Störfaktor Kirrung

2203
Saujagd im Rotwildrevier

Saujagd im Rotwildrevier
Schwarzwildkirrungen sind effiziente Hilfsmittel zur Sauenbejagung. Aber welchen Einfluss hat die Jagdart auf andere Hochwildarten? Helfen sie Schäden zu vermeiden oder tragen sie sogar dazu bei? Peter Schmitt

Der Schwarzwildabschuss an der Kirrung hat sich in Deutschland als äußerst ergiebig und als eines der wichtigsten Instrumente zur Sauenregulierung erwiesen. Je nach Bundesland
werden 35 bis 50 Prozent der Sauenstrecke an Kirrungen erlegt (BECKER nach ELLIGER 2001, KEULING/STIER 2009, KEULING 2012). Allerdings werden Kirrungen vielerorts aufgrund des hohen Sauenaufkommens und den damit einhergehenden Wiesen und
Feldschäden zur reinen Abschusseinrichtung. Zwar verringert das die Anzahl der Sauen, muss aber deshalb nicht zu verminderten Wildschäden führen. Im Gegenteil: In Einstandsgebieten sensibler Hochwildarten stellt sich die Frage, ob eine schlecht durchdachte Kirrjagd sogar zum Anstieg von Verbiss und Schälschäden beiträgt.
In Revieren, in denen sich die Jäger keine Gedanken über Folgen der Kirrjagd auf andere Hochwildarten machen müssen, sind zwei grundlegende Dinge zu beachten, um Wiesenund
Feldschäden durch die Jagd an der Kirrung zu verringern:
1. Vor allem die Rotten- und Sozialstruktur in den Familienverbänden der Schwarzkittel ist ausschlaggebend beim Vermeiden von Wühlschäden. Zum einen, weil alte, erfahrene Leitbachen gefahrenträchtige Orte, zum Beispiel Wiesen oder Felder, auf denen ein Rottenmitglied erlegt wurde, längere Zeit meiden. Ihre Lernfähigkeit kann sich der Jäger zunutze machen, um Rotten durch Abschüsse von potenziellen Schadflächen fernzuhalten
(HAHN 2004, HAPP 2012, WANDEL 2009). Zum anderen, da führungslose Frischlinge oder „unerzogene“ Überläuferrotten oftmals für hohe Schäden sorgen (HAHN 2004). Deshalb sollten vorrangig Frischlinge und weibliche Überläufer erlegt werden, die sich an der Kirrung gut ansprechen lassen.
2. Die Kirrungen sollten in ein Schwarzwildbejagungskonzept gebettet sein, das Sauen ein sicheres Rückzugsgebiet in den Waldbereichen des Revieres ermöglicht. Schwarzwildexperten wie Ernst Hahn oder Gerold Wandel empfehlen, die Kirrjagd an den Übergängen zu den Feld- und Wiesenbereichen des Revieres auszuüben. Auf den Schadflächen werden die Sauen scharf bejagt, wobei hier natürlich nicht gekirrt werden
sollte.

