Faustfeuerwaffen im jagdlichen Einsatz

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Der riesige Feuerball aus der .357 lässt viele schon beim Hingucken zusammenzucken. Fangschuss, Deutschuss, Notwehrsituation – immer, wenn die Faustfeuerwaffe ran muss, wird’s brenzlig. Doch wie sieht’s dann mit dem Treffen aus? Stefan Geus, Wolfgang Schröder und Wolfram Osgyan haben dazu ein ebenso aufwändiges wie praxisnahes Programm mit Pistole und Revolver absolviert.

Von einem Wimpernschlag zum nächsten taucht das Haupt der annehmenden Sau auf. Drei Meter trennen den Schwarzkittel vom Schützen –Stress pur. Auffahren, aufnehmen, abdrücken und die Kugel möglichst zwischen die Lichter platzieren sind das Gebot der Sekunde. Im Knall des großkalibrigen Revolvers verschwindet das Haupt wieder, um fünf Zeigerhüpfer danach erneut zu erscheinen. So geht das fünfmal. Nein, hier krachen nicht Äste, fliegen zum Glück nicht Borsten, Hirn oder Knochensplitter, denn wir sind auf einem der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Schießstand. Stefan Geus, dreifacher bayerischer Meister 2006 mit Lang- und Kurzwaffe (196 Punkte!), muss zuerst ran.

Revolver oder Pistole? Beide haben ihreAnhänger. Was letztlich zählt, ist einzigund allein der Treffer (Fotos: Wolfram Osgyan)

Vom ersten Moment an sieht der Betrachter, dass hier einer steht, der sein Handwerk perfekt beherrscht. Knappe, flotte, dennoch ruhige Bewegungen, kontrolliertes Auffahren, kontrolliertes Aufnehmen gewähren ihm die Bruchteile von Sekunden, um das Ziel sauber zu erfassen. Der Mann zieht gleichbleibend ab und schießt in der Summe wie ein Uhrwerk. Beginnend mit seinem vierzölligen Smith & Wesson Modell 66 im Kaliber .375 Magnum, dann mit seiner Pistole Glock 22 im Kaliber .357 SIG, ebenfalls mit vier Zoll-Lauf, und schließlich mit meinem zweizölligen Smith & Wesson Modell 60 im Kaliber .38 Special. Beim Herantreten an die Scheibe sehen wir, dass alle 15 Schüsse im Fünfmarkstück großen Bereich über den Lichtern saßen. So einfach kann also Treffen mit der Kurzwaffe sein.

Einfach? Wie ein Sprinter vor dem Startschuss erwarte ich – den nicht vorgespannten Revolver beidhändig geführt und mit der Mündung nach unten – die Scheibe. Auffahren, Hahn spannen, ins Ziel gehen und drücken:

Zwei Sekunden für das ganze Procedere sind schließlich keine Ewigkeit. Kimme und Korn bringe ich allerdings nicht auf dem schwarzen Haupt in den gestrichenen Einklang. So gesehen produziere ich eigentlich nur ungezielte Richtungsschüsse (Deutschüsse) und zwar mit allen drei Waffen.

Üben, üben, üben: Wer in der Praxis treffen will, muss regelmäßig auf den Schießstand

Die Strafe lässt nicht auf sich warten, denn die Einschläge finde ich überall, bloß nicht in der tödlichen Zone. Gut, der eine Treffer durch das Licht hätte vielleicht Wirkung erzielt, aber die anderen? Entschuldigungen finden sich immer. In meinem Fall trägt die Weitsichtigkeit sicher zum schlechten Abkommen bei. Wer nämlich zum Lesen eine Brille benötigt, sieht schon bei der Langwaffe die offene Visierung nicht mehr ausreichend scharf. Bei der Kurzwaffe wiederum sind Kimme und Korn wesentlich näher am Auge und zudem dichter beisammen, fällt also die Visierlinie erheblich kürzer aus.

Gesellen sich dann ungünstiger Kimmenausschnitt, geringer Kontrast, schlechte Beleuchtung und dunkler Hintergrund hinzu, wird das Versagen gleichsam programmiert. Übrigens:

Am angenehmsten schoss sich die mir fremde Glock-Pistole, und ihre Trefferlagen auch dem gewünschten Haltepunkt am nächsten. Mit jäger Wolfgang, von Alterssichtigkeit noch nicht geplagt, machte es besser: Mit der Pistole landete er fünf Volltreffer, mit seinem 2,5-zölligen S&W-Revolver .357 Magnum brachte er drei Kugeln im absolut tödlichen Bereich unter, und nur mit dem kurzen .38er kämmte er der Sau Scheitel sowie Borsten. Stefan wurde im Anschluss gebeten, das gesamte Programm unter halbiertem Zeitlimit zu absolvieren:

Die Scheibe war demnach nur eine Sekunde sichtbar. Dennoch kitzelte der Tausendsassa die Hundertstel heraus, die er zum sauberen Zielen benötigte und traf erneut 15-mal ins Schwarze! Nun lässt es sich trefflich darüber streiten, ob und wann Otto Normaljäger je in eine Situation mit annehmenden Sauen gerät, bei der er zwingend auf die Kurzwaffe angewiesen ist. Vermutlich höchst selten oder nie. Schweißhundführer, deren Nachsuchen öfter in Schwarzdornhecken oder bürstendichtem Laub- beziehungsweise Koniferenanflug münden, wissen dagegen ein Lied davon zu singen.

