Strom ist nicht gleich Strom

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Reizthema E-Geräte:
Seit die Diskussion um den Einsatz von E-Reizgeräten bei der Hundeausbildung öffentlich geführt wird, zeigt sich, dass immer noch sehr diffuse Vorstellungen darüber existieren, was eigentlich ein E-Reizgerät ist. Bei vielen herrscht die Meinung vor, dass es sich dabei ausschließlich um das allgemein bekannte Teletakt handelt. Doch diese haben in Funktion und Wirkung wenig mit modernen E-Reizgeräten zu tun, die von Hundeausbildern heute eingesetzt werden.

 

Von Dieter Klein

Bei vielen Hundeführern, Jagd- und Hunde-Verbandsfunktionären herrscht noch immer Unklarheit über die geeignete Bezeichnung der elektronischen Ausbildungshilfen. „Teletakt“ ist eine Produktbezeichnung der Firma Schecker. Da dieses Gerät, historisch gesehen, die Ära der Ferneinwirkungsgeräte in den 50er Jahren eingeleitet hat, gilt „Teletakt“ gewissermaßen als Synonym für derartige Hilfsmittel. Die breite Lederhalsung, in die der Empfänger eingebettet ist, und die Anordnung der Elektroden ist für das Teletakt-Gerät typisch.

Heute gibt es eine fast unüberschaubare Anzahl unterschiedlicher Telereiz- oder Teleimpulsgeräte. Keines davon ist mit dem klassischen „Teletakt“ zu vergleichen; weder äußerlich noch aufgrund seiner elektrischen Impulse. Das Teletakt und auch die neuere Version „Highline 900“ können wegen der Impuls-Charakteristik als „Hochstrom-Impulsgeräte“ bezeichnet werden. Die von ihnen abgegebenen Einzelimpulse erreichen Spitzen von weit über einem Ampère.

Empfänger und Reizgerät sind eine Einheit

Die Gruppe mit den meisten Gerätevarianten ist die der so genannten „Niedrigstrom-Impulsgeräte“. Ihre abgegebenen Stromimpulse liegen im Bereich von 50 bis 100 Milliampère und sind weitestgehend mit denen vergleichbar, die bei medizinischen Behandlungen zum Beispiel zur Muskelkräftigung beziehungsweise Schmerzunterdrückung eingesetzt werden. Ob diese Gerätetypen überhaupt als „Notbremse“, wie sie manchmal bezeichnet werden – nach dem Wirkungsprinzip „heftige Einwirkung“ – einsetzbar sind, ist fraglich. Das Prinzip der „Niedrigstrom-Impulsgeräte“ in der Hundeausbildung beruht auf der unangenehmen Einwirkung (aversiver Reiz), die durch korrektes Handeln vermieden werden kann und nicht auf Bestrafung durch Zufügen von schmerzhaften Reizen.

Empfänger und Reizgerät sind eine Einheit. Die Position (am Hals) und der Abstand der Elektroden zueinander bestimmen das Feld der elektrischen Einwirkung. Da man weder den Empfängern noch den Sendern ansehen kann, in welchem Stromstärkebereich sie ihre Impulse abgeben, wird deutlich, wie wichtig es ist, vor der Anwendung sich einer objektiven Gerätekunde zu unterziehen. Auch innerhalb der Gruppe der „Niedrigstrom-Geräte“ gibt es wichtige Unterschiede in den Bereichen technische Möglichkeiten und elektrische Eigenschaften.

Nicht die Stromstärke allein ist maßgeblich für die empfundene Reizstärke, sondern auch die Dauer (Breite) der Einzelimpulse. Stromstärke, Impulsbreite, Impulshäufigkeit (Frequenz) und Gesamteinwirkdauer bestimmen die „verabreichte“ Energie. Diese liegt bei allen modernen Telereizgeräten weit unter der Energieabgabe eines elektrischen Weidezaunes – bis zu einem Faktor 1000! Auch der Vergleich mit „Elektroschocks“ ist absolut unberechtigt. Selbst das „Teletakt“ hebt sich beim Energievergleich mit therapeutischen Strömen etwa zur Wiederbelebung kaum sichtbar von der Nulllinie ab.

Von kaum spürbar bis deutlich unangenehm

Die elektrischen Impulse der „Niederstrom-Impulsgeräte“ werden etwa 50 bis 100 mal pro Sekunde abgegeben und wie ein Kribbeln empfunden. Vielleicht kennt der eine oder andere Leser noch den praktischen Test einer 4,5 oder 9 Volt-Batterie mittels Zunge, um festzustellen, ob sie „noch voll“ ist. Wenn auch elektrisch nicht vergleichbar, so ist es aber in etwa ein vergleichbares Empfinden. „Niedrigstrom-Geräte“ lassen sich gefahrlos am eigenen Körper testen. Dies sei jedem Anwender empfohlen. „Denn wie kann man Salz beschreiben, wenn man es nicht geschmeckt hat?“, sagt Hundeausbilder Bart Belon.

Nach der Überwindung einer gewissen Skepsis gegenüber den zu erwartenden „elektrischen Schlägen“, stellt der Anwender schnell fest, dass die Skala der Wahrnehmung stufenweise von kaum spürbar bis deutlich unangenehm gewählt werden kann. Ein solcher Eigenversuch erspart viele Diskussionen und konkretisiert die von wilden Vorstellungen geprägte Meinung so mancher „Experten“ und notorischen Gegner. Die leider oft (falsch!) angestellten Vergleiche mit „Elektroschocks“, „Folterwerkzeugen“ usw. haben ihre Wirkung in unseren Köpfen hinterlassen. Scheinbar legitimierte Einsatzbereiche, umschrieben mit „Notbremse“, „bei schwer verhaltensgestörten Hunden“ oder „als letztes Mittel“, sind ebenfalls nicht objektiv und bewegen sich in Richtung „tierschutzrechtlich bedenklich“.

Einstellung von „Einzelreiz“ bis „kontinuierlicher Reiz“ möglich

In der Gruppe „Niedrigstrom-Geräte“ könnte man – bezogen auf eine Reizdauer von einer Sekunde – drei Energieklassen benennen: stärkere (>200 mJ), mittlere und schwächere (
Auch gibt es Unterschiede hinsichtlich der Impulsformen sowie der Verfügbarkeit von Einzelimpulsen, kurzen Impulsserien und kontinuierlichen Impulsen. Falsch ist die Behauptung, dass „bei Druck auf den Auslöser für mehrere Sekunden Strom fließen“ würde; genannt wird diese Behauptung im Zusammenhang mit den „überwiegend aus Amerika kommen sogenannte Niedrigimpulsgeräte (etwa Innotek)“.

Richtig ist, dass die zitierten Geräte über die Einstellungen „Einzelreiz“ und „kontinuierlicher Reiz“ verfügen. Einzelreiz bedeutet, dass bei Tastendruck einmalig eine kurze Impulsserie von etwa fünf Stromimpulsen innerhalb von 30 Tausendstelsekunden abgegeben wird. Diese Einwirkung wird wie ein einziges „Tick“ empfunden, je nach eingestellter Stärke. So lange wie die Taste „kontinuierlich“ gedrückt wird, erzeugt das Gerät eine Reizserie – nicht automatisch „mehrere Sekunden“. Ein unbegrenzter Dauerreiz ist dabei nicht möglich, da die Geräte eine Sicherheitsabschaltung nach zirka sieben Sekunden haben. Bei einigen Geräteherstellern kann jedoch nach Loslassen der Taste sofort wieder ein neuer Reiz ausgelöst werden. Eine solche, bewusst vorgenommene, langandauernde Einwirkung hat aber ohnehin nichts mit Hundeausbildung zu tun.

Experimente an der Universität Münster mit Niedrigstromgeräten an Schweinehaut und nach Berechnungen auf der Basis gerichtsmedizinischer Formeln haben belegt, dass bei korrekter Anwendung erst nach mehrminütiger Dauer eine Gewebeverbrennung möglich wäre.

Kein „Erfolg auf Knopfdruck“

Niedrigstrom-Geräte kommen vielleicht überwiegend aus Amerika aber auch aus Frankreich und Fernost. Glaubt man den Händlerangaben, so befinden sich zirka 900 000 dieser Geräte allein in der Bundesrepublik beim Endverbraucher. Auch im Einsatz?

Viele Geräte liegen wahrscheinlich bereits ungenutzt in einer Ecke; frustrierte Anwender, rausgeworfenes Geld – weil sich der erhoffte „Erfolg auf Knopfdruck“ nicht einstellte. Nicht die Reizeinwirkung bedingt den Erfolg, sondern der sachkundige Einsatz.

Es sind nicht nur Jäger und Hundesportler, die mit Telereizgeräten arbeiten. Ein weites Kundenfeld erschließt sich den Händlern im Bereich Haus- und Familienhunde. Solange diese Geräte ohne Sachkundenachweis frei verkäuflich sind, ist es besonders bei diesem Kundenkreis schwierig, sachkundige Anwendung zu erwarten. Bei Hundesportlern und Jägern gibt es immerhin Verbände und Arbeitskreise, die den Einsatz kritisch betrachten und somit direkt oder indirekt gewissermaßen darauf achten, dass tierschutzgerecht gearbeitet wird. Ein „Kontrollorgan“ zu Hause gibt es nicht – und so darf es nicht verwundern, dass aus diesem Lager ein erheblicher Anteil des „schlechten Rufes“ dieser Ausbildungshilfen herrührt.

Verbreitung von belegbarer Fachinformation

Jäger (und auch Hundesportler) stehen eindeutig in der Öffentlichkeit. Daher ist es besonders wichtig, dass Jäger mit ihren Hunden nach draußen hin ein „korrektes Bild“ abgeben. Ebenso wichtig ist aber auch, dass die Jagd-Repräsentanten in der Öffentlichkeit korrekt informieren und den Gegnern der Telereizgeräte nicht noch die Bälle zuspielen. Um es gleich richtig zu sagen: Es geht nicht um Verheimlichen oder Verdrehen von Tatsachen. Nein, es geht um die Verbreitung von belegbarer Sachinformation. Auch wenn der eine oder andere persönliche Bedenken zum Einsatz der Telereizgeräte hat, darf dies nicht dazu führen, dass sachkundige Anwender in der Öffentlichkeit diskriminiert werden – schon gar nicht durch die „eigenen“ Leute! Die unkritische – nicht auf Fakten und Hintergründe geprüfte – Weitergabe von Presseberichten geht dabei in die gleiche Richtung.

Jahrelang haben Experten verschiedener Fachgebiete ihr Wissen zusammengetragen, um Alternativen zu den „harten“ Ausbildungshilfen früherer Jahre zu entwickeln. Seminare zur sachkundigen Anwendung der Telereizgeräte gehörten mit dazu.

Welche Alternativen werden geboten? Will man mit der E-Geräte-Diskussion von den Methoden „alter Väter Sitte“ in der Hundeausbildung ablenken, weil sie immer noch praktiziert werden und weil sie vielleicht mehr unserem Naturell im Umgang mit Strafe entsprechen? Vergessen wird, dass die Grundlage der Anwendung von Telereizgeräten lernbiologische und verhaltenskundliche Erkenntnisse sind. Behauptungen wie „Notbremse“ und „letztes Mittel“ sind kontraproduktiv.

Sie unterstützen den Gedanken „Hilfsmittel für Notfälle“ ohne die Ursache der „Notfälle“ zu ergründen. Wie schnell gerät ein halbwissender Hundeführer in die Situation, dass sein Hund nicht das macht, was durch das gegebene Kommando verlangt wird. „Angeleint klappt das hundertprozentig, hier in meiner Nähe macht er das alles, aber (nur) nicht, wenn er weiter weg ist!“ – solche Aussagen sind hinlänglich bekannt. Die „Notsituation“ ist schnell heraufbeschworen, wenn mangelnde Zeit, Ungeduld, Vergleich mit erfolgreicheren anderen Hunden gleichen Alters oder gleicher Rasse, Enttäuschung oder gar Wut sich in die Hundeausbildung einmischen. Dann liegt der Wunsch nahe, dem Hund einmal zu zeigen, „wo der Hammer hängt“ und das Fehlverhalten abzustrafen.

Verknüpft der Hund das Ereignis auch korrekt?

Es mag nun mehr oder weniger in unserer Natur liegen, über Strafen Dominanz durchzusetzen, besonders dann, wenn wir uns überlegen fühlen. Strafen – und so wird der Einsatz der Telereizgeräte oft (falsch!) verstanden – bedeutet aber nur, mitteilen, dass dieses Verhalten unerwünscht ist. Es erfolgt kein Verbesserungsvorschlag. Der Hund erfährt dann (schmerzlich), dass irgendwo „ein Hammer hängt“ und dass der „Alte“ mächtig Power hat. Richtig ist, dass der Hund diese Einwirkung nicht mit dem Hundeführer direkt verbindet, sondern mit der Situation. Aber verknüpft der Hund das Ereignis auch korrekt? Lernt er durch solche Einwirkungen auch „wo es lang geht“? Nein! Strafen bedeutet eindeutig nur „Nein“ und zeigt nicht, welches Verhalten richtig ist. Elektrische Impulse der Art „Notbremse“ erzeugen Meideverhalten oder Angst. Am Beispiel hochflüchtiger Hasen wird deutlich, dass auch Fehlverknüpfungen entstehen können und der „notgebremste“ Hund auf diese Weise hasenrein statt hasengehorsam wird, zukünftig vielleicht sogar auch Hasenspuren meidet. Ein super Ergebnis!

Telereizgerät I: Innotek (versch. Geräte); S: Schecker (Teletakt micro); T: Tritronics (Sportsman, 100/LR); TENS: Transkutane Elektro-Neuro-Stimmulierung zur Unterdrückung von Schmerzen; FES: Funktionelle Elektro-Stimmulierung zur Muskelkräftigung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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