Alte Zöpfe ab: Blaser D99 im Praxistest

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Oben schmal und unten breit: Wer im Drillingsbau gegen den Strom rudert, muß sich mit Prädikaten wie „gewöhnungsbedürftig“ oder „futuristisch“ abfinden und braucht Power. Doch wenn der D99 seine Muskeln spielen läßt,werfen die Kritiker auf.
Garantiert!

 

Der D99: Das Mannequin mit der etwas zu groß geratenen Oberweite

Der erste Reviereinsatz des D99 steht an. Doch Regen und Wind sind schlechte Kumpane beim Morgenansitz, daher fällt er kurzerhand aus. Aber auf dem Weiher hinter den „Höfen“ könnten doch Enten liegen. Die Hoffnung trügt nicht. Mehr als ein Dutzend herbstfeister Erpel und eine Handvoll Enten tummeln sich im Windschutz der Erlen. Eine gute Chance, sich unbemerkt anzuschleichen.

D99 als Flintenersatz

Zweifacher Hebelschwenk und runter ist das Diavari 3-12×56.
Schnell abgekippt, den seitlichen Umschaltstift nach unten gedrückt, zwei der gelben Federal-Super-Magnums im Kaliber 20 in die Patronenlager, vier als Reserve in die Taschen gesteckt und geduckt ran.

Noch bevor es ernst zu werden scheint, drücke ich den Spannschieber nach vorn und ehe ich mich für die günstigste Lücke entschieden habe, passiert es: Die Enten kriegen was mit und poltern paakend, aber für mich zunächst nicht sichtbar ab. Doch rechts vom Busch taucht eine auf.

Wie von meiner MX 8 her gewohnt, fährt der Drilling hoch, in der Bewegung bricht der Schuss, und der Erpel kippt nach unten. Bei der nachfolgenden Ente dagegen fehlt der Schwung, und ich schieße ins Leere.

Schnell abgekippt, in der Hoffnung auf einen Nachzügler hastig nachgestopft und erneut gespannt. Doch vergebens.

Ein kleiner Druck mit dem Daumen auf das Heck des Spannschiebers, und mit gedämpftem „Knack“ gleitet er zurück in seine Sicherheitsstellung. Ich hebe den Erpel auf, den ersten in diesem Jahr, und begebe mich zum Wagen.

Es regnet wesentlich stärker als es mir in meiner Anspannung bewusst war, und ich wittere Unheil.
Nach aller Erfahrung mit neuen Ölschäften müssten nämlich nach dem Abwischen der Wassertropfen hässliche Flecken auf der Oberfläche des ordentlich gemaserten Luxusholzes bleiben.

Um das Laufbündel dagegen mache ich mir keine Gedanken. Die Läufe sind schließlich so rundum rostgeschützt (Blaser-Q-Verfahren = Oberflächenhärtung durch eindiffundierten Stickstoff) wie die der anderen Blaserwaffen.

Am Auto angelangt, entlade ich zunächst. Erst jetzt registriere ich bewusst, dass sich die beiden Schrotpatronen mit einer Bewegung von Zeige- und Mittelfinger herausschleudern lassen, wenn wirklich Eile not tut, weil das Laufbündel weit abkippt und keine Fortsätze bzw. Lappen den Zugriff erschweren.

Und noch etwas muss ich konstatieren: Ich hatte vergessen, die Kimme körperwärts zu kippen und damit das weiter ausgekehlte Blatt für den Schrotschuss in Anspruch zu nehmen.

Der Schaft

Das wiederum beweist, dass mir der abfallende Schweinsrückenschaft mit Bayerischer Backe liegt.

Von der Länge her dürfte er es eigentlich nicht, denn der Abstand vom vorderen Abzug zur Kappe misst im Mittel 37,5 Zentimeter und damit einen Zentimeter mehr als die Maßschäfte meiner Flinten. Offensichtlich wiegen das die Senkung von 3,7 Millimeter (an der Schaftnase) und 6,9 Millimeter an der Schaftkappe sowie eine Schränkung von 0,3 Millimeter (oben) und 0,5 Millimeter (unten) wieder auf.

Nun sehe ich weiß Gott keinen Drilling als vollwertigen Flintenersatz an und schon gar nicht einen mit 20er Schrotläufen. Dennoch tut die Gewissheit gut, dass der bewegte Schuss (Drückjagd) dem Schützen keine Anschlagkorrekturen oder gar Verrenkungen abverlangt. Vor diesem Hintergrund zerbreche ich mir auch nicht den Kopf über Lauflängen und optimale Chokebohrungen.

