Skandinavische Blattjagd

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Alljährlich treffen sich drei norwegische Freunde zum Musizieren. Sie beherrschen ihre Instrumente und die Symphonie der Blattzeit. Michael Sand

Am Rande einer Wiese duckt sich Tjarve im dichten Unterholz. Es ist 5.30 Uhr. Die Sonne erscheint gerade über den Baumspitzen und wirft die ersten Strahlen auf die leicht feuchte Wiese. Dunst steigt auf und Mückenschwärme vollbringen ihre Formationstänze. Der Blick zum Himmel verspricht einen heißen Tag.
Nach einer anstrengenden Pirsch durch einen der endlos wirkenden Wälder Norwegens hat er seinen Stand erreicht. In einer halbhohen Hecke auf einem Sitzstock kauernd, den Blick auf die sich vor ihm ausbreitende Wiese gerichtet, wartet er. Bereits auf dem Weg dorthin bestätigten ihm die Pirschzeichen, dass heute seine Erwartungen erfüllt werden könnten. Neben den Fährten, der Losung und den Plätzstellen hat er Fegestellen ausgemacht, die seine Hoffnung befeuern.
Jedes Jahr zieht es die drei Freunde Tjarve, Per und Ulf in das rehwildreiche Revier – eine Tradition, mit der keiner von ihnen brechen würde. Es ist die Gelegenheit, sich fernab vom Alltagsstress eine Auszeit zu gönnen. Diese Tage im August gehören ihnen. Sie sind gefüllt mit gemeinsamem Jagen, allerlei Fachsimpelei über die richtigen Blattjagdinstrumente und dem Sammeln von Pfifferlingen. Denn traditionsgemäß findet der erfolgreiche Jagdtag seinen Ausklang bei Rehleber mit „Reherln“.
Früher war es auch hier in Norwegen Usus, die Böcke ab dem 16. August zu bejagen, genau wie im benachbarten Schweden. Heute darf bereits sechs Tage vorher Jagd auf den roten Hochzeiter gemacht werden.

In Gedanken versunken bemerkt Tjarve fast nicht die Ricke, die sich lautlos aus dem Dickicht gelöst hat und auf die Wiese zieht. Nach anfänglichem Sichern und Scheinäsen kommt Ruhe in das Stück. Drei starke Kitze ziehen ihr nach. Der Jäger ist verwundert. Er hat gehört das dies möglich ist, gesehen hat er bisher jedoch nur Ricken mit zwei Jungtieren. Der rehwilderfahrene Norweger genießt den Anblick. Völlig vertraut spaziert das Quartett durch die Wiese. Tjarve entscheidet, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, einen Bock anzulocken. Leise kramt er seinen Locker hervor. Das Gerät ist an den Lippen. Bevor er jedoch den ersten Ton von sich gegeben hat, nimmt er eine Bewegung im Augenwinkel wahr. Der Rehwildmusikant hat sein Instrument noch an den Lippen, als er ihn sieht. Ein reifer Bock, fährt es ihm durch den Kopf. Ihm stockt der Atem. Alt ist er. Das ist dem Jäger sofort klar. Die Rosen scheinen in dem grauen Haupt verschwinden zu wollen.
Jetzt nur keinen Fehler machen. Der Alte hat aber keinen Blick für seine Umgebung. Ohne zu sichern stürmt er regelrecht auf die Fläche. Er beginnt sofort, die Drillingsmutter zu treiben. Nach kurzem Kreisen folgt der Beschlag. Der alte Jäger ist ruhig geblieben. Er hat alles durch sein Zielfernglas beobachtet. Als der Bock sich von der Ricke zurückzieht, steht der Stachel sauber auf dem Blatt. Der helle Knall seiner 6,5 x 55 lässt kurz die Vögel verstummen. Der reife Recke sinkt in das schon sommerbraune Gras. Tjarve steht am Bock. Seine rauen Hände gleiten über das massiv geperlte Gehörn des Bockes. Er tastet in den Äser. Unten ist er fast blank. Mindestens acht, sagt er zu sich. Weiter entfernt hört er einen Knall.

Per hatte sich am Morgen für eine Lichtung am Wald entschieden. Allerdings tat sich nichts. Er fingert seinen Buttolo-Blatter aus dem Rucksack und entlockt der liebestollen Schildkröte, wie er den Ball getauft hat, erste Musik. Er ist sich sicher, diese Ecke muss etwas zu bieten haben. Lange verharrt er so, sendet immer wieder zärtliche Fieper in den dunklen Forst. Mücken surren an sein Ohr. Die Vögel scheinen die Hochsommerhitze herrausschreien zu wollen. Die Zeit vergeht, und fasst ertappt er sich dabei, an eine Kiefer gelehnt einzudösen, als etwas Rotes auf die Waldbühne springt. Ein starker Sechser sucht Anschluss. Stark im Wildbret und mit einem Träger, um den ihn jeder Preisboxer beneiden würde. Er kommt auf Per zu, der bereits seine Waffe in Anschlag gebracht hat. „Dreh dich,
mach schon…“, befiehlt er im Geiste dem starken Erntebock. Der tut ihm jedoch den
Gefallen nicht. Immer näher zieht er auf ihn zu. Der junge Norweger hat sich bereits mit dem Gedanken angefreundet, auf den Stich zu schießen, da bricht weit rechts von ihm ein Schuss. Nicht nur Per hat ihn vernommen. Auch den Bock reißt es für einen Moment aus seinem liebestollen Streben. Er verhofft, äugt nach links und dreht sich. Kaum steht er breit, ist die Kugel aus dem Lauf. Der Starke bricht im Knall zusammen.

Fast zeitgleich treffen Per und Tjarve an der Hütte ein. Die Freude über das Waidmannsheil
ist groß. Sie fallen sich in die Arme. „Jetzt müssen wir nur noch wissen, wo Ulf abgeblieben ist“, sagt Per. „Hast Du noch einen Schuss gehört?“, schiebt er nach. Tjarve verneint. Gespannt warten sie auf den Freund. Ulf erscheint eine halbe Stunde später, auf dem Rücken ebenfalls einen braven Sechser, der sogar noch eine Spur stärker ist als der von Per. An seinem Rucksack baumelt zudem eine Tüte voller Pilze. „Ich habe mir gedacht, eine Leber haben wir auf jeden Fall, da kann ich schon mal Pfifferlinge sammeln!“ Die Freunde betrachten lange ihre Beute. Sie sind sich einig, sie haben einen Ausnahmetag erlebt. Pers Bock hat mindestens Bronze, Ulfs Silber und das Alter von Tjarves ist erstaunlich. „Schon wieder eine neue Tradition“, grinst Per. „Jetzt haben wir eine richtige Bockolympiade, die
wir jährlich ausrufen können. Mit Bronze, Silber und Alt!“

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