80 gegen Huckebein

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WILD UND HUND-Forumskrähenjagd

Jäger aus ganz Deutschland trafen sich an einem Wochenende im August im Münsterland zur bisher größten revierübergreifenden WILD UND HUND-Forumskrähenjagd. Für die Organisatoren eine Herausforderung, für die Jagdgäste ein Erlebnis.

Angela Stutz
Es ist Samstagmorgen. Gerade geht die Sonne hinter den Hecken und Baumreihen der Feldränder auf. Nebelschwaden liegen über den Wiesen. Ein grandioses Farbenspiel. Um 5.20 Uhr fällt der erste Schuss. Dann knallt es aus den unterschiedlichsten Ecken der 19
Reviere des Hegerings Hopsten-Schale-Halverde: Die WILD UND HUND-Forumskrähenjagd
(FKJ) 2011 ist in vollem Gange. 80 Schützen haben sich auf 12 000 Hektar über 40 Stände verteilt. Dabei mischen sich Krähenjagdprofis mit Laien, „alte Hasen“ mit Jungjägern,
Forumsmitglieder mit Nichtmitgliedern und ortsansässigen Revierinhabern. Das WILD UND HUND-Forum stellt für die Organisation einer Jagd dieser Dimension die nötigen Spezialisten und passionierten Krähenjäger. Einer der Profis ist „Skogman“. Unter diesem Pseudonym moderiert der 48-jährige das WILD UND HUND-Forum. Am Vorabend hat er seinen Schirm auf einer gemähten Wiese neben einem gepflügten Acker und großen  Maisschlägen errichtet. Vor Sonnenaufgang stellte er das freundliche Lockbild, 30 Lockkrähen umfassend, im Halbkreis von zirka 30 Metern um den Schirm auf. Trotz perfekter Vorbereitung fallen den ganzen Morgen nur zwei einzelne Krähen bei ihm am Stand ein. Als er die erste in der Ferne entdeckt, lässt „Skogman“ Lockrufe aus seinen Krähenlockern (Triple Tone Crow Call Haydel‘s und FT2 Call Sam Neyt) erklingen. Lautlos
kommt der Vogel angestrichen. Während der Schütze getarnt „bis an die Gewehrspitze“
und regungslos im Schirm im Sinkflug seinen vermeintlichen Artgenossen. Nach dem ersten Schuss droht die Krähe in den Maisschlag abzustreichen. Beim zweiten Schuss stürzt sie tödlich getroffen zu Boden. Der Labrador apportiert sofort. Das Wetter ist an diesem Morgen nicht optimal für die Krähenjagd: Die Feuchtigkeit des Nebels sitzt den schwarzen
Gesellen im Gefieder. Der trocknende Wind bleibt aus. Die Sonne verschwindet bald wieder hinter den aufkommenden Wolken. Mit nassem Gefieder brechen die Rabenkrähen erst spät
von ihren Schlafplätzen auf. Trotzdem haben die Jäger an diesem Morgen Erfolg. Im WILD UND HUND-Forum kann die Jagd online mitverfolgt werden. „Zwei kamen, zwei blieben“, gibt „Radiohead“ dort bekannt, während „Harras“ der Welt den offiziellen Zwischenstand
präsentiert: „nach dem ersten Ansitz exakt 250 Krähen“.

Große Strecken sind nur durch die richtige Jagdart möglich. „Die Jagd mit dem ‚freundlichen Lockbild‘ ist derzeit die effizienteste Methode“, erklärt „Skogman“. Pioniere der neuzeitlichen Krähenjagd in Deutschland, die ursprünglich aus Amerika „importiert“ wurde, sind die WILD UND HUND-Experten Klaus Demmel und Alexander Busch. Angeregt
durch Berichte im Jagdmagazin fanden sich auch im Forum immer mehr Krähenjagd-
Anhänger zusammen. Die erste große FKJ wurde 2010 in Bayern von „JFGPM“ ausgerichtet (WuH berichtete im Heft 16/2010). Kleinere folgten bei „Harras“ im Westerwald im halbjährigen Abstand. Die Jagd 2011 bei den „Brukteren“ im Münsterland (der Name
ist angelehnt an den Germanenstamm, der in der Region um Hopsten lebte) war die bisher größte.

