Frettchen und Flieger

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KANINCHENJAGD AUF DEM FLUGHAFEN

Auf dem Flughafen Köln-Bonn sorgen Frettchen unter der Erde für Sicherheit am Himmel. Wie das zusammenhängt, erklärt Revieroberjäger ULF MUUSS.

Das Kaninchen fliegt Röhre. Oft genug hatte es sich wahrscheinlich auf diese Art seinen Verfolgern entzogen. Dieses Mal ist die Freiheit trügerisch. Mit vollem Schwung landet
es im Netz, das sich hinter dem grauen Flitzer zuzieht und ihm kaum noch Bewegungsfreiheit lässt. Die Wucht ist so groß, dass der Erdhering aus dem sandigen Boden herausreißt und das Knäuel aus Wollnetz und Baubewohner die steile Böschung
hinunter trudelt. Jetzt muss es schnell gehen. Der Berufsjäger, der bis eben noch regungslos und angespannt der Dinge harrte, sprintet los. Gerade noch rechtzeitig bekommt er das Kanin an den Hinterläufen zu packen, bevor es sich doch noch freistrampeln kann. Als er seine Beute in die mitgebrachte Kiste verfrachten will, saust das nächste Langohr aus derselben Röhre. „Mer muss och jünne künne!“, sagen die Kölner gerne in solchen Situationen – „Man muss auch mal den anderen etwas gönnen können“. Dasselbe denkt auch der Flughafenjäger und merkt sich den Bau, in dem das Karnickel verschwunden ist. Heute bleibt dieser unbejagt, denn meist springen die Grauen beim zweiten Versuch nur schwer. Frettchen „Micky“ ist inzwischen auch wieder an der Erdoberfläche aufgetaucht. Bereitwillig lässt sich die zierliche Fähe aufnehmen und
in die Transportkiste stecken. An der Glasfront des modernen Terminal 2 hat sich mittlerweile eine kleine Traube aus Passagieren gebildet, die auf ihren Abflug in warme Gefilde warten. Das merkwürdige Treiben direkt vor ihren Nasen ist eine willkommene
Abwechslung – auch wenn sie nicht recht verstehen, was da draußen an diesem grauen Februar-Morgen vor sich geht. „Mama, warum macht der Mann das?“ fragt die kleine Chantal, „die Hasis haben dem doch gar nichts getan!“ – „Bestimmt sind die vom
Flughafen böse, weil die Hasen so viele Löcher gebuddelt haben“, meint die Mutter, „hier in
Deutschland muss ja alles seine Ordnung haben!“ Mit dieser Einschätzung liegt Chantals Mutter gründlich daneben. Die Gärtner auf dem Flughafen Köln-Bonn (FKB) sind zwar über die Erdarbeiten genauso wenig begeistert wie über Fraßschäden an den Zierpflanzen – aber
trotzdem will niemand dort die Kaninchen ausrotten. Der Grund für die scharfe Bejagung
liegt etwas vielschichtiger in der „biologischen Flugsicherheit“ am FKB. Jungkaninchen
sind eine begehrte Nahrung für Mäusebussard, Rohrweihe und Habicht. Bei starker Vermehrung der Kaninchen spezialisieren sich die Greifvögel auf die leichte Beute und stellen sich dauerhaft in der Nähe der 650 Hektar Grünflächen ein, die das System aus
Start-, Landebahnen und Rollwegen umgeben. Speziell für turbinengetriebene Flugzeuge stellen Vögel eine große Gefahr dar. Ein Bussard im Triebwerk reicht aus, um jede noch so große Boeing zum Startabbruch oder zur Umkehr zu zwingen. Selbst diese glimpflichen
Ausgänge verursachen bereits Kosten im sechsstelligen Bereich. Dass bei diesen sogenannten Vogelschlägen auch Menschenleben in Gefahr sein können versteht sich von selbst. Dies zeigte vor drei Jahren die Notlandung eines Airbus 320 auf dem Hudson River in New York nach dem Zusammenstoß mit drei Kanadagänsen. Für Achim Hopp, den Vogelschlagbeauftragten am FKB, gehören die drei Frettchen daher zu den schlagkräftigsten Mitarbeitern der Bird Control. „Bei über 130 000 Starts und Landungen pro Jahr stellt jeder Greifvogel über dem Flughafen ein Risiko dar. Unsere Frettchen tragen
dazu bei, das Gelände für die Greife unattraktiv zu machen. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Flugsicherheit!“ Aus diesen Gründen kommt der Kaninchenjagd am FKB eine hohe Bedeutung zu. Und die indirekte Bedrohung rechtfertigt auch den hohen Aufwand der sogenannten Bird Control, die für das Verhindern von Vogelschlägen verantwortlich ist. Große Teile des Flughafens sind jedoch mit der Schusswaffe nicht zu bejagen. Häufig fehlt im flachen Gelände der Kugelfang. In der Nähe der Passagierabfertigung und der Bürogebäude verzichtet die Bird Control zudem auf jede noch so sichere Schussabgabe, wenn sie von Außenstehenden subjektiv als mögliche  Gefährdung aufgefasst werden könnte.