Ein überregional bekannter Rüdemann schilderte mir die Situation, wie ihn förmlich aus dem Nichts der angeschweißte Keiler überrannt und in einen Graben geschleudert hatte. Dort wurde er von der Sau malträtiert und konnte sich, quasi auf der Schlachtbank windend, schließlich mit dem zweieinhalbzölligen Smith & Wesson .357 Magnum seines Peinigers entledigen. Ein anderer durch Behördeneinsatz bestens mit Kurzwaffen vertrauter Nachsuchenmann berichtete, dass ihn der überhöht sitzende 100-Kilo-Keiler förmlich von oben angesprungen hätte. Zum Glück konnte er sich gerade noch zur Seite werfen, seine Walter P 99 ziehen und dem Urian ein halbes Dutzend der nach seinen Erfahrungen wirkungsvollen 9 mm Para-Hohlspitz-Geschosse auf das Blatt setzen.

In jüngster Zeit wird viel und gerne über die Stoppwirkung von Kurzwaffenprojektilen diskutiert. Fakt ist, dass keine Kurzwaffe als Stopper an eine Langwaffe heranreicht. Tatsache bleibt, dass eine annehmende Sau nur durch einen Treffer ins Hirn oder Rückenmark sofort aufgehalten wird. Eine 12er Brenneke beispielsweise bringt von Haus aus höchste Geschossmasse und maximalen Geschossdurchmesser mit. Ihre E0 von 2 865 Joule beträgt ein Mehrfaches der Auftreffwucht starker Kurzwaffenprojektile,

Schussbilder von Schütze 1 (Stefan Geus): links 15 Schüsse im Zwei-Sekunden-Takt, rechts 15 Schüsse im Sekundentakt (Foto: Wolfram Osgyan)

das Doppelte der Revolverflak .44 Magnum (E01 418 Joule), und noch mehr als die wenig verbreitete .454 Casull (E02 377 Joule). Dennoch wusste ein guter Freund zu berichten, dass die Treffer im Haupt mit Flintenlaufgeschossen eine annehmende Sau nicht stoppen konnten, weil sie den Hirnbereich verfehlt hatten.

Prallen dagegen die Kugeln aus Pistole oder Revolver auf die Stirn, werden sowohl .38 Special als auch .44 Magnum den gewünschten Effekt erzielen. In diesem Fall entscheidet also allein der Treffersitz über die Wirkung. Ein Zweites:

Schussbilder von Schütze 2 (l.) und Schütze 3 (r.): weißes Schusspflaster = Glock-Pistole .357 SIG, gelb = Smith & Wesson .357 Mag.,rot = Smith & Wesson .38 Spec. (Foto: Wolfram Osgyan)

Viele altgediente Jäger besitzen zwei Kurzwaffen, die sie irgendwann einmal geerbt oder unter ganz anderen Voraussetzungen erworben haben. Sie sollten primär handlich und bequem mitzuführen sein. Man dachte eher an Selbstschutz und weniger an Fangschuss, zumal es das Schwarzwild Problem in vielen Regionen überhaupt nicht gab.

Genau diese Gründe bewogen mich vor über 30 Jahren, meinen fünfschüssigen kompakten S&W im Kaliber .38 Special zu erwerben. Er präsentierte sich klein, fein und handlich. Zum Glück geriet ich nie in eine Notwehrsituation. Denn was nützt es, dass der„Gschwindere der Gesündere ist“, wenn hinterher Dritte über die Verhältnismäßigkeit befinden und womöglich Haft droht. Die wenigen Fangschüsse auf Rehwild wiederum, die in all den Jahren anfielen, konnte ich mit der Langwaffe antragen, und für die paar bei der Baujagd wusste ich mich mit dem schmutzresistenten und führigen Zweizöller bestens gerüstet. Seit der Gesetzgeber Transport und Führen der Faustfeuerwaffe erschwert hat, schlummert sie ungenutzt im Tresor. Nein, als reviertaugliche Allzweckwaffe sehe ich sie weiß Gott nicht an, aber sie bleibt mir wie die Krätze. Mein Erwerbskontingent ist nämlich ausgeschöpft, und selbst wenn ich wollte, brächte ich den Revolver nicht mehr los. Jagdlicher Einsatz ist keine Sportdisziplin mit genormten Scheiben und Entfernungen.

