Damenwahl Fakten zur Brunft

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Wie man den roten Bock mit dem Blatter betört, wissen die meisten Jäger. Was sich aber während der Brunft wirklich abspielt, darüber gehen die Meinungen auseinander. Eindeutig sind jedoch die Ergebnisse der Rehwildmarkierung. Wolfram Osgyan

„Bring mir ja nicht den ‚Stahlerer“‘, schärft mir mein Bruder Holger ein. „Der hat heute am Stahlberg getrieben.“ „Keine Sorge, ich setz‘ mich sowieso unten bei der ‚Madelsgrimm‘
an, das ist Luftlinie mindestens einen Kilometer weg, Waidmannsheil!“, verabschiede ich mich. Unten im Zottbachtal hatte ich mehrfach im letzten Licht einen Sechser entdeckt, und den möchte ich strecken. Als ich an diesem 4. August in Richtung Hochsitz pirsche, treibt vor mir der Bock eine Geiß aus dem Hochwald in die Wiese, und bevor ich noch eine passende Anstreichmöglichkeit finde, verschwindet das Pärchen wieder. Weder Warten noch Blattenbringen den Galan ein zweites Mal vor die Büchse. Im Morgengrauen versuche ich mein Glück erneut, und diesmal klappt es. Die Freude über den Erfolg steigt noch beim Blick auf das Gehörn. Eindeutig besser als am Vortag angesprochen. Als ich zu Hause angekommen den Kofferraumdeckel lüfte, ändert sich die Gesichtsfarbe meines Bruders von einem Sekundenbruchteil zum anderen. „Du hast den ‚Stahlerer‘ geschossen!“,
faucht er mich an. Meinen Beteuerungen schenkt er keinen Glauben, und erst, als ich ihm den Anschuss zeige, kratzt auch er sich am Kopf. Wie war das möglich, abends oben auf dem Berg und morgens so weit weg im Tal, dazu noch im Territorium eines anderen? Dennoch: mea culpa! Ich hätte mir den Bock vor dem Schuss noch mal anschauen
müssen, aber wer rechnet angesichts der Umstände schon mit einem derartigen Malheur.
Hatte also der alte Jagdaufseher am Stammtisch doch nicht geflunkert, als er dereinst in seinem Beritt in der Brunft einen unbekannten Bock gestreckt haben wollte, der seinen Einstand drei Kilometer entfernt in der Lieblingsecke des Jagdherrn hatte und von diesem ins Visier genommen werden sollte? Betören Pheromone ansonsten standorttreue Böcke derart, dass sie in der Brunft gar zu unberechenbaren Wanderburschen werden? Inhaber von scharf bejagten Revieren hoffen das jedenfalls, ernten im Mai und suchen im Hochsommer die Wiederholung mit Buchenblatt und Büchse. „Wenn du genug Weiber hast, kommen die Männer von selbst“, lautet deren Credo. Und: „Wenn im Frühjahr alle Geißen Kitze setzen, müssen sie ja auch beschlagen worden sein.“ Beeinflussen demnach brunftige Geißen das Territorialverhalten der Böcke? Auf den ersten Blick scheint es wohl so zu sein.

Einer, der es wissen musste, war Franz Rieger. In seinem Genossenschaftsrevier am Ortsrand von Ellwangen/Jagst hatte er einen Rehwildbestand aufgebaut, der deutschlandweit seinesgleichen suchte: hohe Wilddichte und dennoch kapitale Böcke. Alle Territorien waren unmittelbar vor der Brunft von zwei- bis sechsjährigen Trophäenträgern besetzt, und mehr als die Hälfte aller Rehe trug eine Lauschermarke. Aufgrund sehr geringen Jagddrucks, zahlreicher Wildäcker und regelmäßiger Fütterung von September bis April war das Rehwild äußerst vertraut, konnte zu allen Tageszeiten beobachtet werden und wahrte zum Auto des Beständers eine erstaunlich geringe Fluchtdistanz. Kein Wunder, dass dieses auf den ersten Blick unscheinbare, kleinparzellierte, jedoch überschaubare Feld-Wald-Wiesenrevier zum Mekka der Rehwildenthusiasten über die Grenzen von Baden-Württemberg hinaus avancierte und namhafte Rehwildforscher anzog. Zusammen mit Gästen aus dieser Klientel verfolgte Rieger im Zeitraum vom 1. Juli 1985 bis zum 8. September das Brunftgeschehen bei durchschnittlich fünf Revierfahrten pro Tag mit Kamera und Notizblock. Dabei registrierte und verbuchte er insgesamt 1 421 Einzelbeobachtungen von Rehen. Bei jedem Stück wurde die Identität festgestellt. Ferner wurden die Koordinaten des Sichtungsortes im Planquadrat festgehalten, desgleichen Vergesellschaftung und Äsung. Diese Daten wertete dann der Computer aus. Parallel dazu lief in einem zweiten Revier mit markiertem Rehwild, jedoch geringerer Wilddichte, dasselbe Programm. Dort wurden 270 Beobachtungen festgehalten.

