Kleine Schweizer

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RASSEPORTRÄT NIEDERLAUFHUNDE
Ursprünglich sollten die Schweizer Niederlaufhunde ihre hochläufigen Vorgänger ablösen, um Schalenwild zu schonen. Heute werden die kleinen Brackenvertreter zunehmend auf Schwarz-, Reh- oder Rotwild eingesetzt. Wie es dazu kam, beschreibt Ilka Becker.

Schnell bewegt sich die feuchte Nase auf dem trockenen Laub hin und her. Quadratzentimeter für Quadratzentimeter untersucht der kleine Hund die frische Bodenverwundung. Plötzlich scheint er sich eingependelt zu haben. Die Nase sucht nun zielstrebig in eine Richtung und scheint den ganzen Hund förmlich hinter sich her zu ziehen. Die Läufe bewegen sich schneller und plötzlich setzt auch der Fährtenlaut der
niederläufigen Bracke ein. Wenige Zeit später ist sie am Horizont verschwunden. Kurz darauf flüchtet Rehwild aus einer Dickung. Dahinter der kleine lautjagende Hund. Das Rehwild gab auch den Anlass, den Schweizer Niederlaufhund zu züchten. Ursprünglich waren in der Schweiz hochläufige Laufhunde mit einem Stockmaß von 60 bis 65 Zentimetern weit verbreitet. Ihr Haupteinsatzgebiet beschränkte sich auf das Brackieren
von Hasen oder Füchsen. Als um 1900 in einigen Schweizer Kantonen die Patentjagd
auf die Revierjagd umgestellt wurde, wanderte gleichzeitig das Rehwild immer häufiger aus dem Baden-Württembergischen in die Schweiz ein. Die Schweizer Jäger wollten das Rehwild erhalten, und so wurde nach und nach in einigen Kantonen die Laute Jagd mit großen Laufhunden per Erlass verboten. Man war der Auffassung, dass hochläufige Bracken zu weit über die Reviergrenzen hinaus jagen und vor allem für Rehwild eine Gefahr darstellen. So wurde nach langen Streitigkeiten ein Höchstmaß von 38 Zentimetern Stockmaß festgelegt. Zahlreiche reinrassige Schweizer Laufhunde wurden dadurch augenblicklich arbeitslos. Was nicht zur Zierde blieb, wurde verkauft oder leider auch sehr oft getötet. Der Schweizer Kynolge und Jäger, J. Seiler, kaufte sogar 38 große Laufhunde
aus der gesamten Nachbarschaft auf und sendete sie für die Raubwildjagd nach Afrika
(RÄBER, 1971), um das Rehwild in seinem Revier zu retten. In ihrem Heimatland wurden die Schweizer Laufhunde immer seltener. Außerhalb des Landes waren sie kaum noch
anzutreffen. Es hätte nicht viel gefehlt und sie wären tatsächlich ausgestorben. So wurden vor über 70 Jahren gerade mal noch fünf Tiere ins Schweizer Zuchtbuch eingetragen. Aber zum Glück hat sich inzwischen das Bild gewandelt, und der Schweizer Laufhund erfreut sich auch im Ausland großer Beliebtheit. In Italien wird er häufig als Meutehund zur Schwarzwildjagd und in Skandinavien als Solojäger eingesetzt. Übrigens soll es dort inzwischen mehr Schweizer Laufhunde geben als in der Schweiz selbst!

Von den alten Schweizer Laufhundschlägen, die sich heutzutage nur noch in der Farbe unterscheiden, gibt es heute nur noch vier. Der Thurgauer und der Aargauer Laufhund waren Anfang des 20. Jahrhunderts bereits verschwunden. Um dennoch den Schweizer Laufhund mit seiner Jagdpassion, dem wunderbaren Laut, den edlen Köpfen mit tief angesetzten und gefalteten Behängen in den typischen Schweizer Farben zu erhalten, entschlossen sich einige Schweizer Kynologen und Züchter, eine kleinere Variante der großen Schweizer Laufhunde zu züchten. Dazu wurden die kleinsten Laufhunde mit Dachsbracken und französischen Bassets gekreuzt. Doch auch dabei kam es immer wieder zu Unstimmigkeiten. Der bedeutendste Kritiker war der österreichische Hauptmann und Kynologe F. B. Laska. Er riet davon ab, den Laufhund mit Dachshunden zu kreuzen. Seiner Ansicht nach war ein Hund unter 36 Zentimetern Stockmaß in den Alpen wertlos. Zudem vertrat er die Ansicht, dass die teckeltypischen Merkmale, wie spitzer Kopf, krumme Läufe und dunkle Farbe nur schwer wieder herauszuzüchten seien. Laska favorisierte daher die Einkreuzung französischer Bassets. Die Verpaarung mit Teckeln schlug tatsächlich fehl. Entweder waren die Nachkommen optisch fast reine Dackel oder glichen nach wie vor dem hochläufigen Laufhund-Typ.

Durch Auslesezucht gelang es über viele Generationen, den heutigen Schweizer Niederlaufhund mit eingekreuzten Dachsbracken und französischen Bassets nach seinem größeren Vorbild zu züchten. Leider lässt sich heute nicht mehr genau sagen, zu welchen Anteilen diese beiden Rassen Einzug in die Linie der Schweizer Niederlaufhunde gehalten haben. 1905 wurde der Schweizer Niederlaufhundeklub (SNLC) gegründet.

