Biber in Deutschland

1971


 

Eine Bestandsaufnahme:
Einst war er in Europa überall gegenwärtig – „Meister Bokert“, der Biber, der größte freilebende Nager Europas. Sein kostbares Fell, sein als Fastenspeise begehrtes Wildbret (er galt als Fisch!), und das als Bibergeil bekannte Drüsensekret brachten den Biber an den Rand der Ausrottung. Doch er ließ sich nicht so schnell unterkriegen und ist nun seit Jahren wieder bundesweit auf dem Vormarsch. Teils durch direkte Förderung des Menschen, teils durch eigene Wanderkraft gelang es ihm, ursprüngliche Verbreitungsräume zurückzuerobern.

 

Von Burkhard Stöcker

Der eigentliche Elbebiber (Castor fiber albicus – die einzige in Deutschland noch natürlich vorkommende Unterart) überlebte nur in einem sehr kleinen Areal an der Mittelelbe mit den Unterläufen von Mulde, Saale und Schwarzer Elster. Schon im vorletzten Jahrhundert waren in weiten Teilen Deutschlands die Biber verschwunden. In den Staaten Preußen und Anhalt überlebten die Biber dank frühzeitiger intensiver Schutzmaßnahmen. Schon der Preußenkönig Fried-rich Wilhelm I. ordnete 1714 den Schutz des Bibers an. Zum Ende des 19. Jahrhunderts und nach dem Zweiten Weltkrieg erreichten die Besätze offenbar noch einmal ein Minimum. Ab dem Jahre 1965 kam es, ausgehend vom Stammraum an der Mittel-elbe (Sachsen-Anhalt), zu einer weiteren Besiedlung Richtung Unterelbe. Inzwischen hat der Elbebiber zahlreiche Nebenflüsse seines „Stammstromes“ wieder besiedelt und ist auch an der Havel wieder ausgesprochen häufig zu finden. Der aktuelle Besatz des Elbebibers wird auf über 6 000 Tiere geschätzt.

Der Gesamtpopulation des Bibers liegt derzeit in Deutschland wohl bei 13 000 bis 14 000 Tieren, die sich aus verschiedensten Herkünften zusammensetzen. Während es in den neuen Bundesländern, Niedersachsen, im Saarland und in Hessen fast ausschließlich reine Elbebiber sind, ist die bayerische, die Eifel-Population und das Vorkommen am Bodensee aus skandinavischen und osteuropäischen Bibern entstanden. Neueste Forschungen haben ergeben, dass Biber in Kanada und Europa vollkommen eigene Arten entwickelt haben, die sich untereinander nicht mehr paaren sollen.

Der Bieber greift entscheidend in den Landschaftshaushalt ein

Biber sind reine Vegetarier. 170 Pflanzenarten stehen auf dem Sommerspeiseplan. Ganz oben typische Sumpfpflanzen wie Seerosen, Igelkolben, Kalmus und Wasserschwaden. Im Winter ist der Tisch spartanischer gedeckt, und zusätzlich zu den Wurzeln von Seerosen und Schilf werden dann vielfach die Rinden von schmackhaften Weichhölzern genutzt. Besonders schätzen Biber Pappeln und Weiden, letztere enthalten die berühmte Salicylsäure (Weide = Salix!), die übrigens der Grundstoff für das bekannte Aspirin ist (Acetylsalicylsäure!). Im Winter sorgt Meister Bokert also auch pharmazeutisch vor. Als weitere Winterprophylaxe werden noch drei bis vier Kilogramm Fettdepot angelegt, und der Blinddarminhalt, eine grünlich weiche Masse, wird während der Winterruhe ausgeschieden und nochmals aufgenommen und verdaut – doppelter Energiegewinn.

Was Biber wirklich vermögen, davon kann man sich in Mitteleuropa kaum mehr richtig ein Bild machen. Doch wirft man einen Blick nach Skandinavien, in die Tiefen Russlands oder über den großen Teich, ist man schnell beim Terminus des „ökologischen Meisterarchitekten“. Zwei wesentliche Aktivitäten sind es, die den Biber entscheidend in den Landschaftshaushalt eingreifen lassen:
1. Eine intensive Dammbautätigkeit, die ganze Landstriche versumpfen lassen kann. An den Dämmen staut sich das Wasser zu den so genannten „Biberseen“ auf. Bleiben diese über Jahre hinweg bestehen, bilden sich hier interessanteste Seeökosysteme mit üppigen Fischlebensgemeinschaften, und es lagern sich dort Unmengen an Nährstoffen ab. Fallen diese Seen irgendwann wieder trocken (durch Aufgabe der Dämme, Umlagerung des Flusses etc.) entstehen die so genannten „Biberwiesen“. Diese können über Jahrzehnte erhalten bleiben und enorme Grünmasse produzieren. Sie stellen nicht nur optimale Nahrungsplätze dar, in Nordamerika zum Beispiel für Bison, Wapiti oder Wiesenvögel, sie waren auch üppige Weide für das Vieh der ersten Pioniere – die Biberwiesen waren zentrale Punkte der Landnahme in der Neuen Welt.

