Wetterkapriolen

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BLATTJAGD
Große Hitze, tagelanger Regen, kühle Phasen: Extreme Witterungsverhältnisse beeinflussen die Brunft des Rehwildes. Wie man darauf reagieren kann und auch unter solchen Umständen erfolgreich blattet, zeigt WILD UND HUND-Lockjagdexperte Klaus Demmel.
Florian Standke

Fröstelnd schaut Klaus um 4.30 Uhr aufs Thermometer vor seiner Haustür. „Das gibt‘s doch nicht. Acht Grad, und das am 26. Juli“, murmelt der Blattjagdprofi kopfschüttelnd.
In den vergangenen Tagen verbrachte er viel Zeit im Revier, um noch einige Böcke für die bald anreisenden Jagdgäste zu bestätigen. Die Brunft war bereits im Gang. Mehrfach sah er treibende Stücke, die ihrer Auserwählten auf Schritt und Tritt folgten. Alles schien gut, doch dann kam der sommerliche Kälteeinbruch. Der plötzliche Wetterumschwung ließ die Hoffnung auf Erfolg schwinden. „Das ist gar nicht gut, eindeutig zu kalt“, lautete der knappe Kommentar von Klaus. Denn der Spruch: „Den Rehbock verwirrt der Sonne Glut, den Hirsch die kalte Nacht“, gilt zwar nicht uneingeschränkt, ist aber im Prinzip nicht verkehrt. „Bei 15 bis 25 Grad ist eigentlich am meisten Bewegung. Zu heiß ist auch
nicht gut“, erklärt der Lockjagdspezialist. Der Schwabe hievt seinen Klappschirm
Marke Eigenbau in den Kofferraum. Westfalenterrier-Rüde „Manni“ hat es sich schon im Wagen auf der Rückbank bequem gemacht und schaut neugierig zu. Wenig später sitzt auch Klaus im Auto und macht sich mit angeschalteter Heizung auf den Weg ins Revier.
Im ersten Büchsenlicht will er zunächst an einer großen Wiese blatten, die an drei Seiten von Wald umgeben ist. In der Mitte steht Mais, der vom Rehwild gerne als Deckung genutzt wird. Eigentlich ist dort immer etwas los. Das Auto stellt der Jäger etwa 200 Meter vom
Trauf entfernt im Wald ab. Leise lädt er die Ausrüstung aus und pirscht anschließend
Richtung Wiese – „Manni“ bleibt im Auto. Die letzten Meter vor dem Waldrand geht es nur noch im Schneckentempo voran. Wie ein Indianer setzt Klaus vorsichtig einen Fuß vor
den anderen, darauf bedacht, möglichst lautlos vorwärts zu kommen. Am Waldrand
angekommen, glast er mit dem Doppelglas das Grünland ab. Doch dort stehen nur zwei Rehe, die aber zu weit entfernt sind, um uns mitzubekommen. Im Nu ist der mobile Klappschirm aufgebaut. „Von hier habe ich einen guten Überblick über die Wiesen und bekomme ein Gefühl dafür, was heute so los ist. Leider scheint es, wie befürchtet, ziemlich
ruhig zu sein“, flüstert er.

