Doppelt oder dreifach gemoppelt?

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Vergrößerungsvorsätze von Swarovski und Zeiss in der Praxis

Kleine Dinge haben manchmal eine große Wirkung. Ob das auch für die Vergrößerungsvorsätze von Swarovski und Zeiss gilt, sagt Wolfram Osgyan. Er testete die Optik-Winzlinge, die auf ein Fernglas gesetzt, die Vergrößerung verdoppeln beziehungsweise verdreifachen.

 

Rehbrunft 2002: Draußen im Feld treibt ein Bock, soviel verrät der Blick durch das 10×56 Victory, doch dorthin ist es zu weit, um Details zu erkennen beziehungsweise ihn ansprechen zu können. Jetzt wäre an sich das Spektiv recht. Aber das liegt wohlverwahrt zu Hause im Gewehrschrank und darf es ruhig, denn ich habe eine Alternative parat. Aus der Brusttasche fördere ich das Zeiss Mono 3×12 B mit Adapterring zutage, drücke diesen bis zum Anschlag in die rechte Okularmuschel, nehme das Glas wieder auf, stelle über den Mitteltrieb scharf und suche das Objekt.

Als ich es endlich im Bild habe, hilft mir die nunmehr dreißigfache Vergrößerung, den Bock zu identifizieren. Zu meinem Erstaunen handelt es sich bei ihm um einen Bekannten, der weitab von seinem Einstand quasi im Niemandsland brunftet und den ich hier niemals vermutet hätte. Nachdem der Vergrößerungsvorsatz seinen Dienst erfüllt hat, ziehe ich ihn wieder ab und verstaue ihn griffbereit.

Berghirsch oder Gams bis zu 36-fach vergrößert

Nun repräsentiert das Mono 3×12 B beileibe nicht das neueste Produkt aus dem Hause Zeiss. Vielmehr gehört es schon seit vielen Jahren im Optiker-Fachhandel zum festen Sortiment und wird sogar auf Rezept geliefert. Mit Fokussierring und Gummistülpmuschel ausgestattet, entpuppt sich der 50 Gramm leichte und bei umgestülpter Muschel nur sechs Zentimeter hohe Winzling als wahrer Multi: Lesehilfe mit gestochen scharfem Bild selbst im Rand, Dreifachlupe und dreifach vergrößerndes Minifernrohr mit frappierender Schärfentiefe, das zur Gänze in der Hand verschwindet und sich demnach unauffällig handhaben lässt. An der Schnur getragen belastet es wiederum den Hals nicht mehr als eine Hundepfeife.

In den Blickwinkel der jagenden Zunft rückte es vor einigen Jahren der damalige Inhaber von Blaser-Jagdwaffen, Gerhard Blenk, indem er mit seiner Hilfe das Zielfernrohr zum Spektiv für die Gamsjagd umfunktionierte und seine Idee dem Fachpublikum auf der IWA vorstellte. Möglich machte es ein Adapterring, der in das Okular gedrückt wurde und so den Vorsatz stabilisierte. Je nach Zielfernrohrmodell und gewählter Vergrößerung ließ sich damit Berghirsch oder Gams bis zu 36-fach vergrößert gleich durch das Zielfernrohr ansprechen. So weit, so gut.

Was aber, wenn der Beobachter von der Gunst des Augenblicks überwältigt, sogleich den Sicherungflügel umlegt und den Abzug betätigt? Nicht zu Unrecht fürchteten die Zeiss-Leute, dass sie womöglich der Einäugigkeit Vorschub leisten könnten und distanzierten sich nicht zuletzt aus Gründen der Produkthaftung von dieser Idee.

Weil aber Ferngläser nicht schießen und demnach auch nicht zurückstoßen, griffen nunmehr die Verantwortlichen in Wetzlar den Gedanken wieder auf, konstruierten einen Adapterring, der für alle Victory- Modelle passt und eröffnen so dem Benutzer eines 8×40 BT oder 8×56 BT die Option der 24-fachen Vergrößerung, dem eines 10×40 BT respektive 10×56 BT die 30-fache und dem Anwender des 12×56 BT gar die 36-fache Vergrößerung.

