Schweden-Böcke: Schach im Stoppelfeld

1941


trophäe

 


Der König, ein braver Bock, hatte sich auf dem flachen Stoppelfeld in der Abendsonne niedergetan. Er schien schachmatt. Da agierte seine Dame, und die Partie wirkte verloren.

Text, Fotos: Michael Sand, Übersetzung: Angela Stutz

Mitten in einem Stoppelfeld am Fuße eines Hochspannungsmastes hatte er seinen Platz in der abendlichen Sonne gefunden. Von dort überblickte er die großen Erntefelder ringsum. Es schien unmöglich, an den Alten heranzukommen. Hier und da lagen auf dem Acker große Strohballen.
Die Strategie war klar: „Wir können von Ballen zu Ballen an ihn heranpirschen“, schlug Jagdführer Malte vor und deutete die mögliche Route über das Feld an. Die Männer standen am Waldrand. Bockjäger Steffen kletterte auf das Auto. Von dort oben hatte er eine bessere Sicht über das vor ihnen liegende Feld, welches wegen der Strohballen wie ein großes Schachbrett mit einer Reihe an Figuren in Form von Rehen aussah, die es „richtig zu spielen galt“. Der „Spielplan“ nahm Gestalt an.

 

 


sichtung
Die Inaugenscheinnahme des „Spielbrettes“

 

 


Spieleröffnung

Die Sonne stand tief über dem Feld. Der alte Sechser ruhte. Dort hatte er alles, was er brauchte. Auf dem abgeernteten Acker wuchs schon viel Grün, und Kornreste waren auch noch reichlich vorhanden. Die Blattzeit klang gerade aus, und die Wahrscheinlichkeit des Jagderfolges auf reife Böcke war gering. Nur junge, aufstrebende Jährlingsböcke zogen noch umher, auf der Suche nach einer paarungswilligen und unbeschlagenen Geiß. Die Älteren hatten bereits aufgegeben. Sie erholten sich nun von den Strapazen und vermieden es, mehr Energie als unbedingt notwendig zu verbrauchen. Ein ruhiges Plätzchen mit einfachem Zugang zu Äsung schien also ein idealer Ort für den abgebrunfteten Recken. Alles deutete darauf hin, dass er auf den Stoppeln am Fuße des Hochspannungsmastes diesen Ort gefunden hatte. Die Eröffnung des Spiels war einfach. Außerhalb des Blickfeldes des Bockes konnten die Jäger die ersten Züge machen, indem sie hinter den ersten Strohballen entlang pirschten, um den König „Schach“ zu setzen.

 


schachfigur
Eine gänzlich neue Schachfigur: der „Kriecher“

Rückzug

„Perfekt“, flüsterte Steffen, der sich hinter dem großen Ballen duckte. Ein wichtiger Sektor im Spielfeld war erobert. Dort hatte er die Möglichkeit, ungesehen zu den nächsten Strohballen linker Hand zu pirschen. Plötzlich sprang jedoch ein Reh heraus, nahe der Stelle, von der aus die Jäger gestartet waren. Die waidmännischen „Läufer“ verhofften. Doch die Entfernung war zu groß, als dass das Spiel unerwartet abgebrochen worden wäre. „Lass uns weiter“, sagte Steffen und machte sich bereit, weiter Richtung „König“ zu kriechen. Plötzlich warf der Bock auf. Das war nicht Teil des Plans. Er hatte etwas vernommen, und nun äugte er direkt zu den Jägern herab. „Wir müssen wieder zurück“, flüsterte Malte und robbte bedächtig auf den vorherigen Sichtschutz aus Stroh zu. Dort warteten sie auf den nächsten Zug des Sechsers.

 


Der Springer

Der Bock beruhigte sich und legte sein Haupt wieder zwischen die Stoppeln. Nun waren die Waidleute an der Reihe, zogen sich schnell wieder zu einem vorherigen Ballen zurück. Von dort ging es über Umwege zu einem weiteren auf dem Stoppelacker, der unmittelbar vor dem Bock lag. Alles schien nach Plan zu laufen. Zug um Zug kamen sie an den vorgewarnten Bock. Sie eroberten die vorletzte „Strohbastion“. Noch einen weiter, und die Schussentfernung wäre ausreichend. Bei der letzten Deckungsmöglichkeit sahen sie sich in einer idealen Schussposition. Da mischte sich ein junger Bock ins Spiel. Er fesselte die Jäger regungslos an den Strohballen. Solange dieser junge „Springer“ im Spiel blieb, war es zu riskant, sich auch nur im Geringsten zu bewegen. Die Gefahr, dass der Jährling abspringen und den Alten mitziehen würde, war zu groß.

