Krähenjagd in Oberfranken

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316 erlegte Krähen ist eine gewaltige Strecke. Um so erfolgreich zu sein, wie die WuH-Forumsmitglieder, bedarf es einer guten Tarnung – auch wenn der Anblick für so manchen gewöhnungsbedürftig ist. FLORIAN STANDKE hat den Jägern über die Schulter geschaut.

Oberfranken, Samstag, 5.00 Uhr. „Ducky“ und sein Jagdfreund, die extra aus dem knapp 700 Kilometer entfernten Ostfriesland angereist sind, sitzen bei strömendem Regen im Schirm. Ein lauschiges Plätzchen haben sich die beiden ausgesucht, so weit man das bei diesem Wetter überhaupt sagen kann. Direkt zwei Meter hinter ihnen schlängelt sich der Main durchs Tal. Einige Weiden und Büsche am Ufer schützen ein wenig vor der Witterung.
Nass und ungemütlich ist es trotzdem. Doch sie sind nicht die Einzigen, die bei dem Sauwetter unterwegs sind. Insgesamt sitzen, verteilt in 16 Schirmen, noch weitere 17 Foristi. So werden die WILD UND HUND-Forumsmitglieder genannt. Gemeinsam mit  Pächtern der 24 teilnehmenden Reviere haben die Jäger Zweierteams gebildet, um bei einer der größten Krähenjagden Deutschlands auf sage und schreibe 11 359 Hektar zu
jagen! An diesem Morgen sind in dem Gebiet insgesamt 533 Lockkrähen in den „freundlichen Lockbildern“ im Einsatz, um die Krähen zum Einfallen zu verleiten. Hierbei werden mindestens zehn sogenannte Decoys (Lockkrähen) in einer Gruppe auf dem Boden platziert. Die anfliegenden Artgenossen vermuten dann eine aussichtsreiche Fraßstelle und fallen im besten Fall ins Lockbild ein. Die am Vorabend bei der Revierbesichtigung ausgesuchte Stelle scheint vielversprechend, denn der Landwirt hat die Wiese am Vortag extra für die Jäger gemäht und anschließend gegüllt. Aber noch ist von den schwarzen Gesellen weder etwas zu hören noch zu sehen. „Wenn uns hier jemand sehen könnte –
die würden uns alle für total verrückt erklären“, kommentiert „Ducky“ die Situation.
„Absolut“, bestätigt ihn sein Kollege lachend und fügt noch hinzu, „dass vielleicht sogar die Männer mit den Zwangsjacken kommen würden“.

Krähenjagd in Oberfranken

Bereits Freitag Nachmittag sind die meisten der WuH-Foristis aus ganz Deutschland zur revierübergreifenden Forums-Krähenjagd (FKJ) eingetroffen. Die Autos sind bis unter die Dächer mit Ausrüstung vollgestopft. Als drei Personen aus einem Kleinwagen purzeln, fragt man sich: Wie soll denn dort noch jemand auf der Rückbank gesessen haben? Jäger in Tarnanzügen, die aussehen als gehören sie zu einer Spezialeinheit, zerren Säcke voller Lockvögel und meterlange Tarnnetze aus den Autos. Man begrüßt sich ausgiebig, denn die meisten kennen sich nicht persönlich, sondern nur aus dem Forum. Die merkwürdigen Nick-names (Forumsnamen) wie „Skogman“, „Hunter30-06“ oder „Ducky“ bekommen
nun Gesichter. Angeregte Unterhaltungen entstehen – Erfahrungen über Jagdausrüstung
und das Verhalten der Krähen werden ausgetauscht. Die meisten sprechen sich mit den „Nicknames“ an. Hier und da hört man den Klang diverser Krähenlocker. Anschlagübungen mit Camouflage-Flinten runden das skurrile Bild ab. Man merkt sofort, dass hier eine verschworene Gemeinschaft zusammengekommen ist. Doch das ist nur die Ruhe
vor dem Sturm. Am Abend sitzen alle schon wieder in den Autos, denn es geht raus ins Gelände zur Revierbesichtigung. Mögliche Standplätze werden begutachtet. Die Pächter überlassen jedoch den Profis die endgültige Entscheidung, wo gejagt wird. Aufklärung ist bei der Krähenjagd das A und O. Trotz des miesen Wetters herrscht beste Stimmung.
Die Spannung steigt bei „Ducky“ und seinem Freund, denn plötzlich ist aus dem nahen Wald eindeutig das Rufen mehrerer Krähen zu hören. Der erste Anflug von den Schlafbäumen scheint zu kommen. Beide „Krähenspezis“ sichern in alle Richtungen, und im nächsten Moment begutachten schon einige Krähen aus etwa zehn Metern Höhe das
Lockbild. Die Ostfriesen drücken sich wie Hasen tiefer in den Schirm, um so unauffällig wie möglich zu sein. In aller Ruhe stehen sie gleichzeitig auf, und schon hallen mehrere Schüsse durch das Tal. Drei „Mistkratzer“ fallen getroffen zu Boden. Der kleine Münsterländer „Jasko“ stürmt aus dem Schirm und apportiert fleißig. Auch in 1 000 Metern
Entfernung, wo Foristi „November“ mit einem der Beständer sitzt, streichen jetzt die Krähen. In regelmäßigen Abständen bellen Schüsse durch die Landschaft. Trotz des Regens geht es so weiter, und wie beim Ping-Pong fliegen die „Schwarzen“ zwischen den Jägern hin und her. Am Ende, gegen neun Uhr, liegen an beiden Ständen 43 Rabenkrähen.
„Für die Strecke brauchen wir sonst ein Jahr“, sagt Jagdaufseher Peter sichtlich beeindruckt. Und auch der Beständer ist mit dem Resultat mehr als zufrieden. „So
was habe ich ja noch nicht erlebt“, bemerkt er kopfschüttelnd. „Ich hätte nie gedacht, dass das so gut funktioniert. Bislang haben wir es immer nur mit der kleinen Kugel probiert.“