2. Nage- und Fälltätigkeiten an verschiedenen Bäumen, die Entwaldungsprozesse nachsichziehen oder Waldentwicklungen verändern können. Durch die selektive Nutzung verschiedener Bäume und die abnehmende Intensität der Nutzung in Entfernung zum Wasser nimmt der Biber entlang „seiner“ Flüsse entscheidend Einfluss auf die Waldentwicklungsprozesse. Natürlich nicht immer im Sinne einer ordnungsgemäßen Forstwirtschaft – aber immer im Sinne einer stetigen Dynamik der Flusslandschaft!

Wie ist es aber um die Dynamik unserer Biberbesätze bestellt – ist er immer noch der seltene Bewohner einsamer Ströme? Wir zeichnen ein aktuelles Bild des Bibers in Deutschland:

Baden-Württemberg: Im Osten des Landes wandern gelegentlich Tiere aus Bayern ein, und an der Donau gibt es auch im Ländle schon Biber. Seit wenigen Jahren existiert eine kleine Population am Bodensee und in einigen Regionen rheinabwärts. Im Verlaufe der nächsten Jahre werden die Oberrheinpopulationen wohl immer mehr zusammenwachsen.

Bayern: Auch in Bayern war man im letzten Jahrhundert betrübt über einen biberfreien Freistaat. So startete der Bund Naturschutz Bayern im Verlaufe der 60er und 70er Jahre ein Auswilderungsprojekt mit skandinavischen und osteuropäischen Bibern (die einzigen „Castortransporte“, die in Bayern vom Naturschutz wirklich begrüßt wurden!). 1966 begann man mit der Auswilderung von 13 Bibern in Neustadt an der Donau. Bis Anfang der 90er Jahre wurden fast 100 Biber in verschiedenen Habitaten Bayerns ausgesetzt. Am erfolgreichsten waren die Auswilderungen an der Donau bei Neustadt. Von dort wurden Ende der 80er Jahre Biber an Inn und Isar umgesetzt. Beide Populationen haben sich gut ausgebreitet. In Unterfranken entwickelte sich seit Anfang der 90er Jahre eine weitere Population. Diese wurde von Bibern begründet, die aus einem Wiedereinbürgerungsprojekt im hessischen Sinntal nach Bayern einwanderten. Inzwischen kommt Meister Bokert in fast einem Drittel des Freistaates vor – der bayerische Bestand wird auf mindestens 6 000 Tiere geschätzt. Der Biber hat übrigens in Bayern deutlich unter Beweis gestellt, dass er keinesfalls ein ausschließlicher Bewohner gewässerreicher Naturlandschaften ist. Er besiedelt dort mancherorts geradezu Rinnsaale und Entwässerungsgräben – Gewässer in der intensiv genutzten Kulturlandschaft.

In vielen Regionen entstanden dadurch in den vergangenen Jahren handfeste Konflikte zwischen Bibern und Landnutzern. Neben zwei hauptberuflichen Bibermanagern gibt es inzwischen 220 ehrenamtliche Biberberater, die vor Ort für Schlichtung sorgen sollen. Aufgrund des vielerorts vorhandenen Biberüberschusses wurde der Nager zum bayerischen Exportschlager: In den vergangenen Jahren konnten über 450 Tiere ins Ausland „abgeschoben“ werden – Kroatien und Ungarn, Rumänien und Belgien und demnächst in Spanien werden bayerische Stammbiber sich an ausländischem Gehölzmaterial laben. Die Nachfrage aus dem Ausland ist rückläufig. Im vergangenen Jahr wurden erstmals 26 Biber geschossen, in diesem Jahr sind es bereits drei.

Berlin: Selbst die Hauptstadt der Republik kann mit einer gesicherten Population im Stadtteil Tegel aufweisen. Ohne Zweifel sind diese Biber aus dem umliegenden Brandenburg einmarschiert, von wo eine weitere Zuwanderung zu erwarten ist.

