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Interview mit Ministerin Margit Conrad: „Wir brauchen Jäger als Partner“

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Seit September ist Margit Conrad in Rheinland-Pfalz Ministerin für Umwelt und Forsten. Vor dem Hintergrund des neuen Bundesnaturschutzgesetzes gesehen, hat die neue SPD-Landes-Ministerin durchaus eigene Visionen von Jagd und Naturschutz im 21. Jahrhundert.

„Wir brauchen eine intensive Diskussion. Viele Bereiche des Naturschutzes sind noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen“

Von Heiko Hornung und Rüdiger Bergien

WuH: Mit Ihrem Amts-Antritt im Ministerium für Umwelt und Forsten sind Sie auch oberste Jagdherrin des Landes geworden. Was ist für sie Jagd?

Margit Conrad: Ich hatte schon sehr früh mit der Jagd zu tun. So nahm mich als Kind mein Onkel, der Jäger war, mit auf den Hochsitz. Auch mein Bruder ist in diesem Bereich sehr engagiert. Und ich hatte natürlich in meiner früheren Position als Bürgermeisterin in Saarbrücken mit der Jagd zu tun. Ich war dort für den Forst zuständig und kenne natürlich die Themen, die Jäger und Förster sinnvollerweise miteinander diskutieren müssen. Von meiner Kindheit habe ich mitgenommen, dass Jagd etwas mit Natur, mit Wald und mit Tieren zu tun hat. Ich bin zwar kein Mensch, der gerne Tiere tot zu schießen wollte, aber ich weiß, dass die Jagd ein wichtiges Regulativ ist und sein muss. Und es ist unheimlich wichtig, dass Jagd stattfindet. Was ich beeindruckend finde, ist der Respekt, den Jäger vor dem Tier haben, auch wenn sie es erlegt haben.

WuH: Wie schätzen Sie die Leistungen der Jäger in Rheinland-Pfalz ein?
Margit Conrad: Ich halte sie für ganz wichtige Partner was die Hege, Pflege, aber auch das Regulieren des Wildbestandes in unserem Wald angeht. Wir wissen einfach, dass die verschiedenen Tierarten keine natürlichen Feinde haben, deshalb brauchen wir Jäger. Im Rahmen der aktuellen Diskussion um die Schweinepest wird deutlich, wie dringend wir Jäger als Partner brauchen. Im Naturschutz habe ich schon viele Rückmeldungen, auch von meinen Mitarbeitern, dass die Jägerschaft sich sehr in der Umweltbildung engagiert. Das halte ich für eine der wichtigsten Aufgaben überhaupt. Und wir brauchen diese Vermittlung durch unsere Jäger.

WuH: Wenn das Land die Leistungen der Jäger im Naturschutz und in der Umweltbildung anerkennt, wie verträgt es sich dann, dass in Rheinland-Pfalz immer noch die Jagdsteuer erhoben wird?
Margit Conrad: Ich möchte gegenüber allen Gruppen der Gesellschaft fair sein. Erstens greife ich nicht gern in die Taschen der Kommunen oder der Kreise, die momentan in einer schwierigen finanziellen Situation sind. Zweitens müssen wir auch sehen, dass die Kreise jagdliche Aufgaben erfüllen, die auch ihren Preis haben. Sie haben Kontrollaufgaben, sie haben Abschussquoten festzulegen und stellen natürlich auch Infrastruktur zur Verfügung. Insofern glaube ich, sollte man diese Leistungen durchaus honorieren. Ich glaube nicht, dass die Jagdsteuer die zentrale Frage für die Jagd insgesamt ist. Ich stelle das ins Ermessen der einzelnen Kreise, das mit den Jägern auch zu diskutieren. Von meiner Seite möchte ich nicht gern etwas vorschreiben.

WuH: Welche Akzente möchten Sie in Ihrer Naturschutzpolitik setzen?
Margit Conrad: Was den Naturschutz angeht, brauchen wir eine intensive Diskussion. Viele Bereiche des Naturschutzes sind noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen. Der Naturschutz muss sich mit der Frage seines eigenen Handelns im Sinne von Langfristigkeit und Dauerhaftigkeit auseinandersetzen. Die Projekte sind oftmals überschaubar und werden zu kurz betrachtet. Sie sind in vielen Punkten nicht so vernetzt gedacht und konzipiert, wie ich mir das vorstelle.

WuH: Und Ihr Rezept gegen solche Inseln lautet also „Vernetzung“?
Margit Conrad: Es heißt vernetztes Denken. Wenn ich jetzt das eine unterstütze, was hat es für das andere für Folgen. Wir brauchen hier ein Stück Verbindlichkeit und einen Dialog, in dem man sich auf Projekte einigt, die alle mittragen können. Was ich verfolgen werde, trägt die Überschrift: Ökologisieren der Bewirtschaftung in der Fläche. Das bedeutet naturnahe Entwicklung der Forstwirtschaft und bedeutet natürlich auch Weiterentwicklung der Landwirtschaft in diesem Sinne. Und da braucht man auch Jäger wieder. Ich habe ja eben gesagt, der Wald besteht eben nicht nur aus Holz, sondern ist ja auch Lebensraum für die Tiere. Und hier brauchen wir in der Hege ebenfalls die Jäger.