Hauptorganisatoren der Jagd im Münsterland sind der 32-jährige „Waidwilli79“ und der 28-jährige „Schmidti“ – beide „Foristis“ (Forumsmitglieder), beide passionierte Krähenjäger.
„Nach der letztjährigen FKJ in Oberfranken begannen ‚Schmidti‘ und ich, die hiesigen Revierinhaber von der Effizienz einer solch groß angelegten Krähenjagd zu überzeugen“, erklärt „Waidwilli79“. „Wir haben hier im Hegering einen extrem hohen   Rabenkrähenbesatz.“ Das ist zum Nachteil des Niederwildes und vieler bedrohter
Vogelarten. Auch die Landwirte klagen über starke Schäden durch die Krähen an den landwirtschaftlichen Kulturen und Futtersilos. „Wir nahmen Erfahrungen aus der FKJ 2010
mit, bei der sich der Erfolg einer solchen revierübergreifenden Jagdart mit 316 Krähen auf 16 Schirme beziehungsweise 20 „Crowbustern“, wie sich die Krähenjagdexperten im Forum
nennen, deutlich gezeigt hatte, meint „Waidwilli79“. „Ein Jagdergebnis, das durch  Einzeljagd nur in Monaten oder Jahren zu erwarten ist.“ In erster Linie ist die FKJ eine ideale Möglichkeit für Revierinhaber und Jagdgenossen, sich über die Jagdart mit dem „freundlichen Lockbild“ zu informieren. Sie bietet auch die Gelegenheit, die dafür nötige Ausrüstung kennenzulernen und zu testen. Die Experten stellen das Material vor, teilweise
können Utensilien auch vor Ort gekauft werden. Weniger erfahrene Mitjäger sowie die Revierinhaber und Jagdgenossen profitieren vom Erfahrungsaustausch. Nicht zuletzt ist die
FKJ inzwischen ein beliebter Treffpunkt der „Foristis“ außerhalb der Online- Community geworden. Jagdliche Passion, Wissensvermittlung und persönliches Kennenlernen stehen bei der FKJ gleichermaßen im Mittelpunkt.

Die Organisation einer revierübergreifenden Krähenjagd erfordert viel Sachkenntnis und ein gutes Koordinations- und Kommunikationsvermögen. Ebenso wichtig ist eine  ordentliche Portion Ausdauer bei der Vorbereitung und Durchführung. „Vor einem Jahr
begannen wir bereits, die Revierinhaber anzuschreiben“, erklärt „Waidwilli79“. In persönlichen Informationsgesprächen und durch Vorträge wurden diese über die FKJ aufgeklärt und zum Mitmachen motiviert. Alle Verantwortlichen der 19 Reviere des Hegeringes Hopsten konnten die beiden engagierten Krähenjäger gewinnen. „Die beste
Werbung war dabei der Artikel in der WILD UND HUND, der den Erfolg einer solchen groß angelegten Gemeinschaftsjagd dokumentierte“, lobt „Waidwilli79“. Auch angrenzende Revierinhaber versprachen, den Jagderfolg zu unterstützen, indem sie die Krähen in
nicht bejagten Revierteilen beunruhigen wollten, um sie den Schützen vor die Flinte zu lotsen. Viele trugen zum Erfolg dieser Aktion bei: Die ortsansässigen Revierinhaber
und Jäger beobachteten in den Wochen vor der Jagd zusammen mit den Organisatoren immer wieder die Flugrouten der Krähen, registrierten akribisch Schlafplätze,  Sammelpunkte sowie bevorzugte Fressplätze und legten daraufhin sorgfältig die Stände fest. Der Hegeringleiter Dietmar Rolfes und seine Frau Barbara stellten sogar ihren Hof als
Haupt- quartier für die Corona zur Verfügung und organisierten die Verpflegung. Auch die Landwirte wurden bei der Planung der Jagd einbezogen. Sie erhöhten die Attraktivität der Jagdflächen durch rechtzeitige Ernte oder Mahd sowie das Ausbringen von Gülle.

