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Anschlagarten in der Praxis- So nutzt man Chancen

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Gerade bei der Pirsch im In- und Ausland eröffnen sich nicht selten unverhofft dicke oder gar einmalige Gelegenheiten. Wer jetzt flexibel reagiert, kann sie auch nutzen

 

Der Schneidersitz an sich bietet schon eine recht stabile Schußhaltung. Wir geben Ihnen Tipps, wie Sie ebenfalls sicher und genau schiessen (weitere Bilder unten)

Von Wolfram Osgyan

Ben Loyal Estate, Castle Rock, 13 Uhr: Nach stundenlangem schweißtreibendem hind-stalking der erste Rotwildkontakt an diesem Tag. Detlev ist dran. Zusammen mit Ian robbt er zur Hangkante, bringt seine Waffe in Anschlag und läßt fliegen. Einmal, zweimal und mit merklicher Verzögerung noch ein drittes Mal.

Zweimal konnte ich deutlichen Kugelschlag vernehmen, daher konzentriere ich mich ganz auf die Mitglieder des Rudels, die vor mir langsam und in bester Schussentfernung bergwärts ziehen. Eine Bilderbuchchance und eine, die man hier nicht alle Tage kriegt. Ich richte mich ein, verfolge die Stücke durch das Zielglas und warte auf Ians Freigabe. Doch so sehr ich meine Ohren auch aufsperre, das erlösende „shoot“ gelangt nicht an mein Trommelfell. Während ich zur Untätigkeit verdammt, fassungslos Tier um Tier über den Grat entschwinden sehe, kriecht Ian aufgeregt zu mir her und bedeutet wild gestikulierend, dass ich ihm folgen möge. Nach einigen Metern erkenne ich die Bescherung. Drunten in der Senke zieht ein angeschweißtes Tier weg, entfernt sich Meter um Meter und zwingt zum raschen Handeln: Entweder wir kriegen es oder für diesen Tag würde die Jagd abgebrochen. Das ist schottischer Brauch, und die Highländer nehmen ihn sehr ernst. „Wie weit?“, rufe ich Detlev zu. „290 Meter“, antwortet er, das Leica Geovid vor den Augen. Doch wie soll ich dorthin schießen, wenn mir das Gelände keine Möglichkeit bietet, aufzulegen, anzustreichen oder in liegender Position anzuschlagen?

Der Schuß muß sitzen

Im Schneidersitz vielleicht. Ich knalle die Hacken in das schlüpfrige Erdreich, lehne mich mit dem Rücken an den Hang, bringe die Büchse in den Anschlag und setze wieder ab. Zu sehr tanzt das Absehen um den Wildkörper herum. „305 Meter, 310 Meter“ vernehme ich meinen Bruder. In meiner Verzweiflung lege ich den Rucksack so auf meine Oberschenkel, dass das versteifte Rückenteil mir zugewandt ist, bette die Büchse darauf, stütze mich mit der Rückseite des Oberarmes am Hang ab, registriere mit Genugtuung, die nunmehr stabile Auflage, halte unter der Rückenlinie an und krümme in dem Augenblick den Zeigefinger, als Detlev die Entfernung mit 317 Meter durchgibt. Das Tier quittiert den Kammerschuss (.300 Win. Mag., Federal 11,7 g- HiShok) mit deutlichem Zeichnen und bricht wenige Fluchten später zusammen. Unsere Erleichterung über den gelungenen Abschuss mag sich jeder vorstellen, denn mit dem Erfüllen der Waidmannspflicht hatte ich uns zudem noch den Jagdtag gerettet.

Seither ist für mich der Rucksack mehr als ein Transportbehälter oder eine Auflage für’ s Liegendschießen, denn auch im ebenerdigen Schneidersitz oder beim Kniendanschlag kann sein Tragegestell eine treffliche Stütze für die Schießhand abgeben. Und zwar immer dann, wenn kein Stamm oder Stämmchen zum Anstreichen einlädt und die Vegetation keine liegende Schießposition zulässt. Bekanntlich stabilisiert eine Zweipunktauflage die Waffe mehr als das eine Einpunktabstützung vermag. So gesehen schießt es sich kniend oder im Schneidersitz auch sicherer als stehend frei vom wackligen Zielstock.

Zielhilfen jedweder Art unterstützen und erleichtern in der jeweiligen Situation das Treffen, bedingen aber immer sauberes, kontrolliertes Abziehen. Wer nämlich bei der Schußabgabe muckt oder gar reißt, verspielt damit auch den Vorteil der ausgeklügeltsten Abstützung. Deshalb gehören für mich regelmäßige Anschlags- und trockene Abziehübungen genauso zur Vorbereitung für eine Jagdreise wie körperliche Ertüchtigung in Form von Kniebeugen, Liegestützen, Joggen oder Radfahren. Einer, der – egal auf welche Entfernung – ein Bierfilz trifft, bringt seine Kugel in der Zehn der Wildscheibe, in der Neun der Ringscheibe oder im „Leben“ des Wildkörpers unter.

