für Jagdpolitik und Naturschutz, sondern insbesondere für die langfristig angelegte Umweltbeobachtung von herausragender Bedeutung.

In Deutschland noch kein nationales Monitoringprogramm aufgebaut

Die heimischen Wildtiere sind ein wesentlicher Bestandteil des Artenspektrums. Ihre regionaltypische Vielfalt und artspezifische Häufigkeit erlauben Rückschlüsse auf den Zustand unserer Ökosysteme. Eine nachhaltige Jagd erfordert zwingend die Einhaltung der Biokonventionen, die damit die Zukunft der Jagd mitbestimmen. Das Monitoring von Wildtieren entspricht daher einem Bekenntnis der Jagd zu einer Neuorientierung unter Integration der Biokonventionen.

Doch selbst 25 Jahre nach der Umweltkonferenz der Vereinten Nationen in Stockholm (1972), die in einer Resolution alle Mitgliedsstaaten aufforderte, umfassende Umweltmonitoring-Programme zu initiieren, haben es die für Natur- und Umweltschutz zuständigen staatlichen Stellen des Bundes und der Länder in Deutschland noch immer nicht geschafft, ein nationales Monitoringprogramm für Vögel oder andere Tierartengruppen aufzubauen (Flade et al. 1998). Von den meisten Streckenergebnissen – und das gilt insbesondere auch für die Waldschnepfe – lassen sich keine direkten Ableitungen zum Populationsstatus einer Art machen. Dazu brauchen wir mehr.

Die Brutbestandszahlen in Deutschland sind unzuverlässig

Die Waldschnepfe wird in Deutschland erst bejagt, wenn der Zug bereits voll im Gange ist, das heißt, dass normalerweise von dem erlegten Exemplar keine Rückschlüsse auf ein Brutvorkommen abgeleitet werden kann. Unsere Waldschnepfe kommt von Nordspanien bis Japan und China vor. Als Brutgebiet bevorzugt sie bodenfeuchte Wälder. Das genetisch festgelegte Zugverhalten wird von der Wetterlage und der Landschaftsstruktur beeinflusst. Der Herbstzug fällt je nach Brutgebiet in den Zeitraum von September bis November; der Heimzug beginnt meist im Februar. Die wichtigsten Überwinterungsgebiete der europäischen Waldschnepfenpopulation liegen in Europa südlich und westlich der 2°C-Januar-lsotherme.

Die Brutbestandszahlen sind in Deutschland, ganz im Gegensatz zu Frankreich und Großbritannien absolut unzuverlässig. Rheinwald (1993) gibt den Brutbestand mit 28 000 Brutpaaren an, was bei einer polygynen Art wie der Waldschnepfe – ein Männchen pflanzt sich mit mehreren Weibchen fort („Vielweiberei“) – a priori bereits problematisch ist. In der Roten Liste von Schleswig-Holstein wird der Besatz der Waldschnepfe mit 300 Brutpaaren, angegeben; neue Angaben sprechen von 609 Revieren beziehungsweise Brutpaaren.

Heranziehen verschiedener Datenquellen

Trotz unterschiedlicher Zahlenangaben über erfolgreiche Bruten aus anderen Bundesländern sind sich alle Autoren darin einig, dass die Besatzschätzungen der Waldschnepfe zu den anspruchsvollsten Monitoring-Aufgaben in der Ornithologie zählen. Analysiert man die zur Verfügung stehenden Methoden, dann lassen sich folgende Datenquellen zunächst heranziehen:

– Jagdstrecken: In Europa werden jährlich drei bis vier Millionen Waldschnepfen erlegt (Bauer & Berthold 1997), davon in Deutschland im Jagdjahr 2000/2001 nur 8 578. Da die Waldschnepfen in Deutschland nur noch vom 16. Oktober bis 15. Januar bejagt werden dürfen, erlaubt diese Streckenstatistik keinerlei Rückschlüsse auf erfolgreiche Bruten (Müller 1998).

– Flügelmonitoring: Die Flügelfedern erlegter Waldschnepfen ermöglichen Angaben zum Alter und Geschlecht sowie zum Mauserstadium (Erlegungszeitpunkt!) und der genetischen Herkunft. Eine Methode, die in Frankreich sehr intensiv zur Dokumentation genutzt wird, in Deutschland bisher aber nicht zur Anwendung kommt.