Bei dem Ganzen war aber mit Sicherheit auch Konkurrenzdenken im Spiel, denn zwei Jahre zuvor überraschte Swarovski die Fachwelt mit dem Double-Booster („zweifacher Vergrößerer“) genannten, aufschraubbaren Vorsatz für alle SLC und EL-Modelle (ausgenommen 8×30 WB). Dieser Booster besitzt eine Drehaugenmuschel, hat eine Transportlänge von 113 Millimeter und wiegt 165 Gramm. Einmal befestigt, verdoppelt er nun die Vergrößerung des Fernglases.

Keine weitere übereinstimmende Vergleichsbasis der Fernglaskonkurrenten

Wenn wenig Aufwand viel Leistung verheißt, Gewicht und Packmaß so gut wie keine Rolle spielen, dann könnten doch die Fernglasvergrößerer gar Spektive ersetzen, mag sich jetzt mancher denken. Außerdem: Die 306 Euro für den Booster beziehungsweise die 278,65 Euro für das 3×12 B mit Adapter machen eben nur einen Bruchteil der rund 900 Euro aus, die man in ein Spektiv mit 30-facher Vergrößerung aus deutscher oder österreichischer Produktion investieren muss.

Wie aber ist es um die optische Qualität der Beobachtunggeräte bestellt, wenn die Vergrößerer auf dem jeweiligen Okular thronen, wo stehen sie dann im Vergleich zueinander und wie schneiden sie in Konkurrenz zum etablierten Spektiv ab?

Die „griffigsten“ Resultate liefert natürlich dann der Vergleich, wenn er bei einheitlicher Vergrößerung durchgeführt wird, und die heißt 30-fach. Beim Spektiv ist sie Standard, das Mono 3×12 B will dazu mit einem der beiden zehnfachen Victories kombiniert sein, und Swarovskis Doppel-Vergrößerer erlaubt in diesem Fall nur eine Zuordnung, nämlich die des SLC 15×56 WB. Aufgrund der differierenden Vergrößerungsfaktoren von „Mono“ und „Booster“ gibt es ansonsten keine weitere übereinstimmende Vergleichsbasis der Fernglaskonkurrenten mehr.

Sowohl das 10×56 BT Victory als auch das SLC 15×56 WB sind in ihrer Klasse bezüglich der mechanischen sowie optischen Qualität herausragende Vertreter. Erstgenanntes zählt zu den universellsten Ansitzgläsern überhaupt, das zweite spielt dann seine Trümpfe aus, wenn dem Faktor Auflösung die entscheidene Rolle zukommt. Damit soll es an dieser Stelle auch seine Bewandtnis haben.

Hand auf’s Herz

Hinsichtlich des Handlings scheint die Zeiss´sche Lösung unschlagbar: Mono mit Adapter in Okular drücken oder herausziehen – fertig. Beim Swarovski will erst einmal die Okularmuschel abgeschraubt und so abgelegt sein, dass sie sich nicht selbstständig machen kann. Dann erst darf der Booster aus der Cordura-Gürteltasche ihren Platz einnehmen. Dafür sitzt er unverrückbar fest. Versehentliches Anstreifen oder seitlicher Druck bringen demnach den Verstärker nicht aus der Fassung. Auch nicht, wenn er so transportiert wird.

Der Adapterring des Zeiss dagegen muss stramm sitzen, wenn er halten soll. Beim Herausziehen bedarf es daher mitunter ein paar Lockerungsbewegungen, die natürlich auch die Drehaugenmuschel erfassen. Zentrisch aufgesetzt und exakt justiert, erschließt sich dem Beobachter durch das Zeiss ein relativ kleines Bild neutral-weißer Farbe mit erstaunlich guter Schärfe. Damit kann man auch auf große Entfernung kleine Objekte deutlich erkennen. Jedes Abweichen der Pupille von der optischen Achse produziert aber im Randbereich Farbsäume. Erwartungsgemäß schließt die hohe Vergrößerung bei Freihandbeobachtung alles aus, was über eine flüchtiges Erfassen des Objektes hinausgeht. Auch nach dem Abstützen der Unterarme wirkt die Handunruhe noch störend , und erst durch Auflegen des Fernglases kriegt man das Bild wirklich ruhig.

Natürlich würde einem ein Stativ aller Sorgen entledigen, zumal die Anschlussmöglichkeit sowohl beim Zeiss als auch beim Swarovski gegeben ist. Doch Hand auf’s Herz, welcher Jäger schleppt ein Stativ mit sich, wenn er aus Platz- oder Gewichtsgründen bereits auf das Spektiv verzichtet?

Der Blick durch das „beboosterte“ 15×56 WB enthüllt ein schärferes, kontrastreicheres Bild mit einem Stich ins Gelbliche, aber ohne Farbsäume und zudem eine Kleinigkeit mehr an Gesichtsfeld. Jenes beläuft sich auf knapp ein Viertel des für das Fernglas ausgewiesenen. (Beim Zeiss ist es etwas mehr als ein Fünftel). An dieser Stelle sei jedoch darauf hingewiesen, dass die Relation modellabhängig differiert und sich somit keinesfalls auf die gesamte Palette übertragen lässt. Insgesamt liefert demnach der Booster zumindest bei den Probanden das bessere Bild. Wundern sollte das eigentlich nicht, denn der Vergrößerer wurde eigens (und nur ) für die Ferngläser gerechnet, während Zeiss ein bereits bestehendes hervorragendes optisches System an ein zweites adaptiert. Abgestützt gehalten, liegt zudem die längere und gewichtigere Kombination von Swarovski ausbalancierter und damit ruhiger als die von Zeiss in der Hand.

Zwei Vergrößerungen in einem Fernglas lassen sich übrigens sehr gut parallel nützen, wenn man die beiden Fernglashälften jeweils monokular einsetzt. Über das freie Okular überblickt das Führungsauge das gesamte Fernglas-Gesichtsfeld, mit Hilfe des besetzten pickt es sich bei Bedarf die Einzelheiten heraus. Das funktioniert in der Praxis sogar ohne Gewöhnungsphase: Einfach das Fernglas nach außen rücken, wenn „Weitwinkel“ angesagt ist und wie gewohnt über den Mitteltrieb fokussieren.

Der Blick durch das Spektiv allerdings rückt die Verhältnisse zurecht. Weder das monobestückte Zeiss noch das booster-bewehrte Swarovski können an der Dominanz des Ausziehers rütteln. Dessen Bild ist nämlich nicht nur heller, schärfer und kontrastreicher, sondern mit 40 Meter Sehfeld auf 1000 Meter auch nahezu doppelt so groß. Damit bleibt das Ausziehfernrohr in seinem angestammten Einsatzbereich unschlagbar und ein Muss für Leute, die auf seine Dienste angewiesen sind.

Liebe freilich wird durch Gelegenheiten gemacht. Diese kommen so unverhofft wie plötzlich und lassen sich dann nützen, wenn die Hilfe dabei ist: im heimischen Revier ebenso wie im Ausland. Dafür sind die Okularverstärker gedacht und insofern lohnt sich die Investition allemal. Auch muss sich niemand der Qual der Wahl stellen, denn der jeweilige Vergrößerer funktioniert ausschließlich markengebunden. Swarovski-Besitzer können demnach die Leistung ihres SLCs oder Els nur mit dem Booster verdoppeln, Zeiss- Eigner die ihres Victorys allein mit dem Mono verdreifachen. Letztere sogar zu Schnäppchenkonditionen, sofern sie sich an der zeitlich befristeten Victory-Tri-Set-Aktion beteiligen. Hier bringt nämlich der Paketpreis von Fernglas, Adapter und Mono eine Ersparnis von bis zu 190,65 Euro gegenüber der Preisempfehlung für die Einzelteile.

Um den Swarovski-Booster aufzusetzen, wird die Okularmuschel abgeschraubt und dann erst wird der Booster aufgesetzt

 

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