Nach zehn Minuten erklingen die ersten zaghaften Strophen auf dem Rottumtaler Rehblatter. Etwa 45 Minuten später gibt Klaus an dieser Stelle ohne Wildkontakt auf. Es ist sieben Uhr. Sein Gesichtsausdruck spricht Bände – Zuversicht sieht anders aus. Die Sonne ist längst aufgegangen, und die beiden Rehe sind mittlerweile im Wald verschwunden. Weitere Stücke sind nicht in Anblick gekommen. Es ist immer noch kalt, zu kalt für diese
Jahreszeit! „Wir versuchen es im Wald, vielleicht ist dort mehr Betrieb, das hoffe ich zumindest“, murmelt Klaus vor sich hin, während er seine Ausrüstung wieder ins Auto packt. Der neue Platz hat reichlich Sichtfeld. Er liegt mitten in einem Fichtenaltholz, das an eine große Naturverjüngung angrenzt. Klaus weiß, dass dort ein oder mehrere Böcke ihre Einstände haben. Und tatsächlich, der Blattjagdprofi findet auf Anhieb Pirschzeichen: Plätz- und Fegestellen bestätigen seine Vermutung. „Das sieht gut aus. Der Bursche scheint ziemlich aggressiv zu sein“, sagt Klaus und deutet auf die zahllosen Beweise. Bevor er sich hinter einer dicken Fichte einrichtet, sammelt er trockene Zweige, die er griffbereit neben sich auf den Boden legt. Der Dickungsrand in 60 Metern Entfernung ist aufgrund des lichten Altholzes gut einsehbar. Mit dem Wind im Gesicht und dem Blatter im Mund fängt Klaus an
zu locken. Zunächst gibt er sein Konzert eher leise zum Besten. Doch als sich nichts tut, wiederholt er energisch den Sprengfiep und das Geschrei. Zusätzlich kommen nun auch die trockenen Zweige zum Einsatz. Klaus schlägt mit ihnen auf den Boden und zerbricht sie, dass es nur so knackt. Mit seinen Gummistiefeln plätzt er wie verrückt – alles oder nichts lautet jetzt die Devise! Eine Bewegung am Dickungsrand lässt den Jäger inne halten. Doch die vermeintliche Beute verhofft und ist von zwei dicken Stämmen verdeckt. Deutlich
leiser als zuvor erklingt erneut das Fiepen des Rottumtalers. Das Stück setzt sich wieder in Bewegung. Mithilfe des Doppelglases spricht Klaus es als Jährling an. Der junge Bock zieht suchend im Zick-Zack-Kurs langsam auf uns zu. Hin und wieder verhofft er, scheint ein wenig unsicher zu sein. Als Wanderer auf dem nahe gelegenen Waldweg entlang laufen, springt er ab und verschwindet in der Dickung. Klaus nutzt die Gelegenheit und packt ein. „Das war das typische Verhalten eines Jährlings“, erklärt er, als wir am Auto stehen. „Die stehen meistens vorsichtig zu, weil sie Angst haben, dass der Chef in der Nähe ist. Dass
ein älterer Platzbock das Gebiet für sich beansprucht, zeigen ja eindeutig die Pirschzeichen.“ Noch an zwei anderen Stellen versucht Klaus an diesem Vormittag sein Glück, doch es ist ruhig. Die Büchse bleibt an diesem Morgen stumm. Auch beim Abendansitz ist, gemessen am sehr guten Rehwildbestand des Reviers, relativ wenig Bewegung. Immerhin reagiert aber abends ein mittelalter Bock und steht trotz der kalten
Witterung auf Klaus‘ „Musik“ zu. Insgesamt war er zehn Stunden im Wald. Treibende
Böcke, wie an den wärmeren Tagen zuvor, hatte er nicht in Anblick. Es war einfach nicht viel los, obwohl gerade zu Beginn der Brunft die Böcke auf den Läufen sind.

Das liegt daran, dass zu dieser Zeit nur wenige weibliche Stücke brunftig sind, die von den Böcken gesucht werden müssen. Im Gegensatz dazu sind zur Hochzeit viele Ricken und Schmalrehe brunftig. Die Böcke müssen dann nicht so große Strecken zurücklegen, sind schon fündig geworden und stehen bei ihrer Auserwählten. Von dort sind sie in den meisten Fällen schwer wegzulotsen. Zu dieser Zeit kann der Jäger aber auch erfolgreich sein, zum einen mit Sprengfiep, der den vermeintlichen Rivalen ins Spiel bringt, und zum anderen mit dem Kitzfiep, um die Ricke anzulocken, die dann den Bock im Schlepptau hat.

Beim Abendessen sitzen wir am Küchentisch und halten Manöverkritik. „Es ist auffällig,
dass beide Böcke erst zugestanden sind, als ich einen Gang hochgeschaltet und aggressiver geblattet habe. Auf die zaghaften Töne rührte sich ja ansonsten nichts“, resümiert Klaus. „Die Reizschwelle scheint bei dem Sauwetter höher zu sein. Morgen werden wir die Geschichte gleich etwas flotter angehen. Mal sehen was passiert.“

Um vier Uhr klingelt schon der Wecker, die Nacht war kurz. Wenig später haben wir uns erneut an der großen, von Wald umgebenen Wiese eingerichtet. Einige Rehe äsen im ersten Büchsenlicht vertraut auf dem Grünland. Unter anderem ein Bock, der bei einer Ricke mit Kitz steht. Er treibt allerdings nicht. Nach einer Pause von zehn Minuten, bei den Vögeln ringsum ist wieder Ruhe eingekehrt, beginnt Klaus mit der ersten Serie. Die Entfernung zu den Stücken beträgt gut 300 Meter. „Das ist kein Problem“, flüstert Klaus. „Ich hab schon aus über 600 Metern Böcke herangeblattet.“ Und tatsächlich wirft der Bock auf, sichert in unsere Richtung und verhofft. Klaus lässt einen Sprengfiep ertönen, um ihn weiter zu locken. Aus der Ruhe bringen lässt sich der Sechser jedoch nicht. Er äst gemächlich weiter. Der Süddeutsche zuckt mit den Schultern. „Der ist wohl nicht musikalisch“, sagt er grinsend und dreht sich erst mal eine Zigarette. „Ich versuch gleich mal, die Ricke mit Kitzfiep auf Trab zu bringen. Vielleicht kommt der Bock mit.“ Kaum sind die ersten Laute bei ihr angekommen, wirft sie auf und sichert. Mit aufgerichteten Lauschern versucht die Ricke, jedes Geräusch aufzunehmen. Die Mutterinstinkte sind
stärker als jede Vorsicht, denn obwohl ihr Nachwuchs bei ihr steht und nicht in Gefahr
ist, setzt sie sich in Bewegung. Wie an der Schnur gezogen wechselt die Ricke in unsere Richtung. Erst 20 Meter vor dem Schirm geht ein Ruck durch das Stück. War es der küselnde Wind? In hohen Fluchten springt die Ricke ab, zurück zu Bock und Kitz, die beide noch an derselben Stelle stehen, um gemeinsam im Mais zu verschwinden. Am Horizont kündigt sich ein grandioser Sonnenaufgang an. Der Blattjagdprofi rät noch etwas zu warten, um zu sehen, ob mit der zunehmenden Wärme nicht doch noch Bewegung ins Wild kommt. Nach etwa 20 Minuten erscheint tatsächlich ein suchender Bock an der Maiskante. Augenblicklich greift Klaus zum Blatter, und schon erklingt der schmachtende Sprengfiep. Wie von der Tarantel gestochen kommt der Bock geradewegs auf uns zu, etwa 40 Meter vor dem Schirm verhofft er, vier bis fünf Jahre mag er sein, ein imposantes Bild, jedoch bleibt ein solcher den bald anreisenden Gästen vorbehalten. Langsam beruhigt sich der
brave Sechser und wechselt zurück zum Mais. Klaus packt ein, um hier nicht noch mehr Unruhe zu stiften. Außerdem ist es mittlerweile taghell.