Beim D99 sind die Rohre 57,5 Zentimeter lang und um 0,7 Millimeter verengt. Die kürzeren Läufe wiederum tragen entscheidend zur ausgewogenen Balance des Drillings bei, und das zählt mehr als das der Waffe angemessene Gewicht von 3,3 Kilogramm.

Der Halbbiberschwanzvorderschaft mit seiner Schottischen Fischhaut mag zwar die Kombinierte etwas wuchtiger erscheinen lassen, aber er liegt satt in der Hand und verhindert, dass man sich ab dem vierten, in unmittelbarer Folge abgegebenen Schrotschuss die Fingerkuppen „aufheizt“. Wer diesbezüglich weniger empfindlich ist oder von Haus aus mit Lederhandschuhen operiert, spart mit dem schmalen Serienvorderschaft 450 DM:

Leider hat es sich auch in Isny herumgesprochen, dass Optionen bares Geld bringen und das derjenige, dem der Mund mit der Salami wässrig gemacht wurde, vom Naschen schwer wegkommt.

Mit einem Lappen wische ich den Schaft trocken und bin vom makellosen Finish mehr als angetan. Ob die neue Politur das Holz wirklich wetterfest macht, möchte ich zwar nicht unterschreiben, wohl aber, dass sie gegenüber der traditionellen, ölmatten Oberfläche Pluspunkte sammelt.

Zu Hause angekommen, schlinge ich den Gewehrriemen um die Bügel. Während der hintere mit einer Holzschraube in den Hinterschaft eingedreht ist, sitzt der vordere an einem Verbindungsstück. Jenes ist mit dem linken Schrotlauf verlötet und dient auch der zusätzlichen Vorderschaftbefestigung. Dass der vordere Riemenbügel am rechten Fleck plaziert ist, zeigt sich spätestens beim längeren Tragen des Drillings.

Mit zwei Handgriffen thront der Sattel der Montage spannungsfrei und unverrückbar wieder in seinen Aussparungen Oberkante Hakenstück, und der Drilling ist für den Ansitz gerüstet. Stünde dagegen eine Bewegungsjagd auf dem Programm, müsste ich mir den Kopf nicht darüber zerbrechen, ob ich „oben mit oder ohne“ besser gewappnet wäre. Ein Drückjagdzielfernrohr käme drauf und nichts anderes. Jederzeit könnte ich beispielsweise das vom R93 mit seiner Export-Sattelmontage verwenden. Bei ihr fixieren zwei Inbusschrauben anstelle der Hebel den Sattel auf dem Lauf, und sie sorgen dafür, dass Toleranzen bei der Montageaufnahme der einzelnen Läufe ausgeglichen werden.

Natürlich müsste das Glas, wie alle anderen mit Sattelmontage auch, auf die jeweilige Waffe eingeschossen werden. Aber das scheint mir ein tragbarer Obolus dafür zu sein, dass nicht zwangsläufig jeder Lauf sein eigenes Zielfernrohr braucht oder mit mehreren Montagebasen bestückt sein muss.

Als Ansitzwaffe

Der Abend sieht mich beizeiten auf einer günstig plazierten Leiter. In ihrer Nähe weiß ich eine Geiß mit ihrem schwachen weiblichen Kitz, und bei den derzeit herrschenden Äsungs- und Windverhältnissen müssten an sich beide zu kriegen sein.

Tags zuvor hatte ich den Drilling auf 150 Meter zur Kontrolle geschossen und einen akzeptablen Hochschuss der .30R Blaser diagnostiziert.

Zwei Pärchen Brenneke (20/76) wiederum saßen auf 40 Meter erfreulich beisammen und nahezu am Haltepunkt. Ich erwähne das deshalb, weil es zum einen alles andere als selbstverständlich ist, dass erstens die Einschläge der Flintenlaufgeschosse aus zwei Läufen beieinander liegen und zweitens ihre Treffpunktlage übers Zielfernrohr mit der des Kugellaufes übereinstimmt.
Überdies erlebte ich es schon öfter, dass im Schießtunnel eingeschossene Waffen vor Ort durch mitunter merklich abweichende Treffpunktlagen überraschen.

Die Rehe treten noch bei gutem Büchsenlicht aus. Während sie näher ziehen, schlage ich den Drilling an und drücke den Spannschieber nach vorne. Das gedämpfte „Knack“ beim Einrasten vernehmen ihre Lauscher zum Glück nicht.

Als das Kitz breit steht, sucht das Absehen den Haltepunkt hinter dem Blatt, und der Zeigefinger legt sich an den Abzug. Ich erhöhe den Druck, setze ab, weil das Kitz einen Schritt nach vorn äst und starte einen erneuten Anlauf.