Da ein Aussetzen der gefangenen Wildkaninchen gemäß Bundesjagdgesetz verboten ist, bleibt den Jägern am FKB nur das waidgerechte Töten der grauen Flitzer, um sie anschließend küchenfertig zu machen. Eine andere Alternative wäre das Aussetzen der Karnickel in Revieren ohne Wildschadenspotenzial. Anträge auf diesbezügliche Ausnahmegenehmigungen bei der Oberen Jagdbehörde in Düsseldorf haben leider keine
Erfolgsaussichten. Im weiter entfernten Gelände erlaubt es die Sicherheit allerdings, den Kaninchen mit Flinten nachzustellen. Dort werden die kleinen Räuber durch zwei weitere vierläufige Jagdkameraden unterstützt. Mit von der Partie ist ein Hundeführer mit seinen beiden Deutsch-Drahthaar. Nachdem alle Mitjäger leise ihre Posten bezogen haben, wird Frettchen „Micky“ erneut an der Röhre angesetzt. Passioniert schlieft der zahme Iltis
ein. Mucksmäuschenstill wäre es, wenn im Hintergrund nicht die Maschinen der startenden und landenden Flugzeuge zu hören wären. Die Jäger harren gespannt der Dinge, stets die Röhren im Blick. Plötzlich jagt ein grauer Pfeil aus dem Boden. Anbacken, Mitschwingen und Schießen bilden eine Einheit. Fast genauso schnell wie das Kanin erschienen ist, rolliert es im Schrothagel. Von „Micky“ ist noch nichts zu sehen. Kaum hat der erfolgreiche Schütze seine Flinte nachgeladen, fegt der nächste Lapuz aus dem Bau. Erster Schuss, vorbei! Der zweite fasst das Kanin hinten.

Im Nu wird einer der firmen Verlorenbringer geschnallt. Mit zwei bis drei raumgreifenden Fluchten hat der Drahthaar das Karnickel eingeholt und apportiert es seinem Führer. Da erscheint auch „Micky“ wieder an der Erdoberfläche und schüttelt sich den Sand aus dem
Balg. Auf die Idee, das Frettchen zu greifen, würden die Hunde nie kommen. Schließlich sind sie seit Welpentagen an ihre kleinen Mitstreiter gewöhnt. Die traditionelle Jagdart mit Frettchen stellt neben der Fallenjagd das wichtigste Instrument dar, um den Kaninchenbesatz auf dem Flughafengelände im Griff zu halten. Durchschnittlich einmal
pro Woche kommen die Jagdhelfer während der Herbst- und Wintermonate zum Einsatz.Die Jahresstrecke schwankt zwischen 100 und 300 Stück, in Abhängigkeit von Seuchenzügen wie Myxomatose und Chinaseuche, die der Vermehrungsfreude immer wieder entgegenwirken. Gut die Hälfte der erbeuteten „Kuniglein“, wie die kleinen grauen Flitzer im Mittelalter genannt wurden, gehen dabei auf das Konto der domestizierten Iltisse.
Chantal und ihre Mutter ahnen von all diesen Zusammenhängen und Hintergründen nichts, als sie gefahrlos mit ihrem Charterflug von der Startbahn „32 Rechts“ mit Ziel Palma de Mallorca abheben.

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