Hält man sich an diese zwei grundlegenden Regeln, kann man im Niederwildrevier bei Kirrjagd nicht mehr allzu viel falsch machen. Kommen nun aber Hochwildarten, vor allem das störungs sensible Rotwild, ins Spiel, gestaltet sich die Sache durchaus komplizierter. Rotwild ist sehr lernfähig und hat ein ausgeprägtes Erinnerungsvermögen. Negative Erfahrungen können daher lange nachwirken und werden nicht selten an die Kälber weitergegeben (SIMON, LIESER 2004). Dem Ort, dem Zeitpunkt der Kirrjagd und den Bedürfnissen anderer vorkommender Hochwildarten muss deshalb eine große Bedeutung
zukommen. Eine der wichtigsten zu beachtenden Faktoren ist der Ort der angelegten Kirrungen und das Einbetten dieser in die Revierverhältnisse. Denn nicht nur die Schussabgabe, auch das tägliche Kirren, Angehen, sowie Auf- und Abbaumen bedeuten
jedes Mal eine potenzielle Störung für das Wild. Besonders Beunruhigungen durch Jagd und Erholungsverkehr in den Einstandsgebieten von Rotwild gelten als Ursache für vermehrtes Schälen (PRIEN 1997, PETRAK 2001). Deshalb müssen dem Rotwild störungsarme Rückzugsareale geboten werden, in denen es seinem Äsungsrythmus unbeeinträchtigt
einhalten kann. Diese Bereiche sollten quantitativ und qualitativ hochwertige Äsung aufweisen.Neben Wildwiesen nennen die Diplom- Biologen Simon, Goebel und Lang
beispielsweise Waldblößen, Sturmwurfflächen, lichte Altholzbestände sowie Bachauen als solche Äsungs-Ruhe-Bereiche. In und an schälschadensgefährdeten Beständen sollten Ruhezonen allerdings nicht angelegt werden. An solchen, für Hirschartige attraktiven
Flächen muss unbedingt auf die Kirrjagd verzichtet werden. Oftmals werden aber gerade Wildwiesen in Waldbereichen als Kirrorte ausgewählt, weil sie in der Nacht ausreichend Licht bieten. Vor allem die Nachtjagd in diesen Bereichen stört das Rotwild erheblich (SIMON & KUGELSCHAFTER 1998). Diese Beunruhigung wirkt sich laut Simon, Goebel und Petrak bei der Nachtjagd zudem 300 bis 500 Meter um die Kirrstelle herum aus. Findet in solchen Bereichen trotzdem Kirrjagd statt, wird sich das Rotwild auch tagsüber in für sicher empfundene Buchen- und Fichtendickungen zurückziehen. Dort deckt es dann seinen Nahrungsbedarf durch Verbiss und Rindenschäle.

Die Jagd an der Kirrung ist – zumindest auf Frischlinge und Überläufer – das ganze Jahr über und auch zur Nachtzeit möglich. Allerdings entspricht eine ganzjährige Kirrjagd nicht den Bedürfnissen anderer Hochwildarten. Die Möglichkeit, das ganze Jahr über an der Kirrung zu jagen, sollte durch besonders störungssensible Phasen des Rotwildes begrenzt werden. Diese Phasen sind zum einen die Setzzeit der Kälber und die Zeit der  Stoffwechselreduktion im Winter (SIMON, GOEBEL & PETRAK 2011). Die Wildbiologen fanden heraus, dass die Jagd in den Rotwildeinständen zur Setzzeit und bis zu acht Wochen danach zu erheblichen Störungen führt. Im „Lebensraumgutachten Wildschutzgebiet
Kranichstein, Teil 2“ empfehlen sie, die Jagd zu dieser Zeit unbedingt außerhalb der Kälberstuben auszuüben. In Kranichstein selbst unterbleibt die Jagd zu dieser Zeit komplett. Auch Beunruhigungen im späten Winter provozieren Schäden im Wald. Anhaltende Störungen, wie beispielsweise durch regelmäßige Kirrjagd, führen in
dieser Zeit zu erheblichen Energieverlusten, die eine gesteigerte Äsungsaufnahme
notwendig machen. In der Folge können der Verbiss an Gehölzen und die Winterschäle
erheblich zunehmen (PETRAK 1996). In bekannten Revieren wie Kranichstein oder dem Gut Klepelshagen tragen der Verzicht auf die Jagd im Januar entscheidend zur Entspannung der
Schadens situation bei. Geht man also von den Erfahrungen aus, die in von namenhaften Wildbiologen betreuten Hochwildrevieren gemacht wurden, sollte auf die Kirrjagd im Frühjahr, Frühsommer und zur späten Winterzeit sowie zur Nachtzeit in und an  Einstandsgebieten verzichtet werden. Ebenso sollte die Anzahl der Kirrungen in einem
Revier überdacht werden. Ziel muss es sein, mit einer minimalen Anzahl von Kirreinrichtungen maximalen Jagderfolg zu erreichen und dabei so wenig Beunruhigung
wie möglich zu verursachen. Hessen hat seinen Jägern die Entscheidung über die Anzahl von Kirrungen mit der geänderten Verordnung zur Wildttierfütterung bereits im Oktober
2005 abgenommen. In Rotwildgebieten ist dort, um Schälschäden einzudämmen,
nur noch eine Kirrung pro angefangenen 250 Hektar bejagbarer Fläche zulässig.

