Einarbeitung mit der Pendelsau

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Wie man mit einer Pendelsau junge Vierläufer richtig auf die spätere Arbeit als Saujäger vorbereitet, und wo dabei die Grenzen liegen, erklärt Revierjagdmeister Sascha Schmitt.

(Fotos: Sascha Schmitt)

Richtig angewandt, soll die Pendelsau dem jungen Vierläufer in erster Linie den Respekt und die Furcht vor der Statur und der Wittrung von Schwarzwild nehmen. Darüber hinaus lassen sich sehr zögerliche Vierläufer an ihr hervorragend aufbauen und zu draufgängerische Kandidaten bedingt einbremsen. Anlagen, wie lautes Stellen, Schärfe und auch der richtige Griff am Schwarzkittel, lassen sich bei der regelmäßigen Arbeit an der Pendelsau wecken, lenken und festigen. Je nach Temperament, Veranlagung und Charakter gehen die Hunde sehr unterschiedlich an die Aufgabenstellung heran – dies zeigte sich auch bei den drei Vierläufern, die für die Bilder dieses Artikels an der Pendelsau gearbeitet wurden.

Um Anlagen korrekt zu fördern und zu lenken, sind die richtige Vorgehensweise bei den Übungen und der passende Zeitpunkt, wann mit dem Training begonnen wird, Grundvoraussetzung. Bereits der Züchter sollte seinen Welpen den ersten Kontakt mit der Pendelsau ermöglichen, um die Weichen seiner Zöglinge möglichst früh in die gewünschte Richtung zu stellen. Dabei ist vorsichtiges Agieren bei der Bedienung der Pendelsau wichtig. Welpen in diesem Alter befinden sich noch in der Wesensbildung und können auf unschöne, oder gar traumatische Erlebnisse extrem stark und nachhaltig reagieren.

Der 17 Wochen alte Redline Airedale Terrier „Duke“ packt die Sau energisch von vorne – an einem lebendigen Stück ein gefährliches Unterfangen.

Die Erfahrung zeigt, dass bei den ersten Übungen möglichst der ganze Wurf frei laufend unter Führung der Mutterhündin an den borstigen Sparringspartner herangeführt wird. Nach dem Motto „Gemeinsam sind wir stark!“, bildet sich in umsichtig inszenierten Situationen ein positiver, gruppendynamischer Prozess, der selbst sensible Welpen über sich hinauswachsen lässt. Animiert durch das Vorbild der Hündin, werden die kleinen Racker nach kurzer Zeit reges Interesse am Spiel mit dem Dummy zeigen.

Wichtig dabei ist natürlich, dass die Mutterhündin in Sachen Sauen absolut sicher ist. Jegliches ungewollte Meide- oder gar Furchtverhalten ihrerseits würde sich unweigerlich auf die Welpen übertragen, was kontraproduktiv ist. Verbellt das Muttertier aber freudig oder fasst sogar zu, wird der Nachwuchs rasch dem Vorbild nacheifern. Um den positiven Effekt zu verstärken und zu beschleunigen, ist die tatkräftige Unterstützung des Menschen von großer Bedeutung: Auch er fasst der Pendelsau in die Borsten, zerrt daran und animiert seine Hundeschar durch akustische Reize zum Zufassen. Auch wenn diese Übungen im Gruppenrahmen natürlich komplett spielerisch verlaufen, lassen sie bereits beim Welpen das Wesen und die Veranlagung erkennen. Derartige Einblicke beim noch rohen, unverfälschten Jungtier helfen dem verantwortungsvollen Züchter bei der Zuteilung des jungen Vierläufers zum passenden Herrchen und sind auch bei der Auswahl des eigenen Nachwuchses hilfreich, der in Zukunft vielleicht in die Zucht einfließen soll.

Mit der frei hängenden Pendelsau kann der Hundeführer sehr gut Verhaltensweisen, wie Herunternehmen des Wurfs und Zustoßen, imitieren.

Hier zeigt sich noch zum Großteil die genetische Veranlagung, die im Zuge entsprechender Prägung und Erziehung nach und nach mit Erlerntem verschwimmt. Recht schnell kristallisieren sich harte Drauf­gänger, smarte Taktiker und vielleicht auch zurückhaltende Zauderer aus dem Wurf heraus.

Zugekauften Welpen wird erst eine der Persönlichkeit entsprechende Ein­gewöhnungszeit im neuen Zuhause gewährt, bevor es an die Arbeit mit der Pendelsau geht. Generell lässt sich aber feststellen, dass es selten zu früh für die ersten Schritte ist. Ausgereifte, in ihrer Wesensbildung vollkommen gefestigte Hunde noch an der Pendelsau einarbeiten zu wollen, macht nur wenig Sinn. Dies endet, gerade bei bereits jagdlich erfahrenen Kandidaten, in den meisten Fällen mit einer ramponierten Pendelsau und einem verdrossenen Hundeführer.

Die besten Ergebnisse zeigen sich bei Hunden, die ab dem vierten bis fünften Lebensmonat systematisch am Pendelschwein eingearbeitet wurden. Dabei bleibt der Vierläufer gerade bei den ersten Arbeiten immer an der langen Feldleine, um ihn kontrollieren und unterstützen zu können. Übereifrige Stürmer, die sofort zur Attacke ansetzen, können gefühlvoll gebremst werden. Bei zögerlichen Welpen wird unterbunden, dass sie ihr Heil in der Flucht suchen können. Die Sau wird beim ersten Kontakt offen präsentiert und in leichte Pendelbewegung versetzt. Erst bei den folgenden Arbeiten wird der borstige Kontrahent auch im höheren Bewuchs eingesetzt.

