Überall und nirgendwo

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Schwarzwildschäden:
Voller Mond, Raureif – raus auf Sauen. Aber wo zum Teufel stecken sie?

 

Von Julia Numßen

Mensch, ist das kalt. Ich kuschel mich in meinen Ansitzsack, es zieht auf der „Christbaumleiter“. Der Wind kommt schräg von vorn. Plötzlich hinter mir in der Dickung lautes Ästeknacken. Die gefrorenen Blätter rascheln, schweres Wild wechselt heran – Sauen? Mein Puls wird schneller. Doch dann werden die Geräusche wieder schwächer. Ich warte, hoffe, warte und hoffe, glase die Wiese ab – nichts. Hat das Wild Wind von mir bekommen? Nach drei Stunden baume ich schlecht gelaunt von der „Christbaumleiter“ ab. Noch nicht einmal ein Fuchs hat sich blicken lassen. Das Licht wird schlechter, Wolken hängen vor dem Mond, und ich habe einfach keine Lust mehr.

Am nächsten Tag glaube ich, meinen Augen nicht zu trauen: Die Sauen waren da! Die gesamte Wiese direkt vor der Leiter haben sie umgekrempelt. Bis jetzt haben wir in diesem Jagdjahr in unserem Test-Revier neun Sauen – drei Überläufer und sechs Frischlinge – erlegt, aber es könnte ruhig das Doppelte sein.

Doch im Moment will es nicht klappen. Ich kontrolliere die Kirrungen im Wald, keine von ihnen ist angenommen. In unserem Revier mit dem hohen Mastbaumanteil finden die Schwarzkittel einen gedeckten Tisch vor, da haben sie es nicht nötig, die Kirrungen „abzuklappern“. Aber die Wiesen üben dafür eine magische Anziehungskraft auf sie aus, kein Wunder, müssen sie doch ihren Eiweißbedarf decken.

Krisensitzung in der Redaktion: Was tun mit den Sauen? Drückjagd fällt aus: Die Einstände sind klein und liegen ausgerechnet an einer Bundesstraße. Selbst kurzjagende Hunde kann man dort nicht schnallen, die Gefahr, dass sie mitsamt der Rotte über die stark befahrene Straße ins Nachbarrevier wechseln, ist einfach zu groß. Außerdem sind die Sauen bei uns mehr Wechsel- als Standwild, kommen wie Geister aus den Nachbarrevieren und verschwinden wieder. Man kann also nicht von langer Hand eine Drückjagd planen.

Warten auf Schnee

Kreisen ging bisher nicht, weil einfach kein Schnee lag. Da hilft nur eines: Raus und sich den Hintern platt sitzen. Doch das Schwarzwild führt uns immer wieder an der Nase herum. Die Wiesen sehen schlimm aus, und der Bauer ist gar nicht mehr so freundlich zu uns wie sonst.

Die Mondphase ist endlich – glücklicherweise – vorbei, und fast jeder Redakteur und Volontär ist erkältet. Wir husten, schniefen, niesen, bei einigen hängt der Haussegen wegen der Ansitzhockerei schief. Im Moment hat niemand mehr so richtig „Bock“ rauszugehen. Wir warten auf Schnee, und dann werden wir sie schon bekommen, unsere gewieften Schwarzkittel.

Verhexte „Christbaumleiter“:Die Nächte um die Ohren geschlagen und kein Wild in Anblick bekommen. Trotzdem waren die Sauen da, wie die schäden am nächsten Morgen zeigten

 

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