Deshalb wird der Erwerber aus praktischen Gründen auf lange Läufe zugunsten von Gewichtsersparnis und Führigkeit verzichten. Ich kenne keinen Schweißhundführer, dessen Kurzwaffenlauf mehr als vier Zoll misst. Die meisten bleiben beim Revolver sogar drunter und favorisieren das Kaliber .357 Magnum. Ständige Feuerbereitschaft, hohe Sicherheit, idiotensicheres Handling, sprichwörtliche Robustheit sowie die Tatsache, dass Revolver einen Mix an Patronen sowie Geschossformen verkraften und auf einen Blick erkennen lassen, ob sich Patronen in der Trommel befinden, trugen viel zu ihrer Beliebtheit bei.

Die Treffer von drei Schützen mit drei Waffen auf der Überläuferscheibe. Sie lagen allemehr oder weniger gut zusammen. Ob die Treffer anatomisch richtig gesetzt wurden, ist die Frage. Hier zeigt sich die oftmals kritisierte Einteilung der DJV-Scheibe

Moderne Pistolen von Walther, Glock, SIG-Sauer oder Heckler & Koch beispielsweise stehen jedoch hinsichtlich der Sicherheit dem Revolver nicht mehr nach und punkten mit Gewicht, Handlage, Feuerkraft, Bedienungskomfort durch Magazin und der weitaus komfortableren Abzugs-Charakteristik. Es braucht nun einmal Kraft und viel Übung, um einen Revolver im Double-Action-Modus sauber abzuziehen. Und was die Kaliberfrage anbetrifft, da gibt es mit der .357 SIG eine Pistolenpatrone, die leistungsmäßig ganz oben mitspielt. Spezielle Fangschusslaborierungen erhöhen fraglos die Effizienz der Kurzwaffe. Solche benutzt mittlerweile auch die Polizei im Einsatz. Der Schusswaffengebrauch der Beamten erstreckt sich nämlich zu 95 Prozent auf Fangschüsse bei Wildunfällen.

Zu solchen werden natürlich auch immer wieder, mancherorts häufig und zu ihrem Leidwesen vorzugsweise nachts, dieBetreuer der betreffenden Reviere gerufen. Am Rande der Straßen beziehungsweise in ihren Nahbereichen finden wir auch die Situationen vor, die den Einsatz der Kurzwaffe rechtfertigen beziehungsweise ratsam erscheinen lassen. In nicht wenigen Fällen stellt die Faustfeuerwaffe sogar die humanere beziehungsweise bei groben Sauen weniger gefährliche Alternative zum Abfangen dar. Dabei gilt immer der Grundsatz:

So nahe ran wie möglich und vorzugsweise ein Annähern von hinten. Anzustreben sind immer Wirkungstreffer im Zentralen Nervensystem also Hinterhaupt, Träger oder Wirbelsäule. Dem wurde in einer zweiten Versuchsreihe Rechnung getragen. Sechs Meter vordem Schützen wartete die einheitlich schwarze Überläufer-Silhouette aus kräftigem Tonpapier in Originalgröße mit Wurf, Tellern, Pürzel sowie rundem Rücken auf die jeweils fünf Fangschüsse von hinten. Für diese gab es kein Zeitlimit, dafür freie Wahl der Waffe. Einmütig und ohne Absprache griffen dabei alle Teilnehmer zur Pistole. Beim anschließenden Betrachten der Scheibe stellte sich heraus, dass Schütze 2 vier und seine beiden Mitstreiter je drei Treffer in der sechs Zentimeter breiten Kernzone von Rücken oder Hals platzieren konnten, des gleichen, dass die Haltepunkte unterschiedlich gewählt wurden. Die Risslängen einzelner Einschläge wiederum indizierten Geschosseintritte im flachen Winkel.

Um Wirkung zu erzielen, darf demnach aus größerer Entfernung der Haltepunkt bei Schwarzwild nicht in Richtung Haupt verlegt werden. Vielmehr ist ein Anhalten in der hinteren Wirbelsäulenhälfte angebracht. Außer Frage steht dabei natürlich, dass Schusswinkel und Trefferquote mit jedem Meter näher steigen. Die nächste Disziplin ging von der Annahme aus, dass die schwerkranke Sau überraschend aus dem Wundbett hoch wird, wegzieht und im Gebüsch breit verhofft. Simuliert wurde sie von der sieben Meter entfernten DJV-Wildscheibe „Stehender Überläufer“. Es galt, bei laufender Stoppuhr zu ziehen, zu knien,