Die Organisatoren informierten die zuständigen Behörden, wie Ordnungsamt, Polizei, Untere Jagdbehörde und die Bürgermeister der Gemeinden, und versorgten diese mit Kontaktdaten. Die Teilnehmer wurden eingeladen und instruiert. „Etwa vier Monate vor der
Jagd traten wir mit der Organisation in die heiße Phase ein“, erzählt „Waidwilli79“. Am Anreisetag wurden die Schützen eingewiesen und den Beständern zugeteilt. Jeder Schirm wurde doppelt besetzt: Ein „Foristi“-Spezialist teilte sich den Stand mit einem weniger erfahrenen Krähenjäger. Fahrgemeinschaften und Ausrüstungs- versorgung wurden geplant. „Selbst die beste Organisation und wochenlange Spionage helfen aber nicht, wenn Wetter und Erntestand nicht mitspielen“, gibt „Waidwilli79“ zu bedenken. Viele Faktoren beeinflussten die Strecke. Das Getreide war wetterbedingt noch nicht überall abgeerntet. Bereits ausgekundschaftete Flächen für Stände waren dann doch nicht verfügbar. Ausweichstandorte lagen zum Teil zu nahe an anderen Schirmen – die bejagbare
Fläche verkleinerte sich. Teils musste daher kurzfristig umgeplant werden. Flexibilität war gefragt, denn die Änderungen waren vorab kaum einzuschätzen. Ein großer Unterschied zur FKJ in Oberfranken lag in der Struktur und Lage der bejagten Fläche. Hier im  Münsterland ist die Landschaft durch Hecken und Felder strukturiert, ansonsten aber
flach und weniger hügelig als am Main. Dort lagen die bejagten Flächen und Reviere
zum Teil viele Kilometer auseinander. So konnte in Oberfranken ein „Pingpong-
Effekt“, wie es der Forumsmoderator „dernieauslernt“ bezeichnet,  usgenutzt werden, wenn die Krähen während des Jagdgeschehens in entfernte Bereiche auswichen, wo wiederum Schützen sie erwarteten. Im Münsterland wurde eine große zusammenhängende Fläche
bejagt, die dem Raubzeug das Ausweichen in unbejagte Gebiete erschwerte. Jedoch beobachtete man hier, dass die Krähen sich nach den ersten massiven Salven in unbejagte
Gebiete, wie Dörfer oder Baumreihen, zurückzogen und auch durch Hebeschüsse kaum noch zu bewegen waren. Die intelligenten Rabenvögel werden offensichtlich durch kleinste Fehler in der Tarnung oder der Bejagung „schlau gemacht“. Aber wie „November“ im Forum feststellt: „Ein echter ‚Crowbuster‘ ist stets bemüht, sich zu verbessern.“

Trotz aller Widrigkeiten und vor allem aufgrund der flexiblen Organisation lagen am Ende 333 Krähen (80 Prozent Jungkrähen) und sechs Elstern auf der Strecke, die von dem Grenzlandbläsern und vom Jagdhornbläsercorps Hopsten verblasen wurde. Die  Revierinhaber und Jagd- genossen waren begeistert. Jagdkönig „Helge“ ging mit einer
Treibjagdeinladung des Hegerings Hopsten-Schale-Halverde nach Hause. „Bayernflo“, „Skeetjäger“, „dernieauslernt“ und „Waidler“ wurden für die Anfahrt zur Jagd von 830
Kilometern mit einem Tarnnetz, WILD UND HUND-Exklusivheften „Reiz- und Lockjagd“, kulinarischen Spezialitäten und einem Buch über die Region entschädigt. Im Streckenlotto gewann „98erFan“ einen Rottumtaler Krähenlocker sowie zwei Freikarten zur Jagdmesse „Grüne Tage“ in Ochtrup. Als die Teilnehmer schließlich etwas müde aber hochzufrieden den Heimweg antraten, war für viele schon klar: Im September trifft man sich wieder
– zur nächsten FKJ bei „Harras“ im Westerwald.

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