ROTKAHLWILD ANSPRECHEN

968
ROTKAHLWILD ANSPRECHEN

ROTKAHLWILD ANSPRECHEN
Schmal- oder Alttier? In der jagdlichen Praxis fällt das Ansprechen von Kahlwild nicht immer leicht. Wie Ihnen das in unterschiedlichen Situationen gelingt, zeigt Burkhard Stöcker.

Foto: Wolfgang Radenbach

Situation 1
Anfang Mai äst ein Rudel Rotwild frisches Grün. Ein reines Kahlwildrudel?

Links im Vordergrund (Bild unten) steht ein hochbeschlagenes, großrahmiges Alttier. Rechts im Vordergrund und ganz rechts im Hintergrund sind Schmalspießer zu erkennen,
die in vielen Bundesländern schon im Mai Jagdzeit haben. Bei den restlichen Stücken ist aus dieser Perspektive kaum auszumachen, ob es sich um Schmal- oder Alttiere
handelt. Ob man in dieser sensiblen Zeit einen der Schmalspießer aus solch einem Großrudel „störintensivst“ rauspicken muss, ist fraglich.

Foto: Sven-Erik Arndt

Situation 2
Durch den Raps zieht ein aufmerksam sicherndes Alttier und dahinter ein schwächeres Stück. Alttier mit Kalb?

Während das Alttier (links) von Gebäude und Gesichtsausdruck her eindeutig als solches anzusprechen ist, fragt man sich beim Stück dahinter (vor allem wegen des kindlichen
Hauptes): schwaches Schmaltier oder starkes Kalb? Das Bild entstand in der zweiten Julihälfte, also mitten im Sommer. Zu der Zeit tragen die Kälber fast alle noch ihre
Fleckzeichnung und befinden sich (von extremen Ausnahmen abgesehen) noch nicht in einer derartigen körperlichen Verfassung wie das dem Alttier folgende Stück. Aufgrund der
Perspektive ist eine Ansprache nach Körperstärke schwierig – die fast identische Körperhaltung beider Stücke zeigt uns jedoch, dass das zweite Stück nicht mehr weit vom Gebäuderahmen des ersten Stückes entfernt ist – also ganz gewiss kein Kalb sein kann. Je nach Bundesland und Schmaltier-Jagdzeit wäre eine Erlegung des zweiten Stückes möglich.

Fotos: Michael Breuer (2)

Situation 3
Ein schlankes, graziles Stück trollt Anfang September über die Lichtung – ein Schmaltier?

Man muss schon genau hinschauen, um eine Zitze vom Gesäuge zu erkennen und zudem das Haupt ansehen, das einige „Ecken und Kanten“ hat und somit auf ein schon betagteres Alttier hinweist. Wenn Alttiere in die Jahre kommen, bekommen sie zuweilen „schmaltierähnliche Figuren“. Hier hilft dann aber immer der Blick aufs Haupt, das stets mit markanten Konturen das Alttier zu erkennen gibt. Die Perspektive dieses Bildes verhindert natürlich einen guten Blick auf das Haupt, und die federnde, schlanke Figur verführt zur
„Schmaltierthese“.

Foto: Michael Migos

Situation 4
Mehrere Stücke ziehen frontal auf den Jäger zu. Das rechte Stück könnte ein passendes Schmaltier sein.

Vorne links ein älteres Alttier, in der Mitte ein vermutlich jüngeres Alttier und rechts ein Kalb. Dieses ist am kurzen Haupt und dem deutlich kleineren Körper zu erkennen.
Ob es sich bei einem Kalb um ein Hirsch- oder Wildkalb handelt, ist oftmals nur beim Nässen zu erkennen. Das männliche Kalb nässt im hinteren Bauchbereich nach
vorne unter sich.

Fotos: Michael Breuer (2)

Situation 5
Ein schwaches geflecktes Stück folgt einem größeren weiblichen. Die Situation scheint eindeutig: Altier mit zugehörigem Kalb.

In diesem Revier hat die Brunft begonnen. Das rechte Stück ist anhand der Flecken eindeutig als Kalb anzusprechen. Das davor ziehende Stück ist jedoch mit Gewissheit nicht das dazugehörige Alttier – sondern vermutlich eher die „Schwester“ vom Vorjahr, also ein Schmaltier: Die ganze Figur ist noch extrem schlank, das Haupt noch geradezu kindlich kurz. Es ist noch nichts Reifes an dem linken Stück. Dieses kann ein Jahr zuvor unmöglich in der körperlichen Verfassung gewesen sein, um schon aufzunehmen. Möglicherweise
ist das Kalb mutterlos. Ich würde hier versuchen, beide zu erlegen, denn sie sind für die Jahreszeit schwach im Wildbret.

Foto: Karl-Heinz Volkmar

Situation 6
Drei weibliche Stücke verhoffen am Waldrand. Ist ein Schmaltier dabei?

