Maximen zeitgemäßer Jagd

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ROTWILD IM WIRTSCHAFTSWALD

ROTWILD IM WIRTSCHAFTSWALD

Um kaum etwas wird unter Jägern und Förstern so heftig gestritten wie um das Thema „Wald und Wild“. Prof. Dr. Dr. Sven Herzog zeigt, wie beide Interessen unter einen Hut kommen.

Rotwild gehört zu den Wildarten, die eine große Wertschätzung genießen. Andererseits hat es heute mehr denn je unter zahlreichen Konflikten zwischen Interessengruppen und unter einem oftmals optimierungsbedürftigen jagdlichen Management zu leiden. Ein bedeutender Konfliktherd sind dabei die Fraßeinwirkungen im Wald. Seit über 40 Jahren (!) wird dieses Thema intensiv diskutiert, ohne dass es bis heute gelungen ist, die zugrundeliegenden Konflikte zwischen unterschiedlichen Nutzer-Interessen (nicht zwischen Wald und Wild!) zu lösen. Hier liegt die Vermutung nahe, dass eine Lösung entweder nicht gewollt ist und/ oder dass die falschen Lösungswege beschritten wurden und werden. Mittlerweile wissen wir, dass die Wilddichte keineswegs der einzige und womöglich nicht einmal der entscheidende Faktor im Schadgeschehen ist. Weitere Einflüsse sind beispielsweise Stress (vor allem im Winter, Freizeitnutzung, Jagd, Forstwirtschaft), das Äsungsangebot, forstliches Management oder die landwirtschaftlichen Verhältnisse außerhalb des Waldes.
Jagd an Wildwiesen provoziert Schäden im Wald. Rotwild sollte auf diesen Flächen daher möglichst in Ruhe gelassen werden.
Sieht man sich in Forstbetrieben um, in denen Wald mit Rotwild gut funktioniert, findet man meist zweierlei: ein durchdachtes waldbauliches Vorgehen mit klaren Zielen und darauf abgestimmten Strategien sowie gleichzeitig ein jagdliches Management, das seinerseits auf die forstlichen Ziele abgestimmt ist. Angemessene Jagdmethoden und -strategien haben grundsätzlich drei Komplexe zu berücksichtigen: Als erstes gilt es, dem Tierschutz gerecht zu werden. Anderenfalls wäre die Jagd nicht gesetzeskonform und hätte schnell ein Akzeptanzproblem. Im Wirtschaftswald kommt dem Mindern von Schäden ein hoher Stellenwert zu. Dabei ist es allerdings nach heutigem Kenntnisstand vor allem wichtig, wie gejagt wird, weniger die absolute Höhe der Strecke oder des Bestandes. Das althergebrachte reflexartige Erhöhen des Abschusses als Reaktion auf Wildschäden war offenbar nicht zielführend. Das zeigen die Probleme der vergangenen Jahrzehnte. Daher muss in Zukunft deutlich auf Jagdstrategien geachtet werden, die Hand in Hand mit dem forstlichen Wirtschaftskonzept arbeiten. Beim Rotwild muss das Augenmerk auf den lokalen Bestand, etwa den Sozialverband, der in einem Verjüngungsschwerpunkt sein Streifgebiet hat, gelegt werden, und weniger darauf, den Gesamtbestand nach dem Gießkannenprinzip zu reduzieren. Schließlich ist nicht zu vergessen, dass das primäre Ziel der Jagd eine schonende, nachhaltige Nutzung von Wild ist, insbesondere als Nahrung für den Menschen. Jagdmethoden und strategien müssen insofern eine möglichst vollständige Nutzung der Jagdstrecke und einwandfreie Wildbretqualität sichern.
Um diese drei Ziele angemessen zu verfolgen, bedarf es einiger Leitlinien: So sollte bei Nacht grundsätzlich nicht auf Rotwild gejagt werden, da die Nachtstunden vielerorts der einzig verbliebene zeitliche Ruheraum sind. In Bezug auf Wildschäden macht die Nachtjagd den geringen Effekt des Abschusses einiger Stücke nicht nur zunichte, sondern steigert sogar Verbiss und vor allem Schäle durch das beunruhigte Wild. Jagd auf Rotwild im Frühsommer und Hochwinter ist zu unterlassen. Denn einerseits besteht im Frühsommer immer das Risiko, versehentlich ein führendes Alttier statt eines Schmaltieres zu erlegen. Andererseits