So lagen die Treffer auf dem Frischling. Sie wurden auf der Rückseite der Scheibe ausgewertet (unten), auf der Organe und Knochenbau gut zu sehen sind. Rotes Schusspflaster = Schütze 1, gelb = Schütze 2, weiß = Schütze 3; Ziffer 1 = Glock-Pistole,Ziffer 2 = Smith & Wesson .357 Mag., Ziffer 3 = Smith & Wesson .38 Spec.

schnellstmöglich zwei Schüsse abzufeuern und das Procedere mit den beiden anderen Kurzwaffen zu wiederholen. Die Kugeln fanden durchweg die Ringe. Mit zweimal 57 (Schützen 1 und 2) und einmal 54 von 60 möglichen Punkten fielen die Ergebnisse sogar erfreulich aus und nur wenig voneinander ab. Allein die Zeit für die Schussabgabe machte den Unterschied.

Während unser Meister beginnend mit der Pistole in 2,6 und zweimal 2,1 Sekunden im Double-Action-Modus (nicht vorgespannter Hahn) mit den Revolvern sein Werk vollbracht hatte, benötigten seine Assistenten dafür 4,5; 6,5 und 4,9 (Single-Action) beziehungsweise 4,0; 4,1 und 3,5 Sekunden (Single-Action/Double-Ac-tion). Ob nun die Treffer anatomisch richtig gesetzt wurden und die Wirkung der jeweiligen Projektile ausreichend wäre, darüber darf gerne spekuliert werden. Wir taten es auch und absolvierten dasselbe Programm mit einer anderen Scheibe. Diese bildet vorne einen Frischling im Schnee und auf der Rückseite sein Inneres ab. Obwohl sich die Zielgrößen nur unwesentlich voneinander unterscheiden, fiel die Streuung auf der Frischlingsscheibe markanter aus. Eine Ursache liegt sicherlich in der einheitlich dunklen Schwarte und dem damit verbundenen schlechteren Kontrast. Dennoch nahmen sich schützenseitig die Ergebnisse gar nicht so schlecht aus.

Für eine gewisse Ernüchterung sorgte dagegen der Blick auf die Rückseite: Nur unserem Champion blieb es nämlich vorbehalten, alle Kugeln wirksam, wenn gleich in der Summe zu weit vorne, im Wildkörper unterzubringen. Von insgesamt 18 Einschlägen traf übrigens keiner ins Herz, und nur drei erwischten die Lunge im vorderen Bereich (siehe Abbildungen links) Hinsichtlich der benötigten Zeit blieb alles in etwa beim Alten. Den Abschluss bildete noch eine Fertigkeitsübung, bei der auf zehn Meter eine kreis- und eine kegelförmige Klappscheibe nach Zeit solange beschossen werden sollten, bis sie umkippten. Unser Primus brauchte dafür zwei Schüsse sowie 2,16 Sekunden, der Zweitplatzierte fünf Versuche (2/3) und 10,1 Sekunden und der dritte für sechs Anläufe (1/5) 10,98 Sekunden. Was ich von dem ganzen Experiment mitnehme?

Mit der Kurzwaffe unter Zeitdruck selbst auf kurze Entfernung zu treffen, ist schwerer als gedacht. Dabei gehen Fehlschüsse weniger auf das Konto der Waffen als auf das der Schützen. Deshalb tut regelmäßiges Üben mit der Kurzwaffe Not, bevor sie jagdlich eingesetzt werden soll. Besonderes Augenmerk gilt dabei der Visierung. Sie muss auf eventuelle Alterssichtigkeit abgestimmt sein, denn nach dem Motto zu handeln „Warte lieber Keiler, ich muss erst meine Lesebrille aufsetzen, bevor ich dich erschießen kann“, funktioniert leider nur im Trickfilm. Die „Handschellen“ unterkalibriger beziehungsweise wenig fangschusstauglicher Kurzwaffen sind kaum zu sprengen, wenn das Erwerbskontingent ausgeschöpft ist. Um eine dritte Kurzwaffe genehmigt zu bekommen braucht es nämlich Überzeugungskraft – und das Wohlwollen des Sachbearbeiters bei der Behörde. Pistole oder Revolver? Für jemanden, der seinen Revolver beherrscht und damit sicher trifft, gibt es nicht den geringsten Anlass zu wechseln. Ansonsten aber wussten die Vorzüge der Pistole im Kaliber .357 SIG so zu überzeugen, dass ich nun mehr ohne mich auf eine bestimmte Marke festzulegen, diesen Typ von Faustfeuerwaffe favorisieren würde. Doch sollte es eine mit Wechsellauf im Kaliber .22 lfB für preiswertes Üben beziehungsweise Fangschüsse bei der Fallenjagd sein.

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