Wir verziehen uns in den Wald, wo die Kronen der riesigen Fichten den Waldboden
beschatten und schummrige Lichtverhältnisse herrschen. Der Platz scheint vielversprechend: Gute Rundumsicht und zwei Dickungen in der Nähe. Als wir flüsternd
und gestikulierend zwischen den Stämmen hin und herlaufen, um eine geeignete Stelle für uns zu finden, wechseln zügig zwei Rehe vor uns durch den Hochwald. Wir bleiben wie angewurzelt stehen. „Treibender Bock“, wispert Klaus, der das Doppelglas vorsichtig hochgenommen hatte. Wir beeilen uns und sitzen wenig später. Nach der obligatorischen zehnminütigen Ruhepause legt Klaus los. Aufgrund der Erfahrungen vom Vortag und
dem heutigen Morgen geht er sofort aufs Ganze und zieht alle Register: lauter Sprengfiep
und energisches Geschrei kombiniert mit Ästeknacken sowie wildem Plätzen, dass die moosige Erde nur so fliegt. Er erinnert dabei ein wenig an diese Straßenmusikanten in Fußgängerzonen, die gleichzeitig mehrere Instrumente bedienen und einem Orchester Konkurrenz machen könnten.

Da! Eine Bewegung auf zwei Uhr weckt unsere Aufmerksamkeit, doch die mächtigen
Fichtenstämme blockieren die Sicht. Klaus lockt erneut, allerdings ohne Plätzen und Knacken. Ein roter Fleck taucht in einer kleinen Lücke auf, verschwindet aber, um kurz danach wieder zu erscheinen. Es ist Rehwild. Ein Ansprechen ist jedoch noch nicht möglich. Das Stück tut uns aber den Gefallen und kommt vorsichtig, aber zielstrebig näher – den Windfang wie ein Schweißhund tief am Boden. Als es frei steht, ist das Haupt mit dem
Sechsergehörn zu erkennen. Die leuchtend rote Decke hebt sich deutlich vom dunkelgrünen Waldboden ab. Immer weiter rückt der Bock suchend vor. Schließlich verhofft er keine zehn Meter vor Klaus, der den Drilling schon längst im Anschlag hat. Ein grandioser Anblick! Jeden Moment kann der Schuss brechen, die Stille zerreißen. Scheibenbreit steht die vermeintliche Beute da. Die Lauscher spielen, versuchen jedes Geräusch zu orten. Dem Herren des Hauses kommt die Situation schließlich spanisch vor. Nirgends ist ein Rivale oder ein weibliches Stück zu entdecken. Kurze Zeit später  erschwindet er ein wenig unsicher wieder im Holz. Als die Luft rein ist, schlagen wir berauscht vom Erlebten, wie Fußballer nach einem Sieg, die Zelte ab und freuen uns leise.
Auch Klaus, der schon Hunderte Böcke herangeblattet hat, grinst bis zu den Ohren. Gespannt schauen wir noch vor Ort auf das Display der Kamera. Der Lockjagdprofi begutachtet das Stück noch mal in Ruhe. „Hmm, dass er kein Jüngling ist, war klar, aber so alt, mindestens sechs, na ja, da wird sich ein Gast freuen, sofern wir ihn kriegen!“, lautet sein Fazit.

Ohne Beute, aber um ein tolles Erlebnis reicher, treten wir zufrieden den Heimweg an. Und die vergangenen zwei Tage haben mal wieder eindrucksvoll gezeigt: Jagd ist nicht planbar und kein Tag wie der andere. Wer Erfolg haben will, muss flexibel auf aktuelle Bedingungen reagieren und darf den Drilling nicht voreilig ins Moos werfen.

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