Nimmt man die Vorgabe aus Hessen als Beispiel und betrachtet dazu die Erkenntnisse
der Wildbiologen, würde das eine verantwortungsvolle Kirrjagd in Rotwildgebieten für viele Jagdpächter nahezu unmöglich machen. So empfehlen der Wildbiologe Olaf Simon und Oberforstrat Helmut Lieser zur Jagd und Hege im Rotwildring Osburg-Saar, basierend auf der Mindestgröße der Sommer-Streifgebiete von Kahlwildrudeln, wie sie in verschiedenen
Rotwildgebieten Deutschlands durch Telemetrie ermittelt wurden, einen jagdberuhigten Revierteil von 200, besser 400 Hektar. Zieht man den Störradius von 300 bis 500 Meter bei der nächtlichen Jagd um die Kirrung herum hinzu, bedeute dies für kleinere Reviere theoretisch das Kirrjagd-Aus. Kleinere Hochwildreviere, wie sie aus Gründen höherer
Jagdpacht-Erlöse immer öfter zu finden sind, sollten deshalb eng mit den Jagdnachbarn
zusammenarbeiten. Was spricht dagegen, Wildrückzugsgebiete revierübergreifend festzulegen und durch Absprache der Kirrungsstandorte ein Minimum an Beunruhigung
zu gewährleisten? Der Gedanke, man wolle schließlich „sein“ Wild selbst schießen,
muss hier einem gemeinsamen Ziel weichen.

Werden die oben genannten Parameter berücksichtigt, beschränken sich – je nach Reviergröße und -verhältnissen – die Kirrungen auf ein Minimum. Die Nachtjagd verböte sich. Nun stellt sich die Frage, ob mit einer solchen Kirrjagd noch effektiv in die Sauenpopulation eingegriffen werden kann. Nach Meinung von Wildbiologe Olaf Simon ist dies gar nicht nötig. Er kommt zu dem Schluss: „Je weniger Kirrunge, umso besser“. Er empfiehlt in mehreren Studien zu Hochwildrevieren einen anderen Weg. So zeigte sich zum Beispiel im Revier Kranichstein, dass der Verzicht von Nachtjagd, einen möglichst  minimalen Einsatz von Kirrungen und Berücksichtigung der Ansprüche von Rot- und Damwild bei der Jagd schnell dazu führten, dass sämtliche Wildarten tagaktiv wurden.
Der Einzelabschuss von Sauen ermöglicht sich dort an für Schwarzwild attraktiven
Flächen, wie an Brombeerdickungen zur Fruchtreife, Mastbeständen oder im Frühsommer auf Wiesen, auf denen die Schwarzkittel die frischen Gräser und Kräuter fressen.
Nur in Ausnahmefällen zur Schadensabwehr werden auch nachts Vergrämungsabschüsse
auf Schwarzwild getätigt, sonst  werden alle Schwarzkittel bei Tageslicht und bei  Drückjagden geschossen. Hier sieht auch Oliver Keuling den richtigen Ansatz zur Reduktion der Sauen. Die Intensivierung revierübergreifender Bewegungsjagden, vor allem auf Sauen, und kürzere Jagdzeiten auf andere Schalenwildarten, sind seiner Meinung nach der Schlüssel um Sauen zu effizient zu reduzieren und Wildschäden zu vermeiden.

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