Als „Ducky“ und sein Kollege nach einem ausgiebigen Frühstück beim Pächter
zum Lagerplatz zurückkommen, herrscht dort schon reges Treiben. Fast alle Foristi sind aus den Revieren wieder am Sammelplatz angekommen. Eigentlich soll draußen campiert werden. Doch da es den ganzen Tag regnet, ist „Plan B“ erforderlich. Eine  landwirtschaftliche Lagerhalle wird zum „Krähenjäger-Hotel“ umfunktioniert. So hat das Ganze ein wenig den Charme eines Pfadfinderlagers. Die Sorge, dass wegen der schlechten Witterung auch die Strecke gering ausfällt, ist unbegründet. Vor der Halle liegt bereits
eine beachtliche Anzahl erlegter Krähen. Und siehe da, der Regen hört auf. Damit
keine Langeweile aufkommt, ist mittags noch eine kleine Eichelhäher- und Elsternstreife
geplant. Die Foristi sind krähenverrückt. Viele Jäger würden sich bei diesem Wetter nicht
mal für einen Bock ins Auto schwingen und hunderte Kilometer fahren. Doch die gemeinsame Jagd mit anderen Krähenspezis aus dem Forum ist Grund genug, sich
den Reisestrapazen auszusetzen. Denn Krähen gibt es auch anderswo! Ziel der Jagd ist nicht nur, den Besatz zu regulieren und sich untereinander kennen zu lernen, sondern auch den Beständern der teilnehmenden Reviere die Krähenjagd mit dem „freundlichen
Lockbild“ näher zu bringen. Deshalb fand Freitag Abend auch noch ein Vortrag über diese spezielle Jagdart statt. Einige Dutzend Jäger hatten es sich auf Bierbänken gemütlich gemacht und lauschten interessiert den Ausführungen von „Kastljaga“. Bei dieser großflächigen Bejagung, die in Deutschland außergewöhnlich ist, wird auch das Verhalten der Krähen studiert. Denn eine effektive Regulierung kann nur revierübergreifend erfolgen. Der Organisator der Forumsjagd, “JFGPM“, hat eine wahre Meisterleistung vollbracht. Mit
seinen Helfern hat er schon vor Wochen begonnen, die umliegenden Pächter für diese außergewöhnliche Jagd zu gewinnen. In jedem einzelnen Revier haben sie daraufhin
die Anzahl der vorhandenen Krähen, Flugrouten, attraktive Fraßstellen und anschließend die möglichen Standorte für die Schirme ermittelt. Die Beständer zeigten sich dabei äußerst
kooperativ. Statt die Früchte seiner Organisation zu ernten und auch Strecke zu machen, war „JFGPM“ während der Jagden mit dem Geländewagen unterwegs, um an unbesetzten
Plätzen eingefallene Krähen zu beunruhigen.

Die Revierpächter und Landwirte, denen besonderer Dank gilt, sind durchweg begeistert, und der Jagderfolg machte in der Umgebung schnell die Runde. Einige Beständer, die Anfangs noch gedacht hatten, sie seien auf Grund der komplett getarnten Foristi bei der Hollywoodproduktion eines Actionfilmes, kauften noch vor Ort Tarnanzüge, Lockvögel und Netze. Der Tenor war eindeutig: In Zukunft soll regelmäßig auf Krähen gejagt werden.
Insgesamt fällt das Fazit mehr als positiv aus. Das Ziel, eine dreistellige Zahl zu erreichen, wurde bereits nach dem ersten Morgenansitz realisiert. Die Gesamtstrecke ist beeindruckend. Insgesamt wurden 316 Krähen erlegt! Die nächste FKJ ist schon in Planung. 2011 organisiert „Waidwilli79“ die Jagd im Münsterland.

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