 


Eine verlorene Partie

Die Zeit wurde knapp. In wenigen Minuten würde die Sonne hinter dem Horizont verschwinden. Das Büchsenlicht forderte eine Entscheidung. „Lass uns weiter“, flüsterte Malte, als der Jährling endlich vorbei zog. Falls sie diesen jetzt störten, würde er wahrscheinlich gen Wald abspringen und somit nicht den alten Bock am Fuße des Mastes aufschrecken. Die Strategie ging auf – zumindest teilweise: Der Jährling sprang in Richtung Wald ab, als die Jäger sich langsam rührten, und erreichte den Wald, ohne dass der ältere Bock davon Notiz nahm. Er äugte nachsichtig dem Jüngling hinterher. Der Zug schien geglückt – fast. Denn jetzt kam die Dame ins Spiel: Eine Geiß trat plötzlich auf das Stoppelfeld. „Wo kommt die denn her“, zischten die Jäger im Chor. Die Geiß sicherte kurz und machte sich dann in großen Sprüngen auf den Weg zu einer kleinen Dickung an der Außenkante des großen Stoppelfeldes. Natürlich kam es dann, wie nicht anders erwartet. Der alte Bock folgte der Geiß. Das Spiel war für die Jäger scheinbar vorbei.

 


abschuss1
Nach kurzer Todesflucht gab der geheimnisvolle Bock seine Trophäe nicht gleich preis.

Unerwartete Chance

Nur ein einziger unerwarteter Zug in der Schachpartie auf dem Stoppelfeld und alle Planung und Erfahrung waren umsonst. Diese Theorie wurde bestätigt, als die Waidmänner gen Auto zogen. Plötzlich entdeckten sie einen anderen Bock, der auf den Stoppeln ruhte. Ein Blick durchs Fernglas zeigte, dass dieser extrem abnorm war. „Ich hatte ihn schon einmal kurz in Anblick“, meinte Malte. „Zu Jagdbeginn war er allerdings wie vom Erdboden verschluckt. Lass uns ihn erlegen.“ Der Bock mit dem wunderlichen Gehörn war als nächster „König“ auserkoren. Diesmal gab es keine anderen Figuren, die sich ins Spiel bringen konnten. Nur diesen Bock und die Jäger. Leider gab es auch keine Strohballen, hinter denen sie sich beim Angehen in Deckung halten konnten.

 


Frontalangriff

Die neue Strategie der Bockjäger war so einfach wie riskant. Steffen drückte sich flach auf den Boden und setzte alles auf den einen Zug. Es zeigte sich, dass bei jedem Spiel auch das Glück eine entscheidende Rolle spielt. Erstens äugte der „zweite König“ konstant in die entgegengesetzte Richtung. Zweitens schien er nach den letzten Wochen der Brunft müde und erschöpft zu sein. Beides zusammen war entscheidend. Tatsächlich war Steffen plötzlich in Schussposition. Er raffte loses Stroh als feste Gewehrunterlage zusammen. Der Gehörnte saß immer noch und starrte ins Leere – wie in Gedanken versunken. „Böhh!“ – Der Bock reagierte nicht. Nochmal: „Böhh!“ Im nächsten Moment war der Abnorme auf den Läufen, obwohl er keine eindeutige Gefahr wahrgenommen hatte. Er stand leicht spitz zum Schützen. Steffen brauchte nur Augenblicke, um sein Ziel anzuvisieren und das Geschoss loszuwerden.

 


Der überglückliche Erleger mit seinem abnormen Recken
Der überglückliche Erleger mit seinem abnormen Recken

 

 


Absolut einzigartig

Der Bock preschte los, drehte und verschwand in einer kleinen Buschgruppe mitten in der Feldflur, fast hundert Meter weiter. Alles sah vielversprechend aus. Malte hatte deutlich gesehen, wie das Projektil den Abnormen genau auf dem Blatt traf. Außerdem meinte er mitbekommen zu haben, dass der Bock in dem Augenblick, als er die Deckung erreicht hatte, verendete. Keiner der Jäger konnte die extrem abnorme Trophäe genau beschreiben, daher blieb der Weg zum gefällten „König“ spannend. Er lag im sumpfigen Gelände. Als wollte er seine Krone nicht preisgeben, ruhte das Haupt im Wasser. Das Gehörn war verdeckt. Erst als er auf den trockenen Stoppeln lag, wurde den Jägern wirklich bewusst, welch ein ungewöhnliches Stück Steffen da erlegt hatte. „Die Trophäe wird mit Sicherheit fast 500 Gramm wiegen. Was für ein abnormer Gigant“, erklärte Malte begeistert. Sie hatten einen wahren „König“ mit einer vielzackigen Krone schachmatt gesetzt.

 


Eine 500 Gramm-Krone mit absolutem Seltenheitswert
Eine 500 Gramm-Krone mit absolutem Seltenheitswert

 

 

 

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