Es entstand somit eine neue Hunderasse, die alle hervorragenden jagdlichen Eigenschaften der alten Schweizer Laufhunde besitzt und an die neuen veränderten Verhältnisse bestens angepasst ist. So können sie als fährtenlaute Stöberhunde in jedem Gelände eingesetzt werden. Vom Drückjagdstand geschnallt, suchen sie eifrig das Gelände ab. Sobald sie gefunden haben, ist ihr kräftiger, tiefer Laut anhaltend zu hören. Mancher Hundeführer kann sogar am Laut erkennen, welche Wildart sein Hund gerade bejagt. Die Niederlaufhunde jagen mit viel Passion und Ausdauer, wobei sie dank guter Führerbindung nach der Jagd immer zu ihrem Herrn zurückkehren. Mit dem Horn lassen sie sich vortrefflich jederzeit rufen. Ihre gute Nase macht sie außerdem zu sehr tauglichen Nachsuchenhunden. Die entsprechende Wildschärfe lässt sie auch am wehrhaften Schwarzwild nicht verzagen. Ursprünglich wurden die Vorfahren der Niederlaufhunde in Meuten gehalten. Auch heute noch schlägt sich dies in ihrer Sozialverträglichkeit nieder. Schweizer Niederlaufhunde brauchen den engen Kontakt zu ihrem Führer und der ganzen Familie. Sie sind weder ängstlich noch aggressiv. Menschen gegenüber treten sie meist freundlich auf und gelten als besonders kinderlieb, weshalb sie angenehm im Haus zu
halten sind.
Die Schweizer Niederlaufhunde sind heute leider noch seltener als ihre hochläufigen
Vettern. Laut dem Standard Nr. 60 des Welthundeverbandes FCI (Fédération Cynologique Internationale) gibt es vier Farbschläge der Schweizer Niederlaufhunde:
1. Berner Niederlaufhund: tricolor. Weiße Grundfarbe mit schwarzen Platten und roten Abzeichen. Brand über den Augen, an den Wangen, auf der Innenseite und am oberen Behang sowie rund um das Waidloch.
2. Jura Niederlaufhund: schwarz mit Brand (rot), sowohl glatt- als auch stockhaarig. Tiefes schwarz mit lohfarbenem Brand über den Augen, an Wangen, der Brust und den Läufen. Ein nicht zu großer, weißer Brustfleck wird toleriert.
3. Schwyzer Niederlaufhund: weiße Grundfarbe mit orangefarbenen Platten. Vereinzelte rote oder orange Punkte sind kein Fehler. Allerdings ist schwarze Färbung an Behang, Rute oder in den Platten unerwünscht.
4. Luzerner Niederlaufhund: blau, stark gesprenkelt mit weißen und schwarzen Tupfen, mit schwarzen Platten und roten Abzeichen.

Lediglich beim Berner Niederlaufhund hat sich bis heute eine rauhaarige Variante erhalten, die eine Einkreuzung von Dachshunden vermuten lässt. Noch immer wird der Schweizer Niederlaufhund in seiner Heimat vorrangig als Jagdhund gehalten. Bis heute ist der
Schweizer Niederlaufhund sehr selten und es wäre wünschenswert, dass ihn mehr Jäger für sich entdecken. In Zeiten, in denen Schalenwild vermehrt auf Bewegungsjagden bejagt wird, eignet sich dieser kleine Brackenschlag hervorragend zum Stöbern. Inzwischen haben es die ersten Berner und Schwyzer Niederlaufhunde sogar nach Norddeutschland geschafft, wo sie in Brandenburg jagdlich geführt werden. Züchterisch werden sie in Deutschland vom Verein für französische Laufhunde e. V.mitbetreut und sind somit zu allen Prüfungen des Jagdgebrauchshundverbandes (JGHV) zugelassen. 2010 hat die erste Berner Niederlaufhündin „Alfa von der Elbisfluh“ in der Uckermark die Verbandsschweißprüfung mit
20 und mit 40 Stunden Stehzeit erfolgreich abgelegt. Auf der 40 Stunden alten
Fährte wurde sie sogar mit einem I. Preis Suchensieger. Und das, obwohl sie bis dahin in erster Linie zum Stöbern bei zahlreichen Drückjagden eingesetzt wurde.

Die Schweizer Niederlaufhunde gehören zum Schweizer Kulturgut und zählen zu den bedrohten Haustierrassen der Schweiz. Die Farben der Vierläufer haben ihren traditionellen Wert und sollten daher unbedingt erhalten werden. Doch bei der relativ schmalen Zuchtbasis der einzelnen Farbschläge – so fielen zum Beispiel 2009 und 2010 in der  Schweiz nur sechs Berner Niederlaufhundewelpen aus je zwei Würfen (zu wenig für die
Erhaltung eines Farbschlages) – wird die gezielte Einkreuzung anderer Rassen unumgänglich sein. Der Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH) meldet in seiner Welpenstatistik für 2010 lediglich sieben Berner Welpen. Der SNLC entschied sich dazu, ab 2011 reinrassige Niederlaufhunde der jeweiligen Farbvarietäten zu kreuzen. Dieser Aufgabe stellte sich auch ein Zwinger aus der Uckermark. Dort wurden ein Berner und ein Schwyzer Niederlaufhund verpaart. Herausgekommen sind dabei sieben Welpen vom Schwyzer Typus.

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