Die T(r)aubeneiche

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Im November gehen im Testrevier die Tauben auf. Tobias Thimm berichtet von dem reizvollen kleinen Waidwerk an einem besonderen Baum.

Foto: Tobias Thimm

Die alte Eiche am Grenzholz hat schon so manchem Sturm getrotzt. In dem schmalen Feldholzstreifen zwischen den riesigen Ackerflächen bekommt sie die volle Breitseite des Windes zu spüren. Der knorrige Baum hat in seinen etwa 150 Lebensjahren viel gesehen. Wie viele Landwirte mögen sich in seinem Schatten nach der Ernte ausgeruht haben? An einem besseren Standort wäre ihr Stamm heute sicher deutlich dicker. Dennoch ist dieser besondere Solitär bei der Obertiefenbacher Vogelwelt äußerst beliebt. Nicht nur Greife und Rabenvögel baumen auf ihren weit ausladenden ­Ästen auf, auch Ringeltauben schätzen die mächtige Traubeneiche. Beim Erkunden ihrer Flugrouten, entdeckten wir ­exakt dort immer wieder kleine Trupps. Die kugelrunden grau Gefiederten sind in dem täglich lichter werdenden Blattwerk auch aus großen Entfernungen leicht anzusprechen.

Zusammen mit Jungredakteur Richard Günzel und Kevin Cornwell aus der ­Anzeigenabteilung wurden ­daraufhin kühne Pläne geschmiedet – das Taubenfieber hatte uns regelrecht gepackt. An einem Samstagmorgen postierten wir in etwa 200 m Entfernung zur ­Eiche ein gut sichtbares Lockbild und zwei Tarnschirme. 15 Plastikvögel zierten lehrbuchmäßig in V-Formation den Acker. Doch außer einem kleinen Taubentrupp, aus dem Richard eine sauber streckte, blieb der erhoffte Anflug aus. Obwohl sich immer wieder einige der Wildtauben hoch am Himmel zeigten, schenken sie unserem Lockbild nicht wirklich Beachtung.

Entweder hatten wir zu wenig Lockvögel ausgebracht oder die Jahreszeit war einfach nicht ideal für diese Jagdmethode. Die Enttäuschung war groß. Sicherlich haben wir im Testrevier aber auch nicht die Taubenbesätze wie etwa in Teilen Nordrhein-Westfalens, Norddeutschlands oder Englands. Dort ­können passionierte Waidmänner auf den Sommerstoppeln richtig Strecke machen. Wahrscheinlich würden sie unsere Bemühungen und Strecken belächeln. Kurzum, eine neue Tauben-­Taktik musste her.

Das Lockbild wurde im Herbst von den Wildtauben nur wenig beachtet. Vielleicht hätten mehr Lockvögel sie zum Einfallen gebracht?
Tobias Thimm

Wenige Tage später hockte ich dann gut getarnt in aller Herrgottsfrühe direkt am Fuß der Eiche. Nach alter Väter Sitte wollte ich die Geringelten aus deren Krone pflücken. Es war bitterkalt, und zum ersten Mal in diesem Jahr war die Windschutzscheibe vereist gewesen. Erst gegen neun Uhr ließ mich das typische „Flap-flap“ der Schwingen ­einer Taube aufwerfen. Irgendwo über mir war endlich eine in der Eiche ein­gefallen. Wo war sie nur? Der aktive Gehörschutz erschwerte die Richtungsortung zusätzlich. Die Augen suchten das dichte Astwerk ab.
Jetzt bloß keine schnellen Bewegungen machen. Endlich hatte ich die Graue entdeckt und backte an.

Die 2,7-mm-Schrote machten sich im 90°-Winkel auf die Reise nach oben. Ästchen knackten, und gefolgt von ­etwas gelben Eichenlaub plumpste meine Beute zu Boden. Ich hätte jubeln können. Schnell den Kropf geöffnet, um etwaige Gärprozesse, die das schmackhafte Wildbret entwerten, zu verhindern. Zu dieser Jahreszeit war das wohl etwas übertrieben. Etwa 15 Eicheln hatte die wohlgenährte Geringelte eingelagert. Die ständigen Mastjahre scheinen für unsere Wildtauben ein wahrer Segen zu sein. Nachdenklich und vorsichtig trug ich meinen Tauber auf beiden Händen zum Wagen. Nur ein kleiner Tropfen Schweiß am Schnabel deutete auf den Schuss hin.

Die erste Geringelte liegt. Mehrmals am Tag machen die Tauben Rast auf bestimmten Bäumen und können dort erwartet werden.
Foto: Tobias Thimm

Feine Herren reisen für Trophäen rund um die Erde. Doch das Gute liegt so nah – oft im Revier vor der Haustür. Nach Jahren der Schalenwildjagd hat das kleine Waidwerk seinen ganz eigenen Zauber für mich. Gegen kein Wild der Welt hätte ich an diesem Novembermorgen meinen „Hahn des kleinen Mannes“ tauschen wollen. Dankbar blickte ich noch einmal zu der alten Eiche zurück.

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