Brandenburg: Der Biber besiedelt aktuell cirka 45 Prozent der Landesfläche Brandenburgs. Waren 1989 noch 79 von insgesamt 289 Kartenblättern (1:25000) besiedelt, so waren es im Jahr 2001/2002 schon 134. Der Biberbestand nahm somit um 68 Prozent zu. Nach einer Hochrechnung der Naturschutzstation Zippelsförde leben gegenwärtig in Brandenburg 1 600 bis 1 800 Biber. Im Osten des Landes gibt es inzwischen offensichtlich Vermischungen mit der osteuropäischen Unterart des Bibers.

Bremen: Aktuell gibt es hier keine bekannten Bibervorkommen. Potentiell geeignete Lebensräume sind allerdings in der Stadt an der Weser und im wasserreichen Stadtgebiet zur Genüge. Mit einer natürlichen Besiedlung ist aufgrund der enormen Enfernungen zu nächsten bekannten Population in den nächsten Jahren nicht zu rechnen.

Hamburg: Hier ist der Status etwas unklar. Etablierte Vorkommen scheint es noch nicht zu geben, jedoch ist eine Besiedlung mit den seit Jahren elbabwärts wandernden Bibern aus Niedersachsen sehr wahrscheinlich. Auch für Spaziergänger an Elbe und Alster müssten Biber bald zu sehen sein.

Hessen: Vor über 400 Jahren starb der Biber in Hessen aus. Daher entschloss sich die hessische Landesforstverwaltung in den 80er Jahren für ein Wiederaussetzungsprogramm. Aus insgesamt 18 im Forstamt Sinntal (Spessart) in den Jahren 1987/88 ausgesetzten Bibern ist inzwischen eine stattliche Population von rund 200 Tieren entstanden. Kernbereich dieser Population ist immer noch das alte Aussetzungsgebiet, wenngleich auch schon etliche benachbarte Bäche und Flüsse besiedelt wurden – auch im bayerischen Spessart und der Rhön fehlt der Biber nicht mehr. Es ist auch zu erwarten, dass sich der Biber den Main als Verbreitungsweg erschließen wird.

Mecklenburg-Vorpommern: Von Mitte der 70er bis Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts wurden insgesamt fast 40 Biber ausgewildert, die meisten davon im Peenetal, einige an der Warnow. Durch Zuwanderung aus dem Elberaum und durch die Ausbreitung der ausgesetzten Tiere wuchs der Bestand auf cirka 500 Exemplare an. Der Biber breitet sich aktuell in Mecklenburg-Vorpommern weiter aus und wird voraussichtlich im Verlaufe der nächsten Jahre noch weitere ihm zusagende Habitate besiedeln.

Niedersachsen: Vor ihrer Ausrottung kamen Biber in Niedersachsen wahrscheinlich flächendeckend vor. Anfang der 80er Jahre wurden an der Thülsfelder Talsperre drei Biberpaare aus Polen ausgesetzt – der Ansiedlungsversuch scheiterte. Vor 1990 gab es immer mal wieder Einzelbeobachtungen – wahrscheinlich zugewanderte Tiere aus der Elbepopulation.

Im Verlaufe der 90er Jahre bildeten sich dann zwei getrennte Populationen: Die erste an der unteren Elbe durch natürliche Zuwanderung aus dem brandenburgischen und dem sachsen-anhaltinischen Elbraum. Die zweite durch 1990 an der unteren Hase im Emsland ausgesetzte Biber. Beide Populationen zeigen Ausbreitungs-tendenzen und werden ihr Areal voraussichtlich im Verlaufe der nächsten Jahre erweitern. Dies gilt vor allem für die Elbepopulation, die stromabwärts und an den zahlreichen Nebenflüssen noch ausreichend Potential vorfindet. In dieser Zeit wurden auch in anderen Regionen Niedersachsens noch Biber gesichtet: in der Fulda, an der Aller, im Leinebergland und im Drömling. Es ist nicht auszuschließen, dass es inzwischen mehr als zwei etablierte Populationen in Niedersachsen gibt.

Nordrhein-Westfalen: In den achtziger Jahren wurden auf Initiative der Landesforstverwaltung Tiere in der Nordeifel im Bereich des Hürtgenwaldes ausgewildert. Innerhalb weniger Jahre lernten die Tiere mit der starken Strömung der Mittelgebirgsbäche und den enormen Wasserstandsschwankungen zu leben. Die Population hat sich so gut entwickelt, dass sie sich inzwischen im deutsch-belgisch-niederländischen Grenzraum von der Schnee-Eifel mit Lücken und sporadischen Ansiedlungen bis an den Niederrhein erstreckt. Hier hat sie möglicherweise schon Anschluss an die in den Niederlanden etablierte Population gefunden. Biber sollen auch schon im Raum Düsseldorf/Neuss gesichtet worden sein.

Rheinland-Pfalz: Hier gibt es zwar schon eine Biber-Koordinierungsstelle in Fischbach im Pfälzer Wald – aber noch keine Biber. Der Biberansturm aus den Vogesen, dem Saarland und der Nordeifel ist aber wohl nur noch eine Frage der Zeit. Auch in Rheinland-Pfalz warten fast allerorten geeignete Gewässer auf den Biber.

Saarland: Anfang der 90er Jahre plante der Nabu-Landesverband die Auswilderung der Biber. Im Dezember 1994 wurden dann im Illauwald bei Illingen die ersten fünf Exemplare ausgesetzt. Ein großes Gewässer-Renaturierungsprogramm an der Ill ließ diesen Raum geeignet erscheinen. Im Jahre 2001 fand die Auswilderung mit dem 61. Biber im Saarland ihren vorläufigen Abschluss. Der aktuelle Bestand wird auf cirka 250 Tiere geschätzt. Landnutzungskonflikte wie etwa in Bayern sind im Saarland bisher nicht aufgetreten – doch auch hier gibt es knapp 80 Biberbetreuer, die auf Biberreviere und Gewässer ein wachsames Auge haben.

Sachsen: In den südlichen, bergigen Landesteilen wie Vogtland und Erzgebirge gibt es keine Vorkommen, während die Elbe und ihre Seitenflüsse zu einem Großteil schon wiederbesiedelt sind. Seit Jahren sind positive Ausbreitungstendenzen ausgehend vom Hauptvorkommen am Elb-strom zu beobachten. Seit 1999 ist auch die Königsbrücker Heide besiedelt, ein ehemaliger Truppenübungsplatz und das größte Naturschutzgebiet in Sachsen. Möglicherweise ist dies ein Vorposten für die Wiederbesiedlung des Oberlausitzer Heide- und Teichgebietes im Norden des Landes. Der Bestand in Sachsen wird auf cirka 600 Tiere geschätzt.

Sachsen-Anhalt: Im Bereich des Bio-sphärenreservates Mittlere Elbe befindet sich das zentrale Elbevorkommen des Bibers mit cirka 500 Tieren. Von hier aus fand die Rückbesiedlung sowohl elbab- als auch elbaufwärts statt. Inzwischen wird der Bestand an der Elbe und ihren diversen Seitenflüssen in Sachsen-Anhalt auf etwa 2 500 Tiere geschätzt. Die Population breitet sich seit Jahren immer mehr in geeigneten Lebensräumen aus. Zahlreiche Biber aus Sachsen-Anhalt wurden im Verlaufe der letzten Jahrzehnte für Auswilderungsprojekte in andere Bundesländer (Bayern, Saarland, Niedersachsen) und ins Ausland (Niederlande, Belgien, Dänemark) exportiert.

Schleswig-Holstein: Unser nördlichs-tes Bundesland ist aktuell biberfrei. Die nächsten Vorkommen in Mecklenburg-Vorpommern sind allerdings nicht weit, und geeignete Biotope gibt es in Schleswig-Holstein ebenfalls. Es ist also voraussichtlich nur noch eine Frage der Zeit, wann unser Großnager hier den Grenzübertritt wagen wird.

Thüringen: Fest etablierte Biberfamilien fehlen bisher – Einzelbeobachtungen gibt es schon. Die nächsten vitalen Populationen liegen kurz hinter der Grenze im Freistaat Sachsen. Im Verlaufe der nächsten Jahre ist auch in Thüringen mit der natürlichen Einwanderung des Bibers zu rechnen.

Perspektive: Grünes Licht für den Biber überall im Lande. Besonders über die großen Ströme wird seine Ausbreitung wohl nach wie vor rasch voranschreiten, und die deutsche Verbreitungskarte dürfte wohl von Jahr zu Jahr um einige Punkte reicher werden.

Auswilderungsaktionen sind medienwirksame Spektakel. Naturschutz lässt sich so gut der Öffentlichkeit verkaufen

 

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