Am 8. und 9. Juli eröffnete der zweijährige „Bühlsechser“ mit der am linken Lauscher rot markierten vierjährigen „Ruhrgeiß“ das Brunftgeschehen. Sie hatte ihr Einzelkitz dabei und befand sich etwa 300 Meter von ihrem Streifgebiet entfernt im Territorium des Bockes.
Vom 10. bis 14. Juli trieb der blau markierte zweijährige „Erle-Salchensechser“ die unmarkierte Geiß vom Waldholz in Begleitung ihres Kitzes, während der dreijährige „Erlen-Zapfenbock“ mit der „Maile-Geiß“ brunftete. Nicht dabei waren jedoch ihre beiden bekannten Kitze. Ebenfalls am 12. Juli trieb der zweijährige „Linsenbock“ in seinem Territorium, der „Linsenwiese“, die vierjährige „Linsengeiß“.
Der zweijährige „Hangwegbock“ wurde am 14. Juli erstmals treibend gesichtet und zwar die weiß markierte, nicht mehr führende, siebenjährige „Hangweggeiß“, während sich der rechtsrote fünfjährige „Erlebock“ zum ersten Mal am 22. Juli im „Stützenbach“ am Brunftbetrieb beteiligte. Und zwar mit der vierjährigen „Bienengeiß“. Schon eine Woche zuvor hatte er sein Territorium im „Erle“ verlassen und äste wiederholt am „Bühlhölzle“, dem Habitat der Geiß. Einen Tag später zogen beide ihre Kreise im „Erle“, dem Territorium des Bockes. Dort verweilte sie auch in den beiden nächsten Tagen, während sich die zwei markierten Kitze der „Bienengeiß“ tagsüber einige hundert Meter abseits ohne Führung in der großen „Scheuerwiese“ aufhielten.

In der ersten Phase spielte sich demnach die Brunft in den Territorien der Böcke ab. Beteiligt waren nur territoriale Böcke und führende Geißen, beziehungsweise solche, die schon einmal geführt hatten. Demnach werden nicht die Schmalrehe – wie so oft zu lesen – zuerst brunftig, sondern ausschließlich ältere Geißen.
Dazu noch zwei interessante Detailbeobachtungen: Am 24. Juli trieb im „Langen Wiesengraben“ der „Uhlbock“ intensiv eine Geiß. Ganz in der Nähe ästen seine sonstigen Begleiterinnen, zwei Schmalrehe. Als eine davon dem Brunftgeschehen zu nahe kam, machte der Bock einen Ausfall und jagte das Schmalreh etwa 30 Gänge weg. Daraufhin kehrte er sofort zur beschlagwilligen Geiß zurück und setzte den Reigen fort.
Am nächsten Tag trieb der Bock die Geiß den Hang hinab, gefolgt von „seinen“ Schmalrehen sowie zwei markierten Kitzen. Deren Symbolmarken erlaubten jetzt eine Identifizierung der Geiß. Es handelte sich um die von der „Kurzwiese“, dreihundert Meter vom Brunftplatz entfernt. Am Abend brunfteten die Altrehe wieder, doch diesmal ohne Gefolge.

Zwischen dem 19. und 21. Juli trieb der bereits erwähnte „Erle-Salchensechser“ in den „Schleifwiesen“ die „Erlegeiß“ im Beisein ihrer beiden Kitze. Am 25. Juli fegte und plätzte der Bock intensiv am Waldrand – ein Zeichen, dass die vorübergehende Bindung ein Ende gefunden hatte Auch beim „Erlebock“ ließ sich am 30. Juli ein Partnerinnenwechsel in Form einer nicht markierten Geiß konstatieren. Und wieder vollzog sich das Treiben im Territorium des Bockes.