Der sieben Monate alte Deutsche Jagdterrier „Ragnar“ taxiert die Situation und …

So hat der Welpe zu Beginn ausreichend Zeit, sich auf die sichtbare Sau einzustellen, und ungewollte Schockmomente werden vermieden. Gemeinsam mit dem kleinen Vierläufer nähert sich nun der Hundeführer und rüdet seinen Hund dem Temperament entsprechend an. Je zögerlicher der Zögling sich dabei zeigt, je energischer und aufmunternder sollte sein Herr agieren. Hier gilt es, durch Vorbild zu führen und den Jüngling mitzureißen. Jedes Interesse wird sofort mit Lob und Körperkontakt honoriert. Versucht der Hund, sich durch Flucht der Situation zu entziehen, muss der Hundeführer schnell reagieren. Unwirsches Hantieren mit der Feldleine oder ungehaltene Reaktionen des vielleicht enttäuschten Hundeführers können sensible Junghunde geradezu in Panik versetzen. Gewaltsames Zerren in Richtung Sau und akustischer Tadel sind jetzt genauso falsch wie überbesorgtes, tröstendes Verhalten.

Stattdessen wird jetzt versucht, durch eigenes Anpacken der Pendelsau die Hemmschwelle des Zöglings abzubauen. Auch ein selbstbewusster Vierläufer, der als moralische Stütze beigeschnallt wird und als Animateur und Vorbild fungiert, sorgt bei übervorsichtigen Schülern für den gewünschten Passionsschub.

… packt kurz darauf beherzt zu. Der Griff ins Leben ist allerdings im Ernstfall ein hohes Risiko

Sehr energische Vierläufer, die sofort zur Attacke ansetzen, werden mit Gefühl durch die lange Leine eingebremst. Zeigt sich, dass der jugendliche Heißsporn der Pendelsau an die Schwarte fahren möchte, wird die Feldleine auf Spannung gebracht. Rasch geht der eifrige Vierläufer dazu über, mit giftigem Laut seinem Unmut über die unerwünschte Einbremsung Ausdruck zu verleihen. Für dieses Verbellen erhält er ruhiges, gesetztes Lob. Keinesfalls sollten solche Himmelsstürmer noch angeheizt werden. Derartig stark gemachte Hunde neigen in der jagdlichen Praxis dazu, jeder wehrhaften Sau sofort ins offene Messer zu laufen. Genau dies soll durch die Arbeit an der Pendelsau aber vermieden werden, und die überschäumende Energie kanalisiert werden.

Immerhin kann bei vorsichtiger Steuerung auch die Pendelsau wohl dosierte Stöße verteilen, die den jungen Jagdhelfer zur Vorsicht ermahnen und ihn lehren, einen entsprechenden Sicherheitsabstand zu wahren.

Egal ob Held oder Zauderer, zum Abschluss darf der junge Vierläufer als Belohnung und Motivationsschub zufassen. Dabei wird darauf geachtet, dass er stets nur im Keulenbereich packen darf. Jegliche Fassversuche am Haupt müssen mit individuell dosiertem Nachdruck vermieden werden. Auch wenn es als erwiesen gilt, dass der Griff ins Leben bei unseren Vierläufern angewölft ist, lässt sich durch Konsequenz die Angriffstaktik des Zöglings steuern, was ihm in der Jagdpraxis das Leben retten kann.

Von hinten an die Pendelsau – hier entwickelt der Vierläufer eine Angriffsstrategie, die ihm in der Jagdpraxis das Leben retten kann.

Erst wenn der Junghund bei der offen präsentierten Pendelsau nach mehreren Übungseinheiten das gewünschte Verhalten zeigt, wird sie bei den weiterführenden Lektionen in immer dichterem Bewuchs platziert. In dieser Situation kann auch der vorher stürmische Junghund seine Taktik vom stumpfen Angriff zum Verbellen umändern. Hier zeigt sich die Realitätsnähe zwischen Übung und Praxis: Mancher Vierläufer, der im freien Gelände zum Packen neigt, geht in dichtem Bewuchs, wie Schilf oder Schwarzdorn, weitaus vorsichtiger ans Werk und beschränkt seinen Einsatz auf anhaltendes Verbellen. Ein Verhalten, das seine Lebenserwartung beträchtlich erhöht und grundsätzlich zu begrüßen ist.

Die Einsatzmöglichkeit der Pendelsau lebt von der Kreativität des Hundeführers. Es können Schleppen mit der Sauschwarte gezogen werden, um den Hund zum Suchen und Finden zu animieren. Vierläufer, die durch Futter nur schwer für die Arbeit auf der künstlichen Rotfährte zu begeistern sind, entdecken ihre Vorliebe für diese eigentlich langweilige Arbeit, wenn sie erkannt haben, dass am Ende der tristen Mühe das Spiel mit der Pendelsau auf sie wartet. Auch potenzielle Zuchtrüden können mit der plötzlich aus dem Dickicht herausschwingenden Pendelsau auf Wesensfestigkeit und Vorwärtsdrang überprüft werden.

Die 13 Wochen alte Deutsch-Kurzhaar-Hündin „G3“ wird mittels Pendelsau behutsam an die künftige Tätigkeit herangeführt.

Wer jetzt denkt, dass er ausschließlich durch die Arbeit am Saudummy einen Hund ausreichend auf den Einsatz in der Praxis vorbereiten kann, ist leider auf dem Holzweg. Vielmehr stellt sie aber eine hervorragende Prägungshilfe und Vorbereitung für die Arbeit im Schwarzwildübungsgatter dar, die mit wenig Aufwand einen wichtigen Dienst dabei leistet, einen brauchbaren und passionierten Sauhund zu formen.

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