Ein Bierfilz auf 25 Meter stehend freihändig zu treffen, bedingt keinen Kunstschützen. Suchen Sie sich von ihrem Zimmer aus einen adäquaten Zielpunkt in Form eines Firstziegels, einer Regentraufe, eines Kaminklinkers oder einer Meisenglocke, visieren Sie ihn an und ziehen Sie zehnmal hintereinander den Abzug der ungeladenen (!) und entspannten Waffe durch. Sind sie zehnmal im Ziel geblieben? Wiederholen Sie die Übung, indem Sie den Stecher benützen und schließlich unter Zuhilfenahme von Pufferpatronen und das täglich. So gewinnen Sie Sicherheit im Abziehen. Ich weiß, man soll Gewehrschlosse nicht leer abschlagen, aber ich gestehe gerne, dass ich es bei meinen Repetierbüchsen oft mache. Dennoch habe ich noch keinen Schlagbolzen „aufgearbeitet“. Natürlich sollte den Trockenübungen auch der Ernst auf dem Schießstand folgen, denn nur so konserviert jemand auch die notwendige Konstanz beim Schießen.

Nicht die Millimeterjagd

Das Bierfilz stehend frei auf 25 Meter zu treffen, heißt auch dem Frischling im niedergetrampelten Getreide die Kugel sicher anzutragen, dem Kitz am Bestandesrand oder dem Rotkalb auf dem Weg. Das aber sind die Gelegenheiten, die nicht ungenutzt verstreichen dürfen, wenn einem der Jagderfolg am Herzen liegt. Wer nämlich in einer solchen Situation anfängt, mit dem Zielstock herumzudoktern, am Rucksack nestelt oder nach einer Stütze Ausschau hält, bleibt in aller Regel zweiter Sieger und damit Schneider.

Sichere Schüsse bis 50 Meter auf der Pirsch zählen zur Domäne des wackligen Zielstockes. Sie zu beherrschen, gehört einfach zum Repertoire eines Jägers mit mittlerer Anspruchshaltung. Steht gar ein Begleiter zur Verfügung, der den Stock fixiert und gleichzeitig Anlage für den Schießarm bietet, dann dürften 80 bis 100 Meter Schießentfernung kein Grund für Fehlschüsse sein. Soll’s noch einen Schrotschuss weiter hinausgehen, empfiehlt es sich, den Stock schräg an einem Stamm abzustützen und den Unterarm anzulehnen. Gleiches gilt für die kniende Position. Falls der Jagdbegleiter ebenso eine Büchse trägt und kein Stock vorhanden ist, leistet übrigens auch die zweite Waffe als senkrechte Abstützung gute Dienste.

Eine noch bessere Stabilisierung ergeben überdies zwei, in maßvollem Abstand gereihte Stämmchen. Am vorderen fixiert die Führhand den Vorderschaft, am hinteren stützt sich entweder der Unterarm oder bei rückstoßärmeren Kalibern die Rückseite des Oberarmes ab.

Während für die kniende Stellung ohne weitere Zielhilfe das Wagnis bereits jenseits der Schrotschussentfernung einsetzt, gibt der abstützende Rucksack noch Sicherheit auf die doppelte Distanz. Hier dürfte auch der Grenzbereich für den Schneidersitz siedeln. Doch der Rucksack für den Schießarm und der Zielstock für den Führarm schieben die Treffergrenze nicht unwesentlich hinaus.

Freie Bahn und offenes Gelände laden zum Liegendschießen geradezu ein. Doch während bei der Position liegend frei (nur die Ellenbogen stützen sich ab) achtzig Meter mitunter schon Kopfschmerzen bereiten können (Der DJV-Fuchs lässt grüßen!), bringt das Fernglas als Vorderschaftstütze erhebliche Vorteile und noch mehr, wenn auch die Schaftkappe eine Auflage findet. Das kann ein Stein, ein Sandsäckchen, eine Getränkedose, ein Balsaholzklötzchen oder ein Päckchen Hülsenfrüchte sein. Auf diese Weise wackelfrei gebettet, gelingen selbst Ultra-Weitschüsse bei der Gamsjagd.

Ein einfaches Brett – und das Absehen steht bombensicher

Hochsitzauflagen sind ein Kapitel für sich, vor allem wenn die der Leitern bzw. Kanzeln nach Einheitsmaß auf dem Boden zusammengenagelt werden. Mal muß man sich nach oben verrenken, öfter aber in sich zusammenkriechen, um die Waffe einigermaßen stabil in Anschlag zu bringen. Nicht selten aber nützen die wohlgemeintesten Verrenkungen nicht viel. Und doch gibt es ein Mittel für viele Fälle. Ein zusätzliches Brett vermag nämlich wahre Wunder zu vollbringen. Übers Eck gelegt stabilisiert es beide Unterarme, von der Rückenlehne zum Auflageholz platziert dient es als solide Zweipunktauflage und mit Hilfe von Fernglas und/oder Sandsack lassen sich beachtliche Höhendifferenzen ausgleichen.

Im optimalen Falle schießt es sich so sicher wie vom Anschusstisch aus, so dass nur mehr die Waffenstreuung, Wind und Wetter sowie der entfernungsabhängige Geschossabfall dem Treffen im Weg stehen können.

Erfolg beim Schießen grenzt demnach nicht an Hexerei: Ein bisschen Übung, ein wenig Erfahrung, ein paar Hilfsmittel und der Blick für das Machbare gehören freilich schon dazu, sollen die Chancen konsequent am Schopfe gepackt werden.

 

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