Auffallend bei allen Beobachtungen war die zeitlich begrenzte, jedoch feste Bindung des Bockes an eine Geiß und der Umstand, dass kein Bock in der Brunft ´85 mehr als drei Geißen für sich vereinnahmte und belegte. Das hängt sicherlich mit der hohen Anzahl ausschließlich mehrjähriger Territorialböcke zusammen. Während der Hauptbrunft – sie endete am Abend des 10. August – kam nämlich kein Jährling zum Zuge.
Nur zweimal verließ ein Bock sein Territorium. Das war beim „Erlebock“ der Fall, als er die „Bienengeiß“ in seinen Einstand holte und beim dreijährigen „Klosterbock“, der am 7. August völlig abgebrunftet weit von seinem sonstigen Einstand am „Salchengraben“ ruhend die Annäherung des Autos duldete.
Das erste beobachtete brunftige Schmalreh im Revier war eine der beiden Begleiterinnen des „Uhlbockes“. Es wurde ab dem 30. Juli (23. Tag der Brunft) von diesem getrieben und beschlagen. Im Übrigen gab es keinen Fall, in dem eine brunftige Geiß ihren Partner wechselte.
Die Brunftintensität variierte im Beobachtungszeitraum stark. Nach hellen Mondnächten und bei Kälteeinbrüchen ließen sich kaum Aktivitäten registrieren. An sehr heißen Tagen wiederum verlagerte sich das Geschehen in die kühlen Morgen- und die weniger heißen Abendstunden. Zu diesen Tageszeiten sprangen die Böcke auch am besten auf das Blatt, im kühleren Wald auch gegen Mittag.
Die Auswertungen der Daten ergaben:
• Die meisten Brunftaktivitäten von Böcken fanden zwischen dem 26. Juli und 14. August statt. Ein Nachgipfel mit deutlich weniger Beobachtungen wurde zwischen dem 20. August und 29. August registriert.
• Die Hauptbrunft mit „Suchen und Treiben“ lag zwischen dem 20. und 30. Juli. Mit dem Rückgang der brunftigen Geißen nahm auch der Anteil der suchenden Böcke zu.
• Am besten sprangen die Böcke zwischen dem 3. und 7. August aufs Blatt. Am 3. und 4. August waren es vornehmlich die alten und starken, am 6. und 7. August wiederum die jüngeren sowie schwächeren Gehörnträger.
• Während die Brunft bei drei- und mehrjährigen Böcken am 14. August beendet war, fand ein erheblicher Teil der Brunft von zweijährigen Böcken zwischen dem 14. August und dem 9. September statt.
• Nahezu alle führenden Geißen wurden vor dem 20. August beschlagen, während bei mehr als der Hälfte der Schmalrehe der Beschlag nach dem 25. August stattfand.
• Die späte Brunft der Schmalrehe führte dazu, dass beinahe 70 Prozent der erstmals brunftenden Geißen auch von erstmals brunftenden Böcken beschlagen wurden.
• Ältere Böcke müssen kaum suchen und gelangen immer zum Beschlag. Jährlinge suchen ständig und kommen nur dann erfolgreich zum Zuge, wenn die Konkurrenz älterer Böcke fehlt, insbesondere, wenn die anderen Böcke nicht älter als zwei Jahre sind. (Mehr zu diesem Thema in meinem Buch „Rehwildreport“, JANA Jagd- und Natur GmbH, Melsungen).
• In der Brunft vergrößert sich der Aktionsradius der Böcke erheblich. Dabei beanspruchen die erfolgreichsten Böcke, die „älteren“, auch den kleinsten Raum. Sie unterdrücken ferner den Brunfterfolg der jüngeren.

In Revieren mit hoher Wilddichte herrscht immer ein mehr oder minder ausgeprägter Überhang an weiblichem Wild vor. Das erklärt sich alleine schon mit dem Sozialverhalten der Geschlechter. Ausgewachsene Böcke leben vom März bis zum August streng territorial und behaupten in aller Regel ihr erstmalig erworbenes Terrain auch über die Folgejahre. Demnach sind sie auch sehr standorttreu und ihre maximale Zahl wird vom Vorhandensein potenzieller Territorien limitiert.
Zweijährige Böcke wollen sich ebenfalls etablieren und trachten nach einem Territorium. Finden sie keines in den angestammten Gefilden, suchen sie solange, bis sie irgendwo ein unbesetztes besiedeln können.Im eigenen Revier wiederum dulden Böcke keine Nebenbuhler, allenfalls Jährlinge der eigenen Sippe, solange diese keine eigenen Ansprüche in Form von Markieren (Fegen und Plätzen) geltend machen. Weibliches Wild dagegen darf
die Territorien der Böcke in teilweise hoher Kopfzahl als Streifgebiet nach eigenem
Gusto unbehelligt nutzen. Demnach gibt es kein natürliches Geschlechterverhältnis von 1:1 beim Rehwild. In gut besetzten Revieren nicht und noch weniger in scharf bejagten. Dort erwischt es nämlich zuerst die Böcke, während die Geißen bis September Vollschonung genießen. Auch im mit 15 mehrjährigen, territorialen Böcken maximal ausgelasteten
Rieger-Revier herrschte Geißenüberhang, sodass jeder territoriale Bock mit wenigstens drei von ihnen brunftete. Anderswo kommen zur Brunft auf einen mehrjährigen Bock zehn Geißen und mehr. Hier gelangen nahezu alle Jährlinge zum Zuge, verausgaben sich mehr
oder minder und lassen viel Substanz. Sie fehlt letztlich dem noch wachsenden Körper. Die Fortpflanzungsrate leidet darunter mit Sicherheit nicht, wohl aber die Trophäenentwicklung.
Muss also ein Revierinhaber in der Brunft um seine reifen Böcke bangen? In unmittelbarer
Nachbarschaft zum „Ausputzrevier“ kann es schon den einen oder anderen erwischen. Doch
Fernreisende unter den älteren Semestern sind wohl eher die seltene Ausnahme. Der Aderlass hingegen trifft die Jährlinge, von denen nicht wenige alljährlich in der Brunft über die Klinge springen.

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