hält sich Rotwild gerade in dieser Jahreszeit vermehrt auf Wiesen und Offenflächen auf, um sein Energiedefizit aus dem Winter zu decken. Gerade dort sollte nichts erlegt werden, um es nicht in schadanfällige Waldflächen zu verdrängen. Jagd auf wiederkäuendes Schalenwild nach der Wintersonnenwende stört zudem die natürliche Ruhephase mit reduziertem Stoffwechsel. Die in diesen Monaten erzielte Strecke bewegt sich vielfach im einstelligen Prozentbereich und ist somit für die Jahresstrecke kaum relevant. Auf Rotwild ist daher eine freiwillige Beschränkung der Jagd auf die Zeit von August bis Dezember sinnvoll. In Notzeiten sollte angemessen gefüttert werden. Undifferenzierte gesetzliche Verbote nehmen den Hungertod von Wild billigend in Kauf und sind daher unethisch. Gleichzeitig bedeutet der Verzicht auf Notzeitfütterung hohe Wildschäden im Wald. Während der Notzeit muss die Jagd ruhen, was nicht zuletzt missbräuchliche Fütterung vermeidet. Die Jagdmethoden und -strategien müssen im Wirtschaftswald den forstlichen Zielen angepasst werden. Dazu muss der forstliche Bewirtschafter seine waldbaulichen Ziele darlegen und beispielsweise die Verjüngungsschwerpunkte, aber auch potenzielle Ruhezonen benennen können. Der Jäger kann darauf basierend Jagdschwerpunkte und Ruhezonen einrichten. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass das Rotwild, ins besondere Kahlwildverbände, sehr flächentreu ist und gezielt, etwa in Verjüngungsflächen, bejagt werden kann. So wird das Wild lokal nicht nur reduziert, sondern auch vergrämt. Diese Erfahrungen werden wiederum durch Lernen auf das übrige Rudel übertragen. Dabei ist die Einzeljagd nach wie vor die Methode der Wahl. Drück Stöberjagden sind eines von zahlreichen jagdlichen Werkzeugen, allerdings kein Allheilmittel. Sie gehören zu den anspruchvollsten Jagdmethoden überhaupt. Daher sollten sie wohlüberlegt geplant werden. Tierschutzaspekten muss auch hier höchste Priorität zukommen. Jeder Jagdleiter abteilungsscharf sollte versuchen, das Geschehen einmal aus der Sicht eines nicht jagenden Bürgers und Tierfreundes zu betrachten.
Typische Fehlerquellen von hoher Tierschutzrelevanz sind:
• Die leichtfertige Handhabung von Nachsuchen. Minimalstandards sind dabei: Genügend und vor allem geeignete Nachsuchengespanne vorhalten, abgegebene Schüsse mit unklarem Resultat auf maximal ein bis zwei Schüsse begrenzen und an jedem Anschuss eine Kontrollsuche durchführen.
• Die Freigabe von Alttieren: Wann ist ein Alttier „allein“? Im Zweifel sollten keine einzelnen Alttiere freigeben werden.

• Der Einsatz hochläufiger, sichtlauter oder stummer Hunde oder von Meuten. Das birgt das Risiko, dass aus der Stöberjagd eine Hetzjagd wird.

Der hohe Stellenwert des Tierschutzes ergibt sich aus einer aktuellen gesellschaftlichen Situation, in der nicht absehbar ist, ob Jagd etwa in 20 Jahren überhaupt noch stattfinden wird. Dabei sind es insbesondere Artenschutz und Tierschutz, zwei gesellschaftliche Bewegungen mit durch aus unterschiedlichen, ja teilweise konträren Zielen, die der Jagd kritisch gegenüberstehen. Während sich aus dem Artenschutz keine sachlichen Argumente gegen die Jagd herleiten lassen, kann der Tierschutz immer mit dem Einzelfall, in dem das Tierwohl missachtet wurde, argumentieren. Somit ist klar, dass Jagd und Jäger in Zukunft peinlichst darauf achten müssen, eine Kultur der „Null-Toleranz“ in Tierschutzfragen zu etablieren. Nur so besteht die Chance, dass Jagd als eine der schonendsten und nachhaltigsten Landnutzungsformen, aber auch als eine wichtige Grundlage für forstliches Wirtschaften in einigen Jahrzehnten noch existiert.
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