Bei den von mir üblicherweise verwendeten Fein- oder Stecherabzügen geschieht das Abziehen im Unterbewusstsein, doch davon kann jetzt keine Rede sein. Im Gegenteil: Ich muss mich sehr zusammennehmen, um sauber abzuziehen und darf gleichzeitig auch den Haltepunkt nicht vernachlässigen.

„Wumms“, draußen ist der Schuss. Das Kitz schlegelt im Feuer, die Geiß dagegen verhofft nach zwei nervösen Fluchten.
Schnell nachladen.

Geräuschvoller Spannschieber

Mit der gewohnten Vorsicht drücke ich den Verschlusshebel nach rechts und – pätsch – saust der Spannschieber in seine Sicherheitsstellung zurück. Das war von mir nicht gewollt, aber vom Hersteller so vorgesehen:

Während nämlich die Einschlosswaffen des Hauses Blaser über eine Automatik verfügen, die bei Erschütterung durch Schuss, Fall oder Stoß sowie beim Betätigen des Verschlußhebels die Spannschieberarretierung ausklinkt und die Schlagfeder entspannt, geschieht das beim Zweischlosssystem entweder leise durch manuelles Zurückführen des Schiebers auf der Scheibe oder – wie gehabt – geräuschvoll beim Öffnen der Waffe.

Es ist jetzt müßig, darüber zu streiten, ob der Entspannmechanismus per Oberhebel beim Drilling Sinn ergibt, ob das Plus an Sicherheit das Minus beim Handling aufwiegt.

Das gedämpftere „Klack“ beim Verriegeln der Waffe macht schließlich das Maß voll. Die dreifach alarmierte Geiß springt ab, noch bevor ich den Spannschieber wieder nach vorn drücken kann.

Nichts wurde aus der angestrebten Dublette! Mit einem zweiten Kugellauf, egal ob fest installiert oder eingesteckt, wäre natürlich die Sache ganz anders ausgegangen. Ich hätte dublettiert und die Schlosse wären so oder so entspannt gewesen. Aber auch eine Brenneke im linken Schrotlauf hätte mir bei maßvoller Schussdistanz noch eine echte Chance belassen, doch so etwas fällt einem meist erst hinterher ein.

Ungewohnte Abzugsgewichte

Ein Weiteres wurde mir bewusst: Anders als beim Schießen auf die Scheibe spürte ich den Rückstoß der .30R Blaser nicht, dagegen schien mir der Abzugswiderstand erheblich höher als beim Anschießen am Vortag zu sein.

Apropos: Die mit der Federwaage gemessenen 950 Gramm Widerstand des vorderen Züngels sind für einen Direktabzug an sich ein traumhafter Wert, für die Bewegungsjagd optimal und wird weder von UAS noch von einem Seitenschloss erreicht. Doch wer ansonsten mit Abdrücken um die 200 Gramm operiert, den beschleicht beim Punktschuss im ersten Moment das Gefühl, er müsse mit dem Zeigefinger eine Mauer durchbrechen.

Natürlich kann man sich daran gewöhnen, sofern die Abzugssysteme nicht ständig gewechselt werden und noch eher, sobald man gelernt hat, das Züngel so weit mit dem Finger zu umschließen, dass der Druck von der ersten Furche kommt. Aber weniger (Widerstand) bringt meines Erachtens mehr: 600 Gramm für den vorderen Abzug sollten an sich schon möglich sein.

Dass die Waage den Tastsinn straft, zeigt sich beim hinteren Züngel: Bei gleichem Messwert scheint nämlich dessen Abzugswiderstand erheblich geringer zu sein. Das wiederum lässt sich mit einem günstigerem Hebel erklären.

Bei dem vereinbarten Werksbesuch wurden natürlich die Geräuschquellen beim Spannen und Schließen der Vorserienwaffe angesprochen und beseitigt.

Durch behutsames Vordrücken des Spannschiebers und dosiertes Lockern des Druckes auf das Heck beim Einrasten lässt sich jetzt das Schlosswerk lautlos spannen. Das Schließgeräusch dagegen wurde durch Nachstellen des Scharnierstiftes behoben. Auch beim Abzugswiderstand konnte nachgebessert werden: 250 Gramm weniger für den vorderen Abzug stehen diesem gut zu Gesicht.

Dass die hier angesprochenen Mängel erkannt und behoben wurden, bewiesen von mir vorgenommene Stichproben bei den ersten Serienwaffen.

Ein anderes Problem dagegen trat bei meinem „Versuchskaninchen“ nicht zutage, wohl aber bei einem an Mitbewerber ausgelieferten Modell: Hier rutschte immer wieder der vertikale Umschaltstift durch, so dass es am Schießstand nicht möglich war, das Kugelschloss abzuschlagen. Nicht auszudenken, wenn das beim Ansitz auf Schalenwild passiert wäre und sich eine Schrotpatrone im rechten Lager befunden hätte.