Vermutlich sind alle Stücke Alttiere. Die beiden rechten definitiv, wobei das rechte Alttier älter als das linke ist: ausgeprägter Hängebauch, deutliche Einsattelung zwischen Träger und Widerrist. Das ganz linke Stück könnte aber auch ein kräftiges, gut entwickeltes Schmaltier sein. Vom Gebäude her hat es schon einen ähnlichen „Status“ wie die beiden Alttiere rechts, nur das Haupt hat noch nicht ganz die klassische „Geigenkastenlänge“.
Das potenzielle Schmaltier hat im Oktober schon die ganze Vegetationsperiode seines zweiten Lebensjahres hinter sich und befindet sich auf dem körperlichen Weg zum Alttier. Es kann jedoch auch durchaus schon ein Alttier sein, dessen Haupt nur ein wenig kurz geraten ist. Finger eher gerade lassen.

Situation 7
Zwei Stücke verhoffen auf der Waldwiese. Der Größenunterschied ist deutlich. Ein Altier mit Kalb?

Wenn man so einen direkten Vergleich während der Brunft hat, fällt die Ansprache oft relativ leicht. Links ein Alttier: großer Körperrahmen, langes Haupt („Geigenkasten“).
Das Stück rechts ist mit ziemlicher Sicherheit das dazugehörige Schmaltier. Es gibt zu der Zeit auch (selten) sehr gut entwickelte Kälber, die bereits den körperlichen Zustand
des hier abgebildeten rechten Stückes haben können. Außerdem es gibt Schmaltiere, die durchaus dem links stehenden Alttier im Erscheinungsbild sehr nahe kommen können. Für ein Kalb wäre das rechte Stück stark, für ein Schmaltier ist es schwach. Aufschluss erhält man hier möglicherweise durch die Beobachtung der Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb
des Rudels: Kommt zum Alttier noch ein Kalb dazu, ist das hier abgebildete Stück sicher das Schmaltier. Sehen wir kein Kalb, bleibt die Antwort weiter offen.

Foto: Rafal Lapinski

Situation 8
Hochflüchtig überfällt ein gemischtes Rudel die Schneise. Welches Stück passt?

Die Stücke auf dem Bild befinden sich zwar in „voller Fahrt“, die Entfernung scheint aber für die Abgabe eines sicheren Schusses noch passend zu sein. Ganz links flüchtet ein Alttier (tabu, Kalb kann noch kommen!). Zweites von links: Schmalspießer. Je nach  „Spießlängenfreigabe“ wäre die Wahl des Spießers in Anbetracht der momentanen Schusssituation die jagdlich attraktivste, beherrschbare Aufgabe. Der Spießer ist aber kein Schwacher: Die Spieße sind dick und etwa 40 Zentimeter lang. Das wäre in vielen Rotwildgebieten eher eine „Zukunftsvariante“. Dann kommt ein Rotkalb – damit machen wir in der Situation jagdlich gewiss am wenigsten falsch. Davor (Haupt vom Baum verdeckt) möglicherweise noch ein Kalb, oder ein schwaches Schmaltier – auch das wäre möglich. Am jagdlich attraktivsten ist natürlich der Hirsch vom zweiten Kopf (zweites Stück von rechts). Je nach Fertigkeit des Schützen und je nachdem, wie sich der Baumbestand rechts fortsetzt, wäre auch das Erlegen dieses Stückes noch möglich – dem schießt man allerdings definitiv ein bisschen hinterher. Ganz rechts flüchtet ein Alttier – tabu, da es gewiss das Muttertier eines der Kälber ist.

Foto: Frank Eckler

Situation 9
Ein kopfstarkes Winterrudel sichert Anfang Januar am Waldrand. Sind Kälber dabei?

Hier sind Schmaltiere jetzt nur noch schwer von Alttieren zu unterscheiden. Gut zu erkennen sind noch die Kälber: Das dritte Stück von rechts ist deutlich geringer und hat noch den kurzen Kälberkopf. In der linken Gruppe sind die drei, vier linken Stücke alles Alttiere, und dann folgen im Vordergrund zwei Kälber, die auch wieder an den geringeren Körperrahmen und an den kürzeren Häuptern zu erkennen sind. Je nach Jagdzeit kann man hier versuchen, ein frei stehendes Kalb zu erlegen. Es wird jedoch schwierig, das dazugehörige Alttier zu strecken -– vermutlich wird es mit dem Rudel abgehen.

Fotos: Karl-Heinz Volkmar (2)

Situation 10
Lautlos wechselt ein weibliches Stück durch den Schnee an. Ein junges Alttier?

Hier zieht ein gut entwickeltes Schmaltier im Januar. Vermutlich wird das Stück im Mai/Juni sein erstes Kalb zur Welt bringen. Es könnte sich aber auch um ein junges Alttier zum Ende des dritten Lebensjahres handeln. Im Zweifelsfall den Finger gerade lassen.