– Beringungs- und Fangmethoden: Die durch Beringungsmethoden gewonnenen Populationsdaten gaben bisher nur Aufschluss über das Zugverhalten, nicht aber über Populationsdichten. Allerdings wurden dabei eine große Zahl verschiedener Fang- und Wiederfangmethoden entwickelt, die für ein Populationsmonitoring der Brutvögel wichtig sein können. Die von Shissler et al. (1982) zur individuellen Kennzeichnung von Waldschnepfen eingesetzten Leuchtringe können beim Monitoring von Brutvögeln sehr gut genutzt werden. Über den Vergleich markierter und nicht markierter Individuen können Rückschlüsse auf die Aktivitäten von Populationen in Raum und Zeit gemacht werden. Gleiches gilt für Flügelmarkierungen. Das Verfahren eignet sich jedoch nur für Referenzgebiete mit hochqualifizierten Mitarbeitern.

– Telemetrie: Für die genauere Definition des Raum-Zeit-Verhaltens einzelner Individuen hat sich die Telemetrie auch bei der Waldschnepfe hervorragend bewährt. Sie ist jedoch aus praktischen Gründen nur lokal einsetzbar.

– Zählung balzender Männchen: Rückschlüsse von der Anwesenheit balzender Hähne auf die Existenz und Größe einer Brutpopulation dürfen nur dort gezogen werden, wo regelmäßig und über Anfang Mai hinaus balzende Tiere beobachtet werden. Bekannt ist, dass nur ein Teil aller balzenden Hähne Balzflüge macht. Bei Kenntnis aller Unsicherheiten lässt sich von balzenden Hähnen jedoch ein Index für die Populationsgröße ableiten. In Frankreich erfolgen solche Zählungen seit 1988 flächendeckend mit großem Personaleinsatz.

– Rasterkartierung: Rasterkartierungen spielen in der Ornithologie eine große Rolle und haben sich auch bei der Waldschnepfe bewährt. Sie führen jedoch nur zu verlässlichen Daten, wenn sie konsequent von professionellen Mitarbeitern erhoben werden. Rasterkartierungen können auch mit geeigneten Vorstehhunden durchgeführt werden (geeignet unter anderem auch für die Nestersuche).

– Scheinwerfer-Taxierung: Diese Methode kann nur auf den offenen Landflächen eingesetzt werden, auf denen die Schnepfen während der Nacht zur Nahrungssuche ziehen.

– Erfassung mit Umfragebögen: In Frankreich wurde 1997 ein Erfassungsbogen für das Monitoring von Waldschnepfen entwickelt. Der Fragebogen sammelt einerseits detaillierte Informationen über die Qualität des Standortes, andererseits über die Zahl der dort auftretenden Schnepfen. Auch beim Wildtierkataster für Schleswig-Holstein wird für die Waldschnepfe von einem vereinfachten Umfrageverfahren ausgegangen (Scheid 2002). Die Erfahrungen in Schleswig-Holstein zeigen deutlich, dass für das Monitoring der Waldschnepfen zunächst der Aufbau eines geeigneten Mitarbeiter-Systems von entscheidender Bedeutung ist.

Frankreich ist bei der Erfassung der Populationsdaten um Jahre voraus

Was bleibt? Es ist unstrittig, hinter „Murkerich“ verbirgt sich mehr als die Faszination eines nahenden neuen Frühlings, mehr als die Frage „jagen dürfen“ oder „schützen müssen“, mehr als ein Streitobjekt zwischen „Jagd“- und „Schutz“-Funktionären. „Murkerich“ ist ein Indikator dafür, dass dort, wo das jagdliche Interesse an einer Jagdzeit (Frühjahrsjagd) erlischt, die Frage „Vorkommen“ oder „Fehlen“ einen geringen Stellenwert erhält.

Unsere französischen Nachbarn unterhalten ein dichtes Beobachtungsnetz, ihre Zeitschrift „La Mordorée“, „Die Goldbraune“ widmet sich nur der Waldschnepfe, und die Franzosen bejagen ihre „Liebe“ natürlich auch. In unserem größten Nachbarland ist man uns in der Erfassung der Populationsdaten zur Waldschnepfe daher um Jahre voraus.

In Deutschland ist der „Vogel mit dem langen Gesicht“ zum gelegentlichen „Beifang“ geworden, um den sich auch Ornithologen kaum noch ernsthaft bemühen. Wir sollten das durch ein seriöses Bruterfassungs-Programm endlich ändern; und dort, wo nachweislich nachhaltig nutzbare Brutvorkommen existieren, sollte man auch einzelne Hähne im Frühjahr wieder bejagen dürfen.

Die Brutbestände der Waldschnepfe seriös zu erfassen, gehört ganz sicher zu den „gehobenen Übungen“ der Ornithologie

 

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