Auch da lautet auf entsprechende Anfrage die Antwort aus Isny: Kleine Ursache – große Wirkung und – Stein des Anstoßes erkannt sowie beseitigt. Ungeachtet dessen hätte ich mir die Auflagen des Stiftes aus Gründen des Bedienungskomforts etwas flächiger gewünscht; denn anders als beim Bockdrilling vollzieht sich das Umschalten von Kugel auf Schrot aus verständlichen Gründen ausschließlich von Hand und demnach nicht mit Hilfe des Verschlusshebels.

Hervorragende Schussleistung

Am Werksschießstand hatte ich Muße, mich mit den Vorzügen des D99 vertraut zu machen: Nicht allein, dass ich den Lauf mit zehn schnellen Schüssen gehörig aufheizte und die Einschläge der 10,7 g CDP-Geschosse dicht an dicht (34 mm) im Spiegel der Anschussscheibe wiederfand.

Mehr noch: Ich wurde Zeuge, dass man jeden Einzellauf des D99 warmschiessen kann und doch keine Treffpunktverlagerung in Kauf nehmen muss, wenn danach ein anderer Lauf abgefeuert wird. Dass sich aber das gesamte Laufbündel und nicht etwa nur der Kugellauf thermostabil bei Folgeschüssen verhält, sucht wiederum im Jagdwaffenbau seinesgleichen. Zudem offenbarte der Aufenthalt beim Einschießer, dass alle angeschossenen Drillinge sowohl mit Kugel als auch mit Flintenlaufgeschoss Herausragendes leisteten.

Das Geheimnis klingt plausibel: Die drei Läufe sind in ein 84 mm langes Brillen- bzw. Hakenstück eingelötet und ausreichend stabilisiert. Ansonsten können sie sich nach Länge und Seite frei ausdehnen. Lediglich im Mündungsbereich hält ein an den linken Schrotlauf gelötetes Element das Trio auf Distanz. Sechs verschiedene Größen wiederum sorgen dafür, dass jedem Bündel das auf seine Eigenheiten abgestimmte Halfter angelegt wird.

Bewährter Blockverschluss

Über den Blockverschluss große Worte zu verlieren, hieße Eulen nach Athen zu tragen. Schließlich gilt er als der stabilste aller Kipplaufverriegelungen, widersteht sowohl Abzieh- als auch Scherkräften in optimaler Weise und ist somit für mehrläufige Kugelwaffen jedweden Kalibers prädestiniert. Dass die Entnahme des Blockes manchmal zur Fummelei ausartet, dass seine Rückseite einen zusätzlichen Schmutzfang bietet und dass sein Widerlager im Hakenstück die Kugelpatrone so abschirmt, dass die Finger beim Entladen nur wenig Ansatz finden, ist der Preis dafür.

Des weiteren gilt es tunlichst zu verhindern, dass sich Werg oder Abrieb von Putzstockmänteln unter dem Auszieher ansammeln, sonst könnte es sein, dass irgendwann der Verschluss streikt bzw. bei gewaltsamen Schließversuchen der Auszieher in Mitleidenschaft gezogen wird.

Schrotkaliber 20 suggeriert besonders schlanke Bauweise, doch dieser steht das Prinzip der drei thermostabilen Läufe im Weg. Daher gerät der D99 bei allem Bemühen um eine ansprechende Figur zum Mannequin mit etwas zu groß geratener Oberweite: elegante Schaftform, schnittige Silhouette, gefällige, handgestochene Gravur ab der Luxusausführung, schmale Basküle und darüber ein üppiges Laufbündel mit doppeltem Dekolleté; denn links und rechts vom Kugellauf eröffnen sich Einblicke, und wer von unten reinschauen will, der braucht nur den Gummireifen abzuziehen.

Dass Blaser alte Zöpfe abgeschnitten…

…und mit dem D99 den Drilling neu definiert hat, steht für mich ebenso fest, wie die Tatsache, dass seine Konstruktion bei einem Basispreis von 5980 DM Appetit weckt. Desgleichen schreit sie förmlich nach Varianten des Dreirohres: Doppelbüchsdrilling, Bockdrilling, Kugeldrilling und sogar Schrotdrilling, thermostabil, in großer Kalibervielfalt und als Wechselläufe ohne Nacharbeit einzuhängen. Für das neue Jahrtausend gibt es viel zu tun und ehrlich gestanden: Ich habe schon ganz konkrete Vorstellungen, wie „meine“ Millenniumswaffe bestückt sein sollte.

Die beiden Schrotpatronenlager sind gut zugänglich. Beim Kugellauf aber ist der Fortsatz des Hakenstückes im Weg