WuH: Wenn der Aspekt der „Ökologisierung in der Fläche“ ein wesentliches Merkmal ihrer Naturschutzpolitik ist, wären die Jäger doch eigentlich ihre idealen Partner: Die Jäger sind die einzigen Naturschützer, die flächendeckend agieren können.
Margit Conrad: Mit den Jägern allein geht es nicht, aber sie sind prädestiniert, weil sie Revierkonzepte haben, die längerfristig angelegt sind, zumindest diejenigen, die sich intensiv um ihre Jagd kümmern, es gibt da gute Beispiele.

WuH:…also schützen und nützen ist für Sie kein Gegensatz?
Margit Conrad: Nein, es ist kein Gegensatz, im Gegenteil, es wäre schlimm, wenn es ein Gegensatz wird. Dann hat man nämlich tatsächlich nur das Thema Schutz ohne den positiven Anreiz des Nutzens.

WuH: In einigen Bundesländern werden zurzeit die Jagdzeitenverordnungen überarbeitet. Steht eine Überarbeitung auch in Rheinland-Pfalz an?
Margit Conrad: Wir haben aufgrund des EU-Rechtes einige Arten, vor allen Dingen die Tauben, wo wir Angleichungen vornehmen müssen. Zunächst warten wir aber die neue Bundesjagdzeitenverordnung ab. Da gibt es momentan keinen Handlungsdruck.

WuH: Ihre Amtskollegen in Berlin möchten gerne das Bundesjagdgesetz reformieren. Es ist zu hören, dass dies durchaus auch im Sinne der Länder wäre. Wie stehen Sie dazu?
Margit Conrad: Wir müssen erst einmal abwarten, was in einem Bundesjagdgesetz an Veränderungen auf uns zukommt. Vom Grundsatz her sage ich, es gibt ein Subsidiaritätsprinzip, was auch für die Jagd sehr sinnvoll ist. Das heißt, dass man eben nur das dringend Notwendige verallgemeinert und als Bundesgesetz regelt und eine möglichst große Freiheit vor Ort für die Ländergesetzgebung lässt. Es macht keinen Sinn, alles auf Bundesebene regeln zu wollen. Die Länder brauchen Gestaltungsfreiheit, um auch in gewisser Weise flexibel reagieren zu können. Darauf sollten wir genau achten, wenn es zu einem neuen Bundesjagdgesetz kommt.

WuH: In der aktuellen Diskussion um die Schweinepest hat der Bauernverband unter anderem Polizeijagden gefordert. Wie beurteilen Sie die derzeitige Seuchensituation?
Margit Conrad: Das ist eine sehr ernste Diskussion. Es gibt hier nichts zu verharmlosen. Ich verlange Verbindlichkeit von allen, die daran beteiligt sind. Ich bin von Hause aus Ärztin und weiß, was medizinisch und epidemisch passiert, wenn man hier nicht verbindlich an diesem Thema arbeitet. Bei meinen ethischen Normen teile ich nicht zwischen Wild- und Haustieren. Um es deutlich zu sagen: Dass wir 4000 Schweine keulen mussten, trächtige Muttertiere und kleine Ferkel, ist genauso belastend, als wenn wir auf der anderen Seite führende Bachen zum Abschuss freigeben. Es gibt einen Zusammenhang, der nicht zu leugnen ist, zwischen Schweinepest bei Schwarzwild und bei Hausschweinen. Deswegen bin ich dankbar, dass ich hier eine Vereinbarung, die auch im letzten Jahr noch einmal bestärkt worden ist, zwischen Bauernverbänden, unserem Haus und dem Landesjagdverband vorgefunden habe. Ein Zwölf-Punkte-Programm, was unter anderem vorsieht, den Bestand an Schwarzwild stark zu reduzieren. Ich habe den Eindruck, dass der Landesjagdverband den Ernst der Lage sehr wohl erkannt hat und auch bereit ist, zu helfen.

WuH: Und was ist mit den Polizeijagden?
Margit Conrad: Polizeijagden sind nur als allerletztes Mittel zu sehen. Außerdem handeln wir schon nach dem Seuchenrecht durch eine ergangene Anordnung zur verstärkten Schwarzwildbejagung. Ferner ist es nach der bestehenden Gesetzeslage gar nicht einfach, so etwas auch durchzuführen. Deswegen sollte man sich auf das konzentrieren, was machbar ist. Und das heißt jetzt erstens verstärkte Bejagung und zweitens – obwohl wir uns hier tiermedizinisch im Versuchsstatus befinden – auch Impfung des Schwarzwildes. Der Versuch wird zurzeit vorbereitet. Es handelt sich um einen Feldversuch, der auch einer besonderen Genehmigung der Europäischen Union bedarf. Es gibt bereits verschiedene Versuche, die uns motivieren, das auch bei uns zu probieren, ohne das wir sagen können: Das wirkt! Es wirkt auf jeden Fall nur dann, wenn die Bestände gleichzeitig reduziert werden. Wir brauchen hier die Jäger. Beginnen werden wir mit der oralen Impfung in einer einigermaßen jagdfreien Zeit, also im Frühjahr, damit wir an den Kirrungen Köder vergraben können. Und das ist ein Punkt, an dem ich froh bin, dass wir hier ein Gremium im Landesjagdverband und auch Gremien in den Kreisjagdverbänden haben, die sich da einschalten und helfen werden. Also insofern ist es doch sehr populistisch was Herr Schartz (Anm. Red.: Präsident der Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz) gefordert hat. Diese Forderungen sind überhaupt nicht umzusetzen. Egal wer an dem Problem arbeitet, ohne Jäger geht es nicht.


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