Auf Insel-Karibus

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Auf jeder der unzähligen Inseln im riesigen Nueltin Lake in Kanada können sie stecken: die Barren Ground Karibus. Dank seines indianischen Jagdführers wurde Joachim Eilts fündig.

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Fotos: Joachim Eilts

 


Es ist September. Bereits zum zweiten Mal bin ich in unmittelbarer Nähe des 190 Kilometer langen und maximal 106 Meter tiefen Nueltin Lakes in Manitoba. Während des ersten Besuchs habe ich ausschließlich den Kanadischen Seeforellen (Namaycush), den Hechten sowie Arktischen Äschen mit fantastischem Petri-Heil nachgestellt. Diesmal jedoch bin ich ausschließlich der Barren Ground Karibus und Timberwölfe wegen im „Land der 100.000 Seen“.
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Die Sandpiste bietet auch großen „Vögeln“ Landemöglichkeit.

 

Jeden Morgen klopft die junge, hübsche Indianerin an die Türen der Holzhäuser und bringt den Waidmännern eine Thermoskanne voll Kaffee. Vor dem Treffen im Haupthaus der Lodge genieße ich den eindrucksvollen Sonnenaufgang am gegenüber liegenden Ende des Gewässers. Wunderschön sind die Farben, die der Indianersommer präsentiert. Die Nadeln und Blätter der Bäume im Uferbereich der unzähligen Inseln, die nur mit dem Boot zu erreichen sind, leuchten gelb, rot und braun, aquarellartig vereint. Kein Sturm, kein Regen, kein Vergleich zum Sauwetter am Tag zuvor.

 


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Pirsch durch den „Indian Summer“: eine packende Jagdkulisse.

 

Mit Jagdfreund Jim aus Alberta, der mit mir die Hütte teilt, gehe ich zum Bootsanleger. Unser Guide Ralph erwartet uns bereits. Er ist die Ruhe in Person. Seine raue Stimme, gepaart mit bedächtigen Bewegungen und leuchtenden Augen, vermitteln Souveränität. Nachdem er den dritten Kanister mit Benzin für den Außenborder ins Boot getragen hat, ruft er: „Kommt Männer, heute ist der Tag!“ Wie alle indianischen Jagdführer hat er einen untrüglichen Instinkt für den Aufenthaltsort der Karibus und versetzt uns mit seinen Adleraugen ständig in Erstaunen.

 


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Die Schalen eines erlegten Karibuhirsches.
Ralph ist hier in absoluter Wildnis in einem kleinen Dorf groß geworden und kennt jedes Fleckchen Erde. „Wenn wir bis zum Mittag kein Karibu haben“, sagt er, „fangen wir uns ein paar Fische und braten sie an Land.“ Erst jetzt bemerken Jim und ich die fertig montierte, mit einem pinkfarbenen Blinker versehene Angelrute an der rechten Innenseite des Bootes. Ralph, das erzählt er uns später, hat acht Kinder mit drei Frauen. „Und was machst du sonst noch so?“, frage ich ihn. „Jagen und Fischen“, lautet die Antwort.
Während der ersten Pirsch sehen wir viele Karibu-Fährten. Sie zeugen von der Wanderung der Rudel gen Süden. Dabei rinnen die Stücke von Insel zu Insel. In Anblick bekommen wir aber nur zwei. An einem Sandstrand am Ufer des Sees, auf den wir das Boot ziehen, entdecken wir die Spur eines starken Timberwolfs sowie Elch- und Schwarzbärlosung. Gegen Mittag sagt Ralph: „Lunch“. Also geht es ins Boot, ein paar Fische fangen. Absolut problemlos erwischen wir mit der Spinnrute in der nächsten halben Stunde drei 70er Hechte, und Ralph schnalzt mit der Zunge: „Gutes Mittagessen!“ In Windeseile filetiert er die Hechte. Kurz danach brutzeln sie in der Pfanne.

 


Nach dem Essen manövriert Ralph Jim und mich bei zunehmendem Wind und recht hohem Wellengang zu einer größeren Insel, auf der er mehrere Hirsche vermutet. Wir pirschen über Berg und Tal zur etwa zwei Kilometer entfernten „Geheimstelle“. „Dort finden wir zu dieser Jahreszeit sehr viele Karibus!“ Der erfahrene Führer ist mehr als zuversichtig.
Am „Kaributreffpunkt“ angekommen, trennen wir uns. Ralph und ich verschwinden langsam und vorsichtig im Dickicht. Jim bleibt am Ufer der Insel und richtet sich zwischen den riesigen Felsen ein. Schnell werden wir fündig. „Karibu“, flüstert Ralph: „60 Meter vor uns! Ein starker Hirsch.“ Wir sehen ihn jedoch nur wenige Sekunden. Dann ist er im dichten Gebüsch verschwunden. Ein weiteres Karibu trollt von rechts nach links über die kleine Schneise. Wieder habe ich keine Chance, die Kugel loszuwerden. „Sie ziehen in Richtung Strand. Dahin, wo Jim sitzt“, zischt Ralph. Genau so ist es.
Erleger Karibu
Erlegerfreude bei Jim (r.) und Jagdführerstolz bei Ralph.

 

Wir drücken dem Freund das Wild regelrecht zu. Schon bald kommt ihm in einer Entfernung von 150 Metern der stärkere der beiden Hirsche in Anblick. Die Büchse auf einem der vielen Felsblöcke aufgelegt, platziert er den Schuss hinter dem Blatt. Der Geweihte zeichnet, wendet, taumelt ein paar Meter vorwärts und bricht verendet zusammen. Kein Verschnaufen, denn auch der zweite, etwas schwächere Karibuhirsch verlässt die Dickung. Er ist gut zweihundert Meter von Jim entfernt. Den Fels im Rücken legt der Kanadier auf dem Knie auf und lässt fliegen. Nach kurzer Todesflucht liegt auch der zweite Cervide. Kaum zu glauben: zwei Karibus in nur fünf Minuten.

 


Karibu Schweiss
Jim erlegt zwei Karibus in fünf Minuten.
Als Ralph und ich die Dickung in Richtung Wasser verlassen, bietet sich uns auf der Freifläche ein faszinierendes Bild. Mit sauberen Schüssen gestreckt, leuchten die Decken der Hirsche kaum mehr als 50 Meter voneinander entfernt in der Abendsonne. Wie abgestorbene Zweige ragen die Geweihe in den Himmel. Jim sitzt bewegungslos und ergriffen am gestreckten Karibu. Sein Gesicht ist kreideweiß, und auf der Stirn stehen Schweißtropfen. Schließlich entlädt sich die Anspannung in einem tiefen Seufzer und unseren Waidmannsheilwünschen. Dass die Geweihe der Karibus noch im Bast stehen, ist kein Problem. Ralph wird ihn schälen. Der Präparator in Deutschland die Stangen färben. Wir gehören zur letzten Jägergruppe in diesem Jahr. Wenn die Barren Ground Karibus, die Nomaden des Nordens, in etwa zwei bis drei Wochen verfegt haben, herrscht am Nueltin bereits Winter. Eine Zeit, in der
auf der Sandpiste, hier in absoluter Wildnis, kein Flieger mehr landen kann und die Jagd wegen zu hoher Schneedecke unmöglich ist.

 


Zwölf Jäger aus Kanada, den Vereinigten Staaten und Deutschland treffen am Abend im Haupthaus der Lodge zusammen. Vier Karibus sind heute gefallen. Dementsprechend großartig ist die Stimmung unter den Gästen. Das Ambiente im Haus liefert die ideale Kulisse für die internationalen Jagdgespräche: Präparierte Jagd- und Angeltrophäen zieren den Raum. Ganz besonders lange jedoch haften die Blicke auf den Decken eines riesigen, fast einheitlich weißen Timberwolfs und eines Schwarzbären sowie auf der Schultermontage eines kapitalen Karibus. Dazu noch das gut erhaltene, mit Karibufell überzogene Kanu über dem Kamin. Ein stummer Zeuge davon, wie die Einheimischen vor Urzeiten jagten.
Boot Karibu bergen
Mit dem Boot wird die Beute geborgen.

 

Ein paar E-Mails werden an die Freunde daheim geschickt.  Die Computer in der Lodge sind unser einziger Kontakt zur Außenwelt. Unsere Mobiltelefone funktionieren hier draußen nicht. Wir dürfen uns auf das Wesentliche konzentrieren: Karibus, Elche, Timberwölfe und Schwarzbären. Alles genau nach meinem Geschmack. Wundervolles Manitoba. Am nächsten Morgen ahne ich schon vor dem Blick aus dem Fenster nichts Gutes. Dann dauert es auch nicht mehr lange, bis uns die tiefschwarze Wolkenwand, von kräftigem Sturm getrieben, erreicht. Prasselnder Regen, hohe Wellen auf dem See. Das jedoch hält Ralph und mich nicht davon ab, auch an diesem Tag den Karibus nachzustellen.
Aufgrund des rauen Wetters versuchen wir unser Glück im Laufe des Tages auf drei verschiedenen Inseln. Leider erfolglos. Immerhin kommen uns sieben weibliche Stücke sowie drei junge Hirsche in Anblick. Gleich zwei Mal falle ich fast über kapitale durch Sonne und Regen gebleichte Geweihe. Von den Schädeln sind nur noch kleine Reste vorhanden. Wahrscheinlich wurde dieses Wild von Wölfen gerissen.

 


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Rückreisefertig: die erlegten Karibuhirsche, Autor Joachim Eilts (l.) und sein Jagdfreund Jim.
Über uns ruft ein Kolkrabenpaar. Kaum zehn Meter entfernt kreuzt provozierend langsam auf dem Boden stolzierend ein im Verfärben begriffenes Schneehuhn unseren Weg. Mehrmals müssen wir die Pirsch wegen fürchterlicher Wolkenbrüche unterbrechen. Es ist nicht unser Tag, wir bleiben ohne Beute. Und trotzdem: Die urtümlich wilde Landschaft und der hervorragende Karibubestand ziehen mich während meines Aufenthalts in den Bann. Ich erfreue mich an den Sturzflügen jagender Weißkopfadler, den Rufen der Kanadagänse in der Luft und dem wehmütig klingenden „Gesang“ der Seetaucher in der Morgendämmerung. Eines Abends sehe ich auch noch die größte „Laser-Lichtschau“ der Welt, die des sagenumwobenen Nordlichts. Es knistert wie elektrische Hochspannung, und die Farben der „Geisterfahnen“ wechseln von Rosa über Grün in ein verschwommenes Blau. Es sieht aus, als würden die Lichter hinter den Wipfeln der Nadelbäume eng umschlungen tanzen. Ständig huschen und flackern sie über den Nachthimmel. Nach etwa zehn Minuten verdrücken sie sich jedoch hinter dem aus Hügeln und Wäldern zerklüfteten Horizont, und die Bühne ist wieder leer. Die Nordlichter wollen wohl allein sein.
Ein weiterer Höhepunkt ist der Anblick von mehr als 500 Karibus, die sich am Ufer des Festlandes auf der Wanderschaft zu besseren Weidegründen befinden. Leider sind sie fast einen Kilometer von unserer Insel entfernt, sodass wir keine Chance haben, sie mit dem Boot zu erreichen. Andere haben mehr Jagderfolg. Ein Schauer läuft mir den Rücken herunter, als ich die vierläufigen „Mitjäger“ höre. „Sie haben Beute gemacht“, sagt Ralph. Nur unweit von der Lodge entfernt heulen die Timberwölfe in den kanadischen Himmel. Lodgeinhaber Shawn ist enttäuscht, dass ich nicht zu Schuss gekommen bin. Die häufigen Unwetter der letzten Tage waren auch für den Kanadier von unbekannter Stärke. Ich habe die Erlebnisse aufgesaugt und bedauere kaum, dass ich kein Waidmannsheil hatte. Denn hierdurch wurde der Entschluss nur noch gefestigt: Bald jage ich wieder im „Land der 100.000 Seen“.

 


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Jagen am Nueltin Lake in Manitoba

Buchungen und Vermittlung:
Kanada-Spezialist Reisebüro Höfges in Jüchen-Bedburdyck,
Tel. 0 21 81/4 15 14, E-Mail:reisen@reise buero-hoefges.de,
Flüge: Von Frankfurt über Montreal nach Winnipeg. Danach zum drei Flugstunden entfernten Nueltin Lake
Jagdzeiten: Ende August bis Ende September
Wildarten: Barren Ground Karibus, Elche, Schwarzbären, Timberwölfe
Unterkunft: Die Treeline Lodge verfügt über zwölf Holzhäuser, ausgestattet mit Strom, Wasser, WC und Dusche.
Land und Leute: Mit knapp 650 000 Quadratkilometern ist Manitoba im Nordosten Kanadas fast zwei Mal so groß wie Deutschland, hat jedoch nur zirka 1,1 Millionen Einwohner. Die Temperaturen liegen im September zwischen acht und 18 Grad.
Weitere Infos über die Jagd erhalten Sie direkt beim Inhaber der Treeline Lodge: Shawn Gurke, Nueltin Fly-In Lodges, Box 500, Alonsa, MB, Canada, ROH OAO, Tel. +1/2 04/7 67/23 30,
Allgemeine Informationen über Manitoba: Travel Manitoba, Maria Weigold, Tel. 0 61 02/20 24 98,

 

 

 

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