Doppelt vielseitig

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Blaser Side-by-Side „S 2“:
Aufbauend auf den Kippblock-Verschluss des Drilling D 99 und der K 95 entert Blaser mit diesem Verschlussprinzip in der „Königsdisziplin“ der Kipplaufwaffen den Markt: Die Doppelbüchse „S 2“ kommt mit interessanten Details und Wechsellaufmöglichkeiten.

 

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“ – dieser Ausspruch aus Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ charakterisiert auch den Gemütszustand, den so manche Käufer von Doppelbüchsen mit herkömmlich verlöteten Läufen durchleben. Himmelhoch jauchzend begutachten sie das elegante Äußere dieses Waffentyps im Geschäft, freuen sich über die Möglichkeit, einen schnellen zweiten Schuss zur Verfügung zu haben und loben die gute Balance der Waffe für das Flüchtigschießen.

Vielschichtige Ursachen

Zu Tode betrübt findet der Käufer sich schließlich auf dem Schießstand wieder, wenn er ernüchtert festgestellt hat, dass der Schuss aus dem zweiten Lauf irgendwo auf der Scheibe sitzt, nur nicht in der Nähe des ersten Treffers. Vielleicht hatte der Einschießer im Werk doch ein anderes Auge, vielleicht wählte er einen anderen Zeittakt für den Folgeschuss oder gar ein anderes Munitions-Los, das natürlich mittlerweile vergriffen ist. Vielleicht wurde die Waffe aber auch im Schießgestell eingeklemmt oder die Läufe schlichtweg falsch garniert.

Die Ursachen für das Nicht-Zusammenschießen von herkömmlich verlöteten Doppelbüchsen sind vielschichtig. Wer jetzt nicht Geld, Geduld und gute Nerven hat, wird sich von dem Traum einer gutschießenden Doppelkugel erstmal verabschieden können. Denn jetzt muss die Waffe zurück ins Werk oder zu einem Büchsenmacher des Vertrauens, der sie neu zusammenlötet und mit mehr oder weniger großem Aufwand zum Schießen bringt.

Verschiedene Konstruktionen

Um die Läufe zum Zusammenschießen zu bringen, bedienen sich die Hersteller verschiedener Konstruktionen. Die meisten setzen auf ein justierbares Endstück oder auf komplett freiliegende Läufe. Für letztere Variante in abgewandelter Form entschieden sich auch die Blaser-Konstrukteure bei ihrem neuesten Produkt.

Die kaltgehämmerten Läufe der Blaser-Doppelbüchse liegen dabei in Trägerrohren, die nur an der Mündung durch eine Brille und am Patronenlager zusammengehalten werden. An dieser Brille wird der rechte Lauf zum linken Lauf einreguliert, was problemlos durch einen Büchsenmacher durchgeführt werden kann.

Im Vergleich zu dem zierlichen Laufbündel beispielsweise einer Heym 80 B nimmt sich das „S 2“-Laufbündel allerdings wie ein LKW neben einem Sportwagen aus. Die „dicken“ Außenkonturen sind aber notwendig, da Wechsellaufmöglichkeiten bis zum Großwild-Kaliber .500 Nitro Express bei Verwendung des gleichen schlanken Systemkastens bestehen.

Keine Beeinflussung durch die Wärmeausdehung des Stahls

Im Waffengewicht schlägt sich das wuchtige Laufbündel natürlich nieder: Immerhin 3,9 Kilogramm ohne Glas brachte die Testdoppelbüchse im Kaliber 8×57 IRS auf die Waage. Allerdings sind je nach verarbeitetem Hinterschaftholz von Büchse zu Büchse Toleranzen von bis zu 300 Gramm möglich, so Blaser. Durch die „genormten“ Laufaußenkonturen ist die „S 2“ im Kaliber 9,3×74 R dagegen etwa 250 Gramm leichter als die Schwester in 8×57 IRS. Durch das relativ hohe Gewicht liegt die Doppelkugel aber butterweich im Schuss; der Rückstoß fällt sehr moderat aus, und die Läufe schlagen kaum hoch. Schießt man mit ihr flüchtig, „schwingt“ sie zudem ausgesprochen gut.

Durch die freischwingende Laufkonstruktion ist man beim Schuss über das Zielfernrohr nicht auf einen bestimmten Zeittakt angewiesen, bei dem die Läufe zusammenschießen; denn die Treffpunktlage bei mehreren schnell hintereinander abgegebenen Schüssen wird nicht durch die Wärmeausdehnung des Stahls beeinflusst. Beim Schuss über die offene Visierung machen Kimme und Korn die wärmebedingte „Laufverbiegung“ ohnehin mit, so dass eventuelle Treffpunktlage-Veränderungen kaum ins Gewicht fallen.

Überraschend waren da die ersten Schießstandversuche auf 100 Meter über das Zeiss Varipoint 1,5–6×42 mit dem Absehen 54 (Punkt mit Querbalken): Die ersten beiden kurz hintereinander abgegebenen Schüsse (rechter-linker Lauf) lagen in der Horizontalen acht Zentimeter auseinander, die Höhenstreuung war zu vernachlässigen. Beim nächsten Doppelschuss – im Sechs-Sekunden-Takt – war der horizontale Abstand ebenso groß, und beim dritten Doppelschuss – etwa im zehn Sekunden Takt abgegeben – ebenfalls. Erst bei weiteren Schüssen und nachdem die Büchse heißgeschossen war, schrumpfte der Abstand zwischen den Einschlägen auf der Scheibe auf letztlich drei bis vier Zentimeter – unabhängig vom Zeittakt. Dabei blieb es dann auch bei mehreren Schießstandbesuchen – egal, ob die Läufe danach heiß oder kalt geschossen wurden, wobei die besten Ergebnisse bei Doppelschüssen ein „Loch an Loch“ waren (bester Gesamtstreukreis bei drei Doppelschüssen: vier Zentimeter, 12,7-g-CDP). Woran es letztlich lag, dass die „S 2“ erst nach einigen Versuchen so schoss wie es sein sollte, lässt sich vielleicht am ehesten damit erklären, dass die Läufe bei der Testwaffe erst einmal richtig eingeschossen werden beziehungsweise sich „setzen“ mussten.

Nach Abnehmen des Glases und Auseinandernehmen der Büchse tauchte keine Treffpunktlage-Änderung bei Folgeschüssen auf.

Sehr niedrige Zielfernrohrmontage

Blaser entschied sich statt einer Dreiviertel-Laufschiene, wie sie gern bei klassischen Repetier- und Doppelbüchsen verwendet wird, für eine durchgehende Schiene, die jeweils nur zum Kimmen- und Kornsattel hin ansteigt. Dadurch lässt sich eine sehr niedrige Zielfernrohrmontage realisieren.

Auf dieser Schiene sitzen die seitenverstellbare, weitausgeschnittene Schmetterlingskimme mit weißer Visierlinie, sowie das höhenverstellbare rote Perlkorn, das etwas kontrastreicher sein dürfte. Über die offene Visierung lag die Treffpunktlage der „S 2“ auf 30 Meter zumindest mit meinem Auge etwa zehn Zentimeter zu hoch – was sich aber einfach und präzise regulieren ließ.

Alle Metallteile wurden wie bei Blaser-Waffen üblich mit dem Q-Verfahren gegen Rost geschützt und mit einem matt-schwarzen Finish (Tauchbrünierung) versehen. Der Spalt zwischen den Läufen wurde aus optischen Gründen durch eine „Gummi“-Leiste verdeckt.

Einfaches Auswerfen der Hülsen

Verriegelt wird der Lauf mittels Kippblock-Verschluss, wie er vom Blaser-Drilling oder der -Kipplaufbüchse bekannt ist. Da hier die beiden Kugelläufe nebeneinanderliegen, ragt ein breites Gegenstück am Laufende, in das der Verriegelungsblock einrastet, wie ein „Dach“ über das Patronenlager hinaus. Befürchtungen, dass es dadurch beim Ausziehen der Patronen von Hand Schwierigkeiten geben könnte, bestätigten sich in der Praxis nicht. Mit einer schnellen Drehbewegung im Handgelenk bei gleichzeitigem Abknicken der Läufe lassen sich die abgeschossenen Hülsen einfach auswerfen. Aber dennoch: Wenn schon eine Doppelbüchse, dann wünscht man sich doch irgendwie einen Ejektor dazu. Das wiederum würde allerdings den Kaufpreis enorm in die Höhe schnellen lassen.

Für Drückjagden im Winter genau richtig

Den Abzugwiderstand maßen wir mit einem elektronischen Lyman-Abzugprüfer, den uns Frankonia für den Test zur Verfügung stellte (79,95 Euro). Die extrem trockenstehenden Blaser-Feinabzüge waren ab Werk auf elf (etwa 1,1 kg) und 15 Newton (etwa 1,5 kg) eingestellt – für Drückjagden im Winter genau richtig.

Etwas mehr Kraft als bei einem einschlössigen System benötigt man, um den Schieber der beiden Handspanner-Schlosse nach vorn zu drücken. Kommt der Schütze nicht zum Schuss oder schießt nur einmal und vergisst, den Spannschieber zurückzunehmen, entspannen sich die Schlosse automatisch, wenn der Verschlusshebel betätigt wird – der Schieber saust dann vernehmlich in die Ausgangsposition zurück.

Bei der Schäftung blieb Blaser der eigenen Linie treu: Hinterschaft mit Bayerischer Backe und leichtem Schweinsrücken mit leichter Senkung an Schaftnase und Schaftkappe, leichte Ausbuchtung (Wundhammer-Effekt) am Pistolengriff, Schottische Fischhaut sowie schwarzer Kunststoffabschluss in Schnabelform am Vorderschaftende. Gegen Aufpreis (226 Euro, bei Modell „Safari“ im Preis inbegriffen) ist ein gefälliger Halbbiberschwanz-Vorderschaft erhältlich, der meines Erachtens zur Standardausstattung der „S 2“ gehören sollte – er ist einfach griffiger und sieht besser aus.

Alles in allem eine gelungene Doppelbüchse, die ab 3 584 Euro (DB-Wechselläufe ab 2 319 Euro) in der Königsklasse unter den Kipplaufbüchsen mit einigen technischen Finessen aufwarten kann. Diejenigen, die das relativ hohe Gewicht nicht scheuen und sich die Möglichkeit erhalten wollen, Büchsflinten- oder Safari-Wechselläufe einzulegen, werden an der „S 2“ sicher ihre Freude haben.

Verdeckt: Der Spalt zwischen den freiliegenden Läufen wird im vorderen Teil durch „Gummi“ verblendet

 

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