Zwischen Schilf und Strömung

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Mit dem Hund auf dem Entenstrich:
Der Entenstrich ist eine kurze, spannende Jagd, und ohne Hund undenkbar. Bei kaum einer anderen Jagdart ist der Schütze so auf die Hilfe des Vierbeiners angewiesen, um an das erlegte Wild zu gelangen – wobei die Entenjagd an fließenden Gewässern ihre ganz eigenen Gesetze hat.

 

Von Markus Wörmann

Es ist schon spät, immer wieder geht der Blick zur Uhr und zum Abendhimmel. Mal wieder habe ich es nicht rechtzeitig aus dem Büro geschafft, so wie ich es eigentlich geplant hatte. Aber für den Entenstrich wird es noch klappen. Aus dem Anzug in die Jagdklamotten gesprungen; Flinte, Patronen und natürlich meinen Vierbeiner darf ich nicht vergessen. Geht auch gar nicht: Der Große Münsterländer liegt schon vor der Tür.

Bei stehenden Gewässern kann erst nach dem Abblasen die Nachsuche beginnen

Ab ins Revier, die Kollegen warten schließlich schon. Heute wollen wir an einem etwa 25 Meter breiten Fließgewässer die Breitschnäbel auf dem Strich abpassen. Kommen werden sie auf jeden Fall, das haben die Beobachtungen der letzten Tage gezeigt. Ein Jagdfreund führt seinen Deutsch-Drahthaar-Rüden am Band, ebenfalls ein erfahrener Hund bei der Entenjagd. Die vier Schützen stellen sich jeweils zu zweit auf eine Seite – versetzt voneinander – wegen der Sicherheit. Gerade bei Fließgewässern hat es sich bewährt, dass der letzte Hundeführer sich etwa 60 Meter stromabwärts hinter den letzten Schützen postiert. Geschossene Enten, die mit der Strömung auf der Wasseroberfläche treiben, können sofort vom Hund apportiert werden und gehen somit nicht verloren. Einige werden sagen, dass der Hund von den Enten gesichtet wird, und sie dann nicht mehr einfallen. Den Erfahrungen nach stört es Enten wenig, wenn sich 60 Meter weiter etwas im Wasser bewegt. Die einzelnen Schoofe, die allabendlich eine Stelle anfliegen, werden auch heute das Wasser annehmen. Der Hund sollte nur nicht gerade vor den Schützenständen seine Runden drehen. Und wenn einmal ein paar Enten wegen eines arbeitenden Vierbeiners abdrehen, bricht auch nicht gleich die Welt zusammen.

Bei stehenden Gewässern, also Teichen und Seen, kann die Nachsuchenarbeit erst nach dem Abblasen erfolgen. Ob der Hund bis zu seinem Einsatz bei Fuß verharrt oder im Auto wartet, sollte jeder selbst entscheiden: je nach Deckung, Witterung und Standruhe seines Vierbeiners.

Natürlich dürfen die anfliegenden Enten so wenig wie möglich von den Schützen und Hunden mitbekommen. Doch gerade wenn sich das Gewässer durch landwirtschaftliche Flächen schlängelt, fehlen leider oft ausreichend Bäume und Sträucher als Deckung. Mein Schwarz-Weißer bekommt dann ein Flecktarntuch in den Maßen 1,5×2 Meter übergeworfen. Darunter verschwindet der Rüde komplett. Zur Not kann man auch noch selbst darunter abtauchen. Der sehr dünne Stoff ist viel leichter als beispielsweise ein Tarnnetz in gleicher Größe und lässt sich zusammengefaltet bequem in die Rückentasche der Lodenjacke stecken.

Nicht bei jedem Knall gleich losrennen

In freudiger Erwartung fiept mein Hund leise vor sich hin. Alle Standruhe scheint zum Teufel zu sein. Ein kurzes Kommando und er ist still. Bereits als Welpe beziehungsweise Junghund musste der Rüde lernen, ruhig neben mir auf die Ankunft der Breitschnäbel zu warten. Denn dieses ewige Fiepen kann nicht nur nervtötend sein. Unruhige Hunde, die ein Lied vor sich hinwimmern, mit der Rute den Rhythmus dazu klopfen oder noch schlimmer, bei der ersten Ente, die sie einfallen hören, gleich ins Wasser springen, können einem die ganze Jagd verderben.

Ein zwar nicht neues, aber weiterentwickeltes Gerät zur Apportierausbildung kann eine gute Hilfestellung für die Standruhe geben. Der „Waidwerk Rapid Launcher“ ist eine modifizierte Variante des „Teleboc“, einem Abschussgerät für Apportier-Dummys, das allerdings aufgrund der fehlenden Fallsicherung behördlich verboten wurde. Der „Launcher“ wurde von der Leroi Jagd und Sport GmbH in Zusammenarbeit mit der Firma Röhm entwickelt und gleicht einer Pistole. Mit dem Gerät kann ein Apportel aus Hartgummi etwa 60 Meter weit „verschossen“ werden. Der Hund lernt dabei, dass er nicht bei jedem Knall gleich losrennen darf. Erst auf Kommando darf er nach einiger Zeit das Wasser annehmen. Die Zeitabstände sollten unterschiedlich lang sein. Dabei wird nicht nur die Schussruhe gefördert. Der Jagdhund lernt auch, das Einfallen des Dummys mit den Augen zu verfolgen. Er wird die Aufprallstelle gradlinig ansteuern und braucht nicht mit Kommandos eingewiesen werden. Eine Situation, die dem Entenstrich nahekommt. Für die Praxis darf der Hund sich aber nicht nur auf seinen Gesichtssinn verlassen.

Das „Einweisen“ wird bei den Retrievern als Königsdisziplin bezeichnet

Um die Nasenarbeit zu trainieren, sollte der junge Hund hin und wieder nicht eräugen, wo das Apportel gelandet ist, beziehungsweise welche Flugbahn es genommen hat. Der Hersteller des Geräts bietet zusätzlich Duftstoffe an, mit denen der Dummy versehen werden kann, darunter auch Enten-Wittrung. Sicherlich hilft es dem Junghund, sich an die Wittrung dieser Wildart zu gewöhnen, finden wird er es aber auch durch den Eigengeruch des Apportels oder die Duftpartikel, die der Führer daran gelassen hat. Das Abschussgerät ist frei verkäuflich an Personen über 18 Jahren – ohne kleinen Waffenschein – und wird mit 9 mm-Platzpatronen beschossen. Der Preis liegt bei 249 Euro und bedeutet damit schon eine kleine Investition in die Ausbildung des Hundes.

Aber nicht nur die Standruhe kann den Erfolg des abendlichen Entenstrichs beeinflussen. Jeder kann sich vorstellen, dass ein temperamentvoll einspringender Hund viel eher wahrgenommen wird als einer, der in Ruhe das Wasser annimmt. Was als Wasserpassion ausgelegt wird, kann beim Entenstrich zum Reinfall werden. Aber oftmals ist es nicht der Hund, der die meiste Unruhe verbreitet: Es sind mit den Armen fuchtelnde Führer, die pfeifend und schreiend versuchen, ihren Vierbeiner in Richtung Ente oder zumindest der Schwimmspur zu „steuern“. Für solche und andere Situationen hat sich in der Retriever-Szene seit etlichen Jahren das so genannte „Einweisen“ bewährt. Hierbei wird der Hund mit sparsamem Einsatz von Stimme, Pfiff und Handzeichen auf geraden Linien und rechten Winkeln gelenkt. Das „Einweisen“ wird bei den Retrievern auch gerne als Königsdisziplin bezeichnet, da es sich um eine sehr anspruchsvolle Ausbildung handelt. Wer seinen Hund nicht unbedingt zum Apportierspezialisten englischer Schule ausbilden will, kann es immer noch mit den guten, alten Kieselsteinen versuchen, um seinem Hund den Weg zur Ente zu erleichtern. Das heißt nicht, dass der Vierbeiner seine Nase nicht mehr benutzen soll. Es muss vollkommen genügen, ihn durch gezielte Würfe in den Wind der Ente oder auf die Spur zu bringen. Immer wieder fällt selbst erfahrenen Hundeführern auf, dass es schlecht ist, erst vor Ort mit der Suche nach geeignetem Wurfmaterial zu beginnen, daher immer ein paar kleine Steine in der Tasche haben.

Der Entenstrich neigt sich dem Ende zu. Etwa 20 Schüsse sind gefallen. Nach kurzer Zeit konnten der Drahthaar des Kollegen und mein Münsterländer drei Enten aus dem Fluss holen. Vier weitere habe ich fallen sehen, allerdings auf der anderen Seite. Meistens ist es ja so, dass das gegenüberliegende Ufer besser einzusehen ist, als das eigene. Wir arbeiten mit den Hunden stromaufwärts jeweils eine Uferseite entlang. Mehr als ein Hund pro Böschung wäre zuviel: Sie sehen den jeweils anderen als „Nahrungskonkurrenten“ und neigen dazu, schnell zu werden. Es ist besser, in Ruhe mit einem Hund zu suchen.

Das Handy als hilfreiche Unterstützung

Teilweise steht das Schilf so dicht und hoch, dass ich die ersten Meter des Wassers nicht einsehen kann. Der Kollege ruft kurz rüber und deutet auf die Stelle vor mir. Hier ist also auch eine heruntergekommen, die ich nicht entdecken konnte. Der Hund sucht und findet schließlich. Wunderbar, weiter geht’s. In dieser Manier, immer auf gleicher Höhe, arbeiten wir uns bis zu den anderen Schützen durch. Der Wind steht uns leicht im Nacken, nicht gerade günstig. Immer dort, wo eine Ente vermutet wird, werden die Hunde intensiver geschickt. Das ganze Schilf auf den Kopf zu stellen, ist für den Hund sehr kräfteraubend und kostet zuviel Zeit in der Dunkelheit. Bei solchen Arbeiten ist übrigens das Handy eine äußerst hilfreiche Erfindung. Denn Jäger an entfernten Ufern, die sich anschreien, weil sie sich ansonsten nicht verstehen, stören zwar nicht mehr die Enten, aber den Hund bei seiner Arbeit. Wo immer ein Fangschuss nötig sein sollte, ist einzig der Führer des betreffenden Hundes gefragt, kein anderer!

Eine sinnlose unwaidmännische Prozedur

Bei den Jagdkollegen angekommen, wird eine kurze Lagebesprechung abgehalten. Ein Dutzend Breitschnäbel liegen zur Strecke. Stellt sich die Frage, ob und wie viele noch fehlen. Zwei weitere werden gemeldet, auf der anderen Seite fehlt noch eine. Die erste findet mein Rüde auf Anhieb im Schilf vor einem Schützenstand. Ich will gerade die Ente mit Waidmannsheil überreichen, da lehnt der Jagdkollege ab und teilt mit, dass der Schütze oberhalb der Erleger wäre. „Mir ist sie nur fast auf den Kopf gefallen“, lacht er. Die zweite Nachsuche scheint schwieriger zu werden: eine geflügelte Ente. Nach dem sie auf das Wasser fiel, konnte niemand genau verfolgen, wohin sie verschwunden ist. Auch der Anruf mit dem Handy bei den Kollegen auf der anderen Seite bringt keine Erhellung in das Dunkel des Abends. Es hat heute keinen Sinn mehr, auch wenn der Hund in guter Verfassung ist und durchaus noch Willens ist zu arbeiten. Es ist stockdunkel, so dass man nicht mehr guten Gewissens schießen könnte, wenn der Hund die Ente aus dem Schilf auf die offene Wasserfläche drückt. Mit der Taschenlampe lässt sich zwar einiges ableuchten, Tageslicht kann sie aber nicht ersetzen. Im Zweifel verfolgt der Hund die immer wieder abtauchende Ente: Eine sinnlose wie unwaidmännische Prozedur. Wir beenden die Nachsuche und damit den Entenstrich für den heutigen Abend und verabreden uns gleich für den nächsten Morgen, um den letzten Breitschnabel nachzusuchen.

„Such verloren

Wir machen uns auf den Rückweg zu unseren Autos. Der Hund läuft sich dabei trocken, soweit das möglich ist. Bei großer Kälte könnte man gleich nach der Arbeit einen Weidenschößling schneiden und mit ihm das Wasser vom Körper des Hundes streifen. Doch das Auto ist nicht fern. Zunächst wird der Hund mit einem Tuch „abgerubbelt“ und gleich untersucht, ob er sich im Schilf geschnitten oder andere Verletzungen hat. Hunde mit normalem, sprich gutem Deckhaar haben dahingehend nur selten Probleme. Das ist sicherlich auch darauf zurückführen, dass die meisten Rassezuchtverbände verstärkt beim Haarwert darauf achten, dass nur Hunde in die Zucht kommen, deren Jacke bei Wasser- und Dorneneinsätzen wirksam schützt. Ich packe meinen Jagdhelfer zwar nicht in Watte, doch liegt im Kofferraum nach solchen Einsätzen immer eine Decke parat, auf deren einer Hälfte er liegt, deren andere er aber übergeworfen bekommt. Aus dieser kleinen „Höhle“ schaut meist nur noch der Fang heraus. Am besten eignen sich dafür Decken, deren Stoff die Feuchtigkeit von Innen nach Außen transportiert. Wer mit Pferden zu tun hat, kennt sicher so genannte Abschwitzdecken, die nach der Arbeit aufgelegt werden. Sie funktionieren nach dem gleichen Prinzip. Ob der Hund so viel Zuwendung wirklich braucht, stellt sich für mich gar nicht. Oft genug hat der Hund auf längeren Rückfahrten, wenn die Decke ihm zu warm wurde, sie einfach abgestreift.

Wir fahren nach Hause, und der Rüde bekommt den verdienten Lohn der harten Wasserarbeit, denn beim Ausnehmen der Enten fällt hier und da für ihn etwas ab. Außerdem darf er sich stärken für den Einsatz am nächsten Morgen, wenn es zurück an das Gewässer geht, und es für ihn wieder heißt: „Such verloren, Apport“.

Eine geflügelte Ente drückt sich flach auf das Wasser. In der abendlichen Dämmerung kaum wahrzunehmen. Nachsuchen